| Oberwallis / Die Hüttenwarte ärgern
sich immer öfter über das Verhalten vieler Alpinisten. Der Grund:
Viele Gäste reservieren zwar eine Übernachtung, verzichten dann
aber auf die geplante Tour, ohne den Hüttenwart zu benachrichtigen.
Von German Escher
Das ist ein echtes Problem, sagt Peter
Schwitter, Hüttenwart im Oberaletsch zur RZ. Erst kürzlich
ist eine zehnköpfige Gruppe, die für fünf Nächte eine
Unterkunft reserviert hatte, ohne Absage einfach nicht gekommen.
Auch in der Bordierhütte kennt man das Problem. Von einer fünfzigköpfigen
Gruppe sei nur die Hälfte erschienen, erinnert sich Pius Schnidrig,
der seit 16 Jahren Hüttenwart ist, an ein Beispiel. Und der erfahrene
Bergmann fügt hinzu: Das hat es früher nicht gegeben.
Die Tendenz sei steigend, stellt auch Schwitter fest.
Tendenz klar steigend
Die beiden Beispiele sind kein Einzelfall. Christian Bleuer, Hüttenwart
auf der Konkordiahütte, führt eine genaue Statistik: In
der Wintersaison 2001 sind 12 Prozent der Alpinisten ohne Absage nicht
gekommen. Noch drastischer schildert Hugi Brantschen die Situation
auf der Monte Rosa Hütte. Es melden sich nur noch die wenigsten
ab. Wenn im Sommer bei schlechtem Wetter 50 Personen nicht kommen, haben
sich nicht mehr als fünf bis sechs von ihnen auch abgemeldet.
Brantschen schätzt, dass im Winter ein Drittel der Personen ohne
Annulation nicht kommen.
Auch im Vorstand der Schweizer Hüttenwart-Vereinigung
diskutiert man das Problem, wie Präsident Pius Fähndrich der
RZ erklärt: Es ist für den Hüttenwart wirklich nicht
einfach. Man kann mit dem Kochen nicht warten, bis der Gast da ist. Trifft
er nicht ein, muss man die Mahlzeit unter Umständen wegwerfen.
Und das schlägt sich auch in den Finanzen nieder. Viele Berghütten,
die ohnehin seit Jahren mit sinkenden Übernachtungszahlen konfrontiert
sind, geraten so zusätzlich unter Druck. Ungewöhnliche Massnahmen
sind die Folge. Um Einbussen zu vermeiden, nimmt Hugi Brantschen auf der
Monte Rosa Hütte happige Überbelegungen in Kauf. Für die
180 Betten nimmt er im Winter bis zu 250 Reservationen entgegen. Denn
Brantschen weiss aus Erfahrung: Viele kommen ohnehin nicht.
Neue Alpinisten-Mentalität?
Die Entwicklung sorgt bei den Hüttenwarten für Kopfschütteln.
Viele Gäste seien oberflächlich und gingen davon aus, dass der
Hüttenwart zufrieden sein müsse, wenn man überhaupt komme,
ärgert sich ein betroffener Hüttenchef über die Kundschaft.
Es handle sich heute um eine andere Klientele. Das Verhalten habe sich
geändert, stellt Hugi Brantschen auch in anderen Dingen fest: Früher
ist auf den Hütten selten etwas weggekommen. Aber heute wird geklaut
wie die Räuber. Das egoistische Denken prägt laut Einschätzung
der Hüttenwarte auch das Reservationsverhalten. Viele Gäste
würden heute in vier bis fünf Regionen eine Hütte buchen
und sich dann sehr kurzfristig entscheiden, ohne aber die jeweiligen Hüttenwarte
zu benachrichtigen, wird in der Branche vermutet. Bei der Touren- und
Hüttenwahl spielt die Wetterprognose eine Rolle. Und das ärgert
die Hüttenchefs zusätzlich: Das Wetter ist häufig
besser als die Vorhersage. Die Leidtragenden sind aber wir und nicht die
Meteorologen.
Sicherheit leidet
Die wirtschaftlichen Folgen sind das eine, die Auswirkungen auf die
Sicherheit das andere. Peter Schwitter, zugleich Rettungschef in Blatten-Belalp,
meint: Früher hat der Hüttenwart reagiert, wenn ein Alpinist
nicht auf der Hütte eingetroffen ist. Man hat Ausschau gehalten oder
allenfalls sogar einen Suchflug durchgeführt. Heute ist das anders.
Ohne konkreten Hinweis kümmert sich der Hüttenwart kaum mehr
um die Sicherheit der ausbleibenden Gäste. Und das könnte seriösen
Bergsteigern zum Verhängnis werden.
20 Franken in Rechnung stellen?
Bleibt die Frage, wie man dem Fehlverhalten entgegenwirken kann. Vielleicht
müssen wir bei der Anmeldung eine Anzahlung verlangen, wie dies in
Frankreich vielerorts der Fall ist, meint Peter Schwitter. Bereits
heute stellt Pius Schnidrig bei frühzeitigen Anmeldungen 20 Franken
pro Person in Rechnung. Die Hüttenwart-Vereinigung will jetzt gemeinsam
mit dem SAC den ausbleibenden Gästen einen Unkostenbeitrag von 20
Franken in Rechnung stellen. Präsident Fähndrich: Zumindest
unsere Ausgaben müssen gedeckt werden.
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