D i e   a u f l a g e s t ä r k s t e   Z e i t u n g   d e s   O b e r w a l l i s

      
Frontal-Interview:
„Auf den Oberwalliser kann man zählen, wenn’s draufankommt“


Werner Augsburger
 
Bern / Oberwallis / In 14 Tagen werden die Olympischen Winterspiele von Salt Lake City (USA) eröffnet. Mit Werner Augsburger, dem technischen Direktor von Swiss Olympic, zieht ein Oberwalliser die Fäden im Hintergrund. Der ehemalige Nationalspieler im Volleyball und mehrfache Schweizer Meister mit Leysin gibt im grossen RZ-Interview Einblick in die immensen Vorbereitungen dieser Grossveranstaltung und bezieht Stellung zu aktuellen Olympia-Themen.

Von Klaus Regniet

Welche Aufgaben erfüllt ein Technischer Direktor bei Swiss Olympic?

Die Abteilung Sport bildet quasi den Maschinenraum. Es ist meine Aufgabe, das Schiff auf technischer Ebene weiterzubringen. Diese umfasst den gesamten Ausbildungsbereich, die Mittelverteilung an die Verbände im Bereich Spitzensport, aber auch die Vorbereitung, Betreuung und Nachanalyse von Olympia. Hinzukommen Themen aus dem Grundsatzbereich (Fairplay, Sport und Umwelt, Gesundheitsförderung usw.)

Swiss Olympic entstand aus dem Zusammenschluss des Schweizerischen Landesverbands für Sport (SLS) mit dem Schweizerischen Olympischen Komitee (SOC). Hat sich diese Fusion ausbezahlt?

Ja, denn wir sind nunmehr eine einzige Dachorganisation im privatrechtlichen Bereich für den Sport und gleichzeitig die Eingangstür für alle Verbände, quasi deren Kundenberater. Die ganzen Abklärungen von Finanzierungsgeldern, die Förderung von Sportarten mit und ohne Olympiaaspekt, gemeinsame Strategien, alles geschieht unter einem Deckmantel.

Und wo bleibt da der Breitensport, wo spürt der Hobbysportler den Augsburger?

Meine Hauptkonzentration liegt schon im Spitzensport, keine Frage. Wir helfen aber mit bei Unterstützungsprogrammen, klären Grundsatzfragen und bieten Ausbildungsprogramme an. Wir servieren viel Wissenswertes wie etwa die Kurse über Ernährung im Sport, Medienschulungen oder die Ausbildung zum Sportmanager. Daneben laufen unsere nationalen Kampagnen zur Gesundheitsförderung „Allez Hop“ oder zur Suchtprävention „LaOla“; vor kurzem haben wir eine CD ROM zur Vereinsführung publiziert, die vor allem den ehrenamtlich Tätigen in den 27000 Sportvereinen zugute kommen soll.

Mit Sepp Blatter und Michel Zen-Ruffinen stehen zwei Oberwalliser an der Spitze der FIFA und mit Marco Blatter und Ihnen zwei Oberwalliser beim nationalen Sportverband. Ist der Oberwalliser ein typischer Verbandsfunktionär?

(lacht) Diese Frage haben Marco Blatter und ich schon oft diskutiert. Wir erklären es damit, dass der Oberwalliser eine Mischung aus Ostschweizer und Westschweizer darstellt. Die Genauigkeit des Deutschschweizers, aber auch die Toleranz des Romands verbinden wir auf unsere eigene Weise. Zudem besitzen wir ein Flair für Lösungen, ohne die Lockerheit aufzugeben und letztlich kann man auf den Oberwalliser zählen, wenn‘s draufankommt.

Sprechen wir über die bevorstehenden Olympischen Spiele in den USA. Wie sieht ihre Olympia-Agenda aus?

Ich werde rund einen Monat in der Olympiaregion verbringen. Vor dem morgigen Abflug am 25. Januar wird es mir kaum mehr möglich sein, diese RZ-Ausgabe reinzuziehen. Vermutlich gehöre ich auch zum letzten Tross, welcher am 27. Februar zurückkehrt. Gleich nach der Ankunft werde ich mit den örtlichen Organisatoren, dem SLOC, Kontakt aufnehmen. Als erstes gilt es, die Akkreditierung der Athleten zu checken. Danach besuche ich unsere externen, zugemieteten Unterkünfte und verschaffe mir einen Überblick, ob alles unseren Wünschen entspricht. Immerhin kosten uns diese zusätzlichen Athletenhäuser eine halbe Million Franken.

Welche Wettkämpfe planen Sie selbst zu besuchen, bleibt überhaupt Zeit dafür?

Der Tag der Führungscrew beginnt frühmorgens um 06.00 Uhr mit einer Sitzung. An dieser wird auch entschieden, wer an welche Wettkampforte fährt. Diese Planung geschieht kurzfristig und ist jeweils abhängig von der Schweizer Beteiligung und der Wettkampfpriorität. Die Präsenz an der vordersten Front gehört allerdings nicht zu den höchsten Prioritäten des Führungsteams, da hinter den Kulissen viel Arbeit geleistet werden muss. Im Fokus der Medien, und dies ist auch richtig so, stehen die Athletinnen und Athleten.

Apropos Medaillen, wieviele bringen denn die Schweizer nach Hause?

Die offizielle Zielsetzung wurde an der gestrigen Pressekonferenz vorgestellt. Grundsätzlich ist das Potenzial da, um die Ausbeute von Nagano zu egalisieren. Neue Olympia-Sportarten wie Skeleton bieten gerade den Schweizern weitere Chancen auf Edelmetall. Die Leistungen in den letzten Wochen stimmen uns zuversichtlich.

Wieviele Schweizer Sportler werden denn für Olympia selektioniert?

Endgültig selektioniert wird am 27. Januar, da der letzte Anmeldeschluss beim SLOC der 28.1.2002 ist. Um die Planung der Flüge, Unterkünfte und Teamkleidung früh einteilen zu können, arbeiten wir im Vorfeld mit einer eigenen Hochrechnung. Danach kommen wir auf ca. 115 Athleten. Dabei gibt es immer Überraschungen, unerwartete Kandidaten schaffen die Selektion und Favoriten bleiben auf der Strecke. Aber am Gesamttotal ändert sich erfahrungsgemäss wenig. Dazu gesellt sich noch der gesamte Betreuerstab von 220 Personen wie Funktionäre, Ärzte, Trainer usw.

Und die Oberwalliser? Knapp eine Handvoll konnte sich qualifizieren. Ist das nicht zu wenig?

Diese Frage stellt sich für mich kaum, denn meine Zuständigkeit gilt national. Wir stellen jedoch sportartenübergreifend fest, dass die „älteren“ Athleten immer länger an der Spitze bleiben und Erfolg haben. Dies hat zur Folge, dass die Jüngeren länger brauchen, um an die Spitze zu kommen. Als Beispiele kommen mir Athleten wie Kjus oder Aamodt in den Sinn. Aus dieser Optik heraus hat Didier Plaschy zu früh den Rücktritt erklärt. Jenen Oberwalliser Sportlern, die in SLC dabei sind, werde ich natürlich speziell die Daumen drücken.

Bei Olympia leben gutverdienende und weniger gut betuchte Sportler zusammen unter einem Dach. Sind da Spannungen nicht vorprogrammiert?

Nein, überhaupt nicht, das ist ja gerade das Faszinierende. Dieses Thema wird immer wieder von Aussenstehenden aufgegriffen, findet aber im Olympischen Dorf keine Resonanz. In Sydney hatten wir Tennisprofis mit Ringern im gleichen Haus und die verstanden sich super. Bei verschiedenen Terminen, beim Essen usw. werden im Dorf unter den Sportlern tolle Kontakte geknüpft. Athleten, die sich sonst nie begegnen, finden hier zusammen. Medaillen werden gemeinsam gefeiert. Überhaupt wird der Teamgedanke gross geschrieben, in SLC insbesondere dadurch, da wir die Hockeyaner bei uns haben. Für Ralph Krüger und seine Crew steht der Teamgedanke ganz zuoberst auf der Liste.

Dazu gehört auch das gemeinsame Outfit?

(gelangweilt) Für mich unerklärlich, weshalb dies bei den Medienleuten auf ein so grosses Interesse stösst. Schliesslich bestreitet kein Sportler mit diesem Dress seinen Wettkampf, kann also keinen direkten Nutzen daraus ziehen. Aber wie gestern an der Medienkonferenz vorgestellt, weist die diesjährige Ausgabe einige Schweizerkreuze auf und auch der Schriftzug „Swiss“ taucht öfters auf. Gemäss einer Umfrage unter den Sportlern nach Sydney wird dies sogar gewünscht. Dies beweist, dass sich die Sportler mit dem Land, das sie vertreten, identifizieren und es fördert noch einmal den Team-Spirit.

Dann eine weitere obligate, allerdings ernste Frage. Sind die Games nach den Terrorattentaten in den USA sicher?

Das Sicherheitsdispositiv wurde um 200 Prozent verstärkt. Die amerikanischen Sicherheitskräfte (mehr als 10‘000 Personen / Budget 300 Mio. Dollar!) und das örtliche Olympische Komitee werden alles Menschenmögliche tun, damit ein solches Ereignis nicht passiert. Den Sportler oder Olympiareisenden erwartet ein riesiger Kontrollapparat, der wohl bis an die Grenzen der Sturheit reicht. Die Bewegungsfreiheit wird massiv eingeschränkt sein und deshalb benötigt jeder viel Geduld. Es ist unsere und die Aufgabe der Verbände, die AthletInnen dafür zu sensibilisieren.

Was für Spiele dürfen unter diesen Voraussetzungen erwartet werden, Lillehammer und Nagano sind noch in angenehmer Erinnerung?

Wir dürfen Olympische Spiele nicht miteinander vergleichen. Jede Region, jedes Land bietet eigene Impressionen. In Lillehammer trafen wir sozusagen das Mekka der nordischen Sportarten. Die Amerikaner werden logischerweise andere Disziplinen bevorzugen. Im Eiskunstlauf und im Eishockey wird es erwartungsgemäss eine Superstimmung absetzen. Auch die Medaillenzeremonien werden die Amis auf ihre spezielle Art zelebrieren. Ich mache mir da keine Sorgen. Die Amerikaner wissen, wie man Parties feiert.

Im US-Bundesstaat Utah herrschen strenge Alkoholgesetze, trotzdem werden doch hoffentlich Walliser Weine im Schweizer Olympia-Haus ausgeschenkt?

Dies zu organisieren fällt zwar nicht in meinen direkten Organisationsbereich. Die Einfuhrproblematik stellte sich hier sehr komplex dar, da die Einfuhrbedingungen in die USA und v.a. in den Bundesstaat Utah enorm hart sind. Der Wein, ob Walliser oder nicht, soll daher nicht der Hauptanziehungspunkt im House of Switzerland sein. Es soll ein Treffpunkt sein für Mitglieder des Teams und Fans aus der Schweiz. Gerade im Mormonenstaat Utah wird man daran erinnert, dass die Feste auch mit weniger Alkohol und Nikotin über die Bühne gehen können. In diese Richtung geht auch unser Engagement mit „LaOla“.

Wir Walliser und Schweizer besitzen seit geraumer Zeit ein gespanntes Verhältnis zum IOC. Sion 2002, Sion 2006, Bestechungsskandal im IOC, die Nichtwahl von Alt-Bundesrat Adolf Ogi sind die Stichworte. Wie stehts um die Beziehung aus Sicht Swiss Olympic?

Da haben wir aber auch Fehler begangen, da müssen wir Selbsteinsicht zeigen. Ich kann jedenfalls keine negative Stimmung bestätigen. Gerade wurde das European Youth Olympic Festival 2005 mit 41 von 47 möglichen Stimmen aus allen europäischen olympischen Komitees an Monthey/Champéry vergeben. Auch die operative Ebene zum IOC harmoniert ausgezeichnet. Ich mag nicht ins allgemeine Klagelied einstimmen. Für mich ist eines klar: Wir können nicht überall dreinreden und dann nicht mitmachen! Solange wir Schweizer den Rosinenpicker spielen, werden wir solche Ohrfeigen akzeptieren müssen.

Welche persönliche Gedanken beschäftigen Sie zur Zeit?

Erstens betreiben wir seit Monaten einen riesigen Aufwand. Wir gehen an die Grenzen unserer Belastbarkeit, doch dann sehe ich den Sportler, welcher seit Monaten oder gar seit Jahren auf dieses eine Ziel hinarbeitet. Dieser Umstand ist immer wieder Motivation, den Teilnehmern die bestmöglichen Voraussetzungen zu schaffen.

(Traurig) Und zum Zweiten vermissen wir einen Topsportler bei diesen Winterspielen ganz besonders. Silvano Beltrametti kann nicht dabei sein und dies schmerzt gewaltig. Ich kenne ihn seit vielen Jahren, er stand damals bei meinem früheren Arbeitgeber Rossignol unter Vertrag und deshalb fehlt für mich nicht nur ein Skifahrer, sondern auch der tolle Mensch Beltrametti. Swiss Olympic wünscht ihm auf seinem weiteren Weg viel Beharrlichkeit und Freude.


 

 

      
Heute & morgen

/

/


RZ-Newsletter
Email-Adresse eingeben und Sie werden informiert:
Suchen


Have a look at: