| Naters / Er gehört zu den wenigen im
Oberwallis, die in Sachen Wirtschaft nicht nur über die notwenige Kompetenz
verfügen, sondern auch Klartext sprechen: Albert Bass, Treuhänder
und Vizepräsident der Walliser Kantonalbank, sagt, was er denkt
etwa über die Bergbahnen, den Tourismus, das Verhältnis Brig-Naters,
die Wirtschaftslage und die OGA
Von German Escher und Walter Bellwald
Sie haben am CSPO-Tourismusforum gesagt, dass
die kleineren Skiliftunternehmungen künftig kaum noch mit Bankkrediten
rechnen können. Was haben Sie gegen die Kleinen?
Ich habe überhaupt nichts gegen die Kleinen.
Aber es gibt Instrumentarien zur Finanzierung von Unternehmungen. Und
da haben es die kleinen Bergbahnen einfach schwer. Bankfinanzierungen
gehen nach betriebswirtschaftlichen Normen. Die kleinen Bergbahngesellschaften
haben ihre Existenzberechtigung in volkswirtschaftlicher Hinsicht
praktisch wie ein Gemeindewerk.
Die kleineren Gesellschaften bleiben also auf
Gemeindehilfe angewiesen. Können wir uns das auf die Dauer leisten?
Das ist eine Frage der Priorität. Wenn beispielsweise
die Gemeinde Visperterminen sagt: Aufgrund unserer Jugend- oder Tourismuspolitik
ist die Erhaltung der Skilifte absolut wichtig. Dann hat der Skiliftbetrieb
einen Stellenwert wie ein Schulhaus oder eine Mehrzweckhalle mit
der Konsequenz, dass sich die Gemeinde auch um die Finanzierung kümmern
muss.
Aber Hand aufs Herz: In den kleineren Ferienstationen
fehlt es an einer profes-sionellen Führung und häufig sind auch
die Gemeindebehörden überfordert.
Diesen einen professionellen Verwaltungsrat zu Seite
zu stellen, wäre wohl übertrieben. Ich traue den Verantwortlichen
in den Dörfern zu, dass diese ein kleineres Skiliftunternehmen führen
können. Zudem muss man klar sehen: Es ist extrem schwierig, mit so
unterschiedlichen Frequenzen auf gute Betriebserträge zu kommen.
Managementprobleme haben wir bei jenen Bahnen, die in der Champions League
spielen sollten.
Aber auch bei den Grossen ist der
Appell zu Fusionen unüberhörbar und trotzdem kommt kaum
Bewegung in die Bergbahn-Branche. Warum?
Es gibt immer wieder Bestrebungen. Zermatt ist das
positive Beispiel, wo gesunde Bergbahngesellschaften fusioniert haben.
Schwieriger wird es, Lahme und Blinde zusammenzuführen, weil daraus
nie etwas Gesundes entsteht. Aber hier bin ich mit den Schweizerischen
Grossbanken nicht zufrieden. Es gibt Fusionsprojekte im Oberwallis, die
von den Aktionären, den Regionen und der politischen Klasse getragen
werden, die aber bis anhin durch den Einfluss der Grossbanken eher verzögert
werden. Die Grossbanken sehen in den Fusionen nicht so sehr den Vorteil
der Unternehmen, sondern die Möglichkeit, eigene Risiken abzubauen.
Es ist kein Geheimnis, dass die langersehnte Fusion zwischen den Riederalp-bahnen
und den Verkehrsbetrieben Riederalp deshalb nicht richtig vorwärts
kommt.
Wie sehen Sie die Zukunft der Top-Bahnen?
Die Zermatter haben ihre Hausaufgaben erfüllt.
In Saas Fee ist man gut unterwegs. Hier wären Kooperationen mit den
Bahnen in Saas Grund und Saas Almagell empfehlenswert. Kommen wir ins
Aletschgebiet, das vor einer grossen Entscheidung steht. Real betrachtet,
muss hier der Weg der kleinen Schritte gegangen werden. Zuerst muss man
die Bergbahnen und Verkehrsbetriebe Riederalp zu einem gesunden Betrieb
zusammenführen. Dadurch entsteht eine Plattform für weitere
Kooperationen im Aletschgebiet.
Und was geschieht mit den Belalpbahnen?
Die Lebensfähigkeit von Blatten-Belalp steht
und fällt mit einer Verbindung zur Riederalp respektive zum übrigen
Aletschgebiet. Da müssen Konzepte und Projekte erarbeitet werden,
die mit dem genügenden Respekt vor dem UNESCO-Label und der Umwelt
eine Verbindungsbahn ermöglichen. Ich bin überzeugt, hier findet
man Lösungen.
Das würde aber bedeuten, dass man andere
Projekte der Belalpbahnen vorerst zurückstellen müsste?
Bei der künftigen Erschliessung muss man das
gesamte Aletschgebiet vor Augen haben. Und das geht vom schönsten
Aussichtspunkt, dem Eggishorn, bis zum schönsten Skigebiet. Und das
ist Blatten-Belalp.
Mit dem UNESCO-Label hätte das Aletschbord
doch die Voraussetzungen, zu einer Art Gornergrat des Aletschgletschers
zu werden. Die Chance hat man bisher noch nicht richtig erkannt.
Ich teile diese Einschätzung. Interessanterweise
spricht man auf der Riederalp und der Bettmeralp bereits von einem UNESCO-Effekt.
Hier stellt man im Unterschied zu Blatten-Belalp bereits eine gewisse
Mehrfrequenz fest. Es fehlt an der gesamten touristischen Integration.
Auch die Destination Aletsch steht auf wackligen
Beinen. Müsste hier nicht die Politik grösseren Druck aufsetzen?
Verkehrsvereine sind ja lediglich ausführende Organe der Gemeinde.
Es ist immer gut, wenn man touristische Organisationen
hat, in denen die Gemeinde nur ihren gesetzlichen Auftrag erfüllen
muss und gute Leute die Führung übernehmen. Aber in Naters ist
der Moment gekommen, wo die politische Klasse reagieren muss. Offenbar
sind die jetzigen Strukturen und Personen nicht mehr in der Lage, die
Aufgaben zu erfüllen. Hier muss der Gemeinderat den touristischen
Organisationen klare Auflagen machen.
Wie sehen Sie die Zusammenarbeit mit Brig?
Ich war früher während 16 Jahren Verkehrsvereinspräsident
von Naters-Blatten-Belalp. Die Zusammenarbeit mit Brig war schon damals
sehr schwierig. Brig und Naters haben völlig unterschiedliche Kulturen,
die nie natürlich zusammen reden und zusammen wachsen konnten. Dementsprechend
sagt ein altes Sprichwort: Alles, was sich nicht natürlich entwickelt,
wird sich nie zusammenfinden. Trotzdem muss mittelfristig die touristische
Information in Naters-Brig auf eine gemeinsame Plattform geführt
werden.
Was halten Sie von der SP- Initiative, die ein
engeres Zusammengehen der beiden Gemeinden zumindest prüfen soll?
Die Fusion von Brig und Naters ist eine Illusion
und auch nicht prioritär. Ich habe zehn Jahre als Natischer in Brig
gelebt. Als ich wieder nach Naters umzog, kam ich mir vor, als ob ich
aus dem Exil zurückkehren würde. Diese Einschätzung ist
weder böse noch schlecht gemeint aber es ist die Wahrheit.
Ich hoffe, dass wir aufgrund von Allianzen und Kooperationen noch enger
zusammenarbeiten werden. Aber eine Fusion bleibt ein Traum. Ich war 1968,
als der Zusammenschluss von Brig und Glis anstand, mit dem damaligen Natischer
Gemeindepräsident Paul Biderbost an einem Fusionsgespräch dabei.
Das dauerte gute zwanzig Minuten. Heute würde man vielleicht zwei
Stunden diskutieren. Aber das Resultat bliebe dasselbe.
Bleiben wir bei den Gemeinden. Vielerorts tut
man sich mit echter Wirtschaftspolitik schwer?
Die Gemeinden müssen sich bewusst sein, dass
sie die Funktion eines Dienstleistungsunternehmens übernehmen müssen.
Im Rahmen der Wirtschaftsförderung sehe ich immer wieder, wie unterschiedlich
hier die Gemeinden reagieren. Es gibt allerdings auch gute Beispiele
etwa Leuk oder Steg, die im Bereich der Ansiedlung gute Arbeit leisten.
Wie beurteilen Sie als Treuhänder und WKB-Vizepräsident
die momentane Wirtschaftssituation im Oberwallis?
Die Situation ist unterschiedlich. Schwierig ist
die Lage im Goms, das ohne Gegenmassnahmen zum Armenhaus des Wallis werden
könnte. Allerdings muss man festhalten, dass man nach dem Olympia-Nein
verschiedene Projekte mit einer nachhaltigen Wirkung im Goms etwa
das nationale Langlaufzentrum gleichwohl hätte verwirklichen
müssen. Allgemein muss man sich eingestehen: Wir leben heute in einer
Zeit der Stagnation, auch im Oberwallis. Wir haben in der Wirtschaft ein
enormes Nachfrageproblem und das müssen wir lösen. Umsomehr
stimmt es mich nachdenklich, dass wir an diesem Wochenende über eine
doppelte Schuldenbremse abstimmen werden. Das ist eine falsche Massnahme,
ein schlechtes Signal an die Konsumenten und erinnert mich an die Politik
der Dreissiger Jahre.
Was muss geschehen?
Wir müssen den öffentlichen Haushalt ausrichten
auf eine maximale Staatsquote, so dass die Steuern nicht mehr erhöht
werden können. Aber nebst dem muss eine antizyklische Investitionspolitik
betrieben werden. Durch die doppelte Schuldenbremse zwingt man die Gemeinde
zum selben Verhalten. Darunter leidet die gesamte Stimmung, auch beim
privaten Konsum.
Die Industrie läuft zwar, aber der Hochbau
tut sich schwer und der Tourismus muss auch Einbussen hinnehmen. Wo sind
da die Chancen?
Unser grosse Chance bleibt der Tourismus. Aber der
Tourismus muss innovativer werden. Es braucht von den Bergbahnen über
die Verkehrsvereine bis zur Hotellerie eine neue Generation innovativer
Köpfe. Es gibt in jeder Station Top-Unternehmungen. Das zeigt mir:
Wer innovativ ist, kann im Oberwallis gute Geschäfte machen.
Und wie wirkt sich die NEAT aus?
Die NEAT wird der Wirtschaft positive Impulse geben
aber in einem beschränkten Rahmen. Man darf nicht zuviel erwarten.
Aber die Oberwalliser Wirtschaft, die mir lange
wie eine geschützte Werkstatt vorkam, muss sich auf die neue Konkurrenz
von aussen vorbereiten?
Auch hier gilt: Es braucht innovative Köpfe
und Unternehmungen. Und solche Betriebe gibt es im Oberwallis. Aber viele
Unternehmer haben den Glauben an sich und die eigene Leistung noch nicht
gefunden. Wahrscheinlich sind viele von uns zu wenig ehrgeizig. Wir müssen
an unsere Chance, auch ausserhalb des Oberwallis, glauben. Der Standort
ist heute sekundär. Entscheidend ist die Leistung. Unser Treuhandunternehmen
beispielsweise betreut heute Projekte in den USA, Deutschland und Asien.
Wir müssen im Oberwallis eine Unternehmenskultur schaffen, die auch
nach aussen gerichtet ist.
Wie weit kann die Politik mit Vergünstigungen
für Risikokapital etc. optimalere Bedingungen schaffen?
Ich bin Präsident der Walliser Risikokapitalgesellschaft
Valcréation. Diese muss jetzt richtig aufgebaut und bekannt gemacht
werden. Es braucht diese Gesellschaft, um junge, innovative Unternehmer
zu fördern. Banken werden nur noch in beschränktem Mass Unternehmensfinanzierungen
machen. Allerdings stelle ich in meiner Funktion bei der Kantonalbank,
der Sodeval oder der Valcréation fest: Das Unterwallis ist innovativer.
Sind Angebote wie Vifra oder OGA noch zeitgemäss?
Die OGA ist eine veraltete, um nicht zu sagen tote,
Struktur. Solche Messen müssen stärker ein Spiegelbild einer
Wirtschaft der Region sein. Mir fehlt das Schaffen vor Ort. Mir fehlt
die Landschaft mit ihren Tiere und Produkten, es fehlt die Lonza und es
fehlt teilweise das Handwerk, das hier ihr Schaffen präsentiert.
Mit einem gesellschaftlichen Treffen, aber mit einer Wirtschaftsausstellung
hat das ganze wenig zu tun.
Nebst Ihrer beruflichen, breitgefächerten
Tätigkeit engagieren Sie sich noch für den Ausbau der Altersiedlung
in Naters. Erschwert die eher schlechte Wirtschaftsstimmung das Geldsammeln
bei künftigen Stiftern?
Natürlich ist es schwieriger. Aber das darf
uns nicht daran hindern, ein solch wichtiges Projekt unserem Fahrplan
entsprechend zu realisieren.
Und wie sind Sie unterwegs?
Wir werden dieser Tage das Projekt auswählen
und im Frühjahr mit den Bauarbeiten beginnen. Die neue Alterssiedlung
ist 2005 bezugsbereit. Bis dann werden wir auch die zwei Millionen Franken,
die wir noch bei Mitstiftern sammeln müssen, beisammen haben. Die
restliche Finanzierung ist über die Stiftergemeinden, die Subventionszusagen
und den IHG-Kredit gesichert.
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