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Frontal-Interview:
„Als Heli-Pilot bewegt man sich ständig am Limit!“


Gerold Biner
 
Zermatt / Sie holen tausende verunglückter Bergsteiger und Wanderer aus Felswänden oder Skifahrer von den Pisten. Bei schwierigsten Flug- und Wetterbedingungen sind die fliegenden Retter unterwegs. Was ist wirklich dran am Traumjob Heli-Pilot? Gerold Biner (39) hat sich seinen Bubentraum verwirklicht und ist seit 13 Jahren Pilot bei der Air-Zermatt. Im RZ-Interview erzählt er über seine Rettungseinsätze und spricht offen über sein traumatisches Erlebnis bei einem Heli-Absturz.

Von Walter Bellwald

Sie kommen gerade von einem Einsatz zurück. Was ist passiert?

Wir waren am Matterhorn und haben einen Bergsteiger aus der Wand geholt, der sich einen Beinbruch zugezogen hatte.

War das ein Routineeinsatz für Sie?

Nein, ein Rettungsflug am Matterhorn ist immer etwas Spezielles. Auch das Wetter war nicht sonderlich gut, es hatte Nebel. Aber der Einsatz ist gut gelaufen.

Wie viele Berggänger sind zurzeit in den Alpen unterwegs?

In den oberen Regionen hat es immer wieder ein bisschen geschneit, die Verhältnisse sind aber trotzdem relativ gut. Auf den klassischen Routen sind schon viele Alpinisten unterwegs. Bis jetzt verhält es sich aber dennoch eher ruhig. Aber der grosse Run auf die Berge kommt noch, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Seit 19 Jahren arbeiten Sie bei der Air Zermatt und seit 13 Jahren sind Sie Heli-Pilot. Wie sind Sie eigentlich zur Fliegerei gekommen?

Es war immer ein Bubentraum von mir. Ich war früher ein begeisterter Sportler und habe Tennis und Hockey gespielt. Nach der Schule habe ich mich dann für eine Mechanikerlehre entschieden. Mein Vater war nicht so zufrieden, er hätte es lieber gesehen, wenn ich eine Sportlerlaufbahn eingeschlagen hätte. Mein Vater war selbst ein begnadeter Sportler, konnte aber seine Leidenschaft nie zum Beruf machen, weil er eine Bäckerei in Zermatt übernommen hat. Bei mir war es genau umgekehrt. Ich hatte die Möglichkeit, voll auf den Sport zu setzen, habe mich dann aber für eine normale Berufslehre entschieden.

Wollten Sie schon damals Heli-Pilot werden?

Ja, ich hatte schon damals den grossen Wunsch, einmal Pilot zu werden. Ich habe zuerst die Lehre beim Militär in Sitten gemacht und gleich danach bin ich zur Air Zermatt gegangen. Ich habe sozusagen eine Tellerwäscher-Karriere hinter mir (lacht). Zuerst arbeitete ich als Flughelfer, machte dann meine Mechaniker-Lizenz und erst anschliessend habe ich das Flug-Brevet gemacht.

Was fasziniert Sie an der Fliegerei?

Ich kann mich frei im Raum bewegen und spüre die Kräfte, die auf mich einwirken. Das ist genial. Natürlich ist auch der Ausblick auf die schöne Bergwelt ein wichtiger Aspekt. Es ist eine Kombination zwischen dem Technischen und der wunderschönen Gegend, die auf mich einwirkt: Das macht die Faszination am Fliegen aus. Das ist ein inneres Feuer, das nicht so schnell erlischt.

Ist Heli-Pilot ein Traumjob?

Für mich ist es nach wie vor ein Traumjob...

...der mit vielen Gefahren verbunden ist?

Sicher gibt es bei meiner Arbeit auch heikle Situationen zu meistern, aber ich glaube, das hält sich in Grenzen. Wenn man die Risiken und andere negative Seiten meines Jobs sieht, dann muss hinter der Arbeit eine riesige Faszination stecken, damit sich das ganze im Gleichgewicht hält.

Haben Sie selber auch schon heikle Momente erlebt?

Ja, solche Momente gibt es sehr oft. Ich habe selber schon einen Absturz miterlebt. Ich war allein unterwegs und habe Heu transportiert, als ich in ein Kabel geflogen bin. Ich habe es nicht gekannt und nicht gesehen. Der Absturz war wie „än Tätsch än d’Ohre“. Ein paar Sekunden später war ich am Boden. Ich hatte unheimlich viel Glück und bin mit starken Prellungen und einer Gehirnerschütterung davongekommen. Der Heli war total zerstört. Noch am Unfallort habe ich meiner Frau versprochen, dass ich nicht mehr fliege. Aber schon vier Tage später war ich wieder in einem Heli unterwegs (lacht).

Wie kommt es zu solchen Situationen?

Der Pilot steht immer am Schluss der Kette von unglücklichen Ereignissen, die einen Absturz verursachen. Aber in neunzig Prozent der Fälle liegt die Schuld beim Piloten. Es gibt einen guten Spruch in der Fliegerei: Wenn der Herrgott gewollt hätte, dass der Mensch fliegen kann, dann hätte er ihm Flügel gegeben. Ein Pilot kann viel an Erfahrung und Instinkt in eine gewisse Situation einbringen. Man darf aber nicht vergessen, dass man sich in der freien Natur bewegt, da sind die Gefahren nicht immer klar ersichtlich. Man bewegt sich ständig am Limit und weiss nicht, ob man die Grenze schon überschritten hat. In der Fliegerei gibt es immer eine gewisse Grauzone.

Wie haben Sie den Unfall verarbeitet, haben Sie psychiatrische Hilfe in Anspruch genommen?

Vor zehn Jahren war die psychologische Betreuung noch kein Thema. Man musste den Vorfall selber verarbeiten. Das ganze hat natürlich entsprechend lange gedauert. Ich habe ein paar Nächte schlecht geschlafen und wild geträumt. Heute können wir nach heiklen Rettungen oder Todesfällen auf professionelle Hilfe zurückgreifen, das sogenannte Debriefing. Auch Gespräche innerhalb der Crew helfen über Ereignisse hinweg.

Wird die Hilfe auch tatsächlich in Anspruch genommen oder besteht in Fliegerkreisen nicht auch ein bisschen ein Macho-Gehabe?

Um unsere Arbeit auszuführen, braucht es sehr viel Fingerspitzengefühl, und feinfühlige Menschen sind höchstwahrscheinlich auch ein bisschen sensibler als andere. Einen „Holzhacker-Typen“ können wir in unserem Job nicht gebrauchen. Wir wurden beispielsweise zu einem Unfall gerufen, wo eine Frau in eine Schneefräse geraten war. Als ich an den Unfallort kam, habe ich ein grässliches Bild angetroffen: Der Körper der jungen Frau war in tausend Stücke zerfetzt und nicht mehr erkennbar. Solche Bilder bleiben in Erinnerung und lassen sich nicht einfach wegstecken. Da ist man froh, wenn man auf professionelle psychologische Hilfe zurückgreifen kann.

Als Heli-Pilot sind Sie vielen Stresssituationen ausgesetzt. Wie gehen Sie damit um?

Für mich ist es wichtig, dass ich mich nicht nur geistig, sondern auch körperlich fit fühle. Dann kann ich den Stress besser verarbeiten. Man wächst allmählich in seine Aufgabe hinein. Wir sind einem enormen Konkurrenzdruck ausgesetzt. Auch der interne Leistungsauftrag der Piloten bei den Transportflügen hat dazu beigetragen. Aber mittlerweile konnten wir die Situation glücklicherweise entschärfen.

Ärgern Sie sich, wenn Sie zu einem Einsatz gerufen werden, wo sich Berggänger oder Tourenskifahrer fahrlässig in Gefahr begeben haben?

Nein. Das ist auch nicht Sinn oder Zweck einer Rettung. Es geht dabei nicht um Ausrüstung oder Geld. Wenn man uns braucht, dann sind wir da. Natürlich gibt es unmögliche Situationen: Wenn zum Beispiel jemand anruft, er müsse unbedingt an eine Sitzung nach Zürich, ob man ihn nicht aus der Matterhornwand herausfliegen könne. Anderseits gibt es Alpinisten, vor allem aus Osteuropa, denen die nötigen finanziellen Mittel für eine Rettung fehlen. Wenn man solchen Leuten aus finanziellen Gründen einen Flug verwehrt und sie stürzen ab, dann macht man sich strafbar. Darum gilt der Grundsatz: Wenn man unsere Hilfe braucht, dann fliegen wir den entsprechenden Einsatz. Ärgerlich ist einzig, wenn die Leute im nachhinein nicht zahlen wollen oder falsche Anschuldigungen machen. „Der Herrgott het leider allerlei Choschtgänger“, aber damit muss man leben.

Wie erleben Sie einen Rettungseinsatz, bei dem Sie einen Menschen nur noch tot bergen können?

Man lehrt bei den Rettungen zu akzeptieren, dass wir nicht über Leben und Tod entscheiden können. Man kann sich nur immer Mühe geben und die vorhandenen Möglichkeiten ausschöpfen. Über Erfolg oder Misserfolg hat der Pilot keinen Einfluss, „das entscheidud där da obena“.

Sie waren auch schon bei mehreren Film-Drehs für die Sendung „Notruf“ auf RTL dabei?

Wir haben bis heute 16 Sendungen gedreht, davon war ich bei sieben, acht Sendungen mit dabei. Wir haben die Einsätze aber auf alle Piloten verteilt. Das ganze ist nicht nur ein Werbedreh für die Region, sondern hat auch präventiven und schulischen Charakter. Die Geschichten, die wir nachgedreht haben, werden heute als Lehrfilme für die verschiedenen Rettungsorganisationen verwendet. Aus der Zusammenarbeit mit dem Filmteam hat sich inzwischen eine gute Freundschaft entwickelt. Sie suchen gute Beiträge und Bilder und buhlen damit um hohe Einschaltquoten und für uns ist es der Beweis, dass unsere Region einen hohen Stellenwert hat.

Sie sind nicht nur Heli-Pilot, sondern auch Flugbetriebsleiter. Was beinhaltet diese Aufgabe?

Ich bin verantwortlich für die Piloten und Flughelfer und die medizinische Begleitung. Dazu bin ich das Bindeglied zum Bundesamt für Zivilluftfahrt (BAZL). Ich bin verantwortlich, dass die gesetzlichen Normen eingehalten werden und koordiniere die Ausbildung der verschiedenen Ressortchefs. Daneben gebe ich auch selber Flugstunden. In meiner „Freizeit” bilde ich auch Jungpiloten aus. Ich trainiere aber auch eigene Piloten im Transport und Rettungswesen.

Neben Transport- und Rettungsflügen bieten Sie auch Rund- und Heliskiingflüge an. Viele Umweltschutzorganisationen wehren sich gegen dieses Angebot und fordern ein Verbot von Helikopterlandungen im Gebirge zu rein touristischen Zwecken. Macht das Sinn?

Bei vielen Gegnern des Heliskiing lautet das Motto: Zurück zur Natur, aber ja nicht zu Fuss. Bei den meisten Argumenten dieser Wasserprediger und Weinsäufer kann man schon einen dicken Hals kriegen. Das Heliskiing hat nicht nur eine grosse wirtschaftliche Bedeutung für die gesamte Region, sondern ist auch lebenswichtiges Training für uns Piloten. Wir bringen ja nicht nur Touristen auf den Berg, sondern führen im selben Gebiet auch Rettungen durch. Durch diese Flüge erhöht sich sowohl die Sicherheit für alle Beteiligten, als auch die Qualität bei den Rettungseinsätzen. Würde das Heliskiing wegfallen, müssten wir trotzdem Trainingsflüge durchführen. Das ist ein rechtlicher Grundsatz. Mit dem Heliskiing entsteht ein wirtschaftlicher Nutzen, den wir sinnvoll nutzen. Die meisten Argumente der Gegner sind fadenscheinig und wurden mit uns noch nie diskutiert. Komischerweise gibt es trotzdem immer noch genügend Wild oder eher noch mehr, obwohl das Heliskiing für den angeblichen Rückgang des Wildes verantwortlich sein soll und das, obschon seit den 50er Jahren, angefangen mit Hermann Geiger, Touristen mit Flugzeugen oder Helikoptern in die Berge geflogen werden.

Die Gegner argumentieren, dass die Bergdörfer durch den Lärm an Lebensqualität verlieren?

Ein gewisser Lärm ist natürlich unabdingbar. Wir geben uns aber die grösste Mühe, die Lärmschwelle so niedrig wie möglich zu halten. Wir wählen unsere Flugrouten so, dass möglichst keine Wohnagglomerationen tangiert werden. Auch die Flugbewegungen halten sich in Grenzen, die Tendenz ist stagnierend. Bei der Beschaffung von neuen Helikoptern sind wir darauf bedacht, den Lärmpegel möglichst niedrig zu halten. Der neue Helikopter, den wir auf Ende Jahr bekommen, hat einen neuen Heckrotor, der viel weniger Lärm entwickelt. Der Kostenpunkt liegt bei fünf Millionen. Aber wir wollen auch hier ein Zeichen setzen, damit die Lebensqualität erhalten bleibt.


 

 

      
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