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Frontal-Interview:
„Solidarität hat ein kurzes Gedächtnis“


Helena Mooser Theler
 
Visp / Sie engagiert sich stark für die Anliegen von sozial mindergestellten Menschen und ist in vielen Vereinen und Hilfsorganisationen tätig. Im RZ-Interview spricht die Visper Gemeinderätin Helena Mooser Theler über die vermehrte Entsolidarisierung in der Bevölkerung und sagt: „Der Oberwalliser hat Mühe, anderen Unwettergeschädigten unter die Arme zu greifen.“

Von Walter Bellwald und Ruth Seeholzer

Sie haben vor neun Jahren die Vereinigung „Oberwallis hilft Oberwallis“ ins Leben gerufen. Was war Ihre Motivation, diese soziale Einrichtung zu gründen?

In erster Linie wollte ich mich gegenüber den Menschen, die von den Unwettern 1993 betroffen waren, solidarisch zeigen. Ich war auch dankbar, weil wir damals von den Unwetterschäden verschont blieben. Als ich meinem Bekanntenkreis von der Idee erzählte, waren sofort viele Personen begeistert und erklärten sich bereit, bei der Aktion mitzumachen.

Waren Sie vom Echo der Aktion überrascht?

Es war fantastisch zu sehen, wie spendabel die Leute waren, wenn es um die Aktion „Oberwallis hilft Oberwallis“ ging. Wenn ich heute sehe, wie harzig der RRO-Aufruf für das Bündnerland läuft, bedrückt mich diese Beobachtung.

Im Klartext?

Die Tatsache, dass die Menschen, die selber eine grosse Solidarität erlebt haben, heute wenig Hilfe zurückgeben, stimmt mich nachdenklich. Hier müssten auch kommunale Politiker und Wirtschaftsgrössen eine gewisse Vorreiterrolle spielen und gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Aber eben: Solidarität hat ein kurzes Gedächtnis – und dieses Verhalten wirft nicht gerade ein gutes Licht auf uns.

Das klingt hart?

Es ist nun mal so, dass wir bei den schweren Unwettern im Oberwallis eine grosse Solidarität aus der ganzen Schweiz erfahren durften. Auf der anderen Seite hat der Oberwalliser Mühe, anderen Unwettergeschädigten unter die Arme zu greifen. Dadurch entsteht ein zwiespältiges Image des Wallisers in der Deutschschweiz.

Was ist der Grund für diese Entsolidarisierung?

In erster Linie ist dies eine allgemeine Bequemlichkeit gegenüber gemeinsamen, gesellschaftlichen Problemen. Auch machen die immer wiederkehrenden Naturkatastrophen Angst. Verdrängen wird hier als Bewältigungsstrategie am falschen Ort eingesetzt. Ob dies langfristig nützlich ist, wird die Zukunft weisen.

Sie sind eine stark engagierte Persönlichkeit, die vor allem im sozialen Bereich tätig ist...

„Soziales“ hat heute kein gutes Image. Ich habe es zu meiner Hauptaufgabe gemacht, mich für Schwächere in unser Gesellschaft einzusetzen. Engagiert man sich in diesem Bereich, braucht es manchmal eine dicke Haut. Glücklicherweise bin ich ein absolut optimistischer Mensch. Ich glaube primär immer an das Gute im Menschen. Diese Eigenschaft kommt mir im Alltag zugute und dafür bin ich dankbar. Leider gibt es zu viele Menschen, die immer nur das Negative in den Vordergrund rücken und damit sich und andere in ihrem Tun einschränken.

Woher nehmen Sie die Kraft, Ihre Aufgaben zu bewältigen?

Ich arbeite sehr gerne und bin privilegiert, eine Arbeit auszuüben, die mir gefällt. Meine Erfahrungen in Nonprofit-Organisationen waren durchwegs positiv. Sie haben mich immer wieder beflügelt und in mir Energien geweckt, um mich an neue Projekte heranzuwagen. Dabei habe ich immer wieder viel Unterstützung von tollen Menschen erhalten. Diese haben dann an sich selber sehr viele unbekannte Fähigkeiten entdeckt. Wenn diese Kräfte gebündelt werden, kann gemeinsam viel bewegt werden. Miteinander arbeiten, sich gegenseitig mit allen Stärken und Schwächen respektieren, hilft enorm, gemeinsame Ziele zu erreichen. Das ist für mich eine wohltuende Erfahrung - so möchte ich eigentlich immer arbeiten.

Es gibt mittlerweile viele wohltätige Institutionen und Einrichtungen, die hilfsbedürftigen Menschen unter die Arme greifen. Gibt es da auch einen gewissen Futterneid?

Nein, das glaube ich nicht. Jedes Hilfswerk hat seine eigenen Kriterien. Wenn vernetzt miteinander gearbeitet wird, kann man miteinander den Betroffenen am besten helfen und echte Not lindern. Darum sind die verschiedenen Einrichtungen und Institutionen für mich keine Konkurrenz, sondern Ergänzungen.

Glauben Sie, dass die Vereinigung „Oberwallis hilft Oberwallis“ auch in Zukunft gebraucht wird?

Eigentlich hoffe ich sehr, dass es unsere Vereinigung in Zukunft nicht mehr braucht. Aber ich glaube, durch die Klimaerwärmung und die daraus resultierenden Unwetter sind wir auch in Zukunft für die Region eine wichtige Stütze. Ich habe sogar das Gefühl, falls wir uns zurückziehen, müsste eine ähnliche Einrichtung unsere Aufgabe übernehmen.

Sie sind nicht nur in der Vereinigung „Oberwallis hilft Oberwallis“ stark engagiert, sondern haben unter anderem auch die soziale Einrichtung Topjoboberwallis ins Leben gerufen?

Ich habe Topjoboberwallis initiiert, nachdem ich von ähnlichen Projekten in der Deutsch- und Westschweiz erfahren hatte. Dank der finanziellen Unterstützung der Gemeinde Visp und den Verantwortlichen des Sozialmedizinischen Zentrums konnte diese Idee vorerst in der Gemeinde Visp verwirklicht werden.

Was ist die Hauptaufgabe von Topjob-oberwallis?

Der Grundgedanke ist Langzeitarbeitslosen, schwer vermittelbaren Personen, die von der Sozialhilfe abhängig sind, eine Chance zu geben, Arbeit zu finden. Dabei sollen sie ihr Selbstwertgefühl wieder aufbauen. Eine geeignete Arbeit zu finden und die Leute zu vermitteln, ist jedoch kein einfaches Unterfangen. Schwierig wird es vor allem für Arbeitnehmer und alleinerziehende Wiedereinsteigerinnen ohne Berufs-ausbildung.

Stehen vor allem ältere Arbeitslose auf der Warteliste?

Nicht unbedingt. Arbeitslosigkeit betrifft heute alle Altersgruppen. In letzter Zeit stellen wir fest, dass sich vermehrt junge Leute ohne Lehrabschluss melden. Aber auch Suchtabhängige oder junge Leute mit familiären Problemen klopfen immer mehr an. Das ist besorgniserregend.

Das Pilotprojekt wurde vor drei Jahren lanciert. Was für Erfolge können Sie verzeichnen?

Die Leute werden 12 Monate betreut. Nach Ablauf des 12-monatigen sozialen Eingliederungs-vertrages waren ca. 50 Prozent der Betreuten nicht mehr von der Sozialhilfe abhängig und verblieben ganz oder für eine Weile im Arbeitsprozess.

Wie wichtig ist diese Einrichtung?

Aus den positiven Erfahrungen in der Gemeinde Visp bin ich zu 150 Prozent vom Angebot dieser Einrichtung überzeugt. Sie schliesst eine Lücke im Problemkreis der Langzeitarbeitslosigkeit. Die Mitarbeiter von Topjoboberwallis arbeiten sehr eng mit dem RAV Oberwallis zusammen. Bei vielen Personen, die für das RAV als nicht vermittelbar gelten, wird die gegenseitige Zusammenarbeit gesucht, um mit den Betroffenen nach Lösungen zu suchen..

Was unterscheidet Topjoboberwallis vom regionalen Arbeitsvermittlungszentrum RAV?

Das RAV ist für arbeitslose, vermittelbare Personen, die berechtigt sind, Arbeitslosengelder zu beziehen, der Ansprechpartner. Topjoboberwallis betreut langzeitarbeitslose Personen, welche auf Sozialhilfe angewiesen sind. Die Dienste von Topjoboberwallis können erst in Anspruch genommen werden, nachdem jemand auf Sozialhilfe angewiesen ist und ihn die zuständige Gemeinde weiterverweist. Hier setzt die Arbeit von Tobjoboberwallis ein. Hier muss Betroffenen geholfen werden, damit sie sich aus dieser ausweglosen Situation befreien und wieder gestärkt in die Zukunft gehen können. Wenn es gelingt, dass ein Einzelner oder sogar eine Familie wieder arbeitsmässig und gesellschaftlich integriert werden kann, ist das ein unbeschreiblicher Erfolg. Als positver Nebeneffekt können mit solchen Massnahmen erst noch die Gemeinden in den Sozialhilfeausgaben entlastet werden.

Sie sind auch Präsidentin des Sozialmedizinischen Zentrums. Was sind hier ihre Ziele?

Als Präsidentin verfolge ich das Ziel, dass das Zentrum gut und kostenbewusst geführt wird. Zurzeit hat die Reorganisation des Betriebes Priorität. Das Zentrum ist in der Vergangenheit stets grösser geworden, die Strukturen haben jedoch nicht Schritt gehalten. Dies gilt es zu verbessern und zu optimieren. Dies kann mit motivierten und professionell arbeitenden Mitarbeitern, die bei der Umsetzung an vorderster Front stehen, bald einmal verwirklicht werden.

Wo werden Sie künftig bei Ihrer Arbeit die Schwerpunkte setzen?

Sicher in einer guten, zielorientierten Führung meines Gemeinderatressorts „Gesundheit und Soziales“. Dabei herrscht in der familienergänzenden Kinderbetreuung noch Nachholbedarf. Darüber hinaus sehe ich es als eine wichtige Aufgabe, den vielen ehrenamtlich tätigen Personen in gemeinnützigen Bereichen der Gemeinde Rahmenbedingungen zu schaffen, die sie in ihrem weiteren Einsatz motivieren. Mit dem Team „Oberwallis hilft Oberwallis“ hoffe ich, bei ungedeckten Restkosten von Privatpersonen nach den Unwettern 2000, den Leuten finanziell behilflich sein zu können. Auch in dieser ehrenamtlich geführten Organisation streben wir Optimierungen und Professionalität an.

In knapp zwei Wochen ist Heiligabend. Was wünschen Sie sich auf Weihnachten?

(überlegt lange) Ich wünsche mir Frieden, Solidarität und mehr Respekt und Toleranz unter den Mitmenschen.


 

 

      
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