| Grimsel / Ried-Brig / Schon seit früher
Kindheit hat er den Sommer über auf der Grimsel verbracht. Heute führt
er das Hotel Grimselblick und wirbt mit Kristallgrotte und
Murmeltierpark für seinen Betrieb. Stefan Gemmet (47) aus Ried-Brig
spricht im RZ-Interview über das spannende und innovative Leben als
Pass-Hotelier, über die Anliegen der IG Alpenpässe und sagt: Unserer
Branche ist es viele Jahre zu gut gegangen.
Von Walter Bellwald und Ruth Seeholzer
Die Grimselpassstrasse ist für den Verkehr
geöffnet, obwohl auf dieser Höhe (2165 m.ü.M.) noch viel
Schnee liegt. Sind Sie für den Sommertourismus gerüstet?
Wir sind schon lange startklar und haben uns auf
die neue Saison entsprechend vorbereitet.
Seit wann führen Sie diesen Betrieb?
Mein Vater hat das Hotel in den späten 40er
Jahren gekauft und aufgebaut. Demzufolge verbrachte ich meine Jugendzeit
auf dem Grimselpass. Nach dem Tod meines Vaters mussten mein Bruder
und ich schon früh im elterlichen Betrieb mithelfen. Im Winter absolvierte
ich eine Lehre als Koch im Spital in Sitten, den Sommer über half
ich meiner Mutter im Hotel Grimselblick. Später habe ich den Wirte-
und Hotelkurs absolviert, mein Bruder besuchte die Hotelfachschule. Danach
haben wir uns geeinigt, in einem Turnus von drei Jahren das Hotel Grimselblick
zu führen. Das hat sich allerdings nicht bewährt. Mein Bruder
hat schon nach den ersten drei Jahren aufgehört. Darum übernahm
ich fortan das Zepter und habe das Hotel den Sommer über geführt.
Im Winter war ich jahrelang in Crans-Montana, in Zermatt und zuletzt in
Brig als Wirt tätig, bis ich mich entschlossen habe, das Hotel auf
der Grimsel praktisch das ganze Jahr über zu betreiben.
Was ist der wesentliche Unterschied zu einem herkömmlichen
Restaurationsbetrieb unten im Tal?
Hier oben muss man sich den jeweiligen Gegebenheiten
sofort anpassen. Das betrifft auch das Personal. Eine gewisse Flexibilität
ist unabdingbar. Hier ist es wichtig, zusammen mit den Angestellten eine
familiäre Atmosphäre zu schaffen, sonst funktioniert es nicht.
Man kann hier oben nicht einen Betrieb nach einem strikten Muster führen.
Haben Sie Mühe, für Ihren Hotelbetrieb
auf der Grimsel Angestellte zu finden?
Überhaupt nicht. Im Gegenteil. Ein Kellner beispielsweise
arbeitet seit dreizehn Jahren bei uns, der Koch sogar schon seit vierzehn
Jahren. Das spricht für sich. Auch andere Angestellte, die über
mehrere Jahre bei uns mitgeholfen haben, fragen immer wieder an, ob noch
eine Saisonstelle frei wäre.
Viele Restaurationsbetriebe jammern über
den Personalmangel im Gastgewerbe. Wie schaffen Sie es, für Ihren
Hotelbetrieb auf über 2000 Meter Höhe genügend Personal
zu finden?
Wir sind darauf bedacht, unsere Angestellten bei
Laune zu halten. Sehen Sie, das Wetter auf dieser Höhe kann viele
Kapriolen schlagen. Wenn Sie beispielsweise mehrere Tage im Nebel sitzen,
sind Sie froh, wenn Sie wieder mal die Sonne sehen. Wenn es die Zeit erlaubt,
gehen wir auch mal gemeinsam nach Meiringen ins benachbarte Oberland
in ein Dancing oder ins Obergoms in den Ausgang. Damit kann man seine
Mitarbeiter wieder voll motivieren.
Sie sind nicht nur Hotelier, sondern unterhalten
ihre Gäste als Entertainer und flicken zwischendurch auch anstehende
Schäden am Gebäude?
Wenn ich hier oben für jeden noch so kleinen
Schaden einen Berufsfachmann herholen muss, dann kann ich bald Konkurs
anmelden. Das kostet mich ein Vermögen. Schon nur die Anfahrtszeit,
je nach Standort der Firma, kostet mich einige hundert Franken. Da muss
man halt selber Hand anlegen. Darum werke ich zwischendurch in meinem
Betrieb und mache die allermeisten Sachen selbst. Jeden Herbst muss ich
beispielsweise alle Leitungen entleeren, damit sie den Winter über
nicht einfrieren. Wenn sie da nicht wissen, was zu tun ist, dann können
sie einpacken.
Was für Gäste beherbergen Sie im Grimselblick?
Das Gästesegment ist saisonbedingt. Im Winter
sind es Gäste und Touristen, die vom Goms her eine Schneeschuhwanderung
machen. Im Frühling beherbergen wir viele Tourenskifahrer und im
Sommer sind es vor allem viele Motorradfahrer. Dazwischen kommen natürlich
auch sehr viele Carreisende aus dem In- und Ausland, die auf dem Grimselpass
Halt machen. Aber auch Gesellschaften oder Gruppen lassen sich gerne bei
uns nieder. Einmal hatten wir einen deutschen Feriengast, der im Grimselblick
übernachtete. Der Mann war mit seinem Mercedes unterwegs und wollte
am anderen Tag weiterfahren. Obwohl der Pass auf der Berner Seite noch
gesperrt war, öffnete er die Schranken und fuhr los.
Weil die Strasse noch nicht vollständig geräumt war, fuhr er
mit seinem Wagen auf eine Schneewehe auf und kam nicht mehr vorwärts.
Schliesslich musste ihm der Strassenunterhaltsdienst helfen, seinen Wagen
wieder fahrtüchtig zu machen (lacht).
Im letzten Sommer gab es immer wieder Probleme
mit der Strassenverbindung ins Berner Oberland. Haben Sie die wirtschaftlichen
Auswirkungen gespürt?
Der letzte Sommer war eine schwere Zeit für
uns. Die finanziellen Einbussen waren enorm. Knapp ein Drittel der Einnahmen
ging uns verloren. Zum Glück hatten wir eine Ausfallversicherung.
Dank einer Sonderregelung konnten wir auch Kurzarbeit für unsere
Angestellten einführen. Das hat uns die Möglichkeit gegeben,
uns über Wasser zu halten.
Hat Ihnen auch die Interessengemeinschaft der
Alpenpässe geholfen?
Die IG Alpenpässe hat es überhaupt erst
ermöglicht, dass wir im vorigen Jahr eine Ausfallentschädigung
mit einer Versicherung abschliessen konnten. Das war ein glücklicher
Zufall. Aber diese Versicherung kommt nicht nur uns zugute. Wenn sich
irgendwo in den Bergregionen ein Unglück ereignet und die Verbindung
ins Tal unterbrochen wird, dann hilft diese Versicherung den Restaurateuren
und Hoteliers, ihre Einbussen in einem vernünftigen Rahmen zu halten.
Wenn die Hoteliers keine Versicherung haben, dann müssen sie die
Einbussen selber tragen.
Sie sind einer der Initianten der IG Alpenpässe.
Was haben Sie sich in Ihrem Verbund für primäre Ziele gesetzt?
In erster Linie ist es uns ein Anliegen, dass die
Hotels und Restaurantbetriebe auf den Alpenpässen auch in Zukunft
überleben können. Ein weiteres Anliegen ist, dass der Postbetrieb
über die Alpenpässe weiterbesteht. Dafür wollen wir uns
einsetzen. Wenn
keine Postautos mehr über
die Pässe fahren, dann verlieren wir ein grosses Stück
Kultur und Schweizer Geschichte. Zurzeit verkehrt der erste Bus auf die
Grimsel am Morgen um elf Uhr. Das ist zu spät. Darum will ich einen
Taxibetrieb aufbauen, der die Gäste zu uns bringt. Auch eine Ausfahrt
in die Oberaar, einer Alpe, die früher von den Törbjiern
bewirtschaftet wurde, soll möglich sein. Schliesslich wollen wir
von der IG Alpenpässe auch gegen die Sparmassnahmen von Bund und
Kanton ankämpfen, die sich gegen die Passöffnungen richtet.
Müssen Sie diesen Sommer wieder mit Verbindungsproblemen
aus dem Berner Oberland rechnen?
Die momentane Situation ist sehr gut. Nachdem der
grösste Teil des Felsens, der bei Innertkirchen auf die Strasse zu
stürzen drohte, gesprengt wurde, hat sich die Lage beruhigt. In diesem
Sommer stehen zwar noch kleinere Sprengungen an, aber das dürfte
nicht allzu lange dauern.
Viele Hoteliers und Restaurants klagen über
starke Umsatzeinbussen im Gastgewerbe. Wie stark wird Ihr Hotel auf dem
Grimselpass frequentiert?
Wenn die Natur uns hilft, haben wir keine Einbussen.
Viele Einheimische und Touristen sowie Reisegruppen kehren bei uns ein.
Wenn die Busunternehmen ihre japanischen Feriengästen vom Jungfraugebiet
nach Zermatt chauffieren oder umgekehrt, dann fahren sie über die
Grimsel. Das ist natürlich ein grosser Vorteil für uns. In der
Regel ist immer ein Halt eingeplant.
Woran mangelt es denn, dass das Schweizer Gastgewerbe
immer weniger Gäste beherbergen kann?
Es fehlt an Ideen und Kreativität der Hoteliers
und Beizer. Man muss dem Gast etwas Spezielles bieten. Jeder muss individuell
nach einer Nische oder Marktlücke suchen, dann kommen auch die Feriengäste
wieder in Scharen. Es bringt nichts, wenn jeder auf den anderen schaut
und die gleichen Ideen verwirklicht. Aber unserer Branche ist es viele
Jahre ganz einfach zu gut gegangen und jetz flännunsch alli.
Neben ihrem Hotelbetrieb führen Sie auf der
Grimsel auch noch einen Wildtierpark und eine Kristallgrotte. Wie sind
Sie auf diese Idee gekommen?
Glücklicherweise haben wir auf der Grimsel drei
Hotels. Und die Konkurrenz belebt ja bekanntlich das Geschäft. Darum
muss jeder Hotelier nach Möglichkeiten suchen, die Gäste für
sich zu gewinnnen. Mein Vater hat schon vor Jahren eine Kristallgrotte
eingerichtet. Der Murmeltierpark ist entstanden, weil auf dem Belvédère
und auf dem Rosswald die bestehenden Murmeltier-Parks geschlossen wurden.
Daraufhin habe ich die Murmeltiere auf die Grimsel genommen und einen
100 m2 grossen Park eingerichtet. Neun Tiere leben heute hier. Dazu habe
ich Waschbären gekauft und Schneeeulen, Uhus, Enten, Schwäne
usw.
Während den Wintermonaten sind Sie mit Ihrer
Familie in Ried-Brig wohnhaft. Wie erholen Sie sich von Ihrer Arbeit?
Die letzten Jahre sind meine Ferien ein bisschen
zu kurz gekommen. Aber ich erhole mich auch während meiner Arbeit
mit einem kurzen Spaziergang oder wenn ich auf Kristallsuche bin. Dann
kann ich richtig auftanken und die Natur geniessen. Daneben fahre ich
leidenschaftlich gerne Motorrad. Wenn es die Zeit erlaubt, bin ich auch
auf dem Golfplatz anzutreffen.
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