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Frontal-Interview
„Goms Tourismus muss eben auch als Blitzableiter herhalten“


Andreas Angst
 
Fiesch / Erneut ist bei Goms Tourismus von Neuanfang und letzter Chance die Rede. Der Mann, der die neue Strategie und Marschrichtung von Goms Tourismus umsetzen soll, heisst Andreas Angst und ist seit rund vier Monaten Geschäftsleiter dieser Institution. Er nimmt Stellung zur Vergangenheitsbewältigung, Politik im Vorstand, wagt einen Blick in die Zukunft und sagt von sich: „Ich lebe gerne das Extreme.“

Von Waldemar Schön und Walter Bellwald

Sie sind seit rund vier Monaten im Amt. Was waren Ihre ersten Erfahrungen im Goms?

Andreas Angst: Obwohl ich mich vor allem für die Zukunft des Goms einsetzen möchte, muss ich sagen, dass ich einen grossen Teil meiner Zeit in den ersten Monaten damit verbracht habe, Vergangenheitsbewältigung in Sachen Goms Tourismus zu betreiben. Ich bin mir bewusst, dass dies zu meinem Job gehört. Aber ich bin auch froh, dass jetzt mit der letzten Delegiertenversammlung ein Schlussstrich gezogen werden konnte und wir nun in die Zukunft blicken.

Zur Zukunft etwas später. Denn Sie wissen, dass dies nicht der erste Schlussstrich für Goms Tourismus war?

(lacht) Für mich schon. Natürlich weiss ich, dass schon vor meiner Zeit verschiedene Etappen auf dem Weg hin zu einem gemeinsamen touristischen Dach des Goms absolviert worden sind. Ich muss Ihnen Recht geben, wenn Sie kritisieren, dass sehr viel Zeit für diese Nebengeräusche aufgewendet worden ist und man das Ziel noch immer nicht erreicht hat. Klar ist aber, dass sich das Bewusstsein bei den Leuten durchgesetzt hat, dass man enger zusammenarbeiten und die gemeinsamen Marketinganstrengungen für das Goms verstärken muss.

Trotz aller guten Vorsätze: Sie werden der politischen Auseinandersetzung und den damit verbundenen Grabenkämpfen in Ihrer Position kaum entgehen können? Keine Angst, daran zu scheitern?

Nein, denn es braucht diese politische Auseinandersetzung. Goms Tourismus ist kein privates Unternehmen, das knallhart nach einer Vorstellung geführt werden kann. Jeder unserer Partner auf Seiten Tourismus und Gemeinden muss angehört werden, um zum Ziel zu kommen. Dass diese Variante nicht immer die Schnellste ist, damit müssen ich und mein Team leben.

Es ist doch absurd, wenn man mit einer öffentlichen und eher trägen Institution an einem sehr harten und schnellen Tourismusmarkt tätig sein will?

Das kann man so sehen. Auf der anderen Seite stellt diese Form der Zusammenarbeit sicher, dass auch kleine Partner nicht unter die Räder kommen und damit bei Goms Tourismus ihren Platz haben.

Ein Teil der Vergangenheitsbewältigung war die Neuwahl des Vorstandes mit einer Ausnahme. Es wurden Stimmen laut, dass dieser neue Vorstand zu politisch sei und zuwenig vom Tourismus verstehe?

Ich kann mir zum heutigen Zeitpunkt noch kein Urteil über den neuen Vorstand bilden, weil ich mit den meisten nur wenig Kontakt hatte. Ich weiss aber, dass Präsident Markus Wenger grosse politische Erfahrung hat und den Tourismus im Goms wie seine Westentasche kennt. Er will mit Goms Tourismus nach vorne gehen und hat klare Vorstellungen, wie dies zu geschehen hat. Denn schliesslich geht es um die Glaubwürdigkeit von Goms Tourismus.

Markus Wenger ist aus Bellwald, Fredy Huber ist aus Fiesch und Anton Clausen kommt aus Ernen: Keine Angst, dass der untere Teil des Goms übervertreten ist?

Absolut nicht. Mit Peter Müller aus Reckingen und Kurt Werlen aus Münster sind die anderen Gemeinden vertreten. Aber ehrlich gesagt: Es spielt doch keine Rolle, ob jetzt fünf aus Reckingen oder aus Fiesch kommen. Im Endeffekt kommt es auf die Qualität ihrer Arbeit an. Jedes Vorstandsmitglied hat sein Ressort, das seinen Fähigkeiten und Erfahrungen entspricht und ich bin sicher, dass ich die nötigen Freiheiten habe, um das Goms nach Aussen selbstbewusst und attraktiv zu verkaufen.

Das tönt gut. Aber die Vorgaben der Delegiertenversammlung, gleich zu Beginn über 80’000 Franken des Budgets einzusparen, ist nicht gerade motivierend?

Dies ist in der Tat keine optimale Voraussetzung. Denn eigentlich bräuchte es bei diesem Arbeitsumfang nicht weniger, sondern mehr Stellenprozente. Zudem ist es auch immer mit einer persönlichen Tragik verbunden, wenn eine Stelle gestrichen werden muss. Aber für die Sache selbst ist es wichtig, dass ein klarer Entscheid gefasst wurde und damit der Weg offen ist, um wieder in Ruhe arbeiten zu können.

So klar war der Entscheid auch nicht. Denn einzig der Gemeinderat von Fiesch war einstimmig für die Streichung dieser rund 80’000 Franken. Dass muss doch für Sie als „Neu-Fiescher“ und Fiescher Steuerzahler ein eigenartiges Gefühl sein?

(schmunzelt) Dieser Entscheid war für mich in der Tat nicht einfach zu schlucken. Dazu nur soviel: Ich habe meinem Unmut darüber an der richtigen Stelle Luft verschafft. Doch die „Auge um Auge und Zahn um Zahn Politik“ ist nicht meine Art. Das würde nur dazu führen, dass wir wieder aus einer Verteidigungsposition kommunizieren und uns mit Rechtfertigungen herumschlagen. Ich will aber zukunftsorientiert kommunizieren und den Menschen im Goms vermitteln, was wir leisten und wie wir uns für das Goms stark machen und einsetzen.

Kommt hinzu, dass im Tourismus eh jeder weiss, wies besser zu machen wäre?

In meiner jetzigen Funktion wird man in erster Linie für seine Arbeit kritisiert und nicht gelobt. Dazu nur soviel: Auch bei den Leistungsträgern ist nicht immer alles tiptop im Schuss und an vielen Orten müssten sich Leistung und Qualität verbessern. Doch damit gehe ich auch nicht direkt an in die Öffentlichkeit, sondern versuche, nach Aussen immer das Positive zu vermitteln. Man muss wohl damit leben, dass Goms Tourismus eben auch als Blitzableiter herhalten muss und an den Pranger gestellt wird.

Blicken wir etwas in die Zukunft von Goms Tourismus. Wie werden Sie das Goms nach aussen verkaufen?

Mein Vorgänger hat viele neue und gute Sachen eingeführt und angerissen. Ich bin aber eher Anhänger einer schlankeren Struktur. Lieber etwas weniger anbieten, aber dies auf einem Top-Niveau. Dann werden wir die Drucksachen des Goms überdenken. Nur ein neuer Prospekt bringt uns noch keine zusätzlichen Gäste. Das Marketingkonzept für dieses Jahr steht. Aber vor allem im nächsten Jahr werden sich Änderungen ergeben. Die sehr guten Pressekontakte werden natürlich weiter genutzt. Zusätzlich bin ich der Meinung, dass wir die persönliche Präsenz in unseren Stammmärkten verstärken müssen. Dabei denke ich weniger an grosse Ferienmessen wo man einer unter Tausend ist. Präsenz kann man auch in Warenhäusern und regionalen Ausstellungen als Gastregion markieren – und das erst noch exklusiv.

Und auf Angebotsseite?

Wir müssen die Stärken unserer Mitglieder bündeln und für diese neue Angebote schaffen und in einem Katalog bündeln. Daraus kann sich der Gast nach seinem Bedürfnis den ganz persönlichen und individuellen Ferientraum im Goms zusammenstellen. Ein weiterer Punkt: Das Goms wird vor allem mit Langlauf in Verbindung gebracht. Das ist fein für den Winter. Aber wir müssen die Bemühungen verstärken, das Goms als Wanderparadies zu positionieren, um den Sommer zu stärken.

Wie sieht es mit der Integration der Verkehrsvereine in Goms Tourismus aus?

Natürlich ist es nach wie vor ein Auftrag von Goms Tourismus, die Gommer Verkehrsvereine unter ein Dach zu bringen. An diesem Ziel halten wir auch klar fest. Es stellt sich nur die Frage nach dem Weg, auf dem dieses Ziel erreicht werden soll. Das Wichtigste ist, dass eine noch engere Zusammenarbeit im Goms dafür sorgt, dass unsere Schlagkraft am Markt verstärkt wird.

Mehr Schlagkraft heisst in erster Linie mehr Geld?

Ich bin überzeugt, dass die verschiedenen Partner im Gommer Tourismus, die bisher in Sachen Marketing alle ihr eigenes Süppchen kochten, bereit sein werden, diese Mittel zum Teil zusammenzulegen. Seien es Verkehrsvereine, Bergbahnen, Hotels oder FO: Alle müssen gemeinsam in einer Art Marketingpool an dem Ziel arbeiten, das Goms besser zu verkaufen.

Sie sind nicht nur Arbeits-, sondern auch Privatmensch. Was war Ihr bisher schönstes Erlebnis im Goms?

Der Genuss eines Kaffees und der herrlichen Bergwelt auf dem Eggishorn. Da wurde mir so richtig bewusst, wie schön es ist, hier zu leben und anderen Menschen die Möglichkeit zu geben, dieses einmalige Naturerlebnis zu teilen.

Wie würden Sie sich selbst als Mensch beschreiben?

(lacht und überlegt dann) Ich lebe gerne das Extreme. Eine zehnwöchige Radtour bis nach Portugal oder 15 Tage fasten kommen da schon mal vor. Ich war Hotelier im Berner Oberland und im Kanton Uri, habe ein Hotel in Mexiko geführt und liebe es auch sonst, den etwas anderen Weg zu gehen. Ich liebe die Natur und die Berge. Ich bin sehr hartnäckig, was mir manchmal auch als Sturheit ausgelegt wird. Mir ist wohl, wenn ich etwas erreiche und fühle mich schlecht, wenn ich Dinge vor mich hinschiebe. Ich bin ein Egoist wie jeder andere auch (lacht). Sonst würde ich in einem buddhistischen Tempel hocken und mich meditativ dem Nichts hingeben. Aber in erster Linie bin ich jemand, der sich zu 100 Prozent mit seiner Aufgabe identifiziert. Zudem strebe ich eine gewisse Gelassenheit an, indem ich Einflüsse verschiedener Kulturen zu vereinen versuche.

Wie steht es mit der Selbstkritik?

Stur und extrem heisst nicht, dass ich links und rechts neben mir nichts anderes gelten lasse. Ich bin nicht der knallharte Managertyp. Aber ich verfolge ein Ziel sehr konsequent, und sehe die Mittel, die zum Erfolg führen. Ich habe aber nicht das Gefühl, mein Gesicht zu verlieren, wenn ich einen Fehler zugebe. Wichtig für mich ist, dass der Respekt vor der Person, der Arbeit und der Meinung des Andern nicht verloren geht – auch wenn man seine Meinung direkt und ohne Floskeln darlegt. Denn wenn der Respekt stimmt, kann man nach jeder Auseinandersetzung wieder am selben Tisch sitzen und weiterarbeiten.


 

 

      
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