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Frontal-Interview:
„Die Südumfahrung Visp wird frühestens 2008 eröffnet“


Charles Schwarzen
 
Brig/ Oberwallis / Während 15 Jahren hat er die Autobahnpolitik und –planung wesentlich mitgeprägt, die letzten acht Jahre als Sektionschef Nationalstrasse Oberwallis. Ende Juli ging Charles Schwarzen in Pension. Im RZ-Interview zieht er Bilanz, nimmt Stellung zu einzelnen Abschnitten und Kritiken und sagt offen: „In der Autobahndiskussion sind einzelne Kreise recht stur.“

Von German Escher und Ruth Seeholzer

Seit einigen Tagen sind Sie in Pension. Ein gutes Gefühl?

In der Tat. Ich glaube, ich darf mit dem Erreichten zufrieden sein – auch wenn mir ab und zu nicht alles gepasst oder nur Freude bereitet hat.

Bis vor kurzem haben Sie Autobahnen gebaut und geplant, jetzt haben Sie selber mehr Zeit zum Autofahren. Gibt’s für den früheren Autobahnplaner eigentlich eine Lieblingsstrecke in der Schweiz?

Wenn ich in die Deutschschweiz unterwegs bin, benutze ich selten die Autobahn. Meistens fahre ich über die Gommer Pässe. Im Oberwallis wird Visp Ost - Brig meine Lieblingsstrecke sein. Bei der Planung dieses Teilstücks war ich von Anfang an dabei. Grundsätzlich glaube ich, dass die Autobahn Siders-Brig ein gutes Projekt wird.

Eigentlich hätte das erste Oberwalliser Autobahnteilstück bei Gamsen zu Ihrer Pensionierung eröffnet werden sollen. Warum hats nicht geklappt?

Vor drei oder vier Jahren habe ich mir das Ziel gesetzt, dass das erste Oberwalliser Teilstück bis zu meinem Geburtstag am 17. Juli 2002 eröffnet werden kann. Die verschiedenen Einsprachen – vor allem gegen die Arbeitsvergabe – und deren Behandlung vor Kantonsgericht führten zu mehrmonatigen Verzögerungen. Eine Teileröffnung hätte wenig Sinn gemacht. Jetzt wird das Teilstück im Oktober dem Verkehr übergeben.

Aber es gab auch andere Ziele.

Richtig. Ich wollte bis zu meiner Pensionierung die definitive Genehmigung des Ausführungsprojektes der Teilstücke Visp Ost – Visp West sowie Visp West – Gampel durch den Bundesrat. Aus bekannten Gründen kam es zu Verzögerungen. Dass es nicht mehr gereicht hat, hat mich enttäuscht. Heute kann ich es offen sagen: Ich habe nie verstanden, wieso der Staatsrat hier nicht schneller entschieden hat.

Der Bürger stellt einfach mit Kopfschütteln fest, dass es nur sehr zögernd vorwärts geht.

Das stimmt, dass die Verzögerung nur schwer zu verstehen ist, zumal die Berichterstattung in der Tagespresse oft sehr subjektiv oder einseitig war. Tatsache ist, dass wir bezüglich der Südumfahrung Visp wegen Aufsichtsbeschwerden und der Einschaltung der eidgenössischen Finanzkommission, die von denselben Kreisen angegangen wurde, rund zwei Jahre verloren haben. Jetzt sollten wir aber soweit sein, dass der Bundesrat Grünes Licht für die Südvariante von Visp gibt. Dieselben Leute, die angeblich die besseren Planer sind, meinen heute, dass wir innert sechs Monaten mit den Arbeiten beginnen können. Aber so einfach ist es nicht. Die Vergabe der Mandate kann heute Monate dauern. Erst dann beginnt die Detailprojektierung, die von Bern genehmigt werden muss, bevor die einzelnen Arbeiten ausgeschrieben werden können. Zudem kann gegen die einzelnen Vergaben noch Beschwerde eingereicht werden.

Aber der Vorwurf, dass man früher bei vereinzelten Teilstücken nebst der Bevölkerung vorbei geplant hat, steht schon im Raum.

Das mag teilweise zutreffen. Allerdings muss man sich erinnern: Der Bundesrat hat einmal die Linienführung bis Brig festgelegt. Daran wurde im Wesentlichen nicht viel geändert – bis auf den Abschnitt in Visp. Die Linienführung entlang der Lonza wäre beinahe realisiert worden. Dann hat man im Norden so viele Varianten studiert, bis man sich schliesslich gesagt hat, wieso eigentlich nicht eine Südvariante planen. In dieser Variantendiskussion gingen rund 15 Jahre verloren. Grundsätzlich glaube ich nicht, dass neben der Bevölkerung vorbeigeplant wurde. Wir haben immer wieder die Gemeinden miteinbezogen. Häufig sind wir im guten Einvernehmen auseinander gegangen und mussten dann einige Tage später mit Erstaunen aus der Presse zur Kenntnis nehmen, dass man mit der vorgeschlagenen Lösung nun doch nicht einverstanden ist. In der Autobahndiskussion sind einzelne Kreise recht stur.

Baltschieder ist die einzige Gemeinde, die sich noch wehrt.

Das stimmt. Aber hier bin ich zuversichtlich, dass sich diese Stimmung legen und die Einsprache zurückgezogen wird.

Blicken wir in die Zukunft: Nach dem Abschnitt Visp Ost – Brig wird welches Teilstück wann eröffnet?

Nach Brig-Visp wird das Teilstück Leuk-Gampel folgen. Hier sind die Vorarbeiten (Verlegung der Hochspannungs- und Gasleitung) im Gang. Im nächsten Jahr werden die Arbeiten im grossen Stil losgehen. Die Autobahneröffnung Leuk-Gampel dürfte voraussichtlich 2006 oder 2007 sein.

Und die Südumfahrung Visp?

Die Südumfahrung Visp wird frühestens 2008 eröffnet. Der Staatsrat hat bekanntlich die Einsprachen abgelehnt und der Südvariante zugestimmt. Ob die Einsprecher weiter rekurrieren, ist noch offen.

Dieses Bauziel scheint mir sehr optimistisch?

Wir werden den Tunnelausbruch von vier Seiten in Angriff nehmen. Also von Grosshüs aus mit zwei Bohrmaschinen und dasselbe von Staldbach aus. In fünf bis sechs Jahren Bauzeit sollten diese Röhren befahrbar sein. Den Vispertaltunnel mit einer Länge von 3,3 Kilometer haben wir in fünf Jahren erstellt. Die Tunnels von Staldbach bis Grosshüs sind rund 4,2 Kilometer lang. Bei einem beidseitigen Vortrieb sollte das Bauziel also realistisch sein.

Wenn es keine geologischen Überraschungen gibt?

Die Prognosen des Geologiebüros sind beim Ausbruch des Sondierstollens fast zu 95 Prozent eingetroffen. An einigen Stellen wird der Tunnelbau sicher nicht einfach sein. Aber die geologischen Probleme sind nicht gravierend.

Ist in der Südumfahrung eine Etappierung möglich?

Nach den verschiedenen Tunnelbränden verlangt das Bundesamt aus Sicherheitsgründen den Bau von zwei Tunnelröhren. Aber es müssen nicht beide fertig ausgebaut sein. Es wäre also denkbar, eine Röhre vorzeitig in Betrieb zu nehmen – sofern die zweite Röhre im Notfall als Fluchtröhre genutzt werden könnte. Aber die Zeitersparnis wäre gering. Wir tendieren deshalb darauf, beide Tunnels gleichzeitig voll auszubauen.

Bleibt noch der Abschnitt Visp West bis Gampel?

Diesem Teilstück räumt der Staatsrat die niedrigste Priorität ein. Es ist ein relativ einfacher Autobahnabschnitt, der in zwei bis drei Jahren Bauzeit realisiert werden kann.

Wird der momentane Spardruck des Bundes den Autobahnbau im Oberwallis verlangsamen?

Das glaube ich nicht. Das eidgenössische Parlament kürzt zwar regelmässig das Nationalstrassenbudget. Zudem stehen im Raum Zürich, Biel und Neuenburg grosse Autobahnprojekte an. Aber darunter sollte das Oberwallis nicht leiden. Der Abschnitt Siders bis Brig wird rund 2,3 Milliarden kosten. Das lässt sich ohnehin nicht in fünf bis acht Jahren verbauen. Das wären rund 300 Millionen Franken Bauvolumen im Jahr. Sinnvoller und finanzierbarer wäre ein Bauprogramm bis 2012 mit jährlich rund 240 Millionen. Das wäre verkraftbar. Klar, der Bund wird etwas sparsamer. Bei einer Kürzung des Nationalstrassenbudgets von 6 Prozent trifft es das Oberwallis mit rund 15 Millionen Franken pro Jahr. Damit will ich sagen: Wegen des Spardrucks wird also kein Autobahnteilstück zurückgestellt.

Zur Nationalstrasse gehört auch die Simplonpassstrasse – im Vergleich zu anderen Passstrassen ist dies eine ewige Baustelle. Warum?

Wir haben vom Bund für den baulichen Unterhalt in den nächsten fünf Jahren jeweils 12 bis 15 Millionen Franken zur Verfügung. Dieses Budget müssen wir ausschöpfen, ansonsten sind Kürzungen nicht auszuschliessen. Aber bis in zehn Jahren sollten sämtliche Sanierungen abgeschlossen sein. Um dieses Ziel zu erreichen, muss während den Arbeiten streckenweise eine Fahrbahn gesperrt werden. Wir sind aber bemüht, die Baustellen so einzuplanen, dass es zu möglichst wenig Staus kommt. Aber sind wir ehrlich: Wer bei der Fahrt über den Simplon an allen möglichen und unmöglichen Stellen überholt, gewinnt vielleicht fünf Minuten. Dieser Zeitgewinn steht in keinem Verhältnis zum Risiko, das manche Automobilisten eingehen. Natürlich hat der Schwerverkehr die Situation verschärft. Aber im Vergleich zu den stundenlangen Staus am Gotthard sind fünf Minuten vor einer Ampel am Simplon noch heilig.

Muss die Simplonpassstrasse infolge des zunehmenden Schwerverkehrs baulich angepasst werden?

Es gibt nur wenig Möglichkeiten, Überholspuren zu bauen. Regelmässige Kontrollen der Lastwagen bringen mehr als bauliche Massnahmen. Die Abstände zwischen den Lastwagen müssen eingehalten werden.

Welche Neubauten sind auf der Simplonsüdseite, also in Gabi und Gondo, noch geplant?

Die Umfahrung Gabi ist für uns aufgrund der starken Opposition kein Thema mehr. Es wird punktuelle Veränderungen an der Kurve geben. In Gondo ist die Situation eine andere. Der Gemeinderat drängt auf eine Umfahrungsstrasse. Unser Jurist bereitet derzeit die Beantwortung der Einsprachen vor. Aber die Gondoneser müssen sich bewusst sein: Mit der Umfahrungsstrasse könnte das Dorf auch aussterben. Es braucht eine gewisse Attraktion im Dorf, damit die Leute nicht vorbeifahren.

Aber die Nationalstrasse steht weiterhin zum Projekt Gondo?

Selbstverständlich. Bis zur Katastrophe hat man dem Projekt aufgrund der starken Opposition keine grosse Priorität eingeräumt. Das hat sich nach der Katastrophe geändert. Aber die Gondoneser müssen Vor- und Nachteile gut abwägen. Die Nationalstrasse steht zu Gondo. Wir haben seit dem Unwetter für die Sicherheit der Nationalstrasse in Gondo rund 40 Millionen Franken investiert.

Wenn Sie zurückblicken, was hat Sie persönlich am meisten gefreut?

Die beruflichen Ziele konnte ich weitgehend erreichen. Aber noch mehr gefreut hat mich die Unterstützung meiner Kinder. Seit ich vor acht Jahren meine wunderbare Frau verloren habe, sind mein Sohn Jean-Claude und meine Tochter Nicole immer da, wenn ich sie brauche. Das war eine tolle Hilfe – auch für den Beruf. Auch im Büro Brig sind wir wie eine grosse Familie. Das Verhältnis zwischen den Mitarbeitern ist wirklich sehr gut.

Hat die Kritik, der Sie und Ihre Mitarbeiter auch ausgesetzt sind, diesen Teamgeist zusätzlich gestärkt?

Das mag sein. Aber wir waren stets bemüht, gegenüber allen Kreisen offen zu bleiben. Für eine sachliche Diskussion haben wir uns immer die notwendige Zeit genommen. Natürlich gab es auch persönliche und unfaire Angriffe, die geschmerzt haben. Aber man muss Kritik wegstecken können, um eine möglichst sachliche Diskussion zu führen. Ich glaube, wir haben gegenüber Gemeinden, Ingenieurbüros oder Unternehmungen ein gutes Verhältnis. Daran dürfte sich auch mit meinem Nachfolger nichts ändern.


 

 

      
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