| Zeneggen / Sportlich
aktiv war er schon immer. Doch Laufen gehörte bislang nicht zum Repertoire
des ehemaligen Bankdrückers. Klammheimlich, in aller Stille, hat er
sich auf das grosse Marathon-Abenteuer in New York vorbereitet. Peter Bongard:
Irgendwo geisterte dieser Traum schon immer in meinem Kopf herum.
Von Klaus Regniet
New York, die Stadt der Superlative und des Marathons, den jeder Läufer
wohl mal gelaufen sein muss, will er überhaupt in der Szene mitreden.
Wer einen Startplatz erhält, hat das erste grosse Ziel schon mal
erreicht, so gross ist das Interesse am Marathon durch die Weltmetropole
am Hudson River. Ein Marathon misst 42,195 km und wer diese geschafft
hat, kann was erzählen. Über 30000 Teilnehmer nehmen die
Strapazen auf sich, traben auf Asphalt durch fünf Stadtteile und
über fünf Brücken mit einem Ziel: Ankommen
Fitnesstraining
Eigentlich wollte er sich im Frühling fit halten, damit es im
Sommer auf dem MTB für höhere Gänge reicht. In Zeneggen
gehts rauf oder runter und auf dem Bike wars mir um diese Jahreszeit einfach
zu kühl, erklärt der Hobbysportler den Wechsel vom Rad
zu den Joggingschuhen. Anfang Mai erklärte der Lonzianer seinen Heimweg
von Visp nach Zeneggen zur ersten Herausforderung. Zwei mal die Woche
nahm er das steile Stück hinauf zu seinem Wohnort unter die Füsse.
Ein Marathon existierte zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Hinterkopf.
Mein Ziel bestand lediglich darin, diese Strecke eines Tages im Laufschritt
zu meistern. Schnelle, kräftige Beine kann ich schliesslich beim
Velofahren gut gebrauchen.
Kurzentschlossen
Aus dem Alternativtraining wurde mehr als nur eine Notlösung.
Die Liebe zum Laufen übermannte den Zenegger und am 22. Juli ging
plötzlich alles ruck-zuck. Innert 24 Stunden entschied sich zBonggi
für den New-York-City-Marathon und schnappte sich einen der letzten
Plätze für die diesjährige Teilnahme. Für mich
war klar, es muss der New Yorker sein, erzählt der Kurzentschlossene.
Kurze Vorbereitung war das eine, aber: Ich hatte eigentlich keine
Ahnung vom Laufen und musste mir erst mal einen ökonomischen Laufstil
zulegen, blickt Peter Bongard noch einmal zurück. Mehrfach
plagten ihn Zweifel. Reicht die Vorbereitungszeit? Trainiere ich richtig?
Drei Einheiten pro Woche mussten reichen, bei mehr hätte der Körper
rebelliert. Ich wollte mich nicht unter Druck setzen, deshalb habe
ich auch nur ganz wenigen Leuten mein Vorhaben angekündigt,
gesteht der Ausdauersportler. Selbst die Kollegen am Arbeitsplatz ahnten
nichts vom grossen Trip. Ferien hiess es, während der Mann mit dem
Marathontraum über den grossen Teich entschwand.
Tolle Rennatmosphäre
Die Strecke durch Quenns, Brooklyn, Manhattan und die Bronx zählt
keineswegs zu den flachen Rennpisten. Auch der Zenegger bekam dies in
den Beinen zu spüren: Ich hatte keinen so welligen Parcours
erwartet. Bestzeiten werden in Berlin, London oder anderswo gelaufen.
Vom Start auf der Verrazano Bridge bis ins Ziel im Central Park, New York
gilt als der spektakulärste Marathon der Welt.
You can do it! oder Youre looking good!
rufen die begeisterten Zuschauer der Läufermenge zu. Big Apple ist
eben einmalig, auch der Enthusiasmus des amerikanischen Publikums. Durch
die Bombenstimmung der Leute am Strassenrand wird jeder Läufer beinahe
durch das Rennen getragen, jedenfalls lässt er einen die Anstrengung
vergessen, strahlt Peter Bongard und spürt schon wieder Gänsehaut.
Doch aufgepasst, beim Marathon folgt etwa nach Kilometer 30 der kritische
Moment. Wer den Central Park erreicht und die Bekanntschaft mit dem Mann
mit dem Hammer noch nicht machte, hat gute Chancen, sein Rennen erfolgreich
zu beenden. Ich habe mir immer wieder eingeredet, geniesse die Atmosphäre.
Und der Lonza-Angestellte teilte sein Rennen gut ein. Auf den ersten
20 km ging es wegen dem dichten Läuferpulk nicht schneller, doch
vielleicht hat sich gerade dies später ausbezahlt.
Müde, aber glücklich
Einbiegen in die Zielgerade. Ausgelassene Stimmung am Strassenrand
der letzten 100 Meter. Geschafft!
3:41:18 leuchten auf der Uhr über dem Zielband. Beinahe in
Trance bin ich durchs Ziel gelaufen. Vor innerer Freude habe ich sogar
vergessen die Arme hochzureissen und richtig zu jubeln, ärgert
sich der Finisher im Rückblick ein wenig. Doch die Freude über
Geleistetes überwiegt bei Weitem. Das Gefühl nach dem
Rennen ist zwiespältig, todmüde und doch überglücklich.
Die gelaufene Zeit wird zur totalen Nebensache, jeder der das Ziel erreicht,
ist ein Sieger! Am Abend die grosse Party auf dem Schiff, im Hintergrund
die nächtliche Skyline. Freiheitsstatue, Ground Zero, Empire State
Building, diese Eindrücke vergisst man nicht. Der 3. November 2002
als Start einer Marathonkarriere? Wer es in New York City schafft, schafft
es überall! Wiederholungstäter gibt es viele, Laufen macht süchtig.
Love it oder lass es. Auch Peters Augen verraten, er ist auf den Geschmack
gekommen. Wenn die Lust am Laufen bleibt, würde mich im Juli
nächsten Jahres der Zermatt Marathon mächtig reizen.
|