| Zermatt / Für das Matterhorn-Dorf beginnt
morgen eine neue Epoche. Die Fusion der vier Skigebiete zur Zermatt Bergbahnen
AG wird definitiv besiegelt. Das Amt des Verwaltungsratspräsidenten
wird Hans Peter Julen übernehmen. Im grossen RZ-Interview spricht Julen
über die Bewegunggründe, die zum Schulterschluss führten,
über die wirtschaftlichen Perspektiven, über auswärtige Grossinvestoren
und versichert: Wir wollen das Geld zuerst verdienen und dann investieren.
Von German Escher und Ruth Seeholzer
Sie werden morgen zum neuen VR-Präsident
der Zermatt Bergbahnen AG gewählt. Ein Freudentag für Sie?
Es freut mich, wenn diese Fusion morgen zustande
kommt. Darauf bin ich auch ein wenig stolz. Aber es ist auch eine grosse
Herausforderung und eine grosse Freude, in diesem neuen Verwaltungsrat
mitarbeiten zu können. Die ersten Sitzungen haben mir gezeigt, dass
nicht nur innerhalb des Verwaltungsrates ein gutes Klima herrscht, sondern
dass im ganzen Unternehmen hochmotivierte Mitarbeitende am Werk sind.
Sie übernehmen die strategische Führung
des grössten Seilbahnunternehmens der Schweiz und damit eine happige
Verantwortung. Keine Angst zu versagen?
Sicher ist es keine leicht Aufgabe. Es wird sicher
auch schwierige Entscheidungen zu fällen geben. Aber ich bin zuversichtlich,
dass der Verwaltungsrat diese Aufgabe meistern wird.
Die erste Hürde ist die Ernennung des neuen
Direktoren: Welche Anforderungen muss der neue Direktor erfüllen?
Die notwendigen Fachkenntnisse und Erfahrungen setzen
wir voraus. Noch wichtiger wird die soziale Kompetenz sein. Der neue Direktor
muss eine neue Unternehmenskultur umsetzen. Die vier recht unterschiedlichen
Firmen zusammenzuführen, ist eine besondere Herausforderung. Er muss
die über 200 Mitarbeitenden in der neuen Gesellschaft integrieren.
Wann werden Sie die Ernennung bekannt geben?
Ende Februar, anfangs März möchten wir
den Namen des neuen Direktors bekannt geben. Wir haben einen Korb voller
Bewerbungen.
In den Fusionsunterlagen ist von einer neuen Epoche
die Rede. Etwas gar hoch gegriffen?
Die Bergbahnbranche ist sehr konservativ. Auch hier
in Zermatt haben wir traditionsreiche Unternehmungen. Die Bergbahnen standen
lang in einem harten Konkurrenzkampf. Ab und zu herrschte auch ein gehässiger
Ton. Wenn mir jemand vor fünf Jahren die Fusion der Zermatter Bergbahnen
prophezeit hätte, hätte ich wohl lachen müssen. Mit der
bevorstehenden Fusion geht wirklich eine Epoche zu Ende und eine neue
mit einem ganzheitlicheren Denken beginnt.
Mit Distanz betrachtet, drängt sich die Fusion
doch geradezu auf: Warum hats denn so lange gedauert? Waren die Familienclans
ein Hindernis?
Das hat kaum mit den vielzitierten Clangeschichten
zu tun. Es ist vielmehr die Entwicklungsgeschichte des Kurortes selber.
Die Gornergratbahn beispielsweise ist eine über 100 Jahre alte, börsenkotierte
Gesellschaft, deren Aktionäre mehrheitlich nicht in Zermatt ansässig
sind. Die Matterhornbahn wurde bisher von der Burgerschaft und die Standseilbahn
von der Munizipalgemeinde beherrscht. Die Rothornbahnen ist eigentlich
diejenige Unternehmung, die ein breites, privates Aktionariat hatte. Die
vier Gesellschaften haben eine sehr unterschiedliche Geschichte hinter
sich. Die Aktionäre waren stolz auf ihre Unternehmungen. Deshalb
ist es auch verständlich, dass man nicht ums erste die Eigenständigkeit
aufgibt. Der wirtschaftliche Druck und ein gewisses Umdenken haben aber
letztlich dazu geführt, dass sich die Vernunft durchgesetzt hat.
Solche Entwicklungen brauchen Zeit. In Zermatt vielleicht etwas länger
als andernorts... (schmunzelt).
Hat sich wirklich die Vernunft durchgesetzt oder
die Angst vor der Compagnie des Alpes?
Es war ganz klar die Einsicht, dass man gemeinsam
gestärkt in die Zukunft gehen will.
Wäre das wirklich so schlimm gewesen, wenn
die Franzosen in Zermatt eingestiegen wären?
Es geht hier nicht um die Franzosen. Aber es stimmt:
In Zermatt hätte man einen auswärtigen Gossinvestor nicht gerne
gesehen. Sobald ein solcher Investor in einem der Skigebiete mit einer
Mehrheit einsteigt, dann wird er zum mitentscheidenden Partner. Beispielsweise
bei Tarifgestaltung, Skibus oder Kontrollsysteme etc. hätte eine
derartige Investorengesellschaft praktisch ein Vetorecht. Wenn in einer
solchen Situation keine Kompromisse gefunden werden könnten, würde
nichts mehr gehen. Die Schlussfolgerung ist klar: Die Zermatter Bergbahnen
müssen in Zermatter Hand bleiben.
Investoren sind das eine, die Politik das andere.
Alles spricht von Entpolitisierung der Tourismusbranche. Aber in Zermatt
werden Munizipal- und Burgergemeinde 44 Prozent des Aktienkapitals besitzen.
Ist das klug?
Die 44 Prozent stimmen. Aber die Burger- und Munizipalgemeinde
sind in der Minderheit. Gemeinsam mit der GGB sind die Privataktionäre
in der Mehrheit. Und das ist richtig so. Die Zermatter Bergbahnen AG soll
eine privatwirtschaftlich orientierte Gesellschaft werden.
Aber die Politik kann ein gewichtiges Wort mitreden.
Das stimmt und ist auch richtig so. Die Öffentlichkeit
soll eine gewisse Beteiligung haben und mitreden können. Wenn wir
die neue Situation mit den bisherigen Verhältnissen vergleichen,
stellen wir doch Veränderungen fest. Neu sind zwar Einwohner- und
Burgergemeinde an der Zermatt Bergbahnen AG beteiligt, haben aber gemeinsam
keine Mehrheit mehr. Die Politik wurde im Vergleich zur früheren
Beherrschung einzelner Gesellschaften also stark zurückgebunden.
Die Negativschlagzeilen über die Burgergemeinde
haben Zermatt geschadet. Wie gross ist der Imageschaden für das Matterhorn-Dorf?
Die Negativschlagzeilen haben Zermatt geschadet.
Vor allem Schweizer Gäste konnten sich die eine oder andere Bemerkung
nicht verkneifen.
Ist die Gründung der Zermatt Bergbahnen
AG jetzt eine Art Schlussstrich unter dieses leidige Kapitel?
Ich muss klar betonen: Die Zermatt Bergbahnen AG
wird nicht gegründet, um die Probleme der Burgerschaft zu lösen.
Die Burgergemeinde steht heute wieder auf festen Füssen. Aber die
Fusion ist eine positive Nachricht aus Zermatt, das jetzt über eine
einzige, starke Bahngesellschaft verfügt.
Für den Aussenstehenden ist es schwer verständlich,
dass man nach den Finanzproblemen in Zermatt bereits wieder für 80
Millionen Franken neue Bahnen bauen will. Kann sich die Zermatt Bergbahnen
AG das bereits leisten?
Auch die vier einzelnen Bahnen haben jedes Jahr Investitionen
getätigt. Aber wir haben einen gewissen Nachholbedarf und müssen
einzelne Anlagen ersetzen. Die Investitionen von 80 Millionen sollen über
fünf Jahre aus dem Cashflow finanziert werden. Wenn das nicht ausreicht,
werden die Investitionen etappiert. Wir wollen keine Schuldenwirtschaft.
Wir wollen das Geld zuerst verdienen und dann investieren.
Wenn man in fünf Jahren 80 Millionen aus
eigener Kraft investieren kann, dann muss die Zermatt Bergbahnen AG in
zehn Jahren eine absolute Cash-Maschine sein?
Wir haben unter Berücksichtigung der heutigen
Cashflows der bestehenden Gesellschaften vorsichtig budgetiert. Wir gehen
von den bestehenden Erträgen aus und berücksichtigen gewisse
Synergien, die durch die Fusion entstehen werden. Es wurde aber nicht
von riesigen Mehreinnahmen ausgegangen.
Wie sehen die Kernzahlen konkret aus?
Wir rechnen mit einem jährlichen Cashflow von
rund 20 Millionen Franken. Und das bei einem Umsatz von rund 50 Millionen
Franken.
Bereits heute ist das Verhältnis Eigenkapital
zu Fremdkapital in etwa 50:50, also recht gut?
Wir starten unter guten Verhältnissen. Die Standseilbahn
und die Rothornbahn gehören ertragsmässig zu den stärksten
Bergbahnen der Schweiz. Der Anteil der Gornergratbahnen wird schuldenfrei
als Sacheinlage eingebracht. Über die Matterhornbahnen hat man verschiedentlich
gehört, das sei ein kranker Partner. Wenn man die Zahlen genauer
analysiert, stellt man fest: Die Matterhornbahnen haben immer einen Cashflow
zwischen fünf und acht Millionen Franken erwirtschaftet.
Neue Bahnen zu bauen ist das eine, alte Anlagen
zu schliessen ist das andere. Welche Bahnen werden definitiv still gelegt?
Wir werden gewisse Bahnen gemäss Businessplan
stilllegen und Neuanlagen bauen. Die Pendelbahn Furi-Schwarzsee wird durch
den Matterhorn-Express ersetzt. Wir werden unter Umständen die Pendelbahn
Furi-Furgg stilllegen. Unter anderem werden der Skilift Gandegg, Garten
und Gant-Plattjie abgerissen. Unklar ist noch die künftige Nutzung
im Stockhorn-Gebiet: Möglich ist eine Stilllegung, im Vordergrund
steht aber ein beschränkter Betrieb beispielsweise ab Februar
oder März.
Sind die Frequenzen hier so schlecht?
Die Frequenzanalysen zeigen uns in der Tat, dass
das Gebiet nicht stark genutzt wird. Aber es bietet dem anspruchsvollen
Skifahrer auch einige Leckerbissen. Hier werden wir eine genaue Abwägung
vornehmen müssen.
Man spricht von Synergien. Im Personalbereich
möchte man die Kosten um 15 Prozent herunterfahren. Wird es zu Entlassungen
kommen?
Die Ersparnisse werden nicht nur im Personalbereich
erzielt. Aber es stimmt, dass wir den Mitarbeiterbestand von rund 263
auf 212 Angestellte reduzieren werden. Dieser Stellenabbau wird durch
natürliche Fluktuation erreicht werden.
Die Zermatt Bergbahnen AG hat künftig ein
gewichtiges Wort im Matterhorn-Dorf: Wie sehen Sie die touristische Entwicklung
von Zermatt?
Es wird kein riesiges quantitatives Wachstum mehr
geben. Wir müssen auf ein qualitatives Wachstum setzen. Das Ziel
muss es sein, mit einem hochstehenden Angebot noch stärker den qualitätsbewussten
Gast anzusprechen, welcher auch bereit ist, einen bestimmten Preis zu
bezahlen.
Als Hotelier sind Sie kaum am Tagesausflugstourismus
interessiert. Aber die Bergbahnen sind darauf angewiesen. Ist das kein
Wiederspruch?
Mit 20000 Ferienbetten spricht man nicht 20000
Millionäre an. Es braucht eine Durchmischung der Gästestruktur
und auch eine gewisse Menge, um das Skigebiet mit all den Bahnen aufrecht
zu erhalten.
Zermatt stösst doch an seine Grenzen: An
die 120 Hotels und eine fast verstopfte Bahnhofstrasse zeigen dies doch?
Eine möglichst belebte Bahnhofstrasse vermittelt
doch eine gute Stimmung. Die Atmosphäre lebt von den Menschen, die
hier spazieren.
Aber wenn die Gäste vor den Elektromobils
auf die Seite springen müssen, ist das wenig erfreulich?
Die vielen Elektromobile sind ein Problem. Wir müssen
den Innerortsverkehr besser in den Griff bekommen. Es wurden Massnahmen
ergriffen: So ist die Bahnhofstrasse während einer gewissen Zeit
für Elektromobile gesperrt. Aber es braucht weitere Anstrengungen
in diesem Bereich.
Und die Strasse nach Zermatt?
Eine Strasse nach Zermatt hätte Vor- und
Nachteile. Damals hat man sich für die heutige Situation entschieden.
Spätestens mit der konkreten Umsetzung des Top-Terminals in Täsch
kommt die Strassenfrage wohl nochmals auf den Tisch. Für den Zubringerverkehr
braucht Zermatt die Bahn und die Strasse. In welchem Ausmass diese Strasse
ausgebaut und für alle geöffnet wird, ist eine andere, politische
Frage.
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