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Frontal-Interview:
„Russland und Moskau sind mir ans Herz gewachsen“


Christoph Franzen
 
Bettmeralp / Moskau / Er hat während anderthalbe Jahren in Russland gelebt und als Journalist in Moskau gearbeitet. Im RZ-Interview erzählt Christof Franzen über seine Arbeit, das Leben in Moskau, die russische Mentalität und sagt zum Geiseldrama von Moskau: „Aus völlig heiterem Himmel kam der Terrorakt nicht.“

Von German Escher

Wie war Ihre erste Reaktion, als Sie von der Geiselnahme in Moskau gehört haben?

Ich habe am Fernsehen das Fussballspiel Milan gegen Bayern angeschaut, als plötzlich die Meldung von der Geiselnahme kam. Ich schaltete sofort auf den Nachrichtensender CNN um. Weil es bereits sehr spät war, konnte ich meine Kollegen in Moskau nicht mehr anrufen. Natürlich war ich überrascht von der Geiselnahme. Aus völlig heiterem Himmel kam der Terrorakt trotzdem nicht. In einem Land, in dem die Korruption so verbreitet ist, bringt man Waffen bis ins Zentrum der Hauptstadt. Zudem sind viele Tschetschenen durch den Krieg derart radikalisiert, dass sie bereit sind, für ihre Anliegen zu sterben.

Hatten Sie nie Angst, dass Freunde von Ihnen unter den Geiseln sind?

Eine gewisse Sorge, ja. Ich habe deshalb am nächsten Tag sofort ein paar Bekannte in Moskau angerufen. Eine Freundin hatte tatsächlich Tickets für das Musical gekauft. Zum Glück hatten sie und ihre Eltern das Theater schon in der Vorwoche besucht. In den folgenden Tagen habe ich mich regelmässig über die Internetzeitung moskau.ru, für die ich früher selber gearbeitet hatte, informiert.

Hat Sie die Stürmung des Theaters eigentlich überrascht?

Das mag heute etwas komisch klingen: Ich habe einer Freundin in Russland am Vorabend am Telefon gesagt: Heute Nacht wird es viele Tote geben. Ein Truppenabzug aus Tschetschenien war für Putin wohl undenkbar. Russland lässt sich so nicht in die Knie zwingen. Vor allem Putin nicht, der mit dem Tschetschenien-Konflikt gross geworden ist. Überrascht hat mich die Art der Stürmung und der Einsatz dieses „Putin-Gases“, wie man’s in Moskau bereits nennt.

Haben Sie seither mit Kollegen oder Freunden in Moskau Kontakt gehabt?

Ich habe regelmässig telefonischen oder Email Kontakt mit Kollegen und Journalisten in Moskau. Bereits jetzt spüren die Moskauer die Auswirkungen des Geiseldramas. Die Sicherheitsvorkehrungen und Kontrollen sind massiv verstärkt worden. Auch das Pressegesetz wurde verschärft.

Was für einen Bezug haben Sie heute zu Moskau?

Ich war 1993 erstmals zwei Monate in Moskau und St.Petersburg. Vom Februar 2000 bis November 2001 war ich die meiste Zeit in Russland. Das letzte Mal war ich vor vier Wochen, also kurz vor dem Geiseldrama, in Moskau. Der Kontakt ist bis heute geblieben. Ich habe auch ab und zu russischen Besuch. Russ-land und Moskau sind mir ans Herz gewachsen.

Wie kommt man von der Bettmeralp nach Moskau?

Schon als Kind fand ich den Osten spannend und irgendwie geheimnisvoll: Die pompösen Paraden auf dem Roten Platz, die Bassstimmen der orthodoxen Priester oder auch das Eishockey-Team der UdSSR. Als 18jähriger verbrachte ich ein Jahr in Kanada. Die nordamerikanische Kultur hatte ich also schon kennen gelernt. Und deshalb entschied ich mich 1993 für einen Aufenthalt in Russland. Das war ein echtes Abenteuer. Ich kannte ja knapp das russische Alphabet.

Wie reagieren die Russen auf jemanden, der sich am Anfang fast mit Händen und Füssen verständigen muss?

Die Russen sind an sich sehr offen, freundlich und haben einen erfrischenden Humor, mit dem sie auch den Alltag meistern. Die Reaktionen auf meine Sprachbemühungen waren sehr herzlich. Die Russen schätzen es, wenn jemand aus dem Westen ihre Sprache lernt. Da ist es auch nicht schlimm, wenn du schon in den ersten zwei Sätzen viele Fehler machst... (lacht).

Die Sprache ist sicher ein wichtiger Schlüssel dafür, dass einem die Menschen dort offen begegnen. Das fällt mir zum Beispiel auf, wenn ich in die Banja, in die russische Sauna, gehe. Das ist jedes Mal ein Erlebnis für Körper und Seele. Die Banja ist ein beliebter Treffpunkt und wichtiger Bestandteil der russischen Kultur. Hier schwitzt man nicht nur oder wird mit nassen Birkenzweigen geschlagen, was die Blutzirkulation fördert. Hier isst und trinkt man auch zusammen; philosophiert und kommt auch mit Fremden ins Gespräch.

Ist die Lebensart der Russen schwierig zu verstehen?

Ich glaube, dass die rational-abgeklärte westliche Denkweise den Russen weniger eigen ist. Vieles wird emotionaler entschieden – aus dem Herzen oder eben aus der russischen Seele heraus. Dazu passt das von Russen sehr oft zitierte Sprichwort des Schriftstellers Nekrassow, das in etwa sagt: Mit dem Verstand wirst du Russland nie verstehen, an Russland kannst du nur glauben.

Worin bestanden für Sie die grössten Unterschiede?

Das Leben läuft nicht so geordnet wie bei uns. Vieles ist lockerer, aber auch chaotischer. Darunter leidet die Zuverlässigkeit. Manchmal spürt man auch den Einfluss der alten Sowjetunion. Bei den Verkäuferinnen im Warenhaus klingt oft ein Art Befehlston mit. Auch die strengen Gesichtsausdrücke oder dicken Mützen im Winter, die sie tief ins Gesicht gezogen haben, passen eigentlich nicht zu dieser Mentalität. Diese russische Seele – um fast ein Klischee zu gebrauchen – habe ich am stärksten gespürt, wenn man am Abend gemeinsam in der Küche am Tisch zusammensitzt. Da fühlt man sich aufgenommen. Freundschaften eben.

Das gesellschaftliche Leben spielt sich vor allem in den Privatwänden ab?

Ganz richtig. Abends schnell in die Bar oder an den Stammtisch – das kennen die wenigsten.

Umso schwieriger ist es für Aussenstehende, Kontakte zu knüpfen.

Natürlich erlebt ein Tourist in Moskau ein anderes Russland.

Sind die Gegensätze in Moskau so enorm?

Das Zentrum von Moskau mit seinen imposanten Gebäuden, breiten Strassen, modernen Geschäften ist die eine Seite einer pulsierenden Grossstadt. Wer länger in Moskau lebt, stellt fest, dass dieses moderne Moskau für die grosse Mehrheit schon fast eine Ironie oder Zynismus ist. Es hat ein Angebot wie in einer westlichen Grossstadt – mit dem einzigen Unterschied, dass es sich die meisten Bewohner nicht leisten können.

Zum Beispiel?

Die medizinische Grundversorgung hängt stark davon ab, wie viel man bezahlen kann. Das kann man einem Arzt mit einem Monatslohn von kaum 100 Dollar auch nicht verargen. Ich habe in Moskau bei einer Grossmutter, einer sogenannten Babuschka, gelebt. Als sie einmal von ihrem Arztbesuch nach Hause kam, habe ich Sie gefragt, was der Arzt jetzt für ihr Augenleiden machen könne. Sie antwortete mir: Er kann mir helfen. Aber wenn er es gut machen will, dann müsse sie 10`000 Rubel, also mindestens drei Monatsrenten, bezahlen.

Spürt man diese Armut in der Stadt?

Man spürt die Gegensätze. Moskau hat zum Beispiel ein echtes Obdachlosenproblem. Es scheint viele Leute schon gar nicht mehr zu kümmern, wenn ein Mensch bewegungslos irgendwo auf dem Boden liegt. Damit hatte ich am Anfang extrem Mühe. Pro Winter erfrieren auf den Strassen Moskaus bis zu 300 Obdachlose. Nirgends sind die Gegensätze so gross wie in Moskau.

Und ohne Schmiergeld scheint kaum etwas zu klappen...

Die Korruption gehört zum Alltag. Man nimmt sie oft schon gar nicht mehr wahr. Wenn man auf einer Amtsstelle beispielsweise einen Stempel braucht, macht man es oft „ohne Quittung“, weil es schneller oder günstiger ist. Das Geld geht dann nicht in die Staatskasse, sondern in diejenige des Beamten. Die Bürokratie und der Papierkrieg sind enorm und erschweren die notwendigen Reformen in Russland.

Sie haben als Journalist in Moskau gearbeitet. Wird man da besonders kritisch begutachtet?

Bei Polizei-Kontrollen kann es schon vorkommen, dass Touristen, die kein Russisch sprechen und deren Papiere völlig in Ordnung sind, einfach ein paar Dollar abgeknüpft werden. Ich selber wurde auch ab und zu kontrolliert, hatte aber nie Probleme. Mein russischer Presseausweis war dabei sicher ein Vorteil. Auf dem Land ist die Skepsis gegenüber Journalisten grösser. Zumindest hab ich das so erlebt, als ich einmal in Südrussland ein paar Kollektiv-Bauernbetriebe besucht hatte. Grundsätzlich war der Journalisten-Job in Russland extrem spannend. An guten Themen fehlt es dort nicht. Zudem war es interessant, Menschen wie Gorbatschow, Jawlinskij oder den Polit-Clown Schirinowski auch mal persönlich zu treffen.

Sie sind viel umhergereist und haben auch eine Fussballmannschaft aus Tschetschenien für die NZZ porträtiert.

Die Begegnung mit den Spielern von Terek Grosny war eindrücklich. Ihr altes Stadion liegt in Trümmern. Die Sitzbänke wurden als Brennholz verheizt. Trotzdem sind sie in der russischen Fussballliga wieder dabei. Ihre Heimspiele tragen sie in Tscherkessk, der Hauptstadt der autonomen Republik Karatschajewo-Tscherkessien, aus. Einige Spieler haben den Krieg hautnah miterlebt und zum Teil Angehörige verloren. Und trotzdem spielen sie gemeinsam mit Russen in derselben Mannschaft.

Wie empfinden Sie den Tschetschenienkrieg?

Dieser Krieg beschäftigt mich. Und macht mich irgendwo auch wütend, weil es sowohl von Seiten der tschetschenischen Extremisten als auch von der russischen Armee ein brutaler und dreckiger Krieg ist, unter dem die Zivilbevölkerung furchtbar leidet. Die gemässigten Parteien auf beiden Seiten werden kaum mehr gehört. Einer der Fussballspieler von Terek Grosny hat mir gesagt: Bei uns gibt es zwei Dinge, die Tradition haben, die Gastfreundschaft und die Blutrache. Es ist eine Spirale der Gewalt. Ich fürchte, Tschetschenien wird so schnell nicht zur Ruhe kommen.

Ihnen ist Russland und Moskau ans Herz gewachsen. Warum sind Sie eigentlich zurückgekehrt?

Es gab ein interessantes Angebot als Westschweiz-Korrespondent der Schweizerischen Depeschenagentur (sda). Es war für mich eine neue Herausforderung aber auch eine Möglichkeit, in der Schweiz meine journalistischen Sporen abzuverdienen. Zudem hatte ich auch Lust, meine Kollegen und meine Familie in der Schweiz wieder regelmässiger zu sehen – vor allem meine sechs Nichten und Neffen. Die sind nämlich auch froh, wenn der „Onkel us Russland“ wieder öfter daheim ist.

Können Sie sich vorstellen, wieder in Moskau zu leben?

Ich bin seit kurzem im Expertenpool für zivile Friedensförderung des Departements für auswärtige Angelegenheiten. Aus diesem werden Mitarbeiter für Einsätze mit der OSZE oder anderen internationalen Organisationen rekrutiert. Ich liebäugle mittelfristig mit einem Einsatz in Zentralasien oder im Kaukasus. Oder wenn mir jemand eine Korrespondentenstelle in Moskau anbietet – warum nicht? (schmunzelt und fügt dann etwas ernster hinzu:) Allerdings hat mir ein Freund einmal gesagt: Klar gefällt es dir in Russland. Du kannst weg, sobald es dir zuviel wird. Aber ständig in Russland zu leben, das ist „straschno“ – furchterregend, unheimlich.


 

 

      
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