| Oberwallis / Der Tod früher
wurde bewusst die Angst davor geschürt. Heute geht man andere Wege.
Der Tod findet in Spitälern und Altersheimen ausserhalb des eigenen
Lebens statt. Gestorben wird heute oft im Kreise der Maschinen.
Von Waldemar Schön
In Altersheimen wird oft beinahe serienweise
gestorben. Bernadette Müller weiss, wovon sie spricht. Seit
mehreren Jahren ist sie in einem Altersheim tätig, begegnet fast
jeden Tag dem Thema Tod. Vor allem nach Allerheiligen und zu Weihnachten
haben es die Leute mit dem Sterben besonders eilig, erklärt
sie. Grippewelle, die dunkle Jahreszeit, Winterdepressionen viele
Gründe sind dafür verantwortlich. Wenn die Tage kürzer
werden, fällt das Sterben leicht.
Nichts ist vertraut
Natürlich probiere man, den alten Menschen ein
zuhause zu geben, erklärt Alice. Sie bringen ihre Möbel
mit und leben sich allmählich ein. Doch im Grunde genommen
herrsche doch auch Zwang: Waschen, pflegen, essen, ruhen, schlafen
der Tag sei fest eingeteilt. Grundsätzlich gebe es zwei Varianten:
Diejenigen, die von selber ins Altersheim kommen und diejenigen, welche
praktisch zwangsweise eingeliefert werden, weil die Pflege zuhause nicht
mehr möglich ist. Die Letzteren habens schwer und sie begreifen
oft nicht, weshalb sie die Angehörigen nicht zuhause pflegen können.
Nichts ist vertraut, alles neu, so Bernadette. Es ist dann
schwierig, diese ältern Menschen zu motivieren, das Altersheim als
Zuhause anzusehen. Bewusst oder unbewusst müssen sich die alten Leute
damit abfinden, dass das Altersheim der letzte Schritt in ihrem Leben
ist.
Man leidet mit
Im Gegensatz zu Krankenhäusern ist der Aufenthalt
in Altersheimen viel langfristiger. Mit Folgen. Es ist schon so,
dass man die Leute ins Herz schliesst und eine Beziehung aufbaut,
erklärt Bernadette. Auch wenn in der Ausbildung von einer zu starken
Beziehung abgeraten werde. Das Problem: Wenns ans Sterben geht, hat man
als Pfleger zu wenig Abstand, der Tod geht einem näher, als es der
Beruf zulassen sollte. Es tut mir weh, jemanden im Todeskampf zu
sehen, so Bernadette. Man leidet mit und kann nichts tun.
Aber mit der Zeit trete so etwas wie Gewohnheit auf. Man wird ja
im Altersheim jeden Tag mit dem eigenen Ende konfrontiert. Da muss man
es einfach schaffen, von der Arbeit nach Hause zu kommen und abzuschalten.
Keine Bequemlichkeit
Dass aber der Tod aus Bequemlichkeit ins Altersheim ausgelagert
wird, lässt Bernadette nicht gelten. Meistens sind die Angehörigen
rund um die Uhr bei den Sterbenden. Zuhause hat es einfach zu wenig Platz
und die vollumfängliche Pflege wäre dort auch nicht möglich.
Und schliesslich: Es wäre eine Zumutung, einen alten, sterbenden
Menschen erneut woanders hinzubringen, um zu sterben. In die selbe
Richtung geht auch der Briger Spitaldirektor Hugo Burgener. Früher
begann und endete das Leben meist zuhause. Beim Arzt oder gar im Spital
war nur, wer krank war. Heute beginnt und endet das Leben beim Arzt. Man
könnte auch sagen: Vor allem jüngere Menschen sterben im Kreise
der Maschinen. Das ist aber keine Frage der Bequemlichkeit, sondern eine
ethische Frage. Früher hätten sich zehn Kinder um die
alten Eltern gekümmert. Heute seien vielleicht noch zwei oder drei
Kinder da, vielleicht über die halbe Welt verstreut. Da bleibt
keine andere Möglichkeit mehr offen als Spital oder Altersheim,
so Burgener.
Sterben ohne Schmerzen
In den USA haben Krankenhäuser den Begriff gestorben beim
Transport erfunden. Das heisst nichts anderes, als dass sterbende
Patienten schnell verlegt werden in der Hoffnung, dass der Tod während
des Transports eintritt. Damit erscheint dieser Hinschied nicht mehr in
der Todesstatistik des Krankenhauses offenbar ein Qualitätsmerkmal
der amerikanischen Gesundheitsfürsorge. Für Hugo Burgener ist
ein solches Geschehen undenkbar. Wir haben einen sehr offenen Umgang
mit dem Tod in unserem Spital. Die Menschen kommen auch zu uns, weil sie
Angst vor dem Tod haben und hoffen, dass noch etwas getan werden kann.
Gerade die Angst vor einem schmerzhaften Tod, zum Beispiel bei einem Krebsleiden,
ist bei den Menschen gross. Todkranken ermöglicht die Palliativ-Medizin
ein Sterben ohne Schmerzen.
Ein besonderer Abschied vom Toten
Sterben hat immer mit Abschied, mit sich lösen zu tun. Bernadette
kennt dies beinahe aus der täglichen Erfahrung. Sie hat eine eigene
Art, von den toten Heimbewohnern Abschied zu nehmen. Während die
meisten Leute die Toten von Leichenbestattern waschen und für die
Beerdigung vorbereiten lassen, meldet sie sich im Altersheim freiwillig
für diese Arbeit. Die Stille im Raum bei der Vorbereitung des
Toten und die fast heilige Atmosphäre sind für mich die beste
Möglichkeit, von diesem Menschen in aller Ruhe Abschied zu nehmen.
Und doch nimmt sie oft das geistige Bild der Verstorbenen mit nach Hause,
kann nicht abschalten. Natürlich sprechen wir im Team darüber,
stützen uns gegenseitig, nehmen an Kursen teil und bilden uns weiter.
Es ist einfach: Entweder lernt man mit dem Tod umzugehen, oder man ist
am falschen Ort. Und die Angst vor dem Tod? Wenn man jeden
Tag die eigene Zukunft vor Augen hat, braucht man einen festen Glauben.
Ich habe keine Angst vor dem Tod. Denn meistens ist er eine Erlösung.
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