| Ried-Brig / Er gilt
als das grösste Nachwuchs-Talent im Schweizer Skirennsport und ist
dieses Jahr ins A-Kader der Skinationalmannschaft aufgestiegen. Silvan Zurbriggen
(21) aus Ried-Brig gewann vor zwei Jahren an den Junioren-Weltmeisterschaften
in Verbier die Silbermedaille in der Abfahrt. Heute ist er im Technikerkader
des SSV und will vor allem im Slalom seine Akzente setzen.
Von Walter Bellwald und Ruth Seeholzer
Nach einer Rückenoperation vor drei Jahren hing Deine Sportlerlaufbahn
am seidenen Faden. Heute zählst Du zu den grössten Schweizer
Slalomhoffnungen. Was sind die Gründe für Deine erfolgreiche
Rückkehr in den Skizirkus?
Ich habe immer an mich geglaubt und hatte ein gutes Umfeld. Natürlich
hatte ich anfangs einige Mühe, aber ich habe aus dieser Situation
viel gelernt, auch was meine mentale Stärke anbelangt. Wenn man durch
einen Unfall oder eine Krankheit zurückgeworfen wird, ist es umso
erfreulicher, wenn man seine Gesundheit wiedererlangen kann. Dadurch steigt
auch die Motivation und Freude.
Du gehörst dem Schweizer Technikerkader an. Wie ist die Vorbereitung
auf die neue Saison hin angelaufen?
Den Sommer über konnten wir sehr gut trainieren. Ab Ende August
spielte das Wetter leider nicht mehr mit. Wir mussten viele Kurse abbrechen.
Dazu kamen kleinere Verletzungen, die mich immer wieder zurückgeworfen
haben. Seit zwei Wochen trainieren wir wieder auf Kunstschnee. Trotz wenigen
Skitagen habe ich aber ein sehr gutes Gefühl für die kommende
Saison.
Wo wurden die Trainings-Schwerpunkte gesetzt?
Ich habe den Sommer über sehr viel Riesenslalom trainiert und deshalb
wenig Slalom gefahren. Das muss aber nicht unbedingt ein Nachteil sein.
Wir hatten qualitativ sehr gute Trainingstage und sind zuversichtlich,
was die neue Saison angeht.
Trotz der wenigen Trainingseinheiten startest Du in der kommenden
Saison vor allem im Slalom?
Auf alle Fälle ist der Slalom meine erste Disziplin. Sicherlich
möchte ich auch im Riesenslalom an den Start gehen, sei es nun im
Weltcup oder im Europacup. An dritter Stelle folgt der Super-G und die
Abfahrt, welche vor allem im Hinblick auf die Kombination wichtig ist.
Wie schwer ist die Umstellung von einer technischen Disziplin auf
die Abfahrt?
Das ist sicherlich nicht ganz einfach, aber wir Rennfahrer müssen
so flexibel sein, alle Disziplinen zu fahren. Wichtig ist dabei eine gute,
mentale Einstellung.
Fährt die Angst mit bei einer Abfahrt?
Nein, ich hoffe es zumindest nicht! Die grossen Abfahrten wie Wengen,
Bormio oder Kitzbühel bin ich zwar noch nie gefahren, aber ich denke,
das wird schon (lacht).
Wirst du in Val dIsére auch an den Start gehen?
Das kann ich noch nicht hundertprozentig sagen. Eventuell...
Mit Val dIsére wird unwillkürlich der Name Beltrametti
in Verbindung gebracht. Wie bewusst oder unbewusst gehst Du mit diesem
tragischen Ereignis um?
Dieser Vorfall ist natürlich immer präsent. Man muss für
sich einen Mittelweg finden, wie man damit umgehen will. Natürlich
ist die Gefahr ein steter Begleiter eines jeden Skirennfahrers. Es gibt
abernirgends eine hundertprozentige Sicherheit. Ich glöibu,
das entscheidut de schlussändlich öi nu epper andersch.
Ein Wort zu den Sicherheitsvorkehrungen im Skizirkus?
Ich glaube, dass die Sicherheitsmassnahmen im Skirennsport einem guten
Standard entsprechen. Sowohl auf wie auch neben der Piste wird viel für
die Sicherheit der Skirennläufer getan. Was in Val dIsére
passiert ist, ist eine Verknüpf-
ung von unglücklichen Umständen. Ich glaube nicht, dass man
hier jemandem einen Vorwurf machen kann.
Am Wochenende wird in Übersee zu den Rennen gestartet. Wo stehst
Du im internen Vergleich mit Deinen Mannschaftskollegen?
Wenn es mir optimal läuft, habe ich bestimmt gute Chancen. Trotz
der wenigen Slalom-trainings läuft es zurzeit recht gut. Im internationalen
Vergleich werden wir spätestens nach diesem Wochenende mehr wissen.
Direkt anschliessend bestreiten wir Europacuprennen in Finnland (Levi).
Auf die neue Saison hin hast Du erstmals mit der Nationalmannschaft
trainiert. Was hat sich dadurch für Dich geändert?
Im Europacupteam hatten wir weder Physiotherapeut noch Konditionstrainer.
In dieser Hinsicht hat sich einiges geändert. Somit kann ich mich
nun voll auf das Skifahren konzentrieren. Mit dem neuen Technikertrainer
Christian Huber haben wir auch neue Impulse erhalten. Er ist ein Kämpfertyp,
der vor allem im Hintergrund arbeitet und sich voll für die Mannschaft
einsetzt.
Mit Karl Frehsner wurde auf die kommende Saison auch ein neuer Cheftrainer
verpflichtet. Ist die Handschrift des eisernen Karl schon
spürbar?
Ganz klar. Karl Frehsner ist viel präsent, begutachtet unsere Leistungen
und übernimmt vor allem für uns jungen Athleten eine gewisse
Vaterrolle. Man merkt, dass er hinter uns steht und sich stark
für uns einsetzt. Er verlangt von uns allen einen hundertprozentigen
Einsatz. Ich glaube, seine Verpflichtung war eine gute Sache für
Swiss Ski.
Karl Frehsner hat dich als das grösste Talent bezeichnet.
Setzt Dich das unter Druck?
Ich habe diese Aussage noch gar nie gehört (lacht). Nein, für
mich bedeutet dies eher eine Herausforderung oder Motivation.
Wie lange fahren die Schweizer Slalomfahrer noch der internationalen
Spitze hinterher?
Ich hoffe, die Zeiten sind vorbei (lacht). Im Ernst, ich habe das Gefühl,
dass wir dieses Jahr endlich den einen oder anderen Exploit schaffen und
mit den Besten mithalten können.
Woran lag es, dass die Schweizer Slalomfahrer in den letzten Jahren
praktisch nie ganz vorne dabeiwaren?
Ich weiss öi nit wieso! (lacht). Der Slalom war einfach
bis anhin nicht unbedingt die Paradedisziplin der Schweizer. Nach Gründen
zu suchen, ist für mich schwierig. Mit Urs Imboden haben wir momentan
tatsächlich nur einen Fahrer, der unter den Top 30 klassiert ist,
aber dahinter folgen viele gute Nachwuchsfahrer, die das Zeug haben, sich
früher oder später in der Slalomelite zu etablieren. Es fehlt
nur ein Exploit!
Im Gegensatz zur Schweiz schaffen es die Österreicher immer wieder,
im Slalom eine Vielzahl von Talenten zu entdecken und sich unter den besten
zu klassieren. Was ist das Geheimrezept?
Das hat sicherlich auch mit den Strukturen zu tun. Der Stellenwert des
Skirennsports ist nicht mit der Schweiz vergleichbar. Skifahren ist in
Österreich das Ein und Alles. Mittlerweile haben wir mit Sportschulen
in der Schweiz sicher ein wenig aufgeholt und am Interesse und Nachwuchstalenten
fehlt es nicht.
Neben der Abfahrt hat sich der Spezialslalom in den letzten Jahren
zu einer eigentlichen Publikumsattraktion gemausert?
Auf alle Fälle - dank der neuen Carving-Technik und den kleineren
Skis hat der Slalom viel an Attraktivität gewonnen. Zusätzlich
sind mehrere Nationen an der Spitze anzutreffen, was auch zunehmend auf
grösseres Interesse stösst.
Auch der Nachtslalom ist in den letzten Jahren gross aufgekommen?
Das ganze Ambiente ist einmalig, sowohl für uns Rennfahrer wie für
die Zuschauer. Im letzten Jahr trafen sich rund 48000 Fans in Schladming
beim Nachtslalom.
Bist Du vielleicht abergläubisch oder hast Du ein bestimmtes
Ritual vor den Rennen?
(Schmunzelt) Abergläubisch bin ich sicherlich nicht! Ich versuche
jedoch am Start immer locker zu bleiben, was nicht immer ganz einfach
ist! Im letzten Jahr bin ich mit dem Rennanzug aus dem Vorjahr gefahren.
Ich weiss auch nicht warum, das war einfach mein Glückskombi.
Zurück zu den bevorstehenden Rennen. Mit was für Gefühlen
fliegst Du nach Übersee?
Zum erstenmal werde ich mit einem Weltcuprennen in die neue Saison starten.
Es ist ein neues Gefühl, mit welchem ich mich auseinandersetzen muss.
Bist du speziell nervös, gegen die grossen Ski-Cracks zu fahren?
Ein wenig Nervosität gehört dazu. Ich bin ein Newcomer und
kann mich zum ersten Mal mit den Cracks messen. Sicher habe ich einen
gewissen Respekt, aber keine Angst. Es ist einfach ein extrem schönes
Gefühl, im Weltcup mitzufahren; wies de üssachund, weis
i nu nit (lacht herzlich).
Was hast Du Dir bei den Rennen in Park City für Ziele gesetzt?
Ich will mich grundsätzlich nicht festlegen. Nur soviel: Ich möchte
im ersten Lauf unter die besten Dreissig fahren.
Der Saisonhöhepunkt ist sicher die Weltmeisterschaft im Februar
in St. Moritz?
Ganz klar. Wenn ich mich für die Rennen in St. Moritz qualifizieren
könnte, wäre das natürlich riesig. Und als weiteres Ziel
möchte ich nach dieser Saison zu den besten Dreissig im Slalom gehören.
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