D i e   a u f l a g e s t ä r k s t e   Z e i t u n g   d e s   O b e r w a l l i s

      
Frontal-Interview:
„Ich lege sehr grossen Wert auf die gelebte Zweisprachigkeit“


Claude Bumann
 
Saas Fee / Sitten / Claude Bumann ist ein Mann der Tat. Der noch amtierende Gemeindepräsident von Saas Fee gibt sein Amt per Ende Jahr ab und übernimmt vollamtlich den neugeschaffenen Posten des Chefs des Parlamentsdienstes in Sitten. Der Saaser CVP-Politiker spricht im grossen RZ-Interview über Würden und Bürden seines Amtes und die Chancen, aber auch Tücken, die der neue Posten mit sich bringt.

Von Ruth Seeholzer und Walter Bellwald

Vor uns sitzt der neue Chef des neuen Parlamentsdienstes. Mit was würden Sie Ihren Beruf am ehesten vergleichen: mit dem eines Handwerkers, eines Lehrers oder einer Sekretärin?

Keines davon. Ich vergleiche meine Arbeit eher mit derjenigen eines Fussballtrainers, der seine Mannschaft – die kantonalen ParlamentarierInnen – coacht, sie auf ihre Arbeit vorbereitet und sie für die Aufgaben, die sie zu erfüllen hat, optimal wappnet.

Ein Fussballtrainer hat immer im Kopf, in welche Richtung seine Mannschaft geht. Können Sie das auch steuern?

Ja, das ist eigentlich mein grosses Bestreben. Ich will den Grossen Rat auf ein national hohes Niveau bringen. Das Ziel ist, dass wir im Grossrat gute Gesetze machen. Die Grossratsmitglieder sollen ihre Zeit nicht mit Sachen vergeuden, die den Aufwand nicht wert sind.

Woran denken Sie da?

Zum Beispiel, dass sie nicht Motionen, Postulate und andere Interventionen zu Gegenständen eingeben, welche im Parlament bereits schon abgehandelt wurden oder aus anderen Gründen keinen Sinn mehr machen.

Was sind eigentlich Ihre Aufgaben als Chef des Parlamentsdienstes des Grossen Rates?

Die sind sehr vielfältig. Wissenschaftlicher Support steht für mich an vorderster Stelle. Dann habe ich viele administrative Aufgaben zu erledigen. Eine weitere wichtige Obliegenheit ist die Informatisierung des Grossen Rates.

Sie sind knapp 100 Tage im Amt. Haben Sie sich eingearbeitet?

Als Chef des Parlamentsdienstes arbeite ich eng mit der kantonalen Verwaltung zusammen. Das ist ein Koloss von mehreren tausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Damit ist auch eine spezielle Kultur verbunden. Nach dieser kurzen Zeit – ich bin bis Ende Jahr nur zu 50 Prozent angestellt - ist es mir bis jetzt noch nicht möglich, eine Bilanz zu ziehen. Als Neuer nach Sitten kommen und da Bäume ausreissen wollen, nur um zu schauen, ob darunter Wurzeln sind, das ist meine Sache nicht.

Die neue Aufgabe braucht also Fingerspitzengefühl. Haben Sie das?

Ja und nein (lacht). Ich bin eigentlich ein umgänglicher Mensch, der möglichst nach einvernehmlichen Lösungen sucht. Wenn ich aber sehe, dass ein Problem ansteht, welches man nicht innert nützlicher Frist zu lösen gewillt ist, werde ich mich sicher nicht scheuen, auf Konfrontationskurs zu gehen. Ich will Entscheidungen, wenn Entscheidungen anstehen.

Sie waren vorher selber Parlamentarier. Was hat sich für diese durch den neuen Dienst verändert?

Wahrscheinlich bis jetzt merklich noch nicht so viel. Im Januar 2003 starten wir jedoch mit der Informatisierung des Grossen Rates. Ab diesem Zeitpunkt werden die Grossräte und –rätinnen merken, dass sich in unserem Dienst etwas ändert. Zudem werde ich sehr grossen Wert auf eine gelebte Zweisprachigkeit legen. Ich werde mich beispielsweise als Sekretär der Justizkommission konsequent bemühen, dass die deutschsprachigen Mitglieder den Kommissionsbericht auf Deutsch erhalten.

Das war bis jetzt nicht der Fall?

Nein, und es besteht eine gewisse Gefahr, dass die französische Sprache in Sitten die Überhand gewinnt. Die meisten Oberwalliser beherrschen diese Sprache zwar. Aber es gibt Vertreter, die auf französisch nicht gerne in eine Diskussion eingreifen. Und wenn sie Deutsch sprechen, werden sie im schlechtesten Falle gar nicht angehört bzw. verstanden. Und da denke ich mir, dass mindestens das Sitzungsprotokoll in zwei Sprachen verfasst werden sollte.

Also ist es zumindest für alle Oberwalliser Parlamentarier ein riesiger Vorteil, dass Ihre Stelle geschaffen wurde?

Ja, ich denke mir, dass wir die Zweisprachigkeit in unserem Kanton pflegen müssen, vor allem im Grossen Rat, da, wo die Gesetze gemacht werden. Wir müssen eine Vorbildfunktion übernehmen. Die Zweisprachigkeit darf auch etwas kosten. Wir haben bisher keinen eigenen Übersetzer im Grossen Rat. Das zeigt mir, welchen Wert man der Zweisprachigkeit bisher zugemessen hat. Die deutschen Übersetzungen kamen und kommen einem denn gelegentlich auch eher spanisch als germanistisch vor.

Manchen Menschen würde es Bauchweh bereiten, eine Stelle anzutreten, die es vorher noch nicht gab, wo man nicht recht weiss, was auf einem zukommt. Ihnen geht das nicht so?

Nein, im Gegenteil. Seit fünfzehn Jahren weiss ich, dass ich irgendwann einmal in ein neues Feld springe. Bei dieser Stelle ist es für mich ein grosser Vorteil, dass ich dieses Feld grösstenteils noch selber gestalten und abgrenzen kann. Ich setze mich nicht gerne in gemachte Betten.

Besteht denn irgendwo noch die Möglichkeit, Ihre politischen Vorstellungen einzubringen?

Nur bedingt. Ich denke, mit meinen politischen Vorstellungen muss ich mich von nun an zurückhalten. Klar werde ich weiterhin zu meiner politischen Meinung stehen. Aber als Chef des Parlamentsdienstes muss ich mich aus den politischen Diskussionen bewusst raushalten.

Das heisst, es geht auch um Ihre Glaubwürdigkeit?

Ganz klar. Wobei sich meine Lebensanschauungen durch diesen Job natürlich nicht verändert haben. Im Herzen sehe ich mich nach wie vor in der politischen Mitte.

Bereitet es Ihnen keine Mühe, nicht mehr am Hebel zu sein?

(lacht) Alles, was man nicht loslassen kann, macht einen abhängig.

Das tönt buddhistisch?

Ja, das ist es. Viele Dinge des Buddhismus sind für mich keineswegs abstrus. Ich versuche, in manchen Sachen die buddhistische mit der christlichen Weltanschauung in Übereinstimmung zu bringen. Eines der grossen Probleme unserer Zeit ist es, dass die Leute nicht loslassen können. Ich habe damit – glaube ich – keine Probleme.

Die diesjährige Jahreswende wird für Sie ein ganz spezieller Moment sein. Sie werden das Präsidial-Amt von Saas Fee abgeben.

Natürlich ist das Gemeindepräsidium in einem Kurort wie Saas-Fee mit viel Prestige verbunden. Ich habe das Amt und die Würde auch sehr genossen. Aber ich habe damit kein Problem, dass ich nicht mehr Gemeindepräsident sein werde. Wenn die Leute in mir nur den Gemeindepräsidenten gesehen haben sollten und nicht den Claude, dann habe ich etwas falsch gemacht. In meiner Präsidialzeit kam es aber auch manchmal vor, dass ich mit dem Velo durchs Dorf fuhr, damit mich die Leute auf der Strasse nicht ansprechen konnten (lacht). Natürlich lagen immer einige Pendenzen auf meinem Pult. Ich dachte mir, wenn ich ganz schnell vorbeifahre, können mich die Leute nicht darauf ansprechen. In Zukunft kann ich sicher etwas freier durchs Dorf laufen.

Und doch konnten Sie dank dieser Machtposition als Gemeindepräsident einiges bewegen in Saas Fee?

Das müssen andere beurteilen. Wenn es mir gelungen ist, einen Wechsel in der Geisteshaltung der Leute zu erreichen, dann kann ich stolz sein. In Saas Fee ist in den letzten fünfzehn Jahren so etwas wie ein Kulturwandel passiert – wofür übrigens nicht ich alleine verantwortlich bin, da haben auch andere sich sehr stark dafür eingesetzt. Saas Fee ist heute sehr weltoffen und hat diese Weltoffenheit durchs Band an der Urne bezeugt, wenn man die Abstimmungen zu EWR- und UNO-Beitritt oder über die Asylinitiative betrachtet. Zudem sind wir hier sehr sensibilisiert auf die ökologischen Probleme. Zu Recht, denn die Bergregionen sind die ersten, die unter dem Klimawandel zu leiden haben.

Werden Ihre Nachfolger genauso konsequent die ökologischen Ideen weiterverfolgen, die Sie initiiert haben?

Ja, weil meine Kollegen im Gemeinderat mich immer unterstützt haben in dieser Hinsicht. Die eingeschlagene Richtung wurde nie in Frage gestellt.

Werden Sie ab dem 1. Januar 2003 mehr Zeit zur Verfügung haben?

Ja, hoffentlich! Wenn es nicht so wäre, dann würde etwas falsch laufen. Ich möchte mich in Zukunft von anderen Leuten nicht mehr so stark vereinnahmen lassen wie bisher. In der Vergangenheit habe ich viel zu häufig Ja gesagt. Ich werde vermehrt das Nein als Waffe gegen die Zeitfresser einsetzen.

Wie werden Sie diese Zeit nutzen?

Für meine Familie, aber vor allem auch für meine Freunde. Wenn ich meiner Familie in den letzten fünfzehn Jahren noch konsequent meine Wochenenden widmen konnte, vernachlässigte ich sträflich meine Freunde. Ich muss etwas traurig feststellen, dass ich nur noch ganz, ganz wenige enge Freunde habe. Ein guter Kollege sagte einst zu mir: „Nimm dir Zeit für Deine Freunde, sonst nimmt dir die Zeit deine Freunde.“ Leider ist mir das passiert. Das soll sich ab jetzt wieder ändern.

Bereuen Sie den Schritt, der Sie nach Sitten geführt hat?

Nein, absolut nicht. Ich habe überhaupt noch nie etwas bereut in meinem Leben. Nicht einmal die Fehler. Die haben mich nur ein Stück weitergebracht auf meinem Weg. Ich halte es mit Edith Piaf: Non, je ne regrette rien.


 

 

      
Heute & morgen

/

/


RZ-Newsletter
Email-Adresse eingeben und Sie werden informiert:
Suchen


Have a look at: