| Steg / Vor 26 Jahren absolvierte sie die
Hebammenschule und arbeitete an den Spitälern in Visp und Brig. Heute
ist die gebürtige Lötschentalerin, die in Basel aufgewachsen ist,
als freischaffende Hebamme tätig. Ines Lehner aus Steg erzählt
über ihre Erfahrungen, über das besondere Erlebnis einer Hausgeburt
und nimmt Stellung zur Fristenlösung.
Von Walter Bellwald und Ruth Seeholzer
Sie kommen gerade von einem Hausbesuch und können
jeden Moment zu einer Geburt gerufen werden. Sind Sie nervös?
Nach 13 Jahren als freischaffende Hebamme ist man
nicht mehr nervös vor einer Geburt. Mit der heutigen kommunikativen
Mobilität kann ich mich auch frei bewegen und meinen alltäglichen
Arbeiten nachgehen. Ich bin sozusagen auf Abruf bereit. Auch in der Nacht
schlafe ich sehr gut (lacht).
Was für Vorbereitungen haben Sie getroffen?
Wir betreuen die Frauen während der Schwangerschaft
und machen die Schwangerschaftskontrollen selber. Dann wird abgeklärt,
wer die Frau im Wochenbett betreut, wer kocht und den Haushalt macht.
Hilft der Ehemann oder eine andere Vertrauensperson oder muss jemand vom
sozialmedizinischen Zentrum engagiert werden. Ansonsten braucht eine Hausgeburt
keine besondere Planung. Die nötigen Utensilien für die Geburt
bringe ich mit.
Wie gehen Sie mit den Ängsten und Sorgen
einer werdenden Mutter um?
Wir reden lange miteinander über den Ablauf
der Geburt. Dabei kann ich der werdenden Mutter jede Einzelheit genau
erklären und ihr die nötige Sicherheit, viel Kraft und Optimismus
mitgeben. Es ist wichtig, nicht nur das körperliche Wohlbefinden
im Auge zu behalten, sondern auch das seelische Gleichgewicht herzustellen.
Reagieren die Frauen unterschiedlich auf eine
bevorstehende Geburt?
Es gibt Frauen, die sind in sich gekehrt und geben
sich zugeknöpft. Dann ist es wichtig, über das Gespräch
die Anliegen der werdenden Mutter herauszufinden. Andere wiederum reden
offen und freizügig über ihre Sorgen und Ängste.
Wann und wie werden Sie für eine Hausgeburt
kontaktiert?
Vielfach weiss eine Frau schon vor oder in den ersten
Schwangerschaftswochen, ob Sie eine Hausgeburt will oder nicht. Nach dem
üblichen ersten Arztbesuch begleite ich die Schwangere ab der 14.
bis 15. Schwangerschaftswoche bis hin zur Geburt. Die Frau besucht auch
den Geburtsvorbereitungskurs bei mir. Dadurch lernt man sich besser kennen
und kann sich optimal auf eine Hausgeburt einstellen.
Wird die werdende Mutter während der Schwangerschaft
auch ärztlich betreut?
Wenn die Schwangerschaft normal verläuft, liegt
es in der Kompetenz der Hebamme, die Frau zu betreuen. Normalerweise wird
die erste Kontrolle beim Arzt durchgeführt. Während der Schwangerschaft
kann auch noch ein weiterer Ultraschall beim zuständigen Gynäkologen
organisiert werden. Ansonsten ist die Hebamme zuständig.
Wie ist es während der Geburt? Können
Sie auf ärztliche Unterstützung zählen?
Wenn die Geburt normal verläuft, braucht es
keinen Arzt. Wenn aber Probleme eintreten, dann überweise ich die
Frau in ein Spital. Dabei ist natürlich die Zusammenarbeit zwischen
Spital- und Pflegepersonal und der Hebamme sehr wichtig.
Sie arbeiten seit 13 Jahren als freischaffende
Hebamme im Oberwallis. Wie erleben Sie die Geburt eines Menschen?
Für mich ist das jedes Mal ein eindrückliches
und ergreifendes Erlebnis. Ich freue mich immer wieder riesig, wenn die
Geburt glücklich verlaufen ist. Es kommt auch schon mal vor, dass
ich gemeinsam mit den Eltern vor Glück und Freude weine. Eine Geburt
ist nach wie vor etwas Einmaliges. Wenn ich merke, dass mir eine Geburt
keinen Eindruck mehr macht, dann muss ich mit meinem Beruf aufhören.
Sie sind selber Mutter von drei Kindern?
Ja, die erste Geburt war der Horror, die anderen
zwei Geburten waren schön. Ich habe meine Kinder alle im Spital zur
Welt gebracht. Wenn ich heute sehe, was den Frauen bei der Geburt geboten
wird, werde ich fast neidisch. Das möchte ich eigentlich noch mal
selber erleben (lacht). Meine Geburten haben mir in meinem Beruf weitergeholfen.
Ich bin danach ganz anders auf die Frauen zugegangen und habe seither
viel mehr Geduld und Verständnis.
Mit welchen Gefühlen gehen Sie an Ihre Arbeit?
Ich gehe mit Respekt an meine Arbeit, aber nicht
mit Angst. Das ist ein Unterschied. Ich bin natürlich froh, wenn
alles gut geht. Aber auch für Notfälle sind wir bestens gerüstet.
Wir haben Medikamente, Infusionen und Sauerstoff mit dabei. Dadurch kann
man auch den Eltern eine gewisse Sicherheit bieten. Eine Nationalfonds-Studie
aus dem Jahre 1994 belegt überdies, dass eine Hausgeburt nicht gefährlicher
ist als eine Spitalgeburt.
Im Volksmund besteht aber die Meinung, dass eine
Hausgeburt mit grösseren Risiken verbunden ist?
Überhaupt nicht. Wir achten auch auf verschiedene
Kriterien, damit eine Frau daheim gebären kann. Die werdende Mutter
muss gesund sein und während der Schwangerschaft dürfen keinerlei
Komplikationen auftreten. Weiter muss es eine Termingeburt sein, d.h.
vollendete 37 Schwangerschaftswochen und das Kind muss in Kopflage sein.
Mit diesen Vorgaben wird ein Restrisiko möglichst klein gehalten.
Sie plädieren klar für eine Hausgeburt.
Was ist denn der wesentliche Unterschied zwischen einer Haus- und einer
Spitalgeburt?
Das ist ein sehr grosser Unterschied. Im Spital ist
eine gewisse Routine, da wird schematisch immer wieder das gleiche gemacht,
von der Untersuchung bis hin zum Abhören der Herztöne usw. Im
Spital wird auch vielmehr Druck auf die Frau ausgeübt, d.h. sie kann
nicht immer frei entscheiden. Kommt hinzu, dass bei der Geburt sehr viele
Personen wie Ärzte, Hebammen und andere HelferInnnen anwesend sind.
Daheim arbeiten wir individuell. Man begrüsst sich herzlich, dann
gehe ich mit der werdenden Mutter noch einmal alle Details der Geburt
durch. Auch die Privatsphäre ist garantiert. Neben der werdenden
Mutter sind nur ihr Mann und die Hebamme anwesend. Das ist ein schönes
Team, das ich sehr schätze. Dabei kommt überhaupt keine Hektik
auf.
Trotzdem entscheiden sich nur wenige Frauen für
eine Hausgeburt?
Es beruhigt viele Frauen, wenn sie wissen, wenn bei
der Geburt ein Arzt in der Nähe ist. Aber es ist vielfach einfach
unnötig, weil die Risiken einer Geburt meistens absehbar sind.
Was halten Sie davon, dass heute die Väter
bei der Geburt dabei sind und Hand anlegen?
Ich finde das ganz toll. Wir Hebammen sind heute
bei einer Geburt zurückhaltender. Wir beobachten und geben Ratschläge,
aber wir intervenieren nicht andauernd. Wir lassen die Eltern selber machen.
Die machen das ganz wunderbar. Ich staune immer wieder, mit was für
Tipps und Ratschlägen die Männer aufwarten und ihrer Frau helfen.
Wie vielen Kindern haben Sie bis heute auf die
Welt geholfen?
Ich habe mittlerweile aufgehört zu zählen.
Während meiner Arbeit im Spital waren es an die 300 Kinder. Jetzt
als freischaffende Hebamme sind es natürlich viel weniger, weil es
sehr wenig Hausgeburten gibt.
Warum haben Sie ausgerechnet den Beruf als Hebamme
gewählt?
Ich bin in Basel aufgewachsen und wollte immer einen
Beruf mit Säuglingen oder Kleinkindern erlernen. Meine damalige Schulbildung
reichte aber nicht aus, um den Beruf als Säuglingsschwester zu erlernen.
Dann habe ich mich auf ein Inserat einer Hebammenschule gemeldet und wurde
zur Aufnahmeprüfung zugelassen. Obwohl ich im Vorfeld eher skeptisch
war, habe ich die Prüfung bestanden und habe dann meinen Traumberuf
gelernt.
Was fasziniert Sie an Ihrer Arbeit?
Man kann bei der Geburt helfen und später die
Freude über das Neugeborene mit anderen teilen. Das ist das Schönste
an meiner Arbeit.
Haben Sie auch schon bange Augenblicke miterlebt?
Sicher. Wenn sich die Geburt hinauszögert und
die Herztöne des Kindes immer schwächer werden, bin ich auch
schon ins Schwitzen geraten. Meistens kommt es aber trotzdem zu einem
guten Ende. Wenn aber eine Frau ihr Baby vor oder während der Geburt
verliert, sind das natürlich traurige Momente.
Wie helfen Sie den Betroffenen?
Solche Frauen brauchen natürlich viel Zuspruch.
Dabei ist es wichtig, sie über eine längere Zeit psychologisch
zu betreuen und ihnen über den Verlust ihres Kindes hinwegzuhelfen.
Wie gehen Sie selbst mit solchen Schicksalsschlägen
um?
Es braucht einige Zeit, bis man solche Sachen verarbeitet
hat. Die Gedanken bleiben auch länger bei dem betroffenen Ehepaar.
Schliesslich hilft ein Gedankenaustausch mit anderen freischaffenden Hebammen.
Da haben wir Hebammen eine guten Halt untereinander.
Wir stehen mitten im Abstimmungskampf um die Fristenlösung.
Befürworten Sie eine straffreie Abtreibung?
Ich befürworte die Fristenlösung. Eine
Frau soll selber entscheiden, was sie mit ihrem Leben macht. Daneben müssen
aber noch zusätzliche Strukturen geschaffen werden. So muss die Aufklärung
schon auf Primarschulstufe beginnen und die Jugendlichen müssen eine
leichtere Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln haben. Weiter
muss ein breites Angebot von professionellen Beratungsstellen den betroffenen
Frauen/Paaren zur Verfügung stehen, die sie freiwillig in Anspruch
nehmen können. Auch familienexterne Betreuung für Kinder von
alleinerziehenden Frauen und Müttern, oder wenn beide Elternteile
erwerbstätig sind, müssen geschaffen werden. Elternurlaub und
Mutterschaftsversicherung sind weitere Themen.
Haben Sie keine ethischen Bedenken?
Natürlich entspricht es der Volksmeinung, dass
eine Hebamme sich gegen die Fristenlösung und damit für das
Leben entscheiden sollte. Aber wenn ich die heutige Problematik sehe,
die in vielen Familien auftaucht, wenn sich unvorhergesehen ein Kind anmeldet,
dann ist die Fristenlösung eine gute und glaubwürdige Lösung.
Auch das Adoptionsgesetz ist ein alter Hut, das unbedingt modernisiert
werden muss. Das würde viele verzweifelte Frauen dazu bewegen, ihr
Kind zur Adoption freizugeben und ihnen einen guten Platz zukommen zu
lassen.
Am kommenden Sonntag ist Muttertag. Sie haben
einen Wunsch frei...?
Ich würde gerne an einem Muttertag eine Hausgeburt
machen. Das wäre mein grösster Wunsch. Für mich selber
hat der Tag nicht eine grosse Bedeutung. Meine Familie umsorgt mich auch
während dem ganzen Jahr rührend.
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