| Salgesch / Musterhafter Aufstieg auf der
Karriereleiter und Hoff-nungsträger der CVP: Nationalrat und CVP-Fraktionschef
Jean-Michel Cina nimmt Stellung zu den Bundesratswahlen, dem Verhalten von
Spitzenmanagern und spricht über die Einsamkeit in der Politik.
Von Waldemar Schön und German Escher
Gemeindepräsident, Nationalrat, Fraktionschef,
Advokat: Sie müssen ja grausam im Stress sein?
Ich bin überhaupt nicht im Stress. Ich habe
zwar viel zu tun, nehme aber eines nach dem andern und lasse mich nicht
stressen.
Was hat sich für Sie verändert, seit
Sie Fraktionschef der CVP im Bundeshaus sind?
Ich bin jetzt noch weniger im Wallis und noch mehr
in Bern. Zusätzlich ist der Informationsfluss, der auf mich zukommt,
noch grösser als vorher. Konnte ich mich früher als Nationalrat
auf meine Lieblingsthemen konzentrieren, muss ich jetzt zu verschiedensten
Themen auf Fragen der Journalisten antworten und die Haltung der CVP klar
machen. Die Verarbeitung dieser Informationsflut ist eine grosse Herausforderung.
Findet jetzt eine Cinaisierung der CVP-Fraktion
statt?
(lacht) Natürlich ist meine Meinung jetzt stärker
gefragt als früher und ich bin als Fraktionschef auch Mitglied der
CVP-Leitung. So gesehen ist mein Einfluss sicher gewachsen. Aber eine
Cinaisierung findet sicher nicht statt.
Mit der bevorstehenden Bundesratswahl gewinnen
die Fraktionschefs zusätzlich an Bedeutung. Wie fühlt man sich
als Königsmacher?
Ich sehe mich nicht in der Rolle als Königsmacher.
Denn zuerst muss die SP ihre Hausaufgaben machen und fähige Kandidatinnen
und Kandidaten zur Wahl stellen. Bevor die SP dies nicht tut, werde ich
den Teufel tun und irgendwelche Namen in der Öffentlichkeit nennen.
Wir werden die SP-Kandidaten dann prüfen, wenn sie feststehen. Die
SP soll uns eine Dreierkandidatur präsentieren, zu der durchaus auch
ein Mann gehören kann, damit die Auswahl grösser wird.
Und wer ist Favorit?
(lacht) Obwohl mir die RZ sympathisch ist, werde
ich hier sicher nicht bekannt geben, wer von den Kandidierenden mein Favorit
ist. Man würde dann sofort von meiner Haltung auf die Haltung der
Fraktion schliessen. Ich warte einfach ab, wen die SP präsentiert.
Muss es eine Frau sein?
Die politische Logik besagt, dass es eine Frau aus
der lateinischen Schweiz sein muss womit ich nicht sage, dass am
Ende eine Frau auch gewählt wird ...
Welche Anforderungen stellt die CVP an einen SP-Bundesrat?
Sach- und Fachkompetenz sind sehr wichtig. Zudem
muss sichergestellt sein, dass die Person im Interesse der Schweiz auch
Positionen vertreten kann, die nicht den Idealen ihrer Partei entsprechen.
Und vor allem wichtig: Die Person muss das Kollegialitätsprinzip
im Bundesrat achten. Gerade in der letzten Zeit hat sich gezeigt, dass
nicht alle Bundesräte sich an das Kollegialitätsprinzip halten.
Denn wenn jeder seinen eigenen Weg gehen will, ist die Regierungsfähigkeit
des gesamten Bundesrates in Frage gestellt.
Wird Politik eigentlich im Ratssaal oder eher
im den Wandelhallen und der Bellevue-Bar gemacht?
Die Einflussnahme erfolgt auf verschiedensten Wegen
und es gibt viele Akteure, die sich einmischen. Aber am Ende hat jeder
Parlamentarier seinen Entscheid in eigener Verantwortung zu treffen. Übrigens:
Die Kunst der Einflussnahme besteht darin, Rahmenbedingungen so zu setzen,
dass der Entscheid eines Dritten so getroffen wird, wie man sich das wünscht.
Politik als Zufallsspiel?
Die Politik ist kein Zufallsspiel. Sie ist insoweit
berechenbar, als dass Positionen im Voraus bekannt gegeben werden. Bei
der Bundesratswahl mag dies etwas anders sein. Bundesratswahlen sind manchmal
etwas undurchschaubar.
Eigentlich sind die kommenden Bundesratswahlen
für Sie lediglich ein Vorspiel für die Gesamterneuerungswahlen
im Dezember 2003?
Die CVP Bundesratssitze sind umstritten und die SVP
lässt keine Gelegenheit aus, ihren Machtanspruch auf einen zweiten
Sitz herauszuposaunen. Sieht man sich aber die Vertretung der CVP im Parlament
und auf Kantonsstufe an, sind zwei Sitze für die CVP voll berechtigt.
Man kann nicht, wie dies die SVP tut, nur die letzten Nationalratswahlen
hernehmen und dann behaupten, die SVP habe Anspruch auf einen zweiten
Sitz.
Sind denn die Diskussionen rund um die Qualitäten
von Bundesrätin Ruth Metzler ein reines Medienspektakel?
Die Taktik der SVP geht ganz klar in die Richtung,
die CVP-Bundesräte zu schwächen und damit die Partei zu treffen.
Es ist ein reines Vorwahlgeplänkel, das am 1. Juni angefangen hat.
Und wenn ihr vorgeworfen wird, sie sei keine echte Politikerin und umgebe
sich mit Ja-Sagern als Berater, ist dies völlig aus der Luft gegriffen
und hält keiner politischen Analyse stand.
Sie haben jetzt ja auch die Gelegenheit, die SVP
und vor allem die FDP anzugreifen. Deren Politiker sassen oder sitzen
in vielen Verwaltungsräten von Firmen, die zur Zeit äusserst
schlechte Schlagzeilen haben?
Wir werden im Januar ein Wirtschaftspapier präsentieren,
in dem auch die Ethik in der Wirtschaft ein Thema sein wird. Diesen Teil
werden wir in der nächsten Zeit vorzeitig unter die Leute bringen
und darin aufzeigen, wie sich in den Augen der CVP die Wirtschaft mit
ihren Top-Managern zu verhalten hat.
Sie müssten dies doch viel gnadenloser politisch
ausnutzen?
Das werden wir auch machen. Aber wir wollen nicht
nur anklagen und besserwisserisch tun, sondern während der Wintersession
auch Lösungen präsentieren.
Die da wären?
Dazu kann und will ich zur Zeit noch nichts sagen.
Sie selbst wurden erst kürzlich von der Roten
Anneliese wegen eines umstrittenen VR-Mandates auf den Cayman Islands
unter Beschuss genommen?
Jeder muss bei VR-Mandaten persönlich entscheiden,
ob sie rechtlich und ethisch für ihn selbst in Ordnung sind. Stimmen
diese Voraussetzungen, spricht nichts gegen die Ausübung eines solchen
Mandates. Bei den Mandaten, die ich innehatte, stimmten diese Voraussetzungen
zu 100 Prozent. Nur: Die Wahl zum Fraktionschef war ein Schritt in eine
neue Dimension und das hiess für mich, dass ich die Mandate aus persönlicher
Überzeugung abgeben musste. Ziel war, keinerlei Angriffsfläche
zu bieten ob nun diese Angriffe berechtigt oder unberechtigt sind,
danach fragt niemand. Ich will nicht ständig erklären, weshalb
ein Mandat für mich ethisch in Ordnung ist oder nicht und damit die
Position eines Fraktionschefs schwächen.
Politiker als Opportunisten?
Das hat doch mit Opportunismus nichts zu tun, wenn
man sich stärkerer Aufmerksamkeit und damit auch Kritik ausgesetzt
sieht und mit dem Abbau von möglichen Angriffsflächen reagiert,
um unbelastet seine neue Funktion zu erfüllen.
Treffen Sie denn solche Anschuldigungen persönlich?
Diese Angriffe können mich gar nicht persönlich
treffen, weil ich mit mir im Reinen bin und mir nichts vorzuwerfen habe.
Neben Nationalrat und Fraktionschef sind Sie auch
noch Salgescher Gemeindepräsident. Hätten Sie als solcher in
Zeiten von Notstand in der Weinbranche nicht auch in Salgesch genügend
um die Ohren?
Ich habe nicht auf Seiten Gemeinde abgebaut, um mehr
Zeit für die Fraktion in Bern zu haben. Ich habe in meinem Beruf
als Anwalt und Notar zurückgesteckt, um mich voll der Politik widmen
zu können. So gesehen hatte ich noch nie soviel Zeit, um meinen politischen
Ämtern nachzukommen, wie heute. Es gibt doch kaum eine andere Gemeinde,
die in Sachen Wein derart präsent und fortschrittlich ist wie Salgesch.
Politik ist meine Leidenschaft, die ich täglich lebe und die mir
gewaltig Spass macht. Aber für mich steht auch fest, dass ich bei
den nächsten Wahlen kaum mehr als Gemeindepräsident zur Verfügung
stehen werde.
Im Oktober sind National- und Ständeratswahlen.
Wie stehen die Chancen der CVP?
Die C-Parteien sind im Wallis so stark wie nie zuvor.
Trotzdem macht es wenig Sinn, noch mehr Sitze anstreben zu wollen.
Das heisst verteidigen auch gegenüber
der neu erstarkten SVP Wallis?
Die SVP Wallis macht mir kein Bauchweh. Dieser Partei
fehlen die Köpfe. Die Art des Parteipräsidenten Freysinger ist
zu machtorientiert und eigensinnig, um daneben fähige Leute aufkommen
zu lassen und der Zwist in der SVP selber und zwischen Ober- und Unterwallis
tut das Seinige dazu, dass die Chancen der SVP Wallis gering bleiben.
Ihnen wird ja auch viel Ehrgeiz nachgesagt.
Der hat sich immer darauf konzentriert, den Job best
möglichst zu erledigen, den ich gerade habe. Ich habe nie auf eine
bestimmte Funktion hingearbeitet das ist in der Politik auch nicht
möglich. Politik und politische Karrieren sind nicht einfach so planbar.
Sie gelten aber in der CVPO als Hoffnungsträger
für den verlorenen Staatsratssitz. Werden Sie kandidieren?
Die Frage Staatsrat ja oder nein? stellt
sich heute nicht. Eines ist aber sicher: Ich würde nie das Mandat
eines Nationalrats und Staatsrats gleichzeitig ausüben. Das ist vom
Arbeitsaufwand her einfach nicht machbar zumindest nicht seriös.
Sie haben erwähnt, dass Politik Ihre Leidenschaft
ist. Gibt es auch Schattenseiten?
Ich liebe es, mich mit politischen Fragen und
Gegnern auseinanderzusetzen. Diese Leidenschaft ist der Motor in meiner
politischen Arbeit. Aber oft müssen gerade in einer Exekutivbehörde
Entscheide getroffen werden, die weh tun und dazu führen können,
dass Freunde verloren gehen. Zudem ist es oft schwierig, sich als Politiker
in der Öffentlichkeit zu bewegen, ohne ständig auf das politische
Amt angesprochen zu werden. So gesehen macht Politik auch manchmal einsam.
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