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Frontal-Interview:
„Der Staatsrat muss eine klare Tourismuspolitik definieren“


Urs Zenhäusern
 
Oberwallis / Die Tourismusbranche ist nervös. Nach Einbussen im vergangenen Winter geht man mit viel Skepsis in die neue Sommersaison. Für die RZ Grund genug, beim höchsten Walliser Touristiker, Urs Zenhäusern, nachzufragen.

Von German Escher und Ruth Seeholzer

Haben Sie Ihre Sommerferien schon geplant?

Zumindest terminlich ja. Voraussichtlich werde ich mit der Familie die nächsten zwei Wochen im Chalet des Vaters in Bürchen die frische Bergluft geniessen.

Sind Bergferien im Trend?

Wenn wir die Bevölkerungspyramide anschauen, stellen wir fest, dass die über 50jährigen stark zunehmen werden. Das ist ein eher kaufkräftiges Kundensegment, das aber nicht unbedingt Ramba Zamba, sondern Entspannung sucht. Verschiedene Studien belegen: Mit Bergferien auf 1500 bis 2000 Meter erholt sich der Mensch am besten. Gesundheit und Natur werden im 21. Jahrhundert noch mehr an Bedeutung gewinnen.

Trotzdem gehen die Logiernächte zurück. Der letzte Winter brachte dem Walliser Tourismus ein Minus.

Das Winterergebnis muss man relativieren. Die Zahlen der Parahotellerie liegen noch nicht vor. In der Hotellerie gingen die Übernachtungen um 1,4 Prozent zurück – und das im Vergleich zu einem Spitzenwinter im Vorjahr, als wir ein Plus von rund vier Prozent erzielten. Das Winterambiente wurde von den bescheidenen Schneemengen in der ganzen Schweiz geprägt. Deshalb gingen auch weniger Schweizer auf die Piste – und das, obwohl in den Walliser Skigebieten die Schneeverhältnisse im Unterschied zu anderen Gebieten gut waren.

Welche Rolle spielt der Euro?

Die deutschen Gäste reagieren sehr sensibel auf den Wechselkurs. Das war schon bei der D-Mark so und hat sich mit dem Euro nicht geändert. Beide Währungen waren zuletzt gegenüber dem Franken schwach. Zudem hemmt die wirtschaftliche Situation die Reise- und Ferienlust der Deutschen. Der Euro ist also nicht der einzige Grund. In anderen Euroländern - Frankreich, Italien und vor allem Belgien – konnten wir zulegen.

Geht es dem Wallis gleich wie Mallorca, wo bis zu 40 Prozent weniger Deutsche ihren Urlaub verbringen?

Das ist ein Problem. Jeder fünfte Gast stammt aus Deutschland. Aber wir sind auch auf anderen Märkten aktiv. Im Unterschied zu Graubünden oder zum Berner Oberland konnten wir Einbussen auf anderen Märkten kompensieren. Nur ein Beispiel: In Grossbritannien ist das Interesse an Walliser Ferien stark gestiegen. In der Hotellerie ist Grossbritannien heute nach der Schweiz und Deutschland der drittwichtigste Markt. Hier machen sich unsere intensiveren Marketingbemühungen bezahlt.

Seit Jahren spricht man von professionelleren Strukturen. Geschehen ist aber herzlich wenig.

Es bewegt sich viel, aber relativ langsam. Die Destinationsdebatte wird eigentlich in jeder Region geführt. Vielerorts sind diese Destinationen umgesetzt – beispielsweise im Goms, wo sich glücklicherweise auch der VV Obergoms zum Mitmachen entschieden hat. Auch im Unterwallis sind verschiedene Destinationen – beispielsweise Sierre Anniviers – entstanden. Auch bei den Bergbahnen ist aufgrund der wirtschaftlichen Situation vieles in Bewegung.

Aber die Destination Aletsch ist doch noch heute in den Geburtswehen?

Das Aletsch hat in der Destinationsfrage im Wallis einmal eine führende Rolle gespielt. Heute sind sie im Walliser Vergleich im Hintertreffen. Dieses Gebiet ist etwas Einmaliges. Der Aletschgletscher hat fast etwas Magisches. Ich bin überzeugt, da wäre vor allem im Sommertourismus noch einiges zu machen. Obwohl es nicht an mir ist, hier operativ einzugreifen, werde ich gemeinsam mit dem Direktor von Schweiz Tourismus versuchen, die Destination-Diskussion voranzutreiben. Wir werden uns im Herbst mit touristischen und politischen Entscheidungsträgern treffen, um über die neuen Marktanforderungen und über die dringend notwendige Destinationsbildung zu diskutieren. Ein kleines Beispiel: Art Furrer hat mich auf eine Broschüre von Schweiz Tourismus angesprochen, die er in Lima gesehen hat. Er hat das Produkt gelobt, aber gefragt, warum man kein Bild vom Aletschgletscher sehe. Meine Antwort war einfach und hat ihn überzeugt: Wenn die Destination Aletsch vier bis fünf Kurdirektoren beschäftigt, fehlen andernorts einfach die Marketinggelder.

Aber es gibt noch ebenso viele Bergbahndirektoren.

Das stimmt. Aber die Entwicklung muss Schritt für Schritt gehen und kann auch parallel erfolgen. Wallis Tourismus kann hier nur motivierend einwirken. Letztlich muss die Überzeugung einer längerfristigen Zusammenarbeit an der Basis wachsen.

Den Mitbewerber plötzlich als Partner anzusehen – damit tun sich viele Oberwalliser Touristiker schwer?

Viele haben Mühe einzusehen, dass ein grossräumigeres Denken mehr Konsum und Umsatz bringt. Da herrscht die Angst vor, der Gast könnte dann am falschen Ort etwas konsumieren. Man muss das Produkt verkaufen. Einzelne Hoteliers geben ein gutes Beispiel ab. Sie verkaufen nicht primär ihr Hotel, sondern das gesamte Angebot – beispielsweise mit einem Ausflug auf den Gornergrat. Natürlich besteht das Risiko, dass der Gast das nächste Mal in Zermatt übernachtet. Aber generell kommt so mehr Umsatz in die Region.

Muss nicht auch der Preis stimmen und eine gewisse Bettenkapazität vorhanden sein? Hier hat die Walliser Hotellerie noch eine happige Strukturbereinigung vor sich.

Natürlich kurbelt ein tiefer Preis den Konsum an. Das stimmt. Aber man darf nicht zu kurzfristig denken und nur die Bettenbelegung steigern wollen. Man muss auch amortisieren und reinvestieren können. Man vergleicht das Wallis gerne mit Österreich. Aber auch dort hat die Hotellerie, die bis zu 80 Prozent fremdfinanziert ist, mit Schwierigkeiten zu kämpfen. Die tieferen Preise führen heute in Österreich dazu, dass viele Betriebe nicht reinvestieren können. Das ist eine Gefahr. Deshalb müssen wir uns auf das Preis-Leistungsverhältnis und nicht auf Billigangebote konzentrieren. Im Sommer ist auch Lech nur zu 20 Prozent ausgebucht. Unsere Hauptkonkurrenten sind also nicht Österreich, sondern die billigen Badedestinationen. Hier mithalten zu wollen, ist die falsche Strategie.

Und wie sieht die richtige Strategie aus?

Wir haben ein exklusives Produkt. Im Winter gibt es nicht viele Länder, die ein solches Wintersportangebot präsentieren können. Wegen der Klimaerwärmung haben wir dank unserer Höhenlage und der Gletscher gegenüber unseren Mitbewerber einen weiteren Marktvorteil. Im Sommertourismus haben wir neben anderen Superlativen den meistfotografierten Berg der Welt und neu das UNESCO-Weltnaturerbe. Unsere Mitbewerber beneiden uns heute um diese Vorzüge.

Aber im Vergleich zu Österreich sind wir zu teuer.

Wenn es der österreichischen Hotellerie so gut ginge, wären nicht viele Betriebe zu 80 Prozent fremdfinanziert. Das kann nicht der Weg sein. In diesem Konkurrenzkampf wird die staatliche Mithilfe immer wichtiger. Wir haben im Wallis dieses Jahr endlich eine legale Basis für die Beschneiungsanlagen geschaffen. Aber gleichzeitig werden im Ausland bereits Schneekanonen subventioniert. Das führt zu Marktverzerrungen.

Hat die Politik versagt oder haben wir nach wie vor zuviel Dorfkönige und Branchenfremdliche in den Vorständen und Verwaltungsräten?

Es geht uns offenbar noch immer zu gut. Also wieso sollte man Kooperationen oder Fusionen eingehen? In vielen Betrieben fehlt die Einsicht zu kooperieren. Aber eines ist klar: Der Druck wird weiter zunehmen. Das betrifft nicht nur die Bergbahnen, sondern auch die Hotellerie. Noch wissen viele Hoteliers nicht, wie sie den nächsten Bankkredit ablösen können. Mag sein, dass die Politik zu spät reagiert hat. Wir hoffen, dass der Staatsrat dieses Jahr eine klare Tourismuspolitik definiert. Aber die Branche hat eine gewisse Selbstverantwortung wahr zu nehmen.

Aber der kleinstrukturierten Branche fällt es schwer, auf Marktentwicklungen zu reagieren.

Das stimmt. Wir können Betriebe auch nicht zu Kooperationen zwingen. Das trifft auch auf die Bergbahnen zu, die bisher vielerorts fast einen Service Public bieten. Wenn sich die Gemeinden, die selber mit Finanzproblemen kämpfen, aus den Bergbahnen allmählich zurückziehen, dann hat das Folgen – beispielsweise auf den Sommerfahrplan.

Wenn sich Gemeinden nicht mehr engagieren, müssen sich vielleicht einige kleine Stationen aus dem Tourismus verabschieden?

Diese Frage muss die Tourismuspolitik beantworten. Der Staat muss hier eine Strategie entwickeln ähnlich wie in den regionalen Entwicklungskonzepten. Der Kanton muss definieren, wo er in Zukunft noch welche touristische Entwicklung sieht. Nicht dass sich einige Dörfer aus dem Tourismus verabschieden müssen. Aber zumindest Neuausrichtungen sind unumgänglich. Davon sind aufgrund der Klimaerwärmung vor allem die tiefer gelegeneren Skiregionen betroffen.

Der Kanton wird kaum beschliessen, welche Gemeinde sich aus dem Tourismus zurückziehen muss?

Da bin ich mir nicht so sicher. Es wird gegenwärtig die Schaffung eines Investitionsfonds für die Bergbahnen diskutiert, an dem sich nebst Kapitalgebern auch der Kanton beteiligen sollte. Wenn der Staat hier mithelfen soll, dann wird er auch überlegen müssen, wo der Tourismus in Zukunft noch seine Berechtigung hat. Die Zeiten sind vorbei, in denen der Kanton von Gletsch bis zum Genfersee proportional Gelder verteilen konnte.

Immer mehr Verkehrsvereine hoffen auf die Tourismusförderungstaxe. Doch die Umsetzung harzt. Warum?

Die Anwendung ist in der Tat etwas kompliziert. Eine kantonale Tourismusförderungstaxe wäre klüger gewesen. Jetzt müssen wir mit den Gesetzesgrundlagen arbeiten, die wir haben. Die Wertschöpfungsstudie zeigt, dass praktisch alle Branchen vom Tourismus profitieren – auch hier in Brig oder Naters. Auch die Destination Aletsch ist auf die Tourismusförderungstaxe angewiesen. Generell muss die Tourismussensibilität verbessert werden – von der Politik über das Gewerbe bis zum einzelnen Bürger.

Kehren wir zurück zum Alltagsgeschäft: Wie wird der Sommer 2002?

Prognosen sind sehr schwierig. Die Situation ist derzeit ruhig. Das stimmt mich etwas bedenklich. Der asiatische Markt wird sich im Unterschied zu den USA nur langsam erholen. Den Deutschen fehlt generell die Reiselust. Das trifft uns ebenso wie unsere Mitbewerber. Aber das Sommergeschäft ist heute sehr kurzfristig. Und da wird auch das Wetter eine wichtige Rolle spielen. Aber wir und auch Schweiz Tourismus haben noch nie soviel unternommen für den Sommer in den Walliser Bergen. Also bleiben wir doch zuversichtlich, zumal die beiden letzten Sommersaisons relativ gute Resultate auswiesen. Da imponieren mir die Deutschen Fussballer, die bis zum Schlusspfiff kämpfen. Wer weiss, vielleicht erzielt der Walliser Tourismus das nächste Golden Goal.


 

 

      
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