| Umtata / Agarn / Sr. Laurentia Matter wächst
als zweitjüngstes von vier Kindern in Agarn auf. Nach der Schulzeit
trit sie als Volontärin ins Kloster St. Ursula in Brig ein. 1939 legt
sie die erste Profess ab. Nach sieben Jahren Klosterleben meldet sie sich
für die Mission in Südafrika. Seit 56 Jahren lebt und arbeitet
Sr. Laurentia in Umtata. Sie und ihre Mitschwestern haben sich nicht an
die Weisungen des Apartheid-Regimes gehalten, sondern vor allem den Schwarzen
und Mischlingen "Rat getan" und geholfen. Seit 1968 ist Sr. Laurentia
im Bischofshaus von Umtata zuständig für die Haushaltführung.
Ganz privat und von sich aus hat sie daneben verschiedene Projekte ins Leben
gerufen. So hat sie seit über dreissig Jahren eine Suppenküche
eingerichtet. In einem Gartenprojekt beschäftigt sie arbeitslose Einheimische.
Und wie viele Häuser sie mit den Spenden aus der Heimat für die
Leute bauen lassen konnte, kann sie schon gar nicht mehr zählen. Ein
Interview mit einer 83jährigen Agarnerin, die jetzt Umtata ihr Zuhause
nennt.
Von Ruth Seeholzer und Walter Bellwald
Sr. Laurentia, Sie sind für einige Zeit auf
Heimaturlaub in Leuk bei Ihrer Schwester und im Kloster St. Ursula in
Brig. Wenn Sie die vielen jungen Leute sehen, die hier zur Schule gehen,
erinnert es Sie dann an Ihre eigene Jugendzeit?
Das ist kein Vergleich mehr (überlegt). Nein,
wissen Sie, das war etwas ganz anderes. Die heutige Zeit hier ist modern.
Es war halt alles viel einfacher früher. Aber ich erinnere mich,
wie ich vor über sechzig Jahren hier im Pensionat in der Küche
gearbeitet habe. Ich lernte hier im Kloster St. Ursula das Kochen.
Gingen Sie gerne zur Schule, damals in Agarn?
Appa so normal (lacht). Wir wur-den ja nicht gefragt.
Wählten Sie selber den Weg ins Kloster?
Ja, schon. Das Kloster hat mir schon gezogen. Ich
dachte schon früh daran, in die Mission zu gehen. Das war immer mein
Wunsch.
Das war vor rund siebzig Jahren. Agarn war kein
reiches Dorf. Lebten Sie im Kloster besser?
Ja, das Leben im Kloster war schon ein Umschwung.
Aber wir waren auch im Kloster alles einfache Leute. Darum fühlte
ich mich auch hier sehr zu Hause.
Wie kamen Sie in die Mission nach Umtata? Das
lag ja schon damals am anderen Ende der Welt?
Mir war schon als junges Mädchen klar, dass
ich lieber in die Mission gehen würde. 1939 gingen die ersten Schwestern
nach Südafrika. Ich meldete mich für die zweite Staffel. Leider
konnten wir nicht mehr gehen, da in Europa der Zweite Weltkrieg ausbrach.
So warteten wir bis 1946. Dann kam die grosse Überfahrt. Von Portugal
aus waren wir drei Wochen unterwegs nach Kapstadt in Südafrika.
Hatten Sie keine Angst auf dieser langen und ungewohnten
Reise?
Alles war neu, alles war ungewohnt. Aber Gedanken
machen konnte ich mir während der Reise eigentlich keine. Ich war
die ganze Zeit seekrank (lacht).
Und dann die Weiterreise von Kapstadt nach Umtata?
Von Kapstadt aus nahmen wir den Zug. Drei Tage und
zwei Nächte waren wir da nochmals unterwegs. Irgendwelche Bedenken,
dass wir den Bahnhof Umtata verpassen könnten, mussten wir keine
haben. Umtata war damals Endstation der Bahnlinie.
Umtata, am Ende der Welt?
Für uns war es tatsächlich das im ersten
Moment. Für die Einheimischen gab es allerdings noch das riesige
Hinterland der damaligen Transkei. Also nichts von Ende!
Wie war es, als Sie das allererste Mal in dieses
afrikanische Dorf kamen? Hatten Sie Angst?
In Südafrika angekommen, war halt alles sehr,
sehr neu. Es war auch fremd für mich. Allerdings waren in Umtata
schon Menzinger Schwestern. Die Missionsstation bestand aber nur aus ein
paar Blechhütten. Wenn man frisch kommt, ist alles interessant. Wir
hatten viel zum Schauen gehabt. Angst hatte ich wirklich überhaupt
keine. Langweilig wurde es mir auch nicht.
Wie wurden Sie von diesen Menschen empfangen und
aufgenommen?
Die wenigen Weissen vor Ort waren hilfsbereit und
nett. Und die Schwarzen und Mischlinge unter ihnen herrschte und
herrscht einfach bitterste Armut. Wenn Sie kaum für sich selber schauen
oder nicht einmal Ihre Kinder ernähren können, dann herrscht
auch ein ganz anderer Umgangston.
Was war denn Ihr persönliches Ziel in der
Mission? Wollten Sie den Leuten helfen, oder war Ihnen das Missionieren
wichtiger?
(ernst) Zuerst muss man etwas im Magen haben! Ihr
könnt nicht auf leeren Magen predigen, das nimmt Ihnen niemand ab!
Fürs Missionieren waren andere zuständig, die Missionare und
Schwestern, die die Kinder in der Schule das Wissen und den Glauben lehrten.
Früher hörte man noch viel den Ausdruck:
"Die kleinen armen Negerli". Hat sich das heute geändert?
Sie sind wirklich arm, die Menschen. Auch heute noch.
Bei uns in Umtata herrscht eine Arbeitslosigkeit von 86 Prozent! Und wir
sagten früher einfach Neger zu den Schwarzen, was man ja heute nicht
mehr tut. Aber wir und auch andere konnten den Menschen wirkliche Hilfe
bringen. So arbeiten heute Frauen als gelernte Krankenschwestern im Spital,
die zu uns in die Schule gegangen sind.
Umtata liegt in einem ehemaligen südafrikanischen
Homeland. Sie waren während der Zeit der Apartheid im Land und haben
sicher auch deren Ende verfolgt. Wie stehen Sie zur Unterdrückung
der schwarzen Bevölkerung durch die weissen Einwanderer und Kolonialisten?
Ich arbeitete in unserem Entbindungsheim. Später
bauten wir eine Maternité auf. Bald hatten wir zu wenig Platz.
Wegen der Apartheid hätten wir eigentlich nur weisse Frauen aufnehmen
sollen. Wir waren sogar registriert für Weisse. Aber wir hielten
uns überhaupt nicht daran. Wir haben Mischlinge und Schwarze auch
aufgenommen. Wir waren ja da in der Mission wegen den Armen, und das waren
ja vor allem die Schwarzen und die Mischlinge. Für uns war das selbstverständlich.
Einmal kam ein Inspektor von Kapstadt, um zu schauen, ob bei uns alles
zum Rechten sei. Der Inspektor fragte mich, wer uns die Erlaubnis gegeben
habe, Mischlinge und Schwarze aufzunehmen. Wir verwiesen ihn an unsere
Doktoren, die uns in unserer Haltung auch deutlich unterstützt hatten.
Daraufhin schaute sich dieser Herr das alles noch einmal genau an. Zum
Schluss meinte er zu uns: "Schwestern, macht nur weiter so. Ich werde
schweigen." Später bauten wir ein richtiges grosses Spital.
1994 wurde die Apartheid aufgelöst. Von da weg war es viel leichter
für uns. In unserem Spital haben wir viele unentgeltlich behandelt.
Sie machen den Weissen in Südafrika keine
Vorwürfe?
Ich bin nicht in die Mission gegangen, um Vorwürfe
zu machen. Zudem gab es auch viele Weisse, die gar nicht einverstanden
waren mit dem Apartheid-System.
Sie sind seit über fünfzig Jahren in
Umtata. Nach Ihrem Heimaturlaub in Brig und Leuk kehren Sie wieder einmal
mehr dahin zurück. Ist Umtata inzwischen Ihr Leben?
Agarn ist meine Heimat. Aber Umtata ist mein Zuhause
geworden. Wir Missions-Schwestern reden untereinander immer noch Walliserdeutsch.
Sonst ist die Umgangssprache Englisch. Als mich die Oberin anfragte, ob
ich diesen Sommer nach Hause zurück ins Wallis wollte, zögerte
ich zuerst. Dann sagte ich ihr, ich gehe nur unter der Bedingung, dass
ich wieder zurückkommen dürfe. Und so ist es. Ich freue mich
darauf, wieder nach Hause nach Umtata zu gehen.
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