| Chamoson / Brig / Der Fall Chamoson hält
die Menschen im Wallis in Atem. Im Gespräch mit der Beziehungsexpertin
und Eheberaterin Gertrud In-Albon zeigt die RZ auf, was hinter einer solchen
Tat stecken kann.
Von Waldemar Schön und Ruth Seeholzer
Was dachten Sie, als Sie von dem Drama im Unterwallis
hörten?
In diesem Moment habe ich gar nicht klar denken können.
Ich war gefühlsmässig sehr betroffen. Ich sah das zehnjährige
Mädchen am Rottenufer sitzen, allein und fassungslos.
Und wie schwer fiel es Ihnen, diesem Interview
zu einem derart erschütternden Thema zuzustimmen?
Ich musste mich zuerst fragen, wo der Sinn eines
solchen Interviews liegt. Je mehr ich darüber nachgedacht habe, desto
mehr Sinn sah ich darin, bestimmte Vorgänge zu thematisieren und
sich auf die Suche nach den Gründen zu begeben, die solchen Taten
im Allgemeinen zugrunde liegen können.
Was denken Sie, was die Leute im Zusammenhang
mit diesem Drama am meisten beschäftigt?
Am meisten beschäftigt die Menschen wahrscheinlich
die Frage: Könnte mir so etwas auch passieren? Ich begegne in meinem
Berufsalltag oft Menschen, die in extremen Situationen stecken und selbst
keine Auswege mehr sehen. Eltern wissen oft nicht mehr, nach welchen Werten
sie sich bei der Erziehung ihrer Kinder richten sollen oder welcher Sinn
der eigenen Partnerschaft zugrunde liegt. Wenn diese Basis in Beziehungen
fehlt, führt Druck schnell zu ausweglosen Situationen.
Amokläufe überall, eine Mutter versucht,
ihre Kinder zu töten: Sind das Einzelfälle oder müssen
wir in Zukunft vermehrt damit rechnen?
Ich habe den Eindruck, dass vor allem die psychische
Gewalt, d.h. extreme Drucksituationen, stark zunehmen und die Menschen
oft nicht in der Lage sind, damit umzugehen. Die Zunahme dieses Drucks
führt vermehrt dazu, dass die Sicherungen durchbrennen. Für
mich ist klar: Die Frau in Chamoson war nicht sich selbst, sie stand gefühlsmässig
ausserhalb ihrer eigenen Person.
Und reagiert mit dem Töten ihrer eigenen
Kinder?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit Druck
umzugehen. Wenn jemand psychischer Gewalt durch Stress am Arbeitsplatz
ausgesetzt ist, kann sich diese Gewalt gegen sich selbst in Form eines
Magengeschwürs oder eines Herzinfarktes richten. In diesem Fall erreichen
die Betroffenen, dass man mit ihnen Mitleid hat. Diese Art des Umgangs
mit Stressituationen ist gesellschaftlich akzeptiert. Wenn sich aber diese
Gewalt gegen jemand anders und vor allem gegen Kinder richtet, sind Betroffenheit
und Empörung über diese Tat verständlicherweise gross.
Wie kann es zu solchen extremen Taten kommen?
Ich masse mir nicht an, zu diesem Fall eine definitive
Aussage zu machen. Es geht darum, die allgemeinen Hintergründe auszuleuchten.
Ich erlebe in meiner Praxis immer wieder solche Grenzsituationen. Die
Leute stehen unter unglaublichem psychischen Druck, wenn man zum Beispiel
vor der Scheidung ist, Kinder da sind und auch finanziell nicht alles
rund läuft. Und genau einem solchen Druck war meiner Meinung nach
die Frau in Chamoson ausgesetzt. Der Mann geht Konkurs und fällt
als Versorger aus. Sie muss trotzdem die vier Kinder versorgen,
ist ihnen Mutter und Vater zugleich, arbeitet wieder als Krankenschwester
und versucht, alles unter einen Hut zu bringen. Sich selbst verliert sie
dabei, kann ihre eigenen Gefühle zuwenig leben. Fühlt sich vom
Mann und der Welt verlassen. Es gibt Menschen, die brechen zusammen, werden
krank oder depressiv und erhalten dadurch eher Hilfe, weil es für
die Umgebung sichtbar wird. Diese Frau hat sich dies offenbar nicht zugestanden.
Als Resultat bricht ihre Gefühlswelt zusammen und lässt sie
im Stich.
Ist dies ein persönliches oder gesellschaftliches
Problem?
Beides. Mein Eindruck ist, dass die Menschen heute
gewaltig am Flattern sind, wenn es um die eigene Beziehung
geht. Früher war klar: Die Frau will versorgt sein und heiratet;
der Mann braucht eine Arbeitskraft und heiratet; Kinder werden auf die
Welt gestellt, damit die Eltern im Alter versorgt sind. Es gab also sachliche,
greifbare Gründe, zu heiraten und das Leben gemeinsam zu gestalten.
Gründe, an denen man sich festhalten konnte, wenn es mal nicht so
gut lief. Liebe spielte damals keine grosse Rolle. Heute sind die Menschen
nicht mehr in dieser Form voneinander abhängig. Von der Grossfamilie
mit vielen Ansprechpartnern ging man direkt zur Kleinfamilie über,
Mutter- und Vaterrolle haben sich verändert. Aber wir haben es versäumt,
der Beziehung, der Partnerschaft neue, greifbare Inhalte zu geben. Heute
heiratet man aus Liebe, ohne das Wort Liebe zu definieren und mit Inhalt
zu füllen. Sobald die Schmetterlinge im Bauch verschwunden sind,
und man sich überlegt, was das Ganze eigentlich soll, wirds
kritisch. Das Resultat: eine fast 50prozentige Scheidungsrate in der Schweiz.
Was ist zu tun?
Wir müssen auch bei uns im Wallis aufhören,
von einer heilen Beziehungswelt mit Friede, Freude, Eierkuchen auszugehen.
Wir müssen uns den wirklichen Problemen stellen, neue Rollenmuster
für Frauen und Männer entwickeln. Die Frauen dürfen sich
nicht länger in die eigenen vier Wände einsperren und die Männer
müssen von der reinen Versorgerrolle wegkommen. Für mich ist
klar: Wir befinden uns in einem Paarbeziehungs- und Kindererziehungs-Notstand!
Statt eine gescheite Familien-, Erziehungs- und Wirtschaftspolitik zu
machen, werden uns auf politischer und gesellschaftlicher Ebene noch immer
Strahlemänner mit glücklichen Kindern und ihren
Frauen präsentiert. Dies entspricht nicht mehr der Realität.
Zurück zum Fall Chamoson: Es gibt ja viele
Frauen, die verschiedenste Dinge unter einen Hut bringen wollen. Gehen
denn solche starken Frauen bewusst grosse Risiken ein?
Diese Frauen gehen in erster Linie vor die Hunde.
Denn auf Dauer ist eine derartige Situation nicht lebbar. Es geht nicht,
dass jemand verschiedene Rollen zur selben Zeit übernimmt. Es ist
dringend nötig, dass die Aufgaben in Beziehungen und in der Familie
neu definiert und verteilt werden. Im angesprochenen Fall hat der Mann
ebenso versagt. Denn Vater sein heisst Verantwortung für die Kindererziehung
zu übernehmen, heisst Zeit zu investieren.
Die Situation dieser Frau war für sie aussichtslos.
Weshalb holt sie sich denn nicht ausserhalb des engeren Beziehungsnetzes
Hilfe?
Das ist nicht nur ein Problem dieser Frau. Wir haben
allgemein Mühe, von aussen Hilfe anzunehmen, obwohl es auch im Wallis
viele Institutionen gibt, die für solche Dinge zuständig sind.
Hilfe holen heisst für die meisten Leute noch immer, versagt zu haben.
In der Regel holt man sich im Wallis erst Hilfe, wenn es fünf vor
zwölf ist also schon fast zu spät. Man darf nach aussen
einfach nicht zeigen, dass man mit der eigenen Situation nicht zurecht
kommt. Wenn mit dem Auto etwas nicht stimmt, geht man zum Garagisten.
Aber wenn mit mir selber etwas nicht stimmt, bin ich nicht bereit, Hilfe
zu holen. Das ist die Realität.
Soll man sich denn einmischen, wenn man in seinem
Umfeld solche Fälle vermutet?
Jeder kann sich anbieten. Aber sicher nicht von oben
herab und mit guten Ratschlägen, sondern mit der Bereitschaft für
den andern dazusein. Viele Menschen sind im Paarbeziehungs- und Kindererziehungsgeflecht
aber selber verunsichert und gehen auch deshalb in diesen Fragen nicht
auf den Mitmenschen zu.
Wie denken Sie jetzt, nach dem Gespräch,
über den Fall Chamoson?
Der Fall in Chamoson ist wie ein Alarmsignal. Es
ist eine Chance über unsere eigene Situation nachzudenken. Wir sollten
uns viel bewusster mit unseren Beziehungen und Rollen in Familie und Gesellschaft
auseinandersetzen.
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