| Visp / Billigimporte und zu hohe Produktionskosten
zerren auch an den Fundamenten der Walliser Winzer und Kellereien. Josef-Marie
Chanton, der seit 30 Jahren in Visp in Sachen Wein unbeirrt seinen eigenen
Weg geht und auch schon als Archäologe der Walliser Rebsorten
betitelt wurde, wirft nicht nur einen Blick auf die Weinbranche.
Von Waldemar Schön und Walter Bellwald
Herr Chanton, was haben wir in Sachen Qualität
vom Jahrgang 2002 zu erwarten?
Ich finde es immer schade, wenn die Medien von verregnetem
Sommer und ähnlichen Dingen reden und damit einen Jahrgang
im Voraus schlecht machen. Wenn die Voraussetzungen der Lage und der Menge
pro Quadratmeter optimal genutzt werden, stimmt der Zuckergehalt immer.
Übrigens: In meinen Augen ist die Säure das Rückgrat des
Weins. Sie sorgt auch dafür, dass die Weine länger haltbar bleiben.
Und wenn das Wetter zu schön und damit zu warm ist, baut sich die
Säure, vor allem in warmen Nächten, in den Beeren zu schnell
ab. Für mich sind in der Regel Jahre mit höherer Säure
die besseren Jahrgänge.
Was macht den Wein zum Spitzenwein: das Rebgut,
die Kelterung, ein gelungenes Marketing...
...oder die Degustatoren und Kritiker, die Weine
grundlos hochjubeln? Ich selbst erinnere mich an eine Degustation, wo
die hundert besten Weine der Schweiz herausgefunden werden sollten. Da
wurden Weine aus dem Tessin hoch gelobt, die das gar nicht verdient haben,
sondern einem Modetrend entsprachen. Für mich ist entscheidend, dass
die Qualität vom Rebberg bis zur Behandlung im Keller stimmt. Nur
so kann ich die Versprechen und die Erwartungen erfüllen, die das
Marketing und die Kritiker bei den Weinliebhabern schüren. Für
mich steht fest: Es ist nicht gut, wenn man sich als Weinproduzent an
den Modetrends orientiert.
Sondern?
Meine Familie produziert seit 30 Jahren Spezialitäten
in kleinen Mengen und wir hatten keine Probleme, unsere Weine auch zu
verkaufen. Wir im Wallis sollten nicht probieren, mit Weinen zu konkurrenzieren,
die auf der ganzen Welt, in Chile, Südafrika oder Australien, angebaut
werden können und in Millionen Litern auch in die Schweiz fliessen.
Wenn wir kopieren wollen, haben wir gegen die Produktionsbedingungen dieser
Länder keine Chance.
Ist das nicht etwas zu pessimistisch?
Ich komme gerade von einer Weinmesse in China zurück.
Australien und andere Staaten treten mit ganz anderen Mitteln auf. Da
steht der australische Botschafter am Stand der Weinproduzenten und lässt
seine Beziehungen spielen. Wir müssen uns auf das zurückbesinnen,
was uns einzigartig macht. Ich bin überzeugt, dass ein Feriengast
aus Deutschland lieber etwas trinkt, das aus unserer Region stammt, als
das, was er zuhause im Supermarkt auch kaufen kann. Man muss ihm diese
Weine nur ans Herz legen.
Verglichen mit Salgesch oder Chamoson liegen Sie
mit Ihrem Betrieb in Visp nicht gerade im Weinbau-Mekka?
Das Image vom Heida in Visperterminen ist sehr gut
und auf den höchsten Rebberg Europas springen immer wieder Journalisten
mit Geschichten auf. Zudem habe ich mir mit der Zeit einen Ruf als Kenner
alter Rebsorten erworben und wurde auch schon als Archäologe
der Walliser Rebsorten bezeichnet. Mein Beziehungsnetz mit Fachjournalisten
wurde dadurch auch gross. Warum hätte ich also Visp verlassen sollen?
Allerdings: Von den neun Hektaren, die wir selber bewirtschaften, liegt
nur die Hälfte rund um Visp. Der Rest befindet sich in Varen und
Leuk.
Ihnen wird nachgesagt, eine sehr natürliche
Art der Weinproduktion zu beherrschen. Was machen Sie anders?
(lacht) Das darfi doch nit sägu! Tatsache ist,
dass ich immer eine enge Beziehung zur Natur hatte. Im Militärdienst
kam mir die Idee, dass man Natur ja auch mit Wein kombinieren könnte.
1964 pflanzten wir unseren ersten Heida-Rebberg ob Visp und bewirtschafteten
diesen möglichst natürlich, waren beim Spritzen sehr zurückhaltend
und liessen das Gras im Rebberg wachsen. Seit rund zehn Jahren verwenden
wir gar keine Insektizide und Akarizide mehr, weil unsere Rebberge mehr
oder weniger im natürlichen Gleichgewicht sind. In meiner Ausbildung
zum Önologen in Wädenswil entdeckte ich auch die Liebe zu den
alten Walliser Rebsorten. In diesen alten Werten des Wallis sah ich früh
eine Chance. Alte Rebsorten, strikte Mengenbeschränkung auf 500 bis
700 Gramm pro Meter, idealer Erntezeitpunkt nach Fruchtigkeit und nicht
unbedingt nach Zuckergehalt diese Kombination war erfolgreich.
Zudem lasse ich dem Wein seine Zeit, verzichte im Keller auf den Einsatz
von Reinhefe, heize den Keller auch nicht um den Säureabbau zu beschleunigen.
Als Kleinbetrieb haben wir eben die Möglichkeit, jedes Fass regelmässig
zu kontrollieren, ohne die Entwicklung des Weins künstlich zu beschleunigen
oder zu bremsen.
Sie waren mit dieser Ansicht aber lange alleine
auf weiter Flur?
Im Wallis Reben zu pflanzen, ist einfach, weil hier
alles wächst. Ich bin aber überzeugt, dass hier nur die Sorten
einen Spitzenwein ergeben, die auch zum Klima passen und hier quasi heimisch
sind. Unterwalliser Weinproduzenten haben mich schon vor 25 Jahren kritisiert
und gesagt, dass meine Produktionsweise keine Chance habe und meine Preise
zu hoch seien. Ich habe schon damals entgegnet, dass wir für unsere
einmaligen Produkte auch gute Preise verlangen können. Ein Merlot,
ein Cabernet oder ein Chardonnay sind im Gegensatz zu Himbertscha oder
Heida beliebig austauschbar.
Wie sieht es denn mit dem Austausch innerhalb
der Weinproduzenten aus?
Leider herrscht vor allem im Oberwallis noch immer
das Denken: Jeder für sich und Gott für alle! Bei
den Jungen ändert sich dies langsam aber sicher. Ich habe oft versucht,
meine Ideen zu vertreten und habe den Kontakt mit der OPAV, die ich ausgiebig
kritisiert habe, gesucht. Allerdings ohne Erfolg. Ich bin überzeugt,
dass ein AOC-Label in der heutigen Form, nichts mehr wert ist. Denn wie
erkläre ich dem Kunden, dass im selben Supermarkt ein Fendant 3.50
kostet und ein anderer 12 Franken und beide tragen das Label AOC?
Ein anderes Beispiel: Es ist im Wallis fast nicht möglich, die minimalen
Öchslegrade für einzelne Rebsorten anzuheben, was dringend notwendig
wäre. In der Wein-Branche, wo überall die selben Leute am Ruder
sind und die Politik auch mitredet, etwas zu ändern, ist sehr schwierig.
Was würden Sie dem Bundesrat und obersten
Weinmarktherrscher Couchepin bei einem guten Fläschchen Wein denn
so erzählen?
(denkt lange nach) Der Wein, der in der Schweiz produziert
wird, kann auch in der Schweiz verkauft werden. Da brauchen wir nicht
ins Ausland zu gehen, und weil das Bundesamt es will, in Deutschland und
den Benelux-Staaten ca. vier Millionen Franken, zur Unterstützung
des Verkaufs, auszugeben. Mit dem Resultat, dass sich der Absatz von Schweizer
Weinen in Deutschland im ersten Halbjahr 2002 halbiert hat. Und wenn ich
um Unterstützung für den chinesischen Markt anfrage, heisst
es, dass dies nicht vorgesehen sei. Da begreife ich die Welt nicht mehr.
Wenn wir den Schweizern beibringen, dass sie stolz sein können auf
die eigenen Weine als unser Kulturgut, würden wir keine Absatzprobleme
haben. Und unsere Botschafter im Ausland dürften nur Schweizer Weine
präsentieren.
Tatsache ist, dass Herr und Frau Schweizer den
Modetrends folgen und länger je mehr zum ausländischen Glas
Wein greifen. Hat das Wallis ein Imageproblem?
Das Image des Schweizer Weins wird von niemandem
getragen. Die Journalisten stürzen sich gerne auf das Neue und sehen
nicht, was im eigenen Land an Schätzen in den Rebbergen liegt. Und
wenn über die Schweiz geschrieben wird, muss dies einen negativen
Inhalt haben, damit es wahr genommen wird. Anstatt ca. vier Millionen
im Export zu verschwenden, sollten diese Gelder besser in der Schweiz
zur Imagepflege und Werbung genutzt werden. In einem guten Zürcher
Restaurant hat man Mühe, einen Walliser Wein zu finden. Da liegt
doch sehr viel Potenzial brach. Denn auch im internationalen Vergleich
haben wir ausgezeichnete Weine, die regelmässig an Weinprämierungen
Bestnoten davontragen. Es wäre gescheiter, darüber zu schreiben
statt über verregnete Ernten.
Es gibt Stimmen, die von 25 Prozent zuviel Rebflächen
im Wallis sprechen.
Ich glaube nicht, dass wir derart zuviel Fläche
haben. Es wird nur zuviel geerntet. Die Kontrolle bei der Ablieferung
der Trauben in den Kellereien durch beeidete Leute kann man vergessen.
Das, was der Winzer in der Kellerei abliefert, muss ja nicht alles sein,
was in seinem Rebberg wächst. Tatsache ist: Pro Jahr werden im Wallis
Millionen von Litern Wein schwarz eingekellert. Und das konkurrenziert
den Markt zusätzlich. Es braucht Mengenkotrollen im Rebberg. Nur
so kann man diesem Verhalten entgegenwirken.
Wo sehen Sie sich und Ihre Kellerei in fünf
Jahren?
Wichtig ist für jeden Betrieb, dass er sehr
innovativ ist und bleibt. Auf diesem Weg müssen auch wir weiter gehen.
Während ich selber mehr die Weissweine hervorhob, ist mein Sohn auf
dem Weg, mit Rotwein neue Wege zu gehen, die Erfolg versprechend sind.
In meinen Augen wird wichtig sein, dass man sich nicht nur auf sich selbst
konzentriert, sondern dass man sich auch mit anderen Produzenten im In-
und Ausland austauscht, sich Rohstoff für neue Ideen holt, dass man
bereit ist, von anderen zu lernen. Was meine Person anbelangt: Ich möchte
in zwei bis drei Jahren aufhören und mir schwebt vor, dass ich noch
Geschichte studiere und nicht aufhöre, jeden Tag etwas dazuzulernen.
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