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Frontal-Interview:
„Mary ist in vielen Dingen ganz anders als ich“


Cornelia Heynen-Igler
 
Naters / Aus ihrer Feder stammt die Kolumne Mary, die wöchentlich in der RZ die LeserInnen fasziniert und mitunter auch geärgert hat. Jetzt lüften wir das Autoren-Geheimnis. Im RZ-Interview spricht Cornelia Heynen-Igler über Reaktionen, den Reiz der Anonymität und sich selber und sagt: „Jetzt bin ich froh, mich outen zu können.“

Von German Escher und Ruth Seeholzer

Musstest Du dich überwinden, jetzt Deinen Namen als Verfasserin der Kolumne „Mary“ preiszugeben?

Jetzt gegen den Schluss hin bin ich froh, das Geheimnis lüften zu können. Besonders in den letzten Wochen habe ich Amüsantes in Zusammenhang mit der Kolumne Mary erlebt. Wir hatten beispielsweise kürzlich Gäste eingeladen. Das Gespräch kam auf die Kolumne, und man fragt mich: Weisst Du eigentlich, wer diese Mary ist? Wie sollte ich da bloss reagieren? Hat da jemand eine vage Vermutung oder ist die Frage ganz und gar unschuldig? Wie immer in diesen ungemütlichen Situationen antwortete ich, dass das wohl nur der Chefredaktor wisse. Darauf wendet der Besucher ein: Mary ist sicher ein Mann und kommt aus Deutschland. Solche Situationen sind mir peinlich. Als ob ich jemanden hinters Licht führen wollte. Deshalb bin ich froh, mich outen zu können.

Hättest Du die gleiche Kolumne geschrieben, wenn Du von Anfang an mit Deinem Namen hättest unterzeichnen müssen?

Ganz klar. Ich habe weder jemanden persönlich angegriffen, noch von mir selbst etwas preisgegeben.

Die Anonymität hatte doch auch seinen Reiz, sogar etwas Spielerisches?

Die Tatsache, dass über den Verfasser gerätselt wurde, hat zur Popularität der Kolumne beigetragen. Aber das war ja nie die Absicht. Mir ging es eigentlich nur darum, meine Beobachtungen zu Papier zu bringen. Ich hatte keine Ahnung, ob das jemanden interessieren würde. Und ganz ehrlich: Ich hätte auch keine Lust gehabt, im Ausgang jeweils über die soeben erschienene Mary zu diskutieren.

Was war eigentlich für Dich als Autorin der Reiz, für die RZ eine Kolumne zu schreiben?

Wenn wir unterwegs sind, erlebe oder beobachte ich immer wieder Dinge, die ich gern niederschreiben möchte. Als ich mit meinem Mann darüber sprach, meinte er: Mach es doch einfach. Die Figur Mary ist dann sehr rasch entstanden. Es will ja niemand die Ansicht der unbekannten Cornelia Heynen-Igler lesen. Da braucht es einen Vermittler, eine Figur, die auch Freiraum für Fantasien schafft. Weil die RZ das ideale Medium für eine solche Spalte ist, habe ich Dir dann den Vorschlag unterbreitet.

Wir hatten eine Abmachung: Beide Seiten halten den Namen der Mary geheim. Hast Du nie schmunzeln oder auf die Lippen beissen müssen, wenn in deiner Anwesenheit über die Verfasserin gerätselt wurde?

Es war mir eher unangenehm, weil ich mich wie ein Spion fühlte. Mary ist für mich eine fiktive Figur. Das ist wie in der Literatur auch. Ob im Roman „Tod in Venedig“ die Hauptfigur dem Autor Thomas Mann ähnelt, ist für mich unwichtig. So ist es doch auch zweitrangig, dass ich jetzt die Verfasserin der Mary bin. Wichtig ist, dass Mary ankommt und gelesen wird.

Trotzdem: Die häufigste Frage der RZ-Leser war: Wer ist eigentlich Mary? Deine Kolumne hat offenbar den Nerv getroffen.

Das freut mich ausserordentlich.

Überrascht dich das enorme Echo?

Natürlich. Ich bin eigentlich ein vorsichtiger Mensch, der die Dinge eher mit bescheidener Erwartungshaltung angeht. Umsomehr freue ich mich über das grosse Interesse.

Von wo nimmst Du all die Ideen: Wie viel ist Beobachtung und wie viel ist Fantasie? Hattest Du nie Angst davor, was schreibe ich nächste Woche?

Überhaupt nicht. Die Mary hat sich mit jeder Kolumne weiter entwickelt und wurde nicht nur für den Leser, sondern auch für mich fassbarer. Aber eines liegt mir am Herzen: Keine Person in unserem Freundes- oder Familienkreis hat mir als Vorlage gedient. Dass die Erfahrungen der Cornelia Heynen-Igler, die seit 38 Jahren auf der Welt ist, eine Rolle spielen, liegt auf der Hand. Wenn ich aber nur meine rein persönlichen Erfahrungen festhalten möchte, könnte ich Tagebuch führen. Das hat mich nie gereizt.

Hand aufs Herz: In wieweit erkennst Du dich in der Mary selber wieder?

Entweder hänge ich Mary neue Geschichten an oder ich transportiere durch diese Figur persönliche Eindrücke und Ansichten. In vielen Dingen ist Mary aber ganz anders als ich. Das finde ich ja auch spannend.

Beobachtungen sind wichtig: Du hast zwar Walliser Wurzeln, bist aber in Zürich aufgewachsen. Hört oder sieht man da genauer oder anders hin?

Eigentlich bin ich ein totaler Voyeur. Egal, wo ich bin, beobachte ich Menschen und möchte sie beschreiben. Meine Herkunft spielt da keine Rolle. Als ich in Zürich lebte, habe ich mich auch nicht als Zürcherin gefühlt. Ich bin nirgends so richtig verwurzelt – und das habe ich immer als etwas Positives empfunden. Ich habe kein eigentliches Heimatgefühl, weder zu Orten noch zu bestimmten Kreisen oder Mi-
lieus. Mich interessiert alles. Deshalb habe ich immer viel gelesen. Ich bin einfach heiss auf Geschichten. Mich interessiert das Leben – und das findet überall statt.

Niemand kannte Dich: Aber über E-mail konnte man mit Dir kommunizieren. Wie waren die Reaktionen?

Spannend! Es gab zwar nicht wahnsinnig viele Mails, aber interessante. Alle Mails für Mary stammten von Männern. Alle waren durchwegs positiv, und viele Verfasser waren an Mary als Frau interessiert. Das hat mich überrascht, weil Mary ja nicht eine Vorzeige-Sexbombe ist. Sie ist eher eine Anti-Heldin. Das hat mir einmal mehr gezeigt, dass Männer an ganz normalen Frauen interessiert sind. Die Mails waren auch nie plump. Aber häufig wurde die Frage gestellt, ob ich der gezeichneten Frau ähnlich sei. Da schwangen schon etliche Hoffnungen mit. Vor allem die Kolumne „Mann gesucht“ hat diesbezüglich Reaktionen ausgelöst (schmunzelt, wie meistens während unserem Gespräch).

Eine attraktive Frau – und erst noch ein Grüezi mit Wohnsitz Naters – nimmt mit spitzer Feder die Walliser auf die Schippe. Mit welchem Gefühl gehst Du nach der Publikation des Interviews auf die Strasse?

Ich glaube nicht, dass sich mit der Publikation für mich etwas ändern wird. Im Bekanntenkreis – beispielsweise unsere Gäste, die erst kürzlich mit mir über Mary gesprochen haben – wird es wohl lustige Reaktionen geben. Aber ich habe nichts getan, für das ich mich jetzt schämen müsste. Zu meiner Kolumne stehe ich. Natürlich gabs bisher kaum Kritik. Das kann sich jetzt ändern. Aber noch etwas: Auch hier werden Menschen aufgrund von Äusserlichkeiten wie Auftreten, Kleidung, usw. schubladisiert. Ich glaube, dass viele Leute aufgrund meines Images erstaunt sein werden, dass ich die Verfasserin der Mary-Kolumne bin. Ein Grund mehr, sich nicht immer vom ersten Eindruck eines Menschen täuschen zu lassen und auch mal einen Blick hinter die Fassade zu wagen...

Kannst Du selber gut mit Kritik umgehen?

Ja. Ich bin ein sehr selbstkritischer Mensch. Das hat mir im Leben auch schon geschadet, weil ich zuwenig gewagt habe. Aber wenn ich etwas anpacke, kann ich das auch selbstbewusst vertreten. Die Kolumne war für mich eine neue Erfahrung: Ich bin eher ein ernsthafter Mensch. Mit Mary habe ich meinen eigenen Humor entdeckt.

Im Unterschied zu Deinen E-Mails haben uns fast nur Frauen gefragt, wer wohl die Mary ist.

Das erstaunt mich. Ich kann mir vorstellen, dass sich eher die Frauen über Mary ärgern, weil sie als Frau „unsolidarisch“ auch die Frauenwelt auf die Schippe nimmt. Auf Männer wirkt Mary eher prickelnd bis erotisch.

Und jeder stellt sich die Mary anders vor?

Das ist auch der Reiz des Anonymen und regt die Fantasie der Leser an. Auch ich habe mir in meiner Fantasie die Mary vorgestellt: etwas mollig, single, um die 45, Walliserin – in vielem anders als ich. Das hat mir aber auch einen Freiraum gegeben, in der ich diese Figur entwickeln und zugleich meine eigene Person und Privatsphäre schützen konnte.

Dennoch interessiert Deine Person: Wie bist Du ins Wallis gekommen?

Ich habe an der Uni Zürich ein Romanistik-Studium begonnen. Die Sprache ist etwas Sinnliches. Aber die Verwissenschaftlichung der Sprache hat mich derart geärgert, dass ich das Studium abgebrochen habe und als Serviertochter in eine alte Dorfbeiz nach Turtmann gegangen bin. Auch das ist kein Zufall, stammt doch meine Mutter, eine geborene Passeraub, aus Getwing. Später habe ich als Bardame und dann an einer Hotelreception gearbeitet. Nach der Tourismusfachschule ging ich zu Wallis Tourismus. Seit vier Jahren bin ich verheiratet, Mutter eines dreijährigen Sohns, wohne in Naters und arbeite als Hausfrau und Texterin.

Wirst Du dieses Jahr Mary-like mit einem Cüpli Silvester feiern?

Keine Ahnung, wie wir Silvester feiern werden. Das ist für mich auch nicht wichtig. Ich bin überhaupt kein Silvester-Fan. Ich feiere und liebe aber den 1. Januar. Den Beginn des Jahres finde ich wunderschön. Ich werde auch den ersten Tag des Jahres 2003 mit meiner Familie wieder in vollen Zügen geniessen.


 

 

      
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