| Bern / Der Mann kanns nicht lassen. Auch
noch mit 57 Jahren ist er genauso erfolgreich und beliebt wie schon in den
frühen 70er Jahren. Seit mehr als einem Viertel Jahrhundert prägt
er die Schweizer Musik- und Kulturszene. Am Open-Air in Gampel hat er zusammen
mit der Schmetterband seinen letzten grossen Festivalauftritt. Im RZ-Interview
erzählt Polo National Hofer über seinen Werdegang,
stellt die neue CD vor und spricht über seine künftigen, musikalischen
Pläne.
Von Walter Bellwald und Ruth Seeholzer
Im Mai ist das 11. Album der Schmetterband XangischXung
erschienen und hat sich auf Anhieb in den Schweizer Charts etabliert.
Sind Sie vom Erfolg überrascht?
Ja, weil ich wahrscheinlich der älteste Bürger
bin, der es bis in die Hitparade geschafft hat. Meine Band und ich wissen
zwar, dass wir gut sind. Aber wenn mir jemand vor 25 Jahren gesagt hätte,
ich würde als 57jähriger noch auf Platz 2 der Schweizer Charts
stürmen, dann hätte ich das nicht geglaubt.
Die CD ist blues-lastig angehaucht und überrascht
durch musikalische Experimentierfreudigkeit. Wollten Sie damit neue Akzente
setzen?
Die neue CD ist die Summe von 18 Jahren gemeinsamer
Arbeit und stetigem Weiterentwickeln. Wir haben eine gewisse Vielseitigkeit
angestrebt in den Klangbildern und den Ausdrucksformen, ohne je den Rahmen
zu verlassen, immer in der Beziehung zum Ursprung der Rockmusik. Das gelingt
natürlich nur durch Routine, aber auch, weil wir mit den Jahren immer
besser geworden sind. Das Werk ist sehr locker zustande gekommen, ohne
irgend eine Verkrampfung.
Die Texte auf dem neuen Album sind teils frivol-fröhlich
aufgezogen. Keine Angst, dass Kritiker über Sie herziehen?
Ich stelle fest, dass wir in der Musikwelt gegenüber
früheren Jahren in einer apolitischen Zeit leben. Ich glaube, dass
kaum ein Journalist oder Kritiker die Texte genau analysiert hat und entsprechende
Argumente vorbringt.
Sie sind im letzten Sommer mit Ross und Wagen
quer durchs Mittelland gereist. Hat Sie diese Tour de Suisse inspiriert,
neue Lieder zu schreiben?
Ja, das hat mir tatsächlich geholfen. Ich hatte
viel Zeit. Ich übernachtete in drei Monaten 62 Mal unter freiem Himmel
und habe in zwölf verschiedenen Seen gebadet, deren Namen ich vorher
nicht kannte. Alles so seltsame Erlebnisse in allernächster Nähe.
So habe ich im August am Pfäffikersee in wunderbaren, warmen Nächten
das Naturschauspiel der Sternschnuppen beobachtet. Dabei ist mir eingefallen,
dass man sich auch etwas wünschen kann. So etwas ist eine gute, spielerische
Form, einen Text zu erfinden. Daraus ist dann der Titel Stärnschnuppe
entstanden.
Die Texte auf der neuen CD vermitteln viel Lebensfreude...
Als Sing- und Gump-Musiker waren wir
natürlich in unseren Texten nie oberkritisch, sondern haben uns fast
ausschliesslich den schönen Seiten des Lebens zugewandt. Wir spielen
sogenannten Chilbi-Rock. Allzu kritische Texte kommen beim Publikum überhaupt
nicht an, was aber nicht heissen soll, dass ich mich persönlich nicht
kritisch äussern kann.
Der neue Album-Titel XangischXung
tönt ein bisschen chinesisch, ist aber waschechtes Bärndütsch....
Ich habe im Beobachter einen wissenschaftlichen Artikel
über das Singen als gesundheitsfördernde Massnahme gelesen.
Dann ist mir aufgefallen, dass bei der Übermittlung von SMS eine
verschlüsselte Kurzsprache verwendet wird. Dabei wird beispielsweise
für Gehts dir gut? das Kürzel GEZ verwendet. Das
ist die neue Sprache und Schreibe der Jugendlichen. Daran habe ich mich
bei meinem Album-Titel orientiert. XangischXung tönt
nicht nur gut, auch die Schreibweise, zwei ,X in einem Wort, ist
recht ungewöhnlich für unsere Sprache. Dadurch entsteht ein
wirksamer Werbeeffekt. Auch die Singvögel auf dem Umschlag und der
Platte bestätigen diese These, dass Xang xung isch. Sonst
soll man sich einfach die neue Scheibe anhören.
Sie haben angekündigt, dass mit dem neuen
Album die Ära Schmetterband nach 18 Jahren und fast 1000 Konzerten
zu Ende geht. Sind Sie gesangsmüde?
Ich habe die Nase voll von dem Konzept und der immer
gleichen Abwicklung. Das ist immer ein und derselbe Kreislauf. Zuerst
wird die nächste Platte geplant, dann werden die Songs gebastelt
und dann kommen die Übungen und Aufnahmen. Wenn dann die CD schliesslich
auf den Markt kommt, geht man auf Promo-Tour. Kaum ist die Tour zu Ende,
fängt das Ganze wieder von vorne an. Jetzt ist Schluss mit der Band,
man kann ja später auch noch spontan etwas machen.
Am Open-Air in Gampel ist Ihr letzter grosser
Festivalauftritt. Was dürfen die Besucher erwarten?
Einen Querschnitt von 18 Jahren erfolgreicher Rockmusik.
Wir wählen unser Programm nach der Länge des Auftrittes. Bei
einem Auftritt, der nur eine Stunde dauert, muss man die einzelnen Titel
drastisch kürzen. Wir spielen sicher Lieder unserer neuen CD. Daneben
gibt es Klassiker zu hören wie Alperose, die wir einfach
spielen müssen, süscht dräie d Lüüt
düre.
Sie sind schon dreimal am Open-Air in Gampel aufgetreten.
Was ist Ihnen in Erinnerung geblieben?
Bei meinem ersten Auftritt vor ungefähr zehn
Jahren sind mir vor allem die vielen alkoholisierten Besucher aufgefallen,
wie man sie an anderen Festivals nicht findet. Ich will das hier auf keinen
Fall verurteilen, man erwartet das im Wallis schon fast. Bei meinem letzten
Auftritt in Gampel haben mir die Zuschauer mehrere Joints auf die Bühne
geworfen.
Apropos Joints: Wie stehen Sie zum Drogenkonsum?
Da muss man differenzieren. Es kommt drauf an, welche
Substanz und wie viel von dieser Droge konsumiert wird. Das Wallis beispielsweise
ist das Land der tausend Kruzifixe und Jesus hat ja bekanntlich aus Wasser
Wein gemacht. Darum gehört hier der Alkohol schon fast dazu, obwohl
er ganz grosse Schäden anrichtet. Das Kiffen betrachte ich als harmlos.
Wer sich aber ein Loch in den Körper bohren muss, um eine Droge zu
sich zu nehmen, ist sowieso krank.
Konsumieren Sie selber auch irgendwelche Drogen?
Ja, Fendant und Beaujolais und andere Walliser. Und
ab und zu einen Stumpen.
Sie wollen künftig wieder in kleineren Formationen
auftreten...?
Ich werde nächstes Jahr verschiedene Experimente
mit Musikern machen, unter anderem mit den Alpinistos mit
Hank Shizzoe und Hanery Amman am Klavier. Auch Rumpelstilz erlebt an der
Expo02 ein Revival.
Neben musikalischen Experimenten wollen Sie auch
einen Roman schreiben. Was für ein literarisches Werk darf man erwarten?
Ja, ich möchte über Sex, Drugs and RocknRoll
eine sogenannte Faktion (Fakt & Fiktion) schreiben (grinst).
Aber dazu muss man sich hinsetzen und Zeit nehmen. Ich ha zweni
Disziplin im Ranze und bi no ä fulä Siech. Mein grösstes
Hobby ist der Müssiggang. Mein grosses Ziel ist es, nur noch dem
Müssiggang zu frönen, aber das ist ein grosser Krampf (seufzt).
Was macht Polo Hofer, wenn er nicht gerade komponiert
oder musiziert?
Ich bin ein Typ, der erst im letzten Moment und unter
Druck richtig loslegen kann. Vielfach staune ich über mich selbst:
Ich habe mich im Leben nicht einmal gross angestrengt und trotzdem etwas
erreicht. Aber ich bin der Arbeit wirklich meistens erfolgreich ausgewichen.
Mein grosses Hobby ist Kochen und weil ich einen musikalischen Draht zu
New Orleans habe, interessiere ich mich für die kreolische Küche.
Kürzlich wurde ich ins 4-Sterne Hotel Bernerhof nach Gstaad eingeladen,
um mein Spezialrezept Crawfish Etoufee zu kochen. Dafür
habe ich von höchster Stelle ein Kompliment für meine Kochkünste
erhalten.
Wenn man im Rampenlicht steht, ist man auch Kritik
ausgesetzt. Wie gehen Sie damit um?
Unsere CD wurde von verschiedenen Zeitschriften und
Zeitungen in die Pfanne gehauen, aber das stört mich nicht weiter.
Das ist doch alles Geschmacksache. Im Gegenteil: Es gibt eine Faustregel,
die besagt, dass eine schlechte Blattkritik den Verkauf ankurbelt. Ein
berühmter Musiker sagte mir einmal: They write because they
cant play.
Mit was kann man Sie zur Weissglut treiben?
Mein Ziel im Leben ist es, höchstmögliche
Gelassenheit zu erreichen, und das ist mir bis heute gelungen. Einzig
wenn ein Projekt nicht vorwärtskommt und man sich in endlose Gespräche
verstrickt, geht mir das ganz schön auf die Nerven.
Wie schaffen Sie es, höchstmögliche
Gelassenheit zu erreichen?
Indem ich die verschiedenen Ereignisse unterschiedlich
werte. Man darf nicht vergessen, dass alles Vergänglich ist und alles
mit Verlust verbunden ist. Wenn man das akzeptieren kann, dann gehts einem
viel besser.
Haben Sie noch musikalische Ideen, die Sie gerne
verwirklichen möchten?
Ich möchte die Verse des berühmten persischen
Philosophen Omar Chaiam, der 1000 nach Christus gelebt hat, übersetzen
und vertonen. Er hat sogenannte Vierzeiler geschrieben, die sich auf eine
interessante Art reimen. Die erste, zweite und letzte Verszeile reimen
sich. Die dritte Zeile ist immer frei, das ist für einen Liedertext
eine sehr günstige Form.
Wie lange macht Polo Hofer als Sänger noch
weiter?
Ich bin in einer relativ privilegierten Situation,
in der ich abwägen kann, was ich tun und lassen möchte. Solange
ich mich für die Musik interessiere und mein Publikum sich dafür
begeistert, werde ich sicher weitermachen. Daneben habe ich aber noch
andere Ideen. Unter anderem will ich mich vermehrt meiner gelernten Arbeit
als Handlitograph zuwenden und auf Reisen gehen.
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