| Bern / Oberwallis /
Der Abstimmungskampf um die Asyl-Initiative der SVP ist längst entbrannt.
Befürworter und Gegner schenken sich nichts. Kaum jemand aber weiss
eigentlich, wie Asylantinnen und Asylanten bei uns leben. Die RZ hat sich
an die Front ins Flüchtlingsheim in Visp begeben.
Von Ruth Seeholzer
Wir sind wie ein Dorf in einem Dorf, ein kleiner Kosmos,
meint Erwin Heinzmann, Leiter des Flüchtlingsheims in Visp. 521 Flüchtlinge
aus über sechzig Nationen ein kleines Babylon. Das Haus selber
ist ein trister Betonbau. Über eine schmale Passerelle gelangt man
zum Eingang, der jedoch freundlich rot gestrichen ist. Kaum ist die Türe
geöffnet, ertönt Musik. Fremde Klänge und Wortfetzen wehen
uns um die Ohren.
Unterkunft auf Zeit
Das Flüchtlingsheim am Rottendamm in Visp ist ein Durchgangsheim.
Die Asylsuchenden bleiben eine Zeit lang hier, erklärt
Erwin Heinzmann. Sie bekommen die Gelegenheit, sich zu akklimatisieren
und Deutsch zu lernen. Die meisten bleiben drei Monate. Danach dürfen
sie eine Arbeit aufnehmen und können sich darum ein eigenes Studio
leisten. Das erklärte Ziel ist es, die Asylsuchenden so schnell als
möglich in die Unabhängigkeit zu entlassen.
Verteilt auf die Kantone
Von den Auffangzentren an der Grenze werden die Flüchtlinge willkürlich
auf die Kantone verteilt. Wünsche werden keine berücksichtigt.
So ist auch John, 18 Jahre alt, vor sieben Monaten aus dem Sudan nach
Visp gekommen. Ja, ihm gefalle es sehr gut hier, lacht der sympathische
junge Mann über das ganze Gesicht. Nur die Kälte, die sei er
sich halt gar nicht gewohnt. Immer wieder finden auch Minderjährige
den Weg in die Schweiz. Knapp fünfzig davon sind im Wallis untergebracht.
Einfaches Leben
Die Flüchtlinge sind zu zweit, zu dritt oder zu viert in den
Zimmern im Durchgangsheim verteilt. Zwei oder mehrere Betten, ein Tisch,
ein Stuhl und Vorhänge vor dem Fenster das ist die sehr schlichte
Einrichtung. An den Wänden hängen grosse Tafeln. Die einen nutzen
sie als Lernhilfe und Gedankenstütze für die gelernten Deutsch-Wörter.
Bei anderen sieht man abgelöste Etiketten von Konservendosen an die
Wand geklebt, mit der Erklärung des Inhalts in ihrer eigenen Sprache.
Eine grosse Küche steht allen zur gemeinsamen Nutzung zur Verfügung.
Die Leute kochen und essen so unterschiedlich, dass wir es aufgegeben
haben, die
Mahlzeiten für sie zu kochen, meint Heinzmann.
Zwischen allen Fronten
Seit fünfzehn Jahren ist der gebürtige Gliser Leiter des
Durchgangsheims in Visp. Gleichzeitig sind Erwin Heinzmann und sein Team
zuständig für alle Asylsuchenden im ganzen Oberwallis, also
auch für diejenigen, welche in einer Mietwohnung leben. Es
ist eine der reichhaltigsten Lebensschulen, die man machen kann,
urteilt der 46jährige Heinzmann. Der frühere Anlageberater zieht
heute den Umgang mit Menschen demjenigen mit Aktien vor. Auch wenn die
Reaktionen auf seine Berufswahl meistens mit einem Naja, einer muss
das ja wohl machen nicht gerade sehr euphorisch tönen. Nein,
lacht Heinzmann, mit diesem Job könne man sich keine grossen Lorbeeren
holen.
Erschütternde Schicksale
Dann wird der zweifache Familienvater ganz ernst. Ich erlebe
immer wieder erschütternde Schicksale. Mitgefühl sei eine
Eigenschaft, die man auch nach fünfzehn Jahren an der Front nicht
aufgeben dürfe. Dennoch gebe es auch die Kehrseite der Medaille.
Es gibt immer wieder Leute, die das System ausnutzen, erklärt
Heinzmann. Der Heimleiter versucht trotzdem, auf jeden Asylsuchenden vorurteilslos
und respektvoll zuzugehen. Wir sind nicht dazu da, diese Leute zu
erziehen, erklärt er.
Inzwischen hat sich vor dem Schalter am Empfang eine kleine Schlange
gebildet. Die Männer verschiedenster Hautfarbe und Herkunft stehen
an, um das ihnen zustehende Geld (knapp zehn Franken pro Tag) abzuholen.
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