| Naters / Oberwallis / Anfangs Jahr hat er
die Nachfolge von Andreas Weissen als WWF-Geschäftsführer im Oberwallis
angetreten. Nach einem halben Jahr zieht Ralph Manz gegenüber der RZ
erstmals Zwischenbilanz, spricht über Wald, Wolf, Verkehr und sagt:
Der WWF übernimmt eine wichtige Sensibilisierungsaufgabe"
Von German Escher und Walter Bellwald
Sie waren vorher Revierförster. Seit anfangs
Jahr sind Sie WWF-Geschäftsführer Oberwallis. Warum haben Sie
zum WWF gewechselt?
Schon als Junge haben mich die Belange des Umweltschutzes
besonders interessiert. Nach 10-jähriger Tätigkeit als Revierförster
in den Oberwalliser Wäldern habe ich eine neue Herausforderung gesucht.
Teilzeitarbeit mit der Möglichkeit Familienarbeit zu übernehmen.
Fehlt Ihnen nicht die Arbeit an der frischen Luft?
Eigentlich nicht. Wir haben im WWF Oberwallis genügend
bewegte und frische Luft (lacht).
Als Förster haben Sie die Baumbestände
täglich beobachten können. Wie stehts um unsere Wälder?
Der Wald ist ein Spiegelbild der Gesellschaft. Das
tönt einfach, sagt aber doch einiges aus. Unsere Gesellschaft ist
krank. Die Menschen müssen sich ihre Lebensweise überdenken.
Aber konkret: Geht es dem Wald heute besser oder
schlechter als vor zehn Jahren?
Es geht dem Wald sicher nicht besser. Der Verkehr
nimmt ständig zu. Das schlägt sich auf die Natur und die Gesundheit
der Menschen nieder.
Aber das Krankheitsbild des Waldes ist nicht dramatisch?
Wir haben im Oberwallis mit den Föhrenwäldern
riesige Probleme. Da sterben flächenweise ganze Bestände ab.
Auch bei anderen Baumarten sind Nadelverluste nach wie vor festzustellen.
Und was sind die Gründe?
Der Sterbeprozess der Föhren hat verschiedene
Gründe. Die Föhre ist seit Jahrhunderten an den trockenen Standort
angepasst. Die heissen Sommertage haben seit den 70er Jahren markant zugenommen.
Zusammen mit der Klimaerwärmung kann sich dies für die Föhrenwälder
fatal auswirken. Darunter leiden diese Wälder. Der menschliche, nutzungsbedingte
Einfluss auf die Föhrenwälder war bis vor ca. 50 Jahren sehr
stark. Die Föhrenwaldbestände waren früher grösstenteils
Flaumeichenstandorte. Durch die Beweidung ist das Laubholz verbissen worden.
In der Folge wurde die Föhre selektiv begünstigt. Jetzt stirbt
der Föhrenwald allmählich und die Laubbäume erobern
dieses Gebiet zurück. Das ist ein natürlicher Prozess. Heikel
ist aber ein Punkt: Innerhalb des Baumartenwechsels müssen die neuen
Laubbäume genügend rasch nachwachsen. Wenn in gewissen Hängen
Löcher in den Waldbeständen entstehen, dann haben wir ein schutztechnisches
Problem.
Hitze und schlechte Luft belasten die Umwelt.
Aber der WWF setzt sich kaum noch mit der Luftproblematik auseinander.
Ist die Luft besser geworden?
Die Luft ist sicher nicht besser geworden. Zwar sind
verschiedene Bemühungen zur besseren Luftreinhaltung unternommen
worden. Gleichzeitig ist der Verkehr aber weiter angestiegen. Der Grund
ist ein anderer: Auf dem Umweltsekretariat arbeiten alle in einem Teilzeit-Verhältnis.
Als WWF-Geschäftsführer habe ich eine 60-Prozent-Anstellung.
Innerhalb dieser Zeit kann man nicht alles machen. Aber Luft und Verkehr
sind nach wie vor ein wichtiges Thema. Parteien haben auch schon Themen
von uns aufgegriffen und machen Forderungen, die wir vor 10 oder 15 Jahren
gestellt haben, zu ihrem politischen Programm. Beim Schwerverkehr am Simplon
haben wir schon damals radikale Veränderungen verlangt, heute nimmt
die CSP Oberwallis diese Ideen in ihr Parteiprogramm auf.
Aber in der Verkehrspolitik ist der WWF stiller
geworden. Ist der Autobahnstreit jetzt beendet?
Die Autobahnfrage war ein grosses Anliegen meines
Vorgängers Andreas Weissen. Er hat hier grossartige Arbeit geleistet.
Durch den Wechsel in der WWF-Geschäftsleitung wird das Thema nicht
mehr mit derselben Intensität behandelt. Das Trassee der Autobahn
im Oberwallis ist heute weitgehend vorgespurt. Einzig Visp-Raron ist noch
nicht definitiv klar. Hier hat sich der Staatsrat aufgrund des Bovy-Berichts
für die Nordvariante ausgesprochen. Das ändert aber nichts an
unserer Haltung: Wir bevorzugen nach wie vor die Südvariante. Die
Bevölkerung soll sich für die ökologisch bessere Variante
einsetzen. Man kann auch mal wieder zur Matze greifen Das Oberwallis wird
zwischen Visp und Raron jene Linienführung bekommen, die es verdient.
Wetten, dass sich in 15 Jahren viele Leute fragen werden. Warum hat man
die Autobahn hier nicht im Süden gebaut?
Hat diese Strategie des WWF auch damit zu tun,
dass man das Image der Verhinderer loswerden will?
Die Oberwalliser haben eine höhere ökologische
Sensibilität als die Unterwalliser. Darum werden im Unterwallis nach
wie vor mehr Einsprachen eingereicht als im Oberwallis. Der WWF will vom
Verhinderer-Image wegkommen. Das stimmt. Aber daraus lässt sich nicht
schliessen, dass wir keine Einsprachen mehr machen werden. Wir machen
nicht einfach am Montag-vormittag aus Gaudi irgendeine Einsprache. Es
ist uns wichtig, die Gründe für unsere Einsprachen auch zu kommunizieren.
Welche Rolle kommt Ihrer Ansicht dem WWF
zu?
Der WWF möchte den ökologischen Lebensstil
fördern, die Wirtschaft in die Verantwortung miteinbeziehen und den
Lebensraum Alpen nachhaltig nutzen. Innerhalb dieser Strategie ist die
Bandbreite sehr breit. Natürlich kommt dem WWF eine gewisse Vorreiterrolle
zu. Häufig werden von uns Anliegen aufgegriffen, die später
als Selbstverständlichkeit gelten. Der WWF übernimmt eine wichtige
Sensibilisierungs-Aufgabe und ist zu einer politischen Kraft geworden,
die nicht mehr wegzudenken ist.
Konzentriert sich der WWF nicht zu stark auf die Umwelt und vergisst
dabei den Menschen? Konkret: Lärmeinflüsse der NEAT im Rhonetal
sind kaum ein Thema?
Die NEAT ist vor allem ein Verkehrsanliegen, mit
dem sich in erster Linie der VCS befasst. Jede Umweltorganisation hat
ihre Schwerpunkte, aber wir arbeiten eng zusammen. Bei der NEAT
etwa dem 3. Geleise bei Visp haben wir den Lärmschutz analysiert.
Hier fordern wir, dass die Lärmschutzwände aus einheimischem
Holz und nicht aus Betonelementen erstellt werden.
Themawechsel: Warum braucht es den Wolf im Oberwallis?
Der Wolf gehört zu unserer Fauna wie Fuchs,
Adler oder Uhu auch. Der Wolf ist ein Grossraubtier, der eine Jagdstrategie
hat wie der Adler. Wolfsakzeptanz hat ganz einfach mit Toleranz zu tun.
Für den Wolf waren die Alpen vor seiner Ausrottung eines der wichtigsten
Rück-zugsgebiete. Heute erobert er das Gebiet wieder zurück.
Und hier hat er durchaus eine positive Aufgabe. Der Wolf kann unsere Jagd
unterstützen. Die Bestandeszahlen verschiedener Schalenwildtiere
vor allem des Hirsches waren noch nie so hoch wie jetzt. Wenn
wir ehrlich sind, muss man eingestehen: Die Jäger vermögen die
Abschussplanung nicht zu erfüllen. Unsere Forderung ist deshalb klar:
Die Jagdabteilung muss den Wolf in ihrer Abschussplanung miteinbeziehen.
Auf der Menukarte des Wolfs befinden sich aber
auch einige Schafe. Haben Sie Verständnis für den Ärger
der Schäfer?
Natürlich. Als Schaf- oder Ziegenhalter würde
mich der Verlust eines Tieres aufgrund eines Wolfangriffs auch schmerzen.
Aber man muss die Relationen sehen: Es kommen wesentlich mehr Schafe durch
Krankheiten oder Unfälle auf den Alpen ums Leben. Aber davon spricht
man nicht.
Was ist zu machen?
Die Kleinnutztierhalter müssen ihre Tiere besser
vor dem Übergriff des Wolfs schützen. Diese Möglichkeiten
kennt man heute: die Behirtung, Schutz durch Hund oder Esel und die Elektrozäune.
Die Bauern haben mit der Aufstockung der Beitragszahlungen für Behirtung
und Beweidung eine Riesenofferte auf dem Tisch. Wissen Sie das?
Sie haben Versuche durchgeführt. Wie waren
die Erfahrungen?
Die vier Schaf- und ZiegenhalterInnen, die im Oberwallis
an unserem 3jährigen Projekt teilgenommen haben, haben alle positive
Erfahrungen gemacht. Der Arbeits- und der Materialaufwand sind klar höher.
Aber der Schutz war sehr gut. Die Tierhalter stellten auch fest, dass
Schafe mit dem Fünf-Draht-Elektrozaun viel besser beisammengehalten
werden als mit einem herkömmlichen Maschendrahtzaun. Ein Fünf-Draht-Elektrozaun
hat 4'000 bis 5'000 Volt. Das hält jeden Wolf ab.
Man kann nicht alle Alpen einzäunen?
Das ist auch nicht die Meinung. Wir proklamieren
nicht, auf allen Alpen Fünf-Draht-Elektrozäune aufzustellen.
Im Dreistufenmodell sind Esel, Hund und Behirtung ebenso wichtig. Die
richtige Massnahme am richten Ort das gilt auch für den Elektrozaun.
Auf den Alpen ist zu prüfen, ob man mit festen Elektrozäunen
eine Art Schaffärrich macht, in den der Hirt am Abend die Tiere zusammentreibt.
Und wer übernimmt die Kosten?
Die Mehraufwände sollten vom Bundesamt für
Landwirtschaft und vom Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft
(BUWAL) übernommen werden. Wenn der Bund ja sagt zum Wolf, dann muss
er auch zu den Konsequenzen stehen. Dazu gehören vor allem die Mehrkosten.
Wir werden in nächster Zeit mit der Oberwalliser Landwirtschaftskammer
Kontakt zur weiteren Zusammenarbeit aufnehmen.
Wie haben die Schafzüchter auf Ihre Vorschläge
reagiert?
Bis jetzt hatten wir keine direkten Reaktionen der
Schafhalter. Das hängt aber auch damit zusammen, dass es gegenwärtig
im Oberwallis um den Wolf still ist. Sobald der nächste Wolf einwandert,
werden die Emotionen wieder hochgehen. Deshalb sollte diese wolfsfreie"
Zeit dazu genutzt werden, die Diskussion zu versachlichen. Diese Elektrozäune
werden in anderen Ländern schon lange angewandt. Wir wollten mit
dem Versuch aufzeigen, dass diese Schutzmassnahmen auch für das Oberwallis
möglich sind. Aber auch die offizielle Politik muss ihren Beitrag
zu dieser Versachlichung der Wolfsdebatte beitragen. Es hilft nichts,
wenn Politiker und Staatsbeamte immer wieder Öl ins Feuer giessen.
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