| Bitsch / Er nimmt kein
Blatt vor den Mund, wenn es um Gemeindepolitik geht. Und als Tierschützer
lässt er sich nicht so schnell unterkriegen. Rupert Haenni, Präsident
des Oberwalliser Tierschutzvereins und Bitscher Gemeinderat.
Von Ruth Seeholzerund Walter Bellwald
Rupert Haenni, sind Sie ein starker Mann?
Das müssen Sie diejenigen Leute fragen, die mit mir zu tun haben.
Ich setze mich einfach soweit für die Gerechtigkeit ein, wie es möglich
ist.
Frei nach dem Motto: Starke Männer und Frauen braucht das
Land?
(zögert) Schon. Es fragt sich allerdings, wie man diese Stärke
einsetzt. Man kann stark sein und nur für sich schauen oder man kann
seine Stärke für den Schwachen einsetzen. Ich setze mich für
die Schwachen ein. Und meine Stärke sind meine Freiheit und Unabhängigkeit.
Ich sage jedem Menschen ins Gesicht, was ich denke.
Sie beziehen gerne Position und stehen zu dem, was Sie denken?
Richtig. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Alles, was ich zu
sagen habe, schreibe ich auch nieder, aus der Erfahrung, dass gesprochene
Worte manipuliert werden können. Die Tendenz heute ist die, dass
der Mensch nicht mehr zu seinen Worten steht, weil ihm daraus Nachteile
erwachsen. Das gibt es bei mir nicht. Ich habe eine gerade Linie. Zu dem,
was ich sage, stehe ich. Bis zuletzt.
Wachsen Sie am Widerstand?
Sehr. Unsere Gemeinderatssitzungen zum Beispiel sind für mich wie
eine Tankstelle. Alle zwei Wochen gehe ich tanken (lacht).
Wie muss man sich denn in Bitsch eine Gemeinderatssitzung vorstellen?
Da geht es manchmal schon ein wenig heftig zu und her. Ich bemängle
vor allem die schlechte Dossier-Kenntnis der Ratsmitglieder, die meist
zurückzuführen ist auf schlechte Vorbereitungsarbeit. Ich weiss
auch nicht alles. Aber ich informiere mich wenigstens. Man wirft mir vor,
dass die Gemeinderatssitzungen länger gehen, seit ich Mitglied bin.
Dabei will ich nur, dass Themen genau analysiert, vorbereitet und ausdiskutiert
werden, damit ein sachlicher Beschluss gefasst werden kann. Das Letztere
wird bei uns, wenn parteinot-wendig, ausser acht gelassen. Wenn das der
frühere Gemeinderat so gemacht hat, so ist das nicht meine Sache.
Dann läuft nicht alles so reibungslos im Bitscher Gemeinderat?
Das grosse Problem sind Inkompetenz, Führungsschwäche und die
jämmerliche Organisation. Das teile ich den Ratsmitgliedern aber
schriftlich und mittels E-Mail auch mit. Die wissen ganz genau, dass ich
heute nicht mehr bereit bin, für Entscheidungen, die die Ratsmehrheit
getroffen hat, den Kopf hinzuhalten. Meine Kollegen machen mich wohl immer
wieder auf das Amtsgeheimnis aufmerksam. Aber das ist für mich nicht
bindend. Das Amtsgeheimnis ist für mich verbindlich im Sozialwesen
und bei gewissen Steuerfragen. Aber alles andere sollte offen diskutiert
werden. Schliesslich ist der Gemeinderat ein Dienstleistungsbetrieb! Wir
sind gewählt worden, um dem Volk zu dienen, und nicht, damit wir
unseren Eigennutz und die Parteiinteressen vertreten. Aber das hat man
hier in Bitsch noch nicht begriffen. Diejenigen Personen, die durch Parteiinteressen
an die Spitze kommen, sind manipulierbar, weil sie wankelmütig sind
und keine eigene Meinung haben.
Ist das nur in der Gemeinde Bitsch so?
Nein, ich würde sagen, das ist ein kantonales Problem. Diese Zustände
trifft man zumindest im Oberwallis meist an. Aber ich glaube
an das Peter-Prinzip. Inkompetente Leute werden eines Tages an die Oberfläche
gespült. Irgendwann kommt alles an den Tag. Und das ist mein Wunsch,
dass das passiert.
Sie müssen daran glauben, dass es soweit kommt. Sonst könnten
Sie sich doch gar nicht so stark engagieren?
Sicher. Wir haben ja bereits den Beweis erbracht. Wir haben in unserer
Gemeinde bei den letzten Wahlen das Proporz-System eingeführt. Und
daraufhin hat unsere Gruppierung (Forum unabhängiger Bürger
und Einwohner Bitsch, die Red.) gleich zwei Sitze errungen. Leider ist
es immer noch so, dass die Leute der Opposition weniger glauben als derjenigen
Partei, welche an der Macht ist. Das sind alteingesessene Machtspiele,
mit dem richtigen Schattenkabinett an den richtigen Schalthebeln. Es sind
zu viele Abhängigkeiten vorhanden. Der Mensch ist von Natur aus so
geschaffen, dass er an den alten Machtkonstellationen, hängt in der
Hoffnung, dass eines Tages doch auch ein paar Brosamen für ihn abfallen
könnten. Das ist nicht nur in Bitsch so.
Sie halten nichts vom Kollegialitätsprinzip?
Das Kollegialitätsprinzip ist nichts anderes, als dass man sich
gegenseitig solidarisch erklärt, damit keine Informationen nach aussen
dringen. Und da bin ich ganz klar dagegen. Solidarität habe ich gegenüber
den Bürgern, nicht gegenüber meinen Ratskollegen.
Was möchten Sie denn für Bitsch erreichen, welches sind
Ihre Visionen?
Der Walliser hat ein grosses Problem: Wenn jemand nicht für ihn
ist, dann ist er gegen ihn. Bei uns herrscht überhaupt keine Diskussionskultur.
Jedem Walliser, der einmal eine Zeit lang in der Deutschschweiz verbrachte,
merkt man an, dass er offener auch für andere Ideen geworden ist.
Ich hoffe auf die Jugend. Die Jungen wollen und sollen heute nicht mehr
alles als gegeben betrachten. Sie sollen hinterfragen. Vor allem, was
die Politik zu erzählen hat. Zudem habe ich den grossen Vorteil
gegenüber meinen Ratskollegen, dass sie wieder gewählt werden
wollen. Ich will das nicht. Entweder steht das Volk in zwei Jahren zu
mir und sagt: Woll, den Haenni kann man brauchen, oder sie wählen
mich ab. Das ändert aber deswegen überhaupt nichts an meinem
Leben und meiner Einstellung. Ich will jeden Morgen in den Spiegel schauen
und sagen können: Wellum gehwer hittu ga Angscht machu? (lacht)
Sie sind auch Präsident des Oberwalliser Tierschutzvereins. Warum
engagieren Sie sich für Tiere?
Für mich bedeutet ein Tier der absolute Ausgleich. Meine Hunde sind
der Garant für meine Gesundheit. Ich gehe täglich mindestens
drei bis vier Mal mit ihnen an die frische Luft. Doch wenn ich sehe, wie
wenig die Oberwalliser sensibilisiert sind gegenüber ihren Tieren,
dann muss ich mich engagieren. Es gibt Tage, da bekomme ich bis zu acht
Anrufe auf unsere 24-h-Nummer, die sich meistens auf misshandelte oder
schlecht gehaltene Tiere beziehen. Bei der Nutztierhaltung hat man eine
Handhabe mit der Subventionierung. Vor allem die Heimtierhaltung ist aber
immer noch sehr problematisch.
Stichwort Leinenzwang bei Hunden?
Ja, das ist auch etwas. Die grossrätliche Kommission hatte tatsächlich
den Leinenzwang für Hunde vorgesehen. Nachdem aber vorgängig
Informationen an die Öffentlichkeit gelangt sind, sind sie zurückgekrebst.
Ich bin für Leinenzwang innerorts und dafür, dass man auch ausserorts
den Hund unter Kontrolle hat. Hundehalter sollten meiner Meinung nach
diverse Erziehungskurse mit ihren Vierbeinern machen. Den Hund jedoch
soll man wie jedes andere Tier in der Schweiz artgerecht halten. Das heisst,
dass er Auslauf braucht.
Sie vom Tierschutz können Missstände dem Kantonalen Veterinärdienst
in Sitten melden. Wie ist die Zusammenarbeit?
Also ich komme mit Herrn Jaeger sehr gut aus (Josef Jaeger, Kantonstierarzt,
die Red.). Er hat nur eine Schwäche: Er kommt mit allen zu gut aus.
Und dann hapert es natürlich beim Vollzug. Bei der Nutztierhaltung
zum Beispiel haben wir vom Tierschutz überhaupt keine Kompetenz.
Diese obliegt komplett dem Veterinäramt. Aber ich muss noch einmal
wiederholen: Die Zusammenarbeit mit dem Veterinäramt klappt wirklich
sehr gut.
Also kann der Haenni auch einmal einen moderateren Ton anschlagen,
wenn es denn sein muss?
Ich habe meine Ziele. Und ich nehme gute Ideen, um mein Ziel zu erreichen,
gerne auf. Ich bin auch durchsetzungsfähig. Hartnäckigkeit führt
zum Erfolg. Moderat bin ich eigentlich nicht. Wenn ich Böswilligkeit
oder Arglist hinter dem Handeln anderer spüre, bin ich knallhart.
Aber diese Härte habe ich auch mir selber gegenüber.
Bei allem Engagement für die Öffentlichkeit sind Sie
nebenbei auch noch Architekt. Herrscht bei Ihnen nicht Auftragsnot,
weil Sie sich immer wieder stark zum Fenster hinauslehnen?
Um ehrlich zu sein, habe ich Zeiten gehabt, wo ich relativ wenig Arbeit
hatte. Meine Frau ist Kindergärtnerin. Dank ihr konnte ich überleben.
Ich habe aber indessen eine treue Stammkundschaft und bin stets ausgelastet.
Ich denke, vor allem Dank meiner Ehrlichkeit und offenen, direkten Art,
die auch schmerzhaft sein kann. Ich habe heute Auftraggeber, die mein
Engagement und meine Arbeit qualitativ schätzen und mich nicht nach
dem qualifizieren, welche Bekleidung ich trage. Ich habe das Vertrauen
meiner Kundschaft und wünsche, dies auch von der Bevölkerung
von Bitsch zu erhalten.
Manche bezeichnen Sie als Polterer, allerdings als einer, der mit
seinem Poltern auch etwas bewirkt. Haben Sie nicht manchmal das Gefühl,
dass Bitsch beinahe etwas zu klein für Sie ist?
(lacht) Ich hatte ja immerhin mal Grossratsambitionen! Da allerdings
wurde der Massstab vom Haenni ganz genau festgelegt. Aber ich denke, man
sollte zuerst mal den eigenen Stall ausmisten und noch etwas weiter vor
der Haustüre. Da gibt es Arbeit genug.
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