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Frontal-Interview:
„Frauen haben häufig viel mehr Ausdauer als Männer“


Nicole Bayard
 
Visp / Nicole Bayard ist Kommunikationschefin der BLS AlpTransit. Die 33jährige Doktorin der Wirtschaftswissenschaften ist in Visp aufgewachsen und da zur Schule gegangen. Nach Studien- und Dissertationsaufenthalten in Bern und Zürich und einem Master of Science-Diplom in Kommunikaitionsmanagement war Nicole Bayard Mediensprecherin der Lonza AG in Visp. Zu ihrem Job als Kommunikationschefin der BLS AlpTransit meint die Mutter der viermonatigen Anissa: „Das Wallis hat es in der Hand, aus der NEAT etwas Positives zu machen.“

Von Ruth Seeholzer und Walter Bellwald

Sie kommen soeben zurück aus einem speziellen Urlaub – dem Mutterschaftsurlaub. Können Sie von Ihren Berufserfahrungen profitieren in der neuen Rolle als Mutter?

Es war eine totale Umstellung. Mutter zu sein ist etwas ganz Neues für mich. In jeder neuen Situation muss man erst einmal den Weg finden. Aber meine Tochter ist jetzt vier Monate alt. Und ich denke, jetzt habe ich das Muttersein gut im Griff. Mein ganzer Tagesablauf ist viel strukturierter durch Anissa. Profitiert habe ich in dem Sinn von meinem Job, dass ich es da schon gewohnt war, zu organisieren und viele Dinge gleichzeitig zu erledigen.

Sie haben eine breite und fundierte Ausbildung genossen und befinden sich in einer guten Berufsposition. Jetzt durften Sie auch noch Mutter werden. Wird nun das Gelernte einige Zeit brachliegen?

Nein, ich arbeite seit September wieder zu achtzig Prozent in meinem Job als Kommunikationschefin der BLS AlpTransit. Ich bin froh, dass ich weiter arbeiten darf. Ich empfinde es als eine enorme Bereicherung des Lebens, wenn man Familie und Beruf miteinander kombinieren kann.

Wie bringt man denn Familie, Haushalt und Beruf unter einen Hut?

Es funktioniert vor allem, weil ich in meinem Job sehr flexibel bin. Ob ich abends um zehn Uhr arbeite oder am frühen Morgen, das spielt keine Rolle. Ich kann mir meine Arbeit selber einteilen und mir viele Termine selber setzen. Ich habe einen flexiblen Arbeitgeber. Ich habe einen flexiblen Partner. Und ich verfüge über ein gutes familiäres Umfeld, das mich unterstützt. Es braucht Flexibilität, und vor allem braucht es den Willen. Ich sage immer: Wä mu will, geit vill.

Sie haben das vorhin schon kurz erwähnt: Sie können sich auf die Hilfe Ihres Mannes verlassen?

Ich kann mich zu hundert Prozent auf ihn verlassen. Von Berufs wegen ist mein Mann auch flexibel, was das ganze natürlich enorm erleichtert.

Als Medien- und Kommunikationsprofi wäre es doch naheliegend, dass Sie sich auch einsetzen für die Belange der berufstätigen Mütter?

Ich versuche durch mein Beispiel, mich einzusetzen. Taten sind viel mehr wert als alle Worte. Nur zu sagen, was schlecht ist und was man anders machen sollte, bewirkt oft genau das Gegenteil. Wenn ich aber zeige, dass ich einen Job mache, und den gut mache, und gleichzeitig auch eine fürsorgliche Mutter sein kann, dann gebe ich in diesem Sinn ein Beispiel. Und vielleicht kann man damit auch gewisse Barrieren in den Köpfen lösen.

In Ihrer Position als Kommunikationschefin der BLS AlpTransit setzen Sie sich zwangsläufig der Öffentlichkeit aus. Sie vertreten jedoch nicht Ihre eigene Meinung, sondern die der Firma. Ist das manchmal ein Spagat?

Nein, überhaupt nicht. Wenn ich einen solchen Job mache, dann muss ich mich mit meiner Firma identifizieren. Wenn ich das nicht mehr kann, dann kann ich den Job nicht machen. Wenn ich nicht hinter dem stehen könnte, was ich sage, dann würde ich mir einen anderen Job suchen.

Nun ist das in Ihrem Beruf eigentlich nicht unbedingt üblich. Da wechseln Mediensprecher die Seiten, gehen gar zur Konkurrenz und vertreten von da an deren Meinung, ohne rot zu werden?

Das ist nicht mein Ding. Ich identifiziere mich voll und ganz mit der BLS AlpTransit und dem Lötschberg-Basistunnel. Wir sind ein super Team. Und ich stehe dahinter. Ich kann nicht etwas vertreten, zu dem ich nicht stehen kann.

Das sind klare Worte. Als Mediensprecherin muss man jedoch manchmal Dinge an die Öffentlichkeit bringen, die nicht so angenehm sind. Bereitet Ihnen das Schwierigkeiten?

Nein, überhaupt nicht. Wichtig ist, dass es wahr ist. Und dass ich begründen kann, warum unsere Firma etwas macht.

Sie sind jung. Sie sind eine Frau. Und Sie sind erfolgreich. Muss man ehrgeizig sein, um das zu erreichen, was Sie in kurzer Zeit erreicht haben?

Ich denke, die Grundlage ist schon der Ehrgeiz. Ich gehe zum Beispiel gerne „ds Bärg“, und ich fahre Mountainbike. In beiden Disziplinen muss man manchmal hart auf die Zähne beissen. Das ist in anderen Belangen des Lebens genau dasselbe. Wenn man eine Doktorarbeit schreibt, dann ist man einfach Tage, Wochen und Monate daran. Und zwar alleine. Wenn man sich dabei nicht ab und zu zusammenreissen kann, ist man aufgeschmissen. Mein Doktortitel zum Beispiel ist mir nicht wichtig. Ich nenne und schreibe ihn praktisch nie. Für mich war es wichtig, den Weg dazu zu machen.

Anders gefragt: Ist Ehrgeiz etwas Unweibliches?

Nein, im Gegenteil! Ich bin überzeugt, Frauen sind sehr stark. Frauen haben häufig viel mehr Ausdauer als Männer, sie sind zielstrebiger und direkter. In dem Sinn ist Ehrgeiz überhaupt keine unfrauliche Eigenschaft.

Die NEAT ist ein Jahrhundert-Bauwerk, das nicht nur das heutige, sondern auch das zukünftige Wallis verändern wird. Sind Sie der Meinung, dass die Veränderungen für unseren Kanton vor allem positiver Art sein werden?

Sehr positiv sogar. Wir haben es in der Hand, etwas Positives aus der NEAT zu machen. Die NEAT bringt uns die Absatzmärkte näher, die Touristen sind innert viel kürzerer Zeit in ihren Lieblings-Skigebieten etc. Diejenigen, die Angst haben, haben auch sonst immer Angst. Wenn neue Verbindungen da sind, dann heisst das auch neue Chancen. Man muss sie nur packen.

Als St. German quasi den Boden unter den Füssen verlor, weil sich dieser durch die NEAT-Tunnelbohrungen senkte, da hat die BLS AlpTransit sofort sehr offen und umfassend informiert. Ist das auch Ihr Verdienst?

Zusammen mit unserem Chef, Peter Teuscher, führen wir eine sehr offene Gesprächskultur. Da, wo wir es in der Hand haben, wie z.B. in St. German, versuchen wir auch, unsere Sache gut zu machen. Wir haben schon innerhalb der BLS AlpTransit ein offenes und unkompliziertes Arbeitsklima. Und genauso geben wir diese Haltung auch nach aussen weiter.

Sie haben doktoriert und ein Buch herausgegeben mit dem Titel „Unternehmens- und personalpolitische Relevanz der Arbeitszufriedenheit“. Hat Zufriedenheit mit seinem Job Auswirkungen auf die Unternehmung?

Ganz klar! Wichtig ist vor allem, dass man sich mit ‚seiner’ Unternehmung, seinem Arbeitgeber, identifiziert, dass man dahinter stehen kann. Ein Arbeitnehmer, der sich mit der Unternehmung, für die er tagein, tagaus arbeitet, identifizieren kann, der zufrieden ist an seinem Platz, der bringt dem Arbeitgeber viel mehr als jemand, der unzufrieden ist. Wobei es ganz verschiedene Facetten von Zufriedenheit gibt. Derjenige, der sich quasi schicksalsergeben mit seinem Job abgefunden hat und sagt, er sei ganz zufrieden, bringt nicht dieselbe Leistung wie einer, der top motiviert ist.

Das heisst also, dass es sich für einen Chef lohnt, wenn er darum besorgt ist, dass seine Untergebenen zufrieden sind?

Ganz klar! In Studien wurde bewiesen, dass die wichtigste Rolle in Sachen Arbeitszufriedenheit der Vorgesetzte spielt. Der Vorgesetzte verkörpert die Firma und kann die Arbeitssituation auch verändern. Ein offener Vorgesetzter, der mich unterstützt und dem ich vertrauen kann, ist die beste Voraussetzung, um mich voll und ganz für die Firma einzusetzen. Wenn mein Vorgesetzter bereit ist, mit mir zu diskutieren über mögliche Lösungen, bringt das viel mehr, als wenn ich das Gefühl habe, ich dürfe meine Ideen nur so präsentieren, dass sie ihm auch sicher gefallen.

Sehen das die Chefs auch ein?

Vorgesetzte sind auch nur Menschen. Die wichtigste Qualität als Chef ist diejenige, zuhören zu können und so viel Selbstvertrauen und damit Sozialkompetenz zu besitzen, dass er oder sie offen sein kann gegenüber anderen Ideen. Wenn er oder sie keine Angst haben muss, dass der Angestellte mehr weiss als er, weil das nämlich gar nicht so wichtig ist. Das heisst aber auch, dass ein Chef selbstbewusst die Firmenstrategie durchzieht und wenn’s nötig ist, die Ideen seiner Untergebenen ganz klar in diese Richtung lenkt.

Wie sieht es aus mit Ihrer Arbeitszufriedenheit?

(lacht) Ich bin sehr zufrieden. Ich versuche, mein Möglichstes zu machen und mein Bestes für unsere Firma zu geben.


 

 

      
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