| Raron / Er präsidiert den grössten
Schweizer Verband mit rund 16`000 Jägern. Im Vorfeld der Hochjagd nimmt
Alex Schwestermann Stellung zur Jagd, Wilderei, Jagdpolitik und sagt: Wir
müssen den Wolf und Luchs bejagen können.
Von German Escher und Ruth Seeholzer
Zählen Sie die Tage bis zur Jagderöffnung?
Ich befasse mich das ganze Jahr mit der Jagd. Deshalb
zähle ich die Tage nicht bis zur Jagderöffnung. Aber ich reserviere
mir diese Zeit schon. Die Jagd, wie wir sie im Wallis pflegen, lasse ich
mir nicht nehmen. Während diesen zwei Wochen muss auch die Familie
auf mich verzichten. Aber die Familie gönnt mir diese Zeit auch.
Haben Sie das Gewehr schon eingeschossen oder
wie bereitet sich ein Jäger auf die Jagd vor?
Ich besuche regelmässig Jagdschiessen. Aber
bevor ich auf die Jagd gehe, werde ich das Gewehr auf der Distanz, die
in der Jagd für mich wichtig ist, nochmals einschiessen. Jeder Jäger
sollte sich vor der Jagd mit einigen Schüssen versichern, dass das
Gewehr stimmt.
Gehen Sie alleine zur Jagd?
Nein. Ich möchte auch nicht alleine zur Jagd
gehen. Wir sind eine Gruppe von sechs Männern. Wir pflegen die Kameradschaft
ebenso wie die eigentliche Jagd. Wir halten uns während zwei Wochen
in zwei Jagdhütten auf, von wo aus wir in Gruppen oder auch mal alleine
aufbrechen. Aber: Ein guter Jäger sollte ohne Erfolgsdruck auf die
Pirsch gehen.
Was reizt Sie eigentlich an der Jagd?
Das Jagderlebnis steht im Vordergrund. Aber die Jäger
erfüllen eine wichtige Aufgabe gegenüber der Natur und
zwar im Auftrag des Kantons. Da gehört nicht bloss die Hochjagd dazu.
Die Niederjagd, die Jagd auf Fuchs oder Wildsau, Vogelwild etc. sind ebenso
wichtig. Auch da ist der gesellschaftliche Aspekt für die meisten
Jäger mindestens so wichtig wie die Abschüsse, die man erzielt.
Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie das Tier
im Visier sehen?
Das ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Ich
tätige erst einen Abschuss, wenn ich genau weiss, was für ein
Tier ich vor mir habe. Ich habe immer ein leistungsstarkes Fernrohr dabei.
Damit stelle ich fest, was für ein Tier es ist, ob das Alter stimmt,
ob es krank oder schlecht entwickelt ist. Treffen die Kriterien zu, nehme
ich die vom Kanton dem Jäger übertragene Aufgabe zur gezielten
Reduktion der Wildpopulation wahr. Für die Jäger steht immer
stärker der Hegeauftrag im Vordergrund. Diese Kenntnisse und Sensibilität
versuchen wir in der zweijährigen Jägerausbildung zu vermitteln.
Die reinen Fleisch-Jäger sind eine kleine Minderheit.
Trotzdem ist die Jagd nicht unumstritten. Immer
wieder werden Stimmen laut, welche die Jagd als Tötung darstellen
und deshalb ein Verbot fordern. Was entgegnen Sie solchen Kritikern?
Die Tierschutzvereinigungen und Pro Natura haben
gewisse Richtlinien für die Jäger herausgegeben. Aufgrund meiner
langjährigen Erfahrungen in der Natur und in der Jagdpolitik stelle
ich fest: Mindestens 85 Prozent dieser Forderungen werden bereits gelebt.
Wir werden uns anfangs Oktober mit den Tierschützern zu weiteren
Gesprächen treffen.
Um was gehts konkret?
Mit der Hoch- und Niederjagd können die Tierschützer
eigentlich heute gut leben. Die Kritik richtet sich in erster Linie an
die in einigen Kantonen praktizierte Revierjagd, die im Mai bis in den
Herbst dauert.
Aber die Jagd hat ein Imageproblem: Jagdunfälle
oder die Haltung gegenüber dem Luchs und Wolf bringen Ihre Gilde
immer wieder in die Schlagzeilen. Warum?
Die Öffentlichkeit kennt die Aufgabe, die wir
Jäger übernehmen, zu wenig. Wenn man mit den Leuten spricht,
wächst das Verständnis für die Jagd. Viele Menschen haben
einfach Vorurteile. Die Jagd ist mehr als das Töten von Tieren. Wir
übernehmen wichtige Aufgaben im Auftrag der Behörden, indem
wir den Wildbestand regulieren. Der Jäger ist der Bauer der Natur.
Wir hegen und pflegen den Wildbestand und nehmen jene Tiere heraus, die
notwendig sind und die man auch als Ertrag nutzen kann.
Aber Hand aufs Herz: Die Hegeaufgabe wird doch
lediglich von wenigen Jägern das Jahr hindurch wahr genommen.
Das sind Mutmassungen, weil genaue Zahlen fehlen.
Natürlich engagieren sich nicht alle Jäger im selben Ausmass.
Aber überall gibt es schwarze Schafe. Deshalb kann man aber nicht
eine ganze Gruppe verurteilen. Weil irgend einem Jäger einmal ein
Fehler passiert, darf man nicht die ganze Jägergilde in den gleichen
Topf werfen. Auch in Umweltschutzkreisen gibt es die unterschiedlichsten
Personen oder Forderungen, die auch nicht alle der Natur nur zum Nutzen
sind.
Ein konkretes Beispiel bitte?
Die Naturschutzkreise fordern ein obligatorisches
Einschiessen der Jagdwaffen. Das ist durchaus in unserem Sinn. Aufgrund
meiner Statistik der Diana Westlich Raron haben in den letzten zwei Jahren
85 Prozent der Jäger vorher ihre Waffe eingeschossen. Die Forderung
der Naturschützer ist also schon weitgehend umgesetzt. Aber wir haben
ein anderes Problem. Wir bräuchten im Oberwallis ein bis zwei offizielle
Schiessstände, um die Jagdgewehre einschiessen zu können. Aber
ausgerechnet die Umweltschutzkreise erschweren den Bau von Schiessständen.
Das ist doch ein klarer Widerspruch.
Ein WWF-Mitarbeiter hat kürzlich in der RZ
gesagt, der Wolf könne der Jagd helfen, weil die Abschusszahlen nicht
erreicht werden. Was sagen Sie dazu?
Der Wolf hilft den Jägern nicht. Das kann man
nicht sagen. Der Jäger holt auch seinen Nutzen aus der Wildbahn und
gibt diesen teilweise an die Konsumenten weiter. Wenn Luchs, Wolf und
Bär bei uns heimisch werden, dann muss man das in der Wildbahn akzeptieren.
Natürlich würden das die Jäger spüren. Aber wir könnten
die Banngebiete öffnen und dann werden auch die Abschusszahlen problemlos
erreicht! Es ist nicht Sinn und Zweck, dass wir die Banngebiete öffnen
und unser Gut, das Wild, zunichte machen. Darum existieren genaue Abschusspläne.
Und diese Vorgaben werden auch erreicht. Letztes Jahr sollten insgesamt
1000 Hirsche abgeschossen werden. 1050 Tiere sind schliesslich erlegt
worden.
Aber ist der Wolf eine Konkurrenz oder nicht?
Der Wolf war in unserer Wildbahn einmal heimisch.
Aufgrund der gesetzlich verankerten Artenvielfalt sind auch Wolf, Bär
und Luchs gemeint. Wenn die umliegenden Länder den Wolf in den Alpen
wieder ansiedeln wollen, so müssen wir das einwandernde Raubwild
wohl oder übel in der Schweiz akzeptieren. Persönlich bin ich
jedoch voll gegen eine illegale Aussetzung wie es bereits vorgekommen
ist. Wir brauchen somit klare Richtlinien. Meine Vorstellung ist klar:
Man akzeptiert den Wolf und Luchs, lässt ihn aber nicht im grossen
Stil aufkommen. Das heisst: Wir müssen Wolf und Luchs auch bejagen
können. Der Wolf hat mit den grossen Banngebieten genügend Rückzugsmöglichkeiten,
wo ihm der Jäger nichts anhaben kann.
Wieviele Jäger stehen eigentlich wievielen
Wildtieren im Wallis gegenüber?
Während der Hochjagd sind rund 2500 Jäger
auf der Pirsch. Wir schiessen rund 1000 Hirsche, 1000 Rehe und rund 3000
Gämsen. Rein statistisch ergäbe das pro Jäger zwei Tiere.
Früher hörte man viele Geschichten über
Wilderer. Das im Gegensatz zu heute. Sind die Jagdbehörden nachsichtiger
oder die Jäger frömmer und verschwiegener geworden?
(schmunzelt) Sicher wird auch heute noch ab und zu
etwas gibosgut. Aber die Aufsicht und Kontrolle durch die
Wildhüter und, während der Jagd auch durch die anderen Jäger,
ist beachtlich. Ein anständiger Weidmann akzeptiert heute nicht mehr,
dass ein anderer sich alles erlaubt und herausnimmt. Die Wilderei ist
sehr selten. Wenn es vorkommt, dann sind es meistens die selben Sünder.
Die Wilderei ist wie eine Krankheit, die oft nur schwer zu heilen ist.
Mit der strengen Ausbildung haben wir einen klaren Riegel geschoben. Die
Jäger von heute sehen ihre Aufgabe als ganzes und gehen nicht aus
Tötungslust oder des Fleisches wegen auf die Pirsch.
Wie ist das Interesse beim Jäger-Nachwuchs?
Wir haben keine Probleme. Jährlich absolvieren
im Wallis 100 bis 120 Jungjäger die Prüfung. Ebensoviele hören
aber auch auf. Also sind die Zahlen bei uns stabil. Gesamtschweizerisch
ist die Situation eine andere. Der Kanton Graubünden hat heute mit
rund 6500 Jäger schon fast zuviel. Jetzt befürchtet man
auch aufgrund der strengeren Ausbildung dass in zehn Jahren das
Pendel in die andere Richtung ausschlägt und nur noch rund 4000 Jäger
auf die Pirsch gehen. Bereits heute kämpfen die Kantone, welche die
Revierjagd kennen, mit Nachwuchsproblemen. Es gibt Jagdreviere, in denen
das Durchschnittsalter der Jäger bei knapp 70 Jahren liegt. Trotzdem
bin ich der Ansicht, dass es richtig ist, die Jägerausbildung anspruchsvoll
zu gestalten. Unsere Jäger haben einen Ausweis, der etwas wert ist.
Das im Unterschied zu Umweltschutzkreisen, wo man einen Jahresbeitrag
von 20 Franken bezahlt und sich dann Naturschützer nennen darf.
Der kantonale Jagdaufseher Narcisse Seppey ist
nicht unumstritten. Wie stehen Sie als Zentalpräsident zu ihm?
Narcisse Seppey wird häufig falsch beurteilt.
Sein welscher Charakter, der vielleicht auch etwas legerer ist, wird im
Oberwallis ab und zu falsch verstanden. Fachlich kann man Narcisse Seppey
nur loben. Ein Beispiel: Mit dem Beschluss, den Hirsch stärker zu
bejagen, hat er entgegen der Ansicht vieler Jäger Weitsicht bewiesen.
Hätte Narcisse Seppey dies nicht durchgesetzt, hätten wir heute
im Oberwallis ein Hirschproblem, das kaum noch zu lösen wäre.
Sie sind Jagdpolitiker und als Rarner Gemeinderat
auch Kommunalpolitiker. Wo wird eigentlich schärfer geschossen?
(lacht herzhaft) Die Jagdpolitik läuft wesentlich
sachlicher ab. Die Kommunal- und Parteipolitik ist viel persönlicher
und härter. Aber ich bin stolz auf das, was ich und die Partei erreicht
haben. Künftig werde ich mich in meinem Amt als Zentralpräsident
noch intensiver der Jagdpolitik widmen.
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