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Frontal-Interview:
„Kinder haben ungeheuer sensible Antennen!“


Arnold Steiner
 
Leuk / Arnold Steiner ist Leiter des Kinderdorfes Leuk. Das Kinderdorf unterrichtet Kinder und Jugendliche mit Lernschwierig­keiten. Die Kinder leben im Dorf oder kommen aus der näheren Umgebung. Nach der obligatorischen Schulzeit bietet das Kinderdorf eine Berufswahlklasse (BWS) sowie eine Sonderschul-Ab­schluss­klasse an. Arnold Steiner leitet das Kinderdorf seit 14 Jahren. Der studierte Logopäde findet Kinder „einfach grossartig“.

Von Ruth Seeholzer und Walter Bellwald

Das Kinderdorf Leuk feiert sein 30-jähriges Bestehen mit einem grossen dreitägigen Fest. Sind Sie einer, der gerne feiert?

Oh ja! Man soll die Feste feiern, wie sie fallen! Ich bin zwar nicht der grosse Fester, der jedes Wochenende unterwegs ist. Aber ein spezielles Ereignis zu feiern wie zum Beispiel einen Geburtstag ist etwas sehr Emotionales an sich. Das bereichert das Leben. Auf das Kinderdorffest mit den tollen Angeboten freue ich mich besonders. Bestimmt werden wir auch diesmal auf eine grosse Sympathie der Bevölkerung aus dem ganzen Oberwallis zählen dürfen. Natürlich können wir auch den finanziellen Zustupf gut brauchen.

Sie sind seit 14 Jahren Leiter des Kinderdorfes, der breiten Öffentlichkeit jedoch nicht sehr bekannt. Gehört es zum Beruf eines ‚Sozialarbeiters’, dass er in der Stille schafft?

Pädagogische und therapeutische Berufe sind primär Berufe im guten Sinn des Wortes ‚Dienen’. Das griechische Wort Therapie bedeutet genau übersetzt ‚Dienen’. Zudem ist es ein Beruf, bei dessen Ausübung man nicht im Blickfeld der grossen Öffentlichkeit steht. Es ist eine Arbeit im Hintergrund. Manchmal allerdings ist es, gerade für den Leiter einer sozialen Institution, nötig und wichtig, dass er Öffentlichkeitsarbeit betreibt. Mit dem Ziel und Zweck, die Aufgaben und Anliegen des Kinderdorfes bekannt zu machen.

Die Leitung im sozialen Bereich ist also mit mehr Bürde als Würde verbunden?

Es ist sicher eine Tatsache, dass Verantwortung ihr Gewicht hat. Generell ist die Aufgabe in allen Schulen anspruchsvoller geworden. Engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die gute Zusammenarbeit mit den Eltern, Fachinstanzen und mit dem Departement für Erziehung, Kultur und Sport erleichtern diese Arbeit jedoch enorm. Zudem sind die Schülerinnen und Schüler selber diejenigen, die am meisten Kraft geben, denn es ist nicht nur ein Geben, sondern auch ein Bekommen.

Können Sie sich auch in leitender Funktion noch um den einzelnen Menschen kümmern?

Ja, das ist für mich sehr wichtig. Ich kenne jedes Kind bei uns. Natürlich habe ich nicht so viel Zeit für jedes einzelne, wie ich es gerne hätte. Aber der Einzelkontakt ist für mich äusserst wichtig. Als Beispiel gilt unser Morgenkreis. Da treffen sich alle Kinder und Jugendlichen sowie die Erwachsenen im gemeinsamen Kreis. Wir sehen uns und erleben uns als Gemeinschaft. Informationen werden ausgetauscht. Hat jemand Geburtstag, wird ein Lied gesungen. Ich versuche, nebst all den administrativen Aufgaben vorab auch den Kontakt mit den Kindern und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu pflegen.

Währenddem man heute immer häufiger die Schlagworte Koedukation und Integration hört, ‘sondert’ das Kinderdorf Leuk Kinder und Jugendliche mit Lernschwächen ab. Was spricht für eine Separierung der Kinder in Normalschule und Sonderschule?

Da könnten wir uns jetzt lange miteinander unterhalten! Grundsätzlich ist eines ganz wichtig: Dass man nicht das Eine gegen das Andere ausspielt. Beides ist wichtig. Ich vertrete die Auffassung, dass man das Wort Integration in diesem Sinn sehr vorsichtig verwenden sollte. Die Hauptfrage muss lauten: Was ist das beste für das Kind, welche Fördermassnahme ist am geeignetsten? Es ist gut, wenn ein Kind in einer Institution wie dem Kinderdorf gefördert werden kann, wo mit kleinen Klassen und einer gezielten Förderung ideale Strukturen vorhanden sind. Wir machen auch die Erfahrung, dass sich das positiv auf das Selbstwertgefühl auswirkt. Ich finde es aber auch gut, wenn ein Kind mit Schwächen in seinem Dorf bleiben kann, auf verständnisvolle Lehrer und MitschülerInnen trifft, im Dorf gut integriert ist und nicht gehänselt wird. Wenn diese Voraussetzungen da sind, so ist das wunderbar. Ich bin nicht derjenige, der sagt, das eine ist besser als das andere. Übrigens findet im Kinderdorf auch Integration im besten Sinne statt, nämlich die Integration in die Arbeitswelt und ins Berufsleben. Als Beispiel gilt die Berufswahlschule, wo die Jugendlichen während eineinhalb Jahren auf die Berufswelt vorbereitet werden. Das Gleiche macht auch die Sonderschul­abschluss­klasse. Integration ist für mich, wenn ein junger Mensch seinen Weg im Beruf, in der Arbeitswelt und im Zusammenleben mit anderen Menschen selbständig gehen kann, ein zufriedener Mensch und eine Bereicherung für die Gemeinschaft ist.

Viele der Schülerinnen und Schüler leben während der Woche im Kinderdorf. Wie verkraften die Kinder die frühe Trennung von der Familie, vom Freundeskreis?

Zwei Sachen sind hier ganz wichtig. Zum einen behalten die Kinder ganz klar das Gefühl, dass ihr Zuhause ihre Familie ist. Darum kommen sie erst am Montagmorgen ins Kinderdorf und verlassen es wieder am Freitag Nachmittag. Zudem ist es auch eine Frage des Alters. Bei den Kleineren ist es natürlich eine grössere Umgewöhnung. Dem tragen wir Rechnung, indem wir einen intensiven Kontakt mit den Eltern pflegen. Wir unterstützen auch sehr, dass die Schülerinnen und Schüler in den Vereinen bleiben und auch während der Woche in ihrer Blasmusik üben oder in ihrem Fussballclub trainieren können. Zudem sind etwa 20 Schülerinnen und Schüler der näheren Umgebung extern.

Die Kinder profitieren ungemein vom Zusammenleben, von der Gemeinschaft. Hält man damit den sogenannten ‚normal’ lernenden Kindern etwas vor?

Mich freut diese Frage, weil ich wirklich sagen kann, dass hier im Kinderdorf eines der grössten Ziele darin besteht, dass die Schülerinnen und Schüler gerne zur Schule kommen und sich in den Gruppen wohl fühlen. Das Kinderdorf soll ein Ort des Lernens und der Begegnung sein. Lernen kann man bekanntlich in einer dafür förderlichen Atmosphäre besser. Das wünsche ich allen Kindern an allen Schulen. – Es haben mir schon Eltern gesagt, dass sie sich für ihre Kinder auch so eine Schule wünschten. Das ist natürlich ein wunderbares Kompliment für uns!

Anders gefragt: Müsste man nicht alle Kinder individuell besser fördern?

Das ist schon so. Vorab Kinder mit Lernschwächen. Nur bieten halt grosse Klassen in öffentlichen Schulen diese Möglichkeit in einem beschränkteren Rahmen, trotz grossen Anstrengungen der Lehrerinnen und Lehrer.

Sie haben einmal gesagt: ‚In der pädagogischen Arbeit wirken wir in erster Linie durch unser Sein, dann durch unser Beispiel und erst in dritter Linie durch das, was wir sagen.’

Ich denke, die Schule hat die Aufgabe, einen jungen Menschen ein Stück weit auf seinem Weg zu begleiten. Das ist meiner Meinung nach nur möglich, indem das, was ich sage und verkörpere, stimmt und authentisch ist. Kinder haben ungeheuer sensible Antennen, wenn es darum geht, zu spüren, ob ihr Gegenüber etwas ernst meint oder es nur vorspielt. Erst wenn ich mich selber auch immer wieder hinterfrage, mich mit meinen Haltungen auseinandersetze und an meiner Entwicklung arbeite, wirke ich echt. Das heisst nicht, perfekt sein zu müssen. Fehler zuzugeben gehört da auch dazu. Wir müssen vorleben, was wir von den Kindern erwarten und mit dem guten Beispiel vorangehen. Dann wirkt auch das, was ich sage; sonst ist es unglaubwürdig.

Wie erfüllend ist ein sozialer Beruf?

Es ist eine sehr bereichernde Arbeit. Es ist aber auch wichtig, dass man in einer guten Balance ist mit seinen Kräften. Ich schöpfe zum Beispiel viel Kraft aus der Natur. Gleichzeitig darf ich immer wieder erfahren, dass man als Pädagoge nicht nur geben muss, sondern von den Kindern auch ganz viel zurück bekommt. Wenn ich das annehmen kann, dann ist dieser Beruf sehr erfüllend. – Bestimmt sind die Ansprüche an die sozialen und pä-dagogischen Berufe anspruchsvoller geworden. Darum muss man verhindern, dass diese Berufe nicht zu Einzelkämpfer-Berufen werden. Eine gegenseitige Unterstützung in einem Team, eine gute Zusammenarbeit mit allen Beteiligten und Verständnis füreinander sind wichtige Voraussetzungen und eine grosse Hilfe.

Sie hören auf Ende dieses Sommers auf als Leiter des Kinderdorfes. Was sind Ihre Beweggründe?

Das zu erklären ist nicht einmal so einfach. Der Widerspruch ist da: Einerseits gefällt mir meine Arbeit sehr, ich habe tolle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, viel Vertrauen seitens der Eltern usw. Es gibt also keinen äusseren Grund. Grundsätzlich finde ich es aber auch gut, wenn man sich für eine Führungsaufgabe zeitliche Grenzen setzt. Der Hauptgrund für mein Aufhören ist aber derjenige, dass ich nach 14 Jahren und mit meinen 51 Jahren noch einmal etwas ganz Neues und Anderes machen möchte.

Was folgt denn als nächstes?

Zuerst werde ich mir einfach etwas mehr Zeit für mich selber gönnen. Dann sind Angebote da, die ich nach der Kündigung erhalten habe. Ich werde schauen, was auf mich zukommt. Ich könnte mir vorstellen, dass meine berufliche Zukunft in Richtung Beratertätigkeit gehen könnte. Ideen gibt es einige. Aber wie gesagt, es ist noch offen. Und ein wenig Vertrauen darf auch eine Rolle spielen.

Ihre Wünsche an den/die NachfolgerIn?

Mein Wunsch an den oder die NachfolgerIn ist, dass er/sie ein ebenso gutes Team hat, wie ich es hatte und habe. Ich wünsche ihm/ihr eine gute Zusammenarbeit mit den Eltern, die ich auch immer haben durfte und ein grosses Herz für die Schülerinnen und Schüler. Zudem eine gute Mischung von Ernsthaftigkeit und Gelassenheit für diese Aufgabe.


 

 

      
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