| Brig/ Oberwallis / Während 15 Jahren
hat er die Autobahnpolitik und planung wesentlich mitgeprägt,
die letzten acht Jahre als Sektionschef Nationalstrasse Oberwallis. Ende
Juli ging Charles Schwarzen in Pension. Im RZ-Interview zieht er Bilanz,
nimmt Stellung zu einzelnen Abschnitten und Kritiken und sagt offen: In
der Autobahndiskussion sind einzelne Kreise recht stur.
Von German Escher und Ruth Seeholzer
Seit einigen Tagen sind Sie in Pension. Ein gutes
Gefühl?
In der Tat. Ich glaube, ich darf mit dem Erreichten
zufrieden sein auch wenn mir ab und zu nicht alles gepasst oder
nur Freude bereitet hat.
Bis vor kurzem haben Sie Autobahnen gebaut und
geplant, jetzt haben Sie selber mehr Zeit zum Autofahren. Gibts
für den früheren Autobahnplaner eigentlich eine Lieblingsstrecke
in der Schweiz?
Wenn ich in die Deutschschweiz unterwegs bin, benutze
ich selten die Autobahn. Meistens fahre ich über die Gommer Pässe.
Im Oberwallis wird Visp Ost - Brig meine Lieblingsstrecke sein. Bei der
Planung dieses Teilstücks war ich von Anfang an dabei. Grundsätzlich
glaube ich, dass die Autobahn Siders-Brig ein gutes Projekt wird.
Eigentlich hätte das erste Oberwalliser Autobahnteilstück
bei Gamsen zu Ihrer Pensionierung eröffnet werden sollen. Warum hats
nicht geklappt?
Vor drei oder vier Jahren habe ich mir das Ziel gesetzt,
dass das erste Oberwalliser Teilstück bis zu meinem Geburtstag am
17. Juli 2002 eröffnet werden kann. Die verschiedenen Einsprachen
vor allem gegen die Arbeitsvergabe und deren Behandlung
vor Kantonsgericht führten zu mehrmonatigen Verzögerungen. Eine
Teileröffnung hätte wenig Sinn gemacht. Jetzt wird das Teilstück
im Oktober dem Verkehr übergeben.
Aber es gab auch andere Ziele.
Richtig. Ich wollte bis zu meiner Pensionierung die
definitive Genehmigung des Ausführungsprojektes der Teilstücke
Visp Ost Visp West sowie Visp West Gampel durch den Bundesrat.
Aus bekannten Gründen kam es zu Verzögerungen. Dass es nicht
mehr gereicht hat, hat mich enttäuscht. Heute kann ich es offen sagen:
Ich habe nie verstanden, wieso der Staatsrat hier nicht schneller entschieden
hat.
Der Bürger stellt einfach mit Kopfschütteln
fest, dass es nur sehr zögernd vorwärts geht.
Das stimmt, dass die Verzögerung nur schwer
zu verstehen ist, zumal die Berichterstattung in der Tagespresse oft sehr
subjektiv oder einseitig war. Tatsache ist, dass wir bezüglich der
Südumfahrung Visp wegen Aufsichtsbeschwerden und der Einschaltung
der eidgenössischen Finanzkommission, die von denselben Kreisen angegangen
wurde, rund zwei Jahre verloren haben. Jetzt sollten wir aber soweit sein,
dass der Bundesrat Grünes Licht für die Südvariante von
Visp gibt. Dieselben Leute, die angeblich die besseren Planer sind, meinen
heute, dass wir innert sechs Monaten mit den Arbeiten beginnen können.
Aber so einfach ist es nicht. Die Vergabe der Mandate kann heute Monate
dauern. Erst dann beginnt die Detailprojektierung, die von Bern genehmigt
werden muss, bevor die einzelnen Arbeiten ausgeschrieben werden können.
Zudem kann gegen die einzelnen Vergaben noch Beschwerde eingereicht werden.
Aber der Vorwurf, dass man früher bei vereinzelten
Teilstücken nebst der Bevölkerung vorbei geplant hat, steht
schon im Raum.
Das mag teilweise zutreffen. Allerdings muss man
sich erinnern: Der Bundesrat hat einmal die Linienführung bis Brig
festgelegt. Daran wurde im Wesentlichen nicht viel geändert
bis auf den Abschnitt in Visp. Die Linienführung entlang der Lonza
wäre beinahe realisiert worden. Dann hat man im Norden so viele Varianten
studiert, bis man sich schliesslich gesagt hat, wieso eigentlich nicht
eine Südvariante planen. In dieser Variantendiskussion gingen rund
15 Jahre verloren. Grundsätzlich glaube ich nicht, dass neben der
Bevölkerung vorbeigeplant wurde. Wir haben immer wieder die Gemeinden
miteinbezogen. Häufig sind wir im guten Einvernehmen auseinander
gegangen und mussten dann einige Tage später mit Erstaunen aus der
Presse zur Kenntnis nehmen, dass man mit der vorgeschlagenen Lösung
nun doch nicht einverstanden ist. In der Autobahndiskussion sind einzelne
Kreise recht stur.
Baltschieder ist die einzige Gemeinde, die sich
noch wehrt.
Das stimmt. Aber hier bin ich zuversichtlich, dass
sich diese Stimmung legen und die Einsprache zurückgezogen wird.
Blicken wir in die Zukunft: Nach dem Abschnitt
Visp Ost Brig wird welches Teilstück wann eröffnet?
Nach Brig-Visp wird das Teilstück Leuk-Gampel
folgen. Hier sind die Vorarbeiten (Verlegung der Hochspannungs- und Gasleitung)
im Gang. Im nächsten Jahr werden die Arbeiten im grossen Stil losgehen.
Die Autobahneröffnung Leuk-Gampel dürfte voraussichtlich 2006
oder 2007 sein.
Und die Südumfahrung Visp?
Die Südumfahrung Visp wird frühestens 2008
eröffnet. Der Staatsrat hat bekanntlich die Einsprachen abgelehnt
und der Südvariante zugestimmt. Ob die Einsprecher weiter rekurrieren,
ist noch offen.
Dieses Bauziel scheint mir sehr optimistisch?
Wir werden den Tunnelausbruch von vier Seiten in
Angriff nehmen. Also von Grosshüs aus mit zwei Bohrmaschinen und
dasselbe von Staldbach aus. In fünf bis sechs Jahren Bauzeit sollten
diese Röhren befahrbar sein. Den Vispertaltunnel mit einer Länge
von 3,3 Kilometer haben wir in fünf Jahren erstellt. Die Tunnels
von Staldbach bis Grosshüs sind rund 4,2 Kilometer lang. Bei einem
beidseitigen Vortrieb sollte das Bauziel also realistisch sein.
Wenn es keine geologischen Überraschungen
gibt?
Die Prognosen des Geologiebüros sind beim Ausbruch
des Sondierstollens fast zu 95 Prozent eingetroffen. An einigen Stellen
wird der Tunnelbau sicher nicht einfach sein. Aber die geologischen Probleme
sind nicht gravierend.
Ist in der Südumfahrung eine Etappierung
möglich?
Nach den verschiedenen Tunnelbränden verlangt
das Bundesamt aus Sicherheitsgründen den Bau von zwei Tunnelröhren.
Aber es müssen nicht beide fertig ausgebaut sein. Es wäre also
denkbar, eine Röhre vorzeitig in Betrieb zu nehmen sofern
die zweite Röhre im Notfall als Fluchtröhre genutzt werden könnte.
Aber die Zeitersparnis wäre gering. Wir tendieren deshalb darauf,
beide Tunnels gleichzeitig voll auszubauen.
Bleibt noch der Abschnitt Visp West bis Gampel?
Diesem Teilstück räumt der Staatsrat die
niedrigste Priorität ein. Es ist ein relativ einfacher Autobahnabschnitt,
der in zwei bis drei Jahren Bauzeit realisiert werden kann.
Wird der momentane Spardruck des Bundes den Autobahnbau
im Oberwallis verlangsamen?
Das glaube ich nicht. Das eidgenössische Parlament
kürzt zwar regelmässig das Nationalstrassenbudget. Zudem stehen
im Raum Zürich, Biel und Neuenburg grosse Autobahnprojekte an. Aber
darunter sollte das Oberwallis nicht leiden. Der Abschnitt Siders bis
Brig wird rund 2,3 Milliarden kosten. Das lässt sich ohnehin nicht
in fünf bis acht Jahren verbauen. Das wären rund 300 Millionen
Franken Bauvolumen im Jahr. Sinnvoller und finanzierbarer wäre ein
Bauprogramm bis 2012 mit jährlich rund 240 Millionen. Das wäre
verkraftbar. Klar, der Bund wird etwas sparsamer. Bei einer Kürzung
des Nationalstrassenbudgets von 6 Prozent trifft es das Oberwallis mit
rund 15 Millionen Franken pro Jahr. Damit will ich sagen: Wegen des Spardrucks
wird also kein Autobahnteilstück zurückgestellt.
Zur Nationalstrasse gehört auch die Simplonpassstrasse
im Vergleich zu anderen Passstrassen ist dies eine ewige Baustelle.
Warum?
Wir haben vom Bund für den baulichen Unterhalt
in den nächsten fünf Jahren jeweils 12 bis 15 Millionen Franken
zur Verfügung. Dieses Budget müssen wir ausschöpfen, ansonsten
sind Kürzungen nicht auszuschliessen. Aber bis in zehn Jahren sollten
sämtliche Sanierungen abgeschlossen sein. Um dieses Ziel zu erreichen,
muss während den Arbeiten streckenweise eine Fahrbahn gesperrt werden.
Wir sind aber bemüht, die Baustellen so einzuplanen, dass es zu möglichst
wenig Staus kommt. Aber sind wir ehrlich: Wer bei der Fahrt über
den Simplon an allen möglichen und unmöglichen Stellen überholt,
gewinnt vielleicht fünf Minuten. Dieser Zeitgewinn steht in keinem
Verhältnis zum Risiko, das manche Automobilisten eingehen. Natürlich
hat der Schwerverkehr die Situation verschärft. Aber im Vergleich
zu den stundenlangen Staus am Gotthard sind fünf Minuten vor einer
Ampel am Simplon noch heilig.
Muss die Simplonpassstrasse infolge des zunehmenden
Schwerverkehrs baulich angepasst werden?
Es gibt nur wenig Möglichkeiten, Überholspuren
zu bauen. Regelmässige Kontrollen der Lastwagen bringen mehr als
bauliche Massnahmen. Die Abstände zwischen den Lastwagen müssen
eingehalten werden.
Welche Neubauten sind auf der Simplonsüdseite,
also in Gabi und Gondo, noch geplant?
Die Umfahrung Gabi ist für uns aufgrund der
starken Opposition kein Thema mehr. Es wird punktuelle Veränderungen
an der Kurve geben. In Gondo ist die Situation eine andere. Der Gemeinderat
drängt auf eine Umfahrungsstrasse. Unser Jurist bereitet derzeit
die Beantwortung der Einsprachen vor. Aber die Gondoneser müssen
sich bewusst sein: Mit der Umfahrungsstrasse könnte das Dorf auch
aussterben. Es braucht eine gewisse Attraktion im Dorf, damit die Leute
nicht vorbeifahren.
Aber die Nationalstrasse steht weiterhin zum Projekt
Gondo?
Selbstverständlich. Bis zur Katastrophe hat
man dem Projekt aufgrund der starken Opposition keine grosse Priorität
eingeräumt. Das hat sich nach der Katastrophe geändert. Aber
die Gondoneser müssen Vor- und Nachteile gut abwägen. Die Nationalstrasse
steht zu Gondo. Wir haben seit dem Unwetter für die Sicherheit der
Nationalstrasse in Gondo rund 40 Millionen Franken investiert.
Wenn Sie zurückblicken, was hat Sie persönlich
am meisten gefreut?
Die beruflichen Ziele konnte ich weitgehend erreichen.
Aber noch mehr gefreut hat mich die Unterstützung meiner Kinder.
Seit ich vor acht Jahren meine wunderbare Frau verloren habe, sind mein
Sohn Jean-Claude und meine Tochter Nicole immer da, wenn ich sie brauche.
Das war eine tolle Hilfe auch für den Beruf. Auch im Büro
Brig sind wir wie eine grosse Familie. Das Verhältnis zwischen den
Mitarbeitern ist wirklich sehr gut.
Hat die Kritik, der Sie und Ihre Mitarbeiter auch
ausgesetzt sind, diesen Teamgeist zusätzlich gestärkt?
Das mag sein. Aber wir waren stets bemüht, gegenüber
allen Kreisen offen zu bleiben. Für eine sachliche Diskussion haben
wir uns immer die notwendige Zeit genommen. Natürlich gab es auch
persönliche und unfaire Angriffe, die geschmerzt haben. Aber man
muss Kritik wegstecken können, um eine möglichst sachliche Diskussion
zu führen. Ich glaube, wir haben gegenüber Gemeinden, Ingenieurbüros
oder Unternehmungen ein gutes Verhältnis. Daran dürfte sich
auch mit meinem Nachfolger nichts ändern.
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