| Saas Fee / Naters / La Punt / Der Aufstieg
in die Champions-League der Köche viele träumen davon,
nur wenige schaffen es. Für die Oberwalliser Daniel und Ingrid Bumann-Jossen
im Chesa Pirani im Engadin wurde der Traum wahr 18 Gault-Millau Punkte
und Aufsteiger des Jahres 2003 im Gault Millau. Im RZ-Interview erzählen
die zwei vom steinigen Weg an die Spitze und der Leidenschaft der Kochkunst.
Von Waldemar Schön und Walter Bellwald
Frau Bumann, beschreiben Sie ihren Mann in ein
paar Sätzen!
Ingrid: Er ist ein unglaublicher Perfektionist. Er
verlangt von sich selbst, von mir und von den Mitarbeitern jeden Tag das
Maximum. Zudem staune ich immer wieder über seinen Ideenreichtum
und die Ruhe, die er ausstrahlt und sich beim Marathonlaufen holt. Um
diese Ruhe beneide ich ihn manchmal.
Herr Bumann, Sie haben Gegenrecht?
Daniel: Nur eine gesunde Beziehung und die volle
Unterstützung durch die Partnerin ermöglichen es, über
lange Zeit auf Top-Niveau Leistungen zu erbringen und miteinander diesen
Weg zu gehen. Obwohl Ingrid vor 13 Jahren, als wir uns in Naters erstmals
selbständig machten, wenig Ahnung von Service oder gar Weinkunde
hatte, ist sie konsequent mit Freude und Leidenschaft ihren Weg gegangen
und ist heute ein absoluter Profi. Es ist für Ingrid kein Muss, mich
zu unterstützen. Sie geht in ihrem Beruf auf und kommt bei den Gästen
mit ihrer Echtheit ausgezeichnet an.
Wer von Ihnen ist denn mehr Schuld an dem 18.
Punkt?
Daniel: Keines von uns beiden ist alleine schuld
daran. In erster Linie braucht es treue Gäste, die deine Arbeit schätzen
und unterstützen. Wesentlich ist die Einsicht, dass man alleine auf
diesem Niveau ein Nichts ist. Für den Einzug in die Champions-League
des Kochens hat man ohne perfektes Team in Küche und Saal, das harmoniert,
an einem Strick zieht und mit Freude hinter die Arbeit geht, keine Chance.
Ingrid: Daniel ist klar der Chef. Das Konzept in
unserem Betrieb steht und fällt mit ihm. Er ist fähig, uns für
die Ziele zu begeistern, die er verfolgt.
Wie empfänglich ist er denn für Kritik?
Ingrid: Daniel ist sehr kritikfähig. Die Anregungen
von mir, vom Team und vom Gast nimmt er sehr ernst. Er will mit jedem
Gast sprechen und will wissen, für wen er kocht.
Daniel: Wenn ich es nicht schaffe, meine Partnerin
von einer neuen Kreation zu überzeugen, wie soll ich denn einen Gast
für meine Ideen begeistern können? Ohne echte Kritik, über
die ich nächtelang grübeln kann, kommt man nicht weiter. Das
Team muss das Gefühl haben, sich aktiv mit Ideen am Erfolg zu beteiligen.
A propos Chef: Zuhause hat Ingrid die Hosen an.
Ist der 18. Gault-Millau Punkt Belohnung oder
Last?
Ingrid: Es ist Belohnung und ein gewaltiger Motivationsschub.
Eine Last ist es auf keinen Fall. Lebt man in der Angst, die Punkte wieder
zu verlieren, geht man kaputt.
Daniel: Der zusätzliche Punkt ist in erster
Linie eine Bestätigung für unsere Stammgäste, die uns seit
Jahren die Treue halten. Ich selbst bin auf der einen Seite überrascht
über den 18. Punkt. Die Auszeichnung freut uns sehr, doch wir sind
aber noch nicht am Ende des Weges angelangt. Jetzt erscht rächt!
heisst das Motto.
Ingrid: (strahlend) Jetzt sprudelt er wieder geradezu
vor Ideen. Ich liebe das...
Wie hart sind Sie denn als Chef?
Daniel: Den Erfolg kann man durch unerbittlichen
Einsatz und konsequente Arbeit auch erzwingen. Ich lebe das jeden Tag
vor und fordere das Maximum. Für neue Mitarbeiter ist es oft schwierig,
meinen unglaublichen Hang zur Perfektion zu verstehen. Unser Erfolgsgeheimnis
liegt darin, dass ich jeden Tag gleich konsequent bin, nit lugg
lah. Ich suche das sprichwörtliche Haar in der Suppe, um besser
zu werden. Das ist manchmal hart für die Mitarbeiter. Wenn aber mit
dem 18. Punkt ein Lob für unsere Teamarbeit von aussen kommt, ist
dies eine gewaltige Motivation für die Mitarbeiter und ein Beweis
dafür, dass der Chef mit seinem Perfektionismus so falsch nicht liegen
kann.
Sie vermitteln den Eindruck eines positiv Besessenen.
Wo bleibt denn die Familie?
Daniel: Es kommt schon vor, dass unsere Kinder manchmal
fragen, ob wir auch ein anderes Thema zu besprechen hätten als das
Restaurant. So lange wir uns positiv mit dem Geschäft auseinandersetzen,
ist dies für unsere Kinder kein Problem. Wenn wir uns aber wegen
dem Restaurant ständig in den Haaren liegen würden, müssten
wir sagen: So nicht! Tatsache ist, dass unsere zwei Kinder Josiane (12)
und Christian (15) sehr selbständig sind und versuchen, eigene Wege
zu gehen.
Ingrid: Zudem gibts uns als Familie nur im Viererpack.
Wir unternehmen sehr viel gemeinsam und schalten mindestens einen Familientag
pro Woche ein.
Ich nehme an, dass Sie von einer Gratulationsflut
überrollt wurden. Wie viel davon war echt?
Daniel: (nachdenklich) 90 Prozent der Leute haben
sich herzlich mit uns gefreut. Das ist das Wesentliche. Zudem ist der
Neid in unserer Branche nicht grösser als in anderen Bereichen.
Kein Wehmut, dass Sie den Erfolg nicht im Wallis
sondern auswärts erreicht haben?
Daniel: Wir haben das Wallis vor acht Jahren nicht
wegen Misserfolg verlassen, auch wenn dies viele dachten. Wir waren auf
gutem Weg, unseren Traum eines einmaligen Restaurants in Naters dank hohem
Einsatz und auch Glück zu verwirklichen. Denn immer mehr Leute begannen,
uns zu unterstützen. Tatsache ist, dass sich uns nach fünf Jahren
Bumanns Kulinarium mit dem Chesa Pirani im Engadin die
einmalige Chance bot, unser Ziel zu verfolgen.
Ingrid: Ich war damals sogar strikt gegen einen Umzug
und schaute mir das Pirani nur an, um meinen Mann mit Gegenargumenten
einzudecken (lacht). Leider oder zum Glück habe ich praktisch kein
Haar in der Suppe gefunden.
Wäre ein solcher Erfolg im Wallis auch möglich
gewesen?
Daniel: Nicht in dem Betrieb in Naters. Obwohl wir
dort sehr viele Erfahrungen gesammelt und auch Lehrgeld gezahlt haben.
Aber in einem entsprechenden Betrieb wären wir auch im Oberwallis
unseren Weg gegangen.
Keine Sorgen, den Gastrokritikern schonungslos
ausgeliefert zu sein?
Ingrid: Wir sind auch unseren Gästen schonungslos
ausgeliefert. Entscheidend ist, dass man zu sich selbst ehrlich ist und
zu dem stehen kann, was man macht. Ich bin ich geblieben und habe nie
versucht, mich anders zu geben als ich bin. Damit würde man zuviel
Kraft vergeuden.
Sind Gastrokritiker nicht beeinflussbar?
Daniel: Seit vier Jahren wissen wir nicht mehr, wer
uns testet. Der Gault-Millau hat sich von einer Bibel für Köche
zu einem Essführer für Geniesser gewandelt. Die Betriebe werden
heute nach festen Kriterien möglichst objektiv bewertet und nicht
mehr wie früher hoch gelobt oder in die Pfanne gehauen. Mit ganz
wenigen Ausnahmen stimmt die Beurteilung des Gault-Millau mit meinen persönlichen
Erfahrungen in den entsprechenden Betrieben überein.
Wie schätzen Sie die Oberwalliser Gastroszene
ein?
Daniel: (schmunzelt) Wenn wir im Oberwallis sind,
geniessen wir eine hervorragende und echte Walliser Küche. Unsere
Mütter in Naters und Saas Fee kochen hervorragend.
Ein sympathischer aber erfolgloser Ausweichversuch...
Daniel: ...der verständlich ist. Denn es ist
schwierig, dies von aussen zu bewerten. Im Oberwallis besteht leider noch
immer ein grosser Unterschied in der Gastro-Qualität zwischen den
Ferienorten und dem Talgrund. Ich stelle aber fest, dass es Betriebe gibt,
die sich gut entwickeln.
Fehlt im Oberwallis das Publikum?
Ingrid: Im Oberwallis leben viele Feinschmecker.
Nur protzt man hierzulande nicht gerne mit dem Besuch in einem Top-Restaurant.
Immer mehr Walliser kommen auch nach La Punt und schätzen dort die
Anonymität. Zudem ist der Oberwalliser nicht grundlos bereit, dem
Luxus zu frönen.
Daniel: Einen 18-Punkte-Betrieb kann man nicht aus
dem Boden stampfen. Es braucht Arbeit über viele Jahre, die ihren
Preis hat. Die Preispolitik, die wir im Engadin in unserem Betrieb haben,
wäre hier nicht umsetzbar. Es stimmt allerdings, dass wir im Engadin
einen Gast haben, der bereit ist, viel Geld für den Genuss auszugeben.
Man gibt sich dort bewusst Mühe, zahlungskräftige Gäste
anzusprechen. Resultat: Im Engadin sind 80 Prozent Hochpreisgäste
und 20 Prozent Billiggäste. Im Wallis ist es leider anders und man
täte gut daran, dagegen etwas zu unternehmen.
Also kein Gedanke, dass Sie den beruflichen Weg
zurück ins Wallis finden werden?
Daniel: Sag niemals nie! Aber das Angebot müsste
schon überragend sein, damit ich mir einen Wechsel überlegen
würde.
Ingrid: Ich bin zwar Walliserin durch und durch.
Aber als wir damals nach La Punt zogen, habe ich meinem Mann erklärt,
dass das Zigeunerleben vorbei ist. Ich werde nur noch einmal in meinem
Leben zügeln: ins Altersheim!
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