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Frontal-Interview:
"Man muss das Leben vor dem Tod abgeschlossen haben"


Carlo Dellsberg
 
Alpjen / Brig / Carlo Dellberg (57) ist Älpler aus Leidenschaft. Zusammen mit seiner Frau Christine bewirtschaftet er seit 24 Jahren die Alpe Alpjen im Simplongebiet. Bei dieser Alp handelt es sich um eine sogenannte Umtriebsweide, das heisst, die Kühe bleiben die ganzen 100 bis 110 Tage in derselben Region und werden alle zwei bis drei Tage auf eine andere Weide getrieben. Alle Kühe werden gemolken. Die Milch fliesst über eine spezielle Pipeline kilometerweit bis zur nächsten Käserei in Simplon-Dorf. Den ganzen Sommer über verlassen die Dellbergs nur höchst selten ihre Alp. Carlo Dellberg: Was ich brauche, habe ich hier."

Von Ruth Seeholzer

Wir sind hier bei Ihnen auf der Alpe Alpjen. Welche Arbeiten haben Sie heute morgen schon erledigt?

Ich bin um viertel vor vier Uhr aufgestanden. Als erstes lasse ich die Milch ab. (Die Milch vom Vortag wird via Pipeline nach Simplon-Dorf in die Sennerei geleitet. Dieser Vorgang dauert für die vier Kilometer knapp zwei Stunden ­ Anm. d. Red.) Wir melken 1000 Liter im Tag. Zuerst möchte ich aber betonen, dass wenn ich von mir rede, dass ich dann uns meine, meine Frau und mich. Hier läuft gar nichts ohne meine Frau! Sie ist eine volle Arbeitskraft. ­ Währenddem ich die Milch ablasse, geht meine Frau mit der Stirnlampe bewaffnet das Vieh holen, damit wir melken können. Vorher mache ich noch das Reinigungsmittel bereit, damit ich die Milchpipeline waschen kann, sobald die Milch durch ist. Danach mache ich den Melkstall bereit. Inzwischen kommt meine Frau mit dem Vieh. Nun werden die Kühe nacheinander gemolken. Das dauert zweieinhalb Stunden.

Wie spät ist es dann?

Dann ist es ziemlich genau acht Uhr. Danach führen wir das Vieh auf die nächste Weide. Wenn das durch ist, wird der Vorplatz geputzt und der ganze Melkstall mit den Maschinen. Dann ist es 9 Uhr. Und es gibt endlich Frühstück. Das fällt nach fünf Stunden Arbeit schon etwas währschafter und auch ausgiebig aus. Dafür nehmen wir uns eine ganze Stunde Zeit. ­ Heute kam der Tierarzt vorbei, weil drei Tiere Probleme mit den Klauen haben. Da helfe ich ihm natürlich bei der Arbeit. Das dauerte eineinhalb Stunden. Und um ein Uhr habe ich jetzt Mittag gegessen.

Die Arbeit auf einer Alp kann recht streng sein. Lieben Sie Körperarbeit?

Streng ist sie schon, die Arbeit (zögert). Aber ich bin ein Bewegungsmensch. Darum kann ich nicht recht sagen, dass es streng ist. Entscheidend ist nicht die Menge der Arbeit, entscheidend ist die Qualität. Wenn ich meine Arbeit zügig vorwärts treibe, und zwar im Rhythmus des Tieres, dann wird einfach eins ums andere gemacht, und am Abend ist die Arbeit getan! Dafür kennen wir keinen Stress hier oben (lacht). Wir arbeiten rund elf Stunden am Tag. Aber irgendwie ist das überhaupt nicht belastend. Weil hier bei uns auch keine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit besteht. Zu dem muss man aber einfach bereit sein. Es ist wie ein selber gewähltes Exil.

Wie kommen Sie dazu, sich den Sommer über als Älpler um das Vieh zu kümmern?

Nach der Matura wollte ich nicht studieren. Obwohl ich nicht aus einem bäuerlichen Umfeld stamme, habe ich Tiere schon immer gern gehabt. Und die Natur. Mein Vater hatte auf dem Rosswald eine Hütte. Damals war der Rosswald noch keine Touristendestination, sondern eine Alpe, mit acht Partien, welche die Alp mit ihrem Vieh bestiessen. Bei verschiedenen war ich Hirt in den Schulferien. Darum war später klar, dass ich auch auf die Alp wollte, als Senn. Da ich über keinerlei Fachwissen verfügte, fing ich bescheiden an. Als Schaf- und Rinderhirt im Bündnerland. Später besuchte ich Sennenkurse. Das war mir aber immer noch zuwenig. Darum ging ich danach noch in die Landwirtschaftliche Schule in Visp und liess mich zum Bauern ausbilden. Übrigens zusammen mit meiner Frau.

Die Alp ist ziemlich abgelegen. Brauchen Sie die Einsamkeit?

Ich komm gut zurecht mit ihr (lacht).

Suchen Sie die Einsamkeit?

Die Alp ist für mich ein sehr guter Ausgleich zum Winter mit den vielen Gästen, dem Trubel auf dem Rosswald. Im Winter sind wir ja den Touristen ausgesetzt. Und wer 365 Tage im Jahr den Umgang mit Touristen hat, ist meiner Meinung nach vermehrt Verschleisserscheinun-gen ausgesetzt. Ich vergleiche das so: Wenn die Wintersaison vorbei ist, dann ist der Schwamm vollgesogen. Dann hat nichts mehr Platz. Aber dann verlasse ich den Tourismus und komme hierher auf die Alp. Und dann kann ich mich aber im Herbst auch wieder auf die neue Wintersaison freuen. Wir haben die Gnade, zweimal im Jahr anzufangen und zweimal im Jahr aufzuhören.

Sie sind hier auf der Alp praktisch nur mit Natur umgeben. Schöpfen Sie Kraft daraus?

Das ist gar nicht so selbstverständlich, dass eine Alp mit Natur umgeben ist. Dies ist auch mit ein Grund, warum wir so gerne hier sind. Die Alpje ist verschont von Touristen. Die wenigen, welche sich hierher verirren, kommen meistens zu Fuss. Und die Freundlichkeit der Leute ist indirekt proportional zur Geschwindigkeit, in der sie einem begegnen. ­ Um auf Ihre Frage zurück zu kommen: Sicher schöpfe ich Kraft aus der Natur! Ich bin Bestandteil davon. Wir Menschen unterliegen denselben Gesetzen wie ein Tier und ein Baum. Wir haben einen Anfang und ein Ende.

Ist man sich dessen hier oben etwas mehr bewusst?

Ja, das ist eben auch das Schöne bei unserer Arbeit: Sie ist geistig nicht so sehr anspruchsvoll. Aber genau das gibt die Möglichkeit, nachzudenken und zu reflektieren über sich und das Geschehen auf der Welt.

Manche Leute könnte solche Selbstreflektion zur Verzweiflung bringen?

Ja, weil es wahrscheinlich nicht wenige Leute gibt, für die es unangenehm ist, in den eigenen Spiegel zu schauen. Aber eben gerade für das hast du hier Zeit.

Und für Sie ist es eine Selbstverständlichkeit?

Ja sicher. Ich bin ein Mensch. Und ich bin ein Teil all dessen, was mich hier umgibt.

Ist es heute einfacher oder schwieriger, auf einer Alp tätig zu sein?

Das kann ich nicht beurteilen (überlegt). Das, was ich hier mache, ist frei gewählt. Das, was viele früher gemacht haben, war nicht gewählt. Vor hundert Jahren blieb den Leuten keine andere Wahl, als auf die Alp zu gehen. Sie wurden in diesen Rhythmus hineingeboren. Es gab keinen anderen Weg. Darum auch keinen schwierigeren oder einfacheren.

Gibt es eigentlich eine Sennen-Gewerkschaft?

Nein, so was gibt es nicht (schüttelt den Kopf und lächelt). Nein. Älpler sind eher Einzelkämpfer. Wobei mich das Wort ,Kampf' stört. Ich stehe keinen Kampf durch. Die Alpbesitzer, meine Arbeitgeber, mit denen habe ich keine Mühe. Und ich nehme an, - aber Ihr müsst sie fragen ­ dass sie mit mir auch keine Mühe habe. Wir haben sehr grosse Freiheiten hier. Ich würde sogar sagen, dass es für mich keinen Unterschied macht, ob ich hier angestellt bin, oder ob mir die Alp gehört.

Womit wir ­ mehr oder minder elegant ­ den Sprung zu ihrem Vater Karl Dellberg selig, dem Löwen von Siders, gemacht haben. ­ Ihr Vater war ein Walliser Gewerkschafter der ersten Stunde. Inwieweit ähneln Sie ihm?

(denkt nach) Er war ebenso ein Aussenseiter. ­ Das ist das Erste, was mir bei einem Vergleich in den Sinn kommt. Allerdings war es für meinen Vater nicht so leicht, dass ich diesen Weg gewählt hatte. Er hat mich aber immer unterstützt. Wir hatten menschlich einen sehr engen Kontakt. Er war häufig hier oben auf der Alp. Wir hatten es sehr gut miteinander. Mein Vater ist nicht unschuldig an meiner Entwicklung. Durch sein Leben, nicht nur das politische, sondern durch das Ehren und Schätzen der Natur, was ihm ganz wichtig war, war er mir Vorbild.

Und was unterscheidet Sie beide?

Ich habe nie daran gedacht, in die Politik zu gehen. Nie. Gar nie. Und zwar aus diesem Grund, weil ich immer befürchtete, dass ich mit diesem Namen keine neuen Wege machen, sondern nur die Tritte vergrössern würde. Und das will ich nicht. ­ Ansonsten muss ich eigentlich sagen, sehe ich gar keine grossen Unterschiede zu meinem Vater.

Wie ist es als Sohn eines solch berühmten und einflussreichen Mannes? Kriegt man da keine Komplexe, dass man mindestens ebenso erfolgreich sein sollte?

Nein, das kenne ich absolut nicht. Das ist etwas, wogegen ich mich immer gesträubt hatte: Ich wollte um keinen Preis Karriere machen. ­ Jetzt habe ich allerdings Karriere auf der Alp gemacht (lacht). Aber eher unfreiwillig. ­ Das ist übrigens auch ein Charakterzug, den ich von meinem Vater habe: Er war sehr bescheiden. Wenn man bedenkt, welche Möglichkeiten er in seinem Leben gehabt hätte, um ins Geschäft zu kommen...! ­ Da hatte und habe ich die grösste Achtung vor ihm.

Was bedeutet für Sie eigentlich Erfolg? Ruhm, Macht und Ehre, oder eher Zufriedenheit und Glücklichsein?

Ganz sicher Zweiteres. ­ Wie sagte bereits Seneca? Man muss das Leben abgeschlossen haben vor dem Tod.

Und Sie versuchen, nach diesem Spruch zu leben?

Ja, das ist wahrscheinlich das Erstrebenswerteste. Gehen können und zu sagen: Es hat sich gelohnt.

Wenn Sie am Abend ins Bett gehen, welches ist ihr letzter Gedanke vor dem Einschlafen?

Ich habe den ganzen Tag so viel Zeit zum Nachdenken, dass ich abends gar nicht mehr denke, sondern sofort ruhig und tief schlafe.


 

 

      
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