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Frontal-Interview:
„Das Wallis kann sich nicht halbieren“


Ceasar Jaeger
 
Brig / Naters / Er ist am Natischer Berg aufgewachsen, wohnt in Brig, hat die Entwicklung der FDPO wesentlich mitgeprägt und wurde anfangs Woche zum Grossratspräsidenten gewählt. Im grossen RZ-Interview spricht Caesar Jaeger über Fussball, Politik, die Einheit des Wallis und die Mentalität der Oberwalliser.

Von G. Escher / W. Bellwald

Sie haben sich bei einem Benefiz-Fussballspiel verletzt. Wie geht es Ihnen?

Sehr gut. Ich bin noch am selben Abend operiert worden. Momentan habe ich einen Geh-Gips. „Ich humplu da so umenand“. Aber ein Achillessehnenriss ist eine langwierige Sache.

Sind Sie selber Fussballfan?

Selbstverständlich.

Für wen schlägt Ihr Fussballherz?

Eigentlich immer für Aussenseiter-Mannschaften. Ich habe in allen Ländern Europas eine Mannschaft, die zwar nicht zu den ganz Grossen gehört, aber meine Sympathie hat. Natürlich ist die eine oder andere Mannschaft mittlerweile auch aufgestiegen. In Italien beispielsweise hat mich die sardinische Inselmannschaft Cagliari begeistert; in England ist es Stoke City oder in Deutschland München 1860. Das sind alles Mannschaften, die Minderheiten sind, nicht das grosse Geld besitzen und doch ab und zu etwas erreichen.

A propos Minderheiten: Der SP Staatsrat Thomas Burgener geht auch regelmässig an die Fussballspiele ins San Siro. Waren Sie schon gemeinsam in Mailand?

Gemeinsam noch nicht.

Wo wird mit härteren Bandagen gekämpft – im Fussball oder in der Politik?

Im Fussball beschränkt sich das eher auf die körperliche Ebene. Aber es gibt schon Parallelen. Im Fussball wie in der Politik ist die Taktik wichtig, gibt es Fouls und ab und zu auch eine gelbe oder rote Karte (lacht). Aber im Ernst: Fussball hat mich zu meiner Jugendzeit schon begeistert. Weil meine Eltern ein Geschäft hatten, konnte ich nicht in einer Klubmannschaft mitmachen. Später habe ich im Kollegium- dann in einem Uniteam mitgespielt. Meine fussballerische Karriere begann eigentlich erst bei den Senioren des FC Naters.

Die Wahl zum Landeshauptmann ist wie für einen Spieler des FC Sitten der Cupsieg?

Das ist ein guter Vergleich. Für einen Politiker ist die Wahl zum Landeshauptmann das höchste, was man auf kantonaler Ebene erreichen kann. Entweder ist es der Beginn einer weiteren politischen Karriere – wie verschiedene amtierende Staatsräte zeigen – oder der Abschluss einer solchen Laufbahn. In meinem Fall will ich mich noch nicht festlegen, zu welcher Kategorie ich zu zählen bin... (schmunzelt)

Ähnlich wie der FC Sitten lange auf einen Erfolg warten musste, haben auch Sie in den 90er Jahre zweimal vergeblich für die Wahl ins Grossratspräsidium kandidiert. Ist die Wahl eine späte Genugtuung?

Eigentlich sind es nicht drei Anläufe: Das erste Mal 1995 wars keine eigentliche Kandidatur, ich wurde aber als Nichtkandidat um ein Haar gewählt. Und das zweite Mal gings ums Prinzip, als sich die beiden Salgescher Bewerber nicht einig waren. Und um nochmals zurück zu kommen zum FC Sitten: So wie der FC Sitten sich nicht alles finanziell erlauben kann, bewegt sich auch die FDPO im Rahmen ihrer Möglichkeiten im politischen Classement. Für die FDPO ist es sicher eine grosse Genugtuung und Chance, diesen Posten zu besetzen. Aber nach der Gesetzmässigkeit der grossen Zahl wird sich das wohl frühestens im Jahr 2028, 2030, 2032 für die FDPO wieder ergeben. Man muss auch zur passenden Zeit am richtigen Ort stehen und dem bevorzugten Lager angehören.

Die FDPO spielt also nicht in der Champions League?

(lacht) Um mit dem Vergleich zu bleiben. Die FDPO spielt nicht in der Champions League. Wir haben aber doch Aufstiege geschafft und bewiesen, dass die FDPO keine Lift-Mannschaft ist. Wir konnten unsern Stand wahren. Wie im Sport gibt es Mannschaften, die mehr Geld zur Verfügung und bekanntere Akteure in ihren Reihen haben. Eine Minderheit hat personell und finanziell einfach ein bescheideneres Reservoir.

Was bedeutet Ihnen persönlich die Wahl zum Grossratspräsidenten?

Es ist die Anerkennung und der Dank für meine politische Arbeit im Parlament, wo ich ein verlässlicher Partner war und versucht habe, das Beste im Interesse des Kantons herauszuholen und dabei auch mal über den eigenen Schatten springen musste. Und letztlich war ich immer auch bemüht, das Ober- und Unterwallis zusammenzuhalten.

Und für Ihre Partei?

Es ist eine Ehre für die FDPO, der schon bei der Gründung 1979 fast der Tod vorausgesagt wurde. Jetzt, 23 Jahre später, gibt die Wahl eines FDPO-Vertreters zum Landeshauptmann der Partei sicher Auftrieb. Die Tatsache, dass die Radikale Partei als unser Partner im Unterwallis einen solchen Posten von einem Oberwalliser besetzen lässt, ist auch Ausdruck des Dankes für die Arbeit, welche die FDPO für den ganzen Kanton und die gesamte Partei geleistet hat.

Sie haben das Verhältnis Oberwallis-Unterwallis angesprochen. Ist das ein Hauptanliegen Ihrer Präsidentschaft?

Man muss in diesem Kanton zusammenarbeiten. Wir sind geografisch eine Einheit. Das Wallis kann sich nicht halbieren. Das Ober- und das Unterwallis profitieren voneinander - die Welschen von uns über die Subventionierung der Landwirtschaft. Wir profitieren vom Unterwallis im Finanzausgleich. Die Welschen haben andere Strukturen und Mentalitäten. Aber gerade diese Unterschiede bereichern das Wallis.

Mit der NEAT wird sich das Oberwallis noch stärker auf die Deutschschweiz ausrichten. Droht dann der Kanton zu zerbrechen?

Nein, das glaube ich nicht. Ich habe verschieden Berichte zur NEAT gelesen, aber ich teile nicht alle Einschätzungen. Für mich ist die NEAT der Alptransit für den Güterverkehr, mit dem Ziel, die Schwertransporte auf die Schiene zu bringen. Der Tourismus wird leider nicht in dem Ausmass profitieren, wie man sich das gemeinhin vorstellt. Wenn man eine Stunde schneller von Hamburg nach Zermatt reist, ist das nicht ausschlaggebend. Ich kann mir vorstellen, dass jemand, der für die Ferien ins Wallis kommt, sich die Zeit nimmt, lieber über die BLS-Südrampe anreist und die Landschaft geniesst. Wichtig ist, dass uns die NEAT nebst dem Lärm und dem Streit um den Bahnhof Brig oder Visp auch wirtschaftlich etwas bringt. Aber die NEAT wird unser tägliches Leben nicht massgeblich beeinflussen. Die Tatsache, dass wir schneller in Bern sind, wird auch unser Verhältnis zum Unterwallis nicht verändern. Mag sein, dass ich mit dieser Einschätzung allein dastehe.

Aber es gibt immer wieder Spannungen zwischen Ober- und Unterwallis.

Ich bedauere, dass wir im Wallis zwar in nationalen Fragen gemeinsam auftreten, aber uns in innerkantonalen Anliegen bekämpfen. Das ist auf lokaler Ebene genau dasselbe. Da können sich zwei Dörfer bekämpfen, aber sobald man den Bezirk nach aussen vertreten muss, steht man zusammen. Auch hier der Vergleich zum Fussball: Es beelendet mich, wie im FIFA-Streit ein Ober- und ein Unterwalliser einander an den Karren fahren.

Ist diese Kampfeslust wie bei den Eringerkühen in unserem Blut?

Davon bin ich überzeugt. Das ist unser Temperament. Der Oberwalliser hat auch südländisches Blut. Und es gibt Mentalitätsunterschiede von Tal zu Tal. Ein Zermatter und ein Saaser ist nicht derselbe, ein Törbjier ist anders als ein Turtmänner. Und ein Natischer lässt sich auch nicht mit einem Briger vergleichen. In einem Ort herrscht der Dorfcharakter vor, am andern dominiert das städtische Denken. All das prägt den Menschen. Und das macht das Oberwallis auch interessant und spannend. Der Charakter des Berglers, der gelernt hat, mit der Natur zu kämpfen, der kommt in dieser Mentalität der Oberwalliser wieder zum Ausdruck.

Der Oberwalliser gibt sich zwar stolz, aber fehlt uns nicht auch das Selbstbewusstsein nach aussen?

Eher das Gegenteil trifft zu: Viele schätzen sich und ihre Qualität doch recht hoch ein. Die grösste Schwäche des Oberwallisers ist der Neid. Dadurch sind wir uns häufig zum Schaden. Aber auch der Hang nach Selbstbestimmung, ein gewisser Freiheitsdrang, gehört zum Oberwalliser Volksschlag. In der Bergbevölkerung war diese Mentalität noch viel ausgeprägter. Ich bin am Natischer Berg aufgewachsen. Damals hat man über die Bewohner im Grund gelacht. Wo heute das eigentliche Gross-Naters steht, konnte man den Boden für einen Franken pro Quadratmeter kaufen. Am Berg hat man für den Boden, von dem man schliesslich auch gelebt hat, das Mehrfache bezahlt, aber auch selber bestimmt, in welche Richtung die Entwicklung gehen soll.

Sind Sie eher der Bergler oder Städter?

Ich war nie ein Städter.

Aber Sie leben im kleinstädtischen Gebiet im Talgrund?

Man kann die Wurzeln nicht verleugnen. Ich bin noch heute jemand, der mit dem Boden verbunden ist. Ich will auch nicht abheben und bilde mir auf das Amt des Landeshauptmannes auch nichts ein, obwohl ich stolz bin, diesen Posten zu bekleiden. Sicher werde ich versuchen, so zu bleiben, wie ich bin.

Werden Sie mit dem Amt gewisse politische Ziele verfolgen?

Dazu ist das Amt kaum geeignet. Wer das Grossratspräsidium als Sprungbrett sieht, dem bietet sich hier eine einmalige Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen. Aber die eigentliche politische Macht des Landeshauptmannes ist beschränkt. Das Parlament zu führen, ist nicht zuletzt eine administrative Arbeit, die sicher auch ein wenig Fingerspitzengefühl benötigt. Aber letztlich ist es das Amt, das zählt. In dieser Funktion möchte ich dem Bürger das Parlament näher bringen.

Jetzt sind Repräsentationspflichten angesagt. Die Würde bringt auch Bürde?

Das hängt auch davon ab, wie kontaktfreudig man ist. Als Hoteliersohn habe ich diese Eigenschaft früh mitbekommen. Repräsentationsaufgaben sind deshalb für mich keine Last, sondern es bereitet mir Freude, auf andere Menschen zuzugehen und ihre Meinungen zu erfahren oder eine Ansprache zu halten.

Da wird leidenschaftlichen Koch Caesar Jaeger kaum mehr Zeit bleiben, selbst den Kochlöffel zu schwingen?

Von einem leidenschaftlichen Koch zu sprechen, wäre wohl übertrieben. Selbstverständlich werde ich in den nächsten Monaten am Samstagnachmittag nicht mehr so häufig in der Küche stehen. Mein Privatleben wird vor allem an den Abenden und Wochenenden jetzt etwas zu kurz kommen. Aber es bereitet mir Freude, an den verschiedensten Versammlungen teilzunehmen. Das Wallis noch näher kennen zu lernen, das reizt mich – auch wenn ich heute sagen kann: Ich habe alle 159 Walliser Gemeinden schon einmal besucht.


 

 

      
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