| Zug / Randa / Brig
/ Der Jesuitenpater Niklaus Brantschen ist in Randa aufgewachsen, in Brig
ins Gymnasium gegangen und leitet heute das Lassalle-Institut für Zen,
Ethik und Leadership bei Zug. Er sagt: Christentum und Buddhismus
beissen sich nicht. Sie können voneinander nur lernen und sich gegenseitig
bereichern. Als anerkannter Zen-Meister und katholischer Priester
ist er ein Wanderer zwischen zwei Welten.
Von Ruth Seeholzer und Walter Bellwald
Pater Brantschen, sind Sie in einem religiösen Umfeld aufgewachsen?
Und wie! Ich durchlief eine katholische Sozialisation, wie man heute
sagt. Mein Umfeld war sehr geprägt von Andachten, Messen und Prozessionen.
Es war rundum sehr katholisch.
Sie selber waren auch bald einmal vom Christentum fasziniert?
Ich habe der christlichen Kirche gegenüber immer eine gewisse Selbstverständlichkeit
empfunden. Ich war nie ein Zweifler oder Skeptiker. Wohl habe ich mit
den Jahren durchs Studium, aber auch durch das Leben im Jesuitenorden
die Relativität von äusseren Formen, von Regeln und Strukturen
kennen gelernt. Dadurch habe ich mit der Zeit mehr und mehr das Korsett
der Regeln abgelegt und bin ins Herz des Christseins vorgestossen. Verstehen
Sie mich recht: Es braucht Strukturen und Regeln. Aber das Wesentliche
ist das Leben!
Brauchen die einen mehr Regeln als die anderen?
Das Christentum hat sich im Laufe der Entwicklung mit dem griechischen
Denken und römischen Verwaltungsstrukturen verbunden. Aus all dem
ist ein relativ schwerfälliger Apparat entstanden, die römisch-katholische
Zentralorganisation Kirche. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist
eine eher mystische. Diese Seite versuchten die Orden immer lebendig zu
erhalten. Ich sehe heute mehr die innere Seite des Gebildes Kirche.
Aber die äussere braucht es auch. Allerdings ist manchmal vielleicht
etwas zu viel dieses Äusseren da.
Von den Jesuiten hiess es lange, sie seien die geistige Elite des
Christentums. Hat es Sie deshalb zu diesem Orden gezogen?
Das mit der Elite ist eine Vorstellung, die man häufig vorfindet.
Nein, ich würde sagen, die Jesuiten sind ein international vernetzter,
spannender Orden. Angezogen hatte mich damals die Tatsache, dass der Jesuitenorden
in der Schweiz verboten war. Mit der Zeit habe ich natürlich noch
andere Motive für meine Wahl gefunden. Die Tatsache, dass er verboten
war, hat nicht gereicht. Da ist z. B. der internationale Charakter. Dann
auch das Faktum, dass der Jesuitenorden mitten in der Welt steht: Nicht
sich zurückziehen hinter Klostermauern, sondern eine Gemeinschaft
sein, die versucht, Arbeit und geistliches Leben, Aktion und Kontemplation,
zu verbinden. Das hat mir immer gefallen.
Sie sagen, eines Ihrer Motive für die Wahl der Jesuiten war,
dass dieser Orden damals verboten war. Sind Sie ein Revoluzzer?
(lacht) Wenn man jung ist, reizt einen doch das, was einem eben gerade
nicht auf dem goldenen Teller serviert wird! Das macht etwas erst attraktiv.
Doch dies war, wie gesagt, bloss ein äusserer Auslöser.
Was bedeutet Jesuit sein heute?
Das bedeutet, radikal offen zu sein zur Welt hin, keine Berührungsängste
zu haben. Die Jesuiten definieren sich heute unter anderem als Menschen,
die offen sind für den interreligiösen Austausch.
Was bedeutet das konkret?
Die Zeit, andere abzuwerten oder gar zu verdammen ist passé. Die
Vielfalt der Kulturen und Religionen wird heute auch von der Kirche als
Reichtum geschätzt. Es ist nicht das Ziel, einen Einheitsbrei zu
produzieren, so dass am Schluss nur noch eine Religion bleibt. Verschiedenheit
ja, Gleichmacherei nein. Entscheidend ist, die anderen nicht zu verurteilen,
sondern sie zu verstehen suchen.
Sie haben den Buddhismus für sich entdeckt. Sind Sie nicht der
Meinung, dass Christentum und Buddhismus sich beissen?
Ich habe den Buddhismus in der Form der Zen-Meditation kennengelernt.
Das ist ein bestimmter Weg innerhalb des Buddhismus, der vor allem auf
die Erfahrung Wert legt. Diese Erfahrung, die ich in der Zen-Meditation
machen durfte, ist eine menschliche Erfahrung und kommt mir zu gute in
den Aufgaben, die ich habe, ebenso wie in meinem Christsein. Selbstverständlich
gibt es Unterschiede zwischen den beiden Religionen. Ost ist Ost, und
West ist West. Einer der Unterschiede besteht darin, dass wir eine persönliche
Beziehung haben zu der Wirklichkeit, die wir Gott nennen. Der Zen-Buddhismus
bleibt offen gegenüber dieser Wirklichkeit. Er verleugnet Gott nicht,
bejaht ihn auch nicht. Aber einfach zu sagen, dass das Atheisten sind,
Ungläubige, das ist falsch. Wir Christen sind zu schnell bereit,
zu sagen: Ja, wir wissen. Wir wissen, wie Gott ist, wer Gott ist, und
wo Gott hockt. Da können wir nur lernen vom Osten. Und damit zu Ihrer
Frage: Nein, die beiden Religionen beissen sich nicht. Sie haben verschiedene
Zugänge zu der allumfassenden Wirklichkeit, die wir Gott nennen.
Sie können voneinander nur lernen und sich gegenseitig bereichern.
Ist denn der Zen-Buddhismus überhaupt eine Religion für
den westlichen Menschen?
Wenn man Religion versteht als eine Summe von Formen, Regeln und Übereinkünften,
dann kann man sagen, dass Zen weniger eine Religion, sondern eher eine
Erweckungsbewegung ist. Es ist ein Weg, der zum Erwachen führt, zum
Erwachen des wahren Menschseins. Dass wir erfahren und entdecken, wer
wir sind. Das heisst auch, dass wir uns nicht unter unserem Wert verkaufen.
Es gibt ein schönes Wort aus dem Sufismus (eine mystische Bewegung
im Islam, Anm.d.Red.): Absurd, sagte die Eintagsfliege, als
sie zum ersten Mal das Wort Woche hörte. Das sagt sehr
viel. Wir geben uns wie eine Eintagsfliege mit wenig zufrieden, mit Begrenzung
und Kurzlebigkeit. Aber der Horizont, in den wir hineingestellt wurden,
ist viel, viel weiter. Das zu erfahren hilft der Weg der Zen-Meditation.
Spirituelle Erfahrung heisst, unabhängig von Ost und West, den Reichtum,
den wir sind, und nicht nur den, den wir haben, zu entdecken und zu leben
- in aller Bescheidenheit.
Dann fängt die spirituelle Erfahrung auch nicht mit der Geburt
an und hört nicht mit dem Tod auf?
Das ist eine interessante Frage. Eine Reinigung, eine Läuterung,
ein Wachstum über die Grenze des Todes hinaus ist möglich, so
wie man im Spätherbst die noch grünen Tomaten pflückt und
sie an einem geschützten Platz nachreifen lässt. Für mich
ist wichtig, dass wir unser reiches Leben, unser Potenzial nach Möglichkeiten
ausschöpfen und zwar vor dem Tod. Dies nicht etwa nur im eigenen
Interesse, sondern auch im Interesse der anderen Menschen. Es ist niemandem
gedient, wenn wir uns immer klein machen und sagen: Ich bin nichts.
Ich habe nichts. Ich kann nichts. Nein, ich kann sehr viel. Ich
habe meine Möglichkeiten und bin dazu berufen, diese auszuschöpfen.
Damit rede ich nicht dem Stolz und der Überheblichkeit das Wort.
Das wäre eine spirituelle James-Bond-Haltung, die besagt: Ich
kann alles!
Um auf etwas handfestere Tatsachen zurückzukommen: Wie praktizieren
Sie Zen?
Es ist so einfach, dass es schon wieder schwierig ist, weil wir gewohnt
sind, die einfachsten Dinge kompliziert zu machen. Die Übung des
Zen besteht darin, dass man aufrecht sitzt, gut im Lot ist, gespannt und
zugleich entspannt im Leib. Wir haben ja nicht nur einen Leib, wir sind
Leib. Wichtig sind die offenen Augen. Das ist ein Markenzeichen der Zen-Meditation.
Man bricht die Brücken nach aussen nicht ab. Als weiteres lasse ich
meinen Atem strömen, bin immer bei dem Atemzug, den ich gerade tue.
Nicht beim nächsten oder beim übernächsten. Das schafft
Präsenz. Übrigens, wenn man präsent ist, ist man auch ein
Präsent, ein Geschenk. Das passt gut zu Weihnachten. Wenn Sie jemandem
ein Geschenk machen wollen, so seien Sie präsent. Das heisst jetzt
nicht, dass Sie sich unter den Christbaum legen sollen und sagen: Ich
bin das Präsent. (lacht)
Sie sind ein bekannter Zen-Meister. Sehr viele Leute kommen zu Ihren
Zen-Sesshins ins Lassalle-Haus bei Zug. Was suchen diese Menschen?
Sich selber.
Was suchen Sie?
Das gleiche. Sich zu finden darf man nicht verwechseln mit Nabelschau.
Wer sich findet, bei sich ist, kann ganz anders bei der Sache, bei anderen
Menschen sein. Wer sein innerstes Wesen entdeckt, entdeckt das Wesen der
Welt. Und im Letzten das Wesen Gottes.
Haben Sie die Hoffnung, es zu finden? Oder ist der Weg das Ziel?
Auch das Ziel ist das Ziel. Wenn man eine Erfahrung gemacht hat, ist
man noch nicht unbedingt ein Erfahrener, sondern es geht weiter. Also
in dem Sinn habe ich gefunden und suche trotzdem weiter.
|