| Riederalp / Er ist das Enfant terrible
der Tourismusgilde und lässt keine Gelegenheit aus, zu provozieren
und Polit-Filz anzuprangern. Art Furrer ist noch nicht leiser geworden.
Art, der am 24. Februar 65 Jahre alt wird, schaut zurück, will nicht
leiser, sondern überlegter werden - und lässt sich erstmals in
einem Interview ohne Cowboyhut ablichten.
Von Waldemar Schön und German Escher
Was löst die Zahl 65 in Ihnen aus?
Art Furrer: Diese Marke ist ein Grenzstein, der mir
Gelegenheit gibt, Rückblick zu halten und mir bewusst zu werden,
was ich noch alles im Leben machen will. Zudem möchte ich diesen
Grenzstein nicht wie viele andere verdrängen, sondern den Wechsel
in den sogenannten Ruhestand bewusst erleben und geniessen. Andere Prioritäten
werden in den Vordergrund rücken.
Inwiefern?
A. F.: Zum Beispiel hat Geld heute nicht mehr die
Bedeutung für mich wie früher. Geld war für mich sowieso
immer nur dazu da, um zu bauen und etwas zu bewegen. Aber in erster Linie
möchte ich mit 65 etwas braver werden.
Wie bitte?
A. F.: Keine Angst, ich werde nicht braver in meinen
Ansichten und Ideen. Aber ich möchte etwas ruhiger werden in der
Interpretation und ich will versuchen, einen etwas gemässigteren
Ton zu finden. Ich hoffe, dass meine Zeit vorbei ist, in der ich gewaltig
auf die Pauke schlagen musste, um Missständen Gehör zu verschaffen
nicht weil es die Missstände nicht mehr gibt, sondern weil
ich hoffe, dass auch durch meinen Beitrag Jüngere diese Rolle übernehmen
werden und sich nicht alles gefallen lassen.
War Ihre Neujahrsbotschaft an den Golfclub Riederalp
in Form einer Broschüre somit ein letzter Vandalenakt des Art Furrer?
A. F.: (lacht) Nein, das sicher nicht. Denn nach
wie vor blicke ich in die Zukunft und bin brennend interessiert daran,
dass sich die Riederalp gut entwickelt trotz einiger Bremsklötze.
Übrigens waren meine Gedanken zum Golfplatz in Verbindung mit einer
möglichen Hotelübernahme kein Vandalenakt, sondern das Bemühen,
auf himmelschreiende Fehler hinzuweisen, bevor man sie begeht.
Heisst für Sie Pensionär sein auch,
sich aufs Altenteil zurückzuziehen?
A. F.: In der Tat ziehe ich mich vermehrt aus der
operativen Geschäftsführung der Art Furrer Hotels zurück
und überlasse den Jungen meinen Platz. Mein Sohn Andreas ist zu meinem
Nachfolger bestimmt. Die Zeiten sind vorbei, als ich noch selbst die Polizeistunde
verkündete.
Der Art lässt die Finger vom Geschäft?
A. F.: Na, so ganz doch nicht! Ich sehe meine Rolle
im strategischen Bereich und vor allem im Coaching, im Begleiten und Beraten
meiner Nachfolger. Ich werde noch Präsident der Gesellschaft und
der Geschäftsleitung bleiben und mich nebenbei meiner Bauwut widmen
und an deren Vollendung feilen. Ich werde im Alter immer giggeriger,
meine Kreativität auszuleben. Übrigens: Coach ist mir zu Englisch.
Ich werde in meinem eigenen Betrieb zum Hofnarren.
Was Sie immer kritisierten, nämlich die Sesselkleber,
zu dem werden Sie jetzt selbst?
A. F.: (nachdenklich) Ich hoffe, dass ich alles in
die Wege geleitet habe, um dies zu verhindern. Zudem sind die Leute heute
viel besser ausgebildet, als ich es jemals war und sie machen einen hervorragenden
Job. Ich kann doch nicht andere kritisieren, die Ämter und Macht
nicht loslassen können, und in meinem Betrieb dasselbe machen? Ein
Sesselkleber will und kann ich also nicht werden.
Sie sind sehr prominent und in den Medien sehr
beliebt. Wenn Sie heute zurückblicken: Was war Ihr Erfolgsgeheimnis?
A. F.: Greich vor 55 Jahren. Mein Vater als Bauer,
Jäger und Wilderer. Eine Frau und zwei Botscha. Eine
arme Familie. Und trotzdem hat mein Vater gesagt: Die embri im Tal
sind kei Bitz besser wa wier, die sind nit ehrlicher wa wier. Damals
habe ich mir gesagt, dass ich zumindest das erreichen wollte, was die
Leute im Tal hatten oder sogar mehr. Und dieser Drang hat mich bis heute
begleitet, hat mich nach Amerika gebracht und ist die Triebfeder in meinem
Kampf gegen Filz und politische Macht. Ich sagte wie mein Vater: Die
da embri sind nit besser und meh als ich, ob es sich nun um Gemeindepräsidenten,
Grossräte oder Staatsräte handelte. Und natürlich nutze
ich meine Prominenz in den Medien, um meine Ideen und meine Kritik an
die Leute zu bringen. Denn wenn das Volk wüsste, was für Ungerechtigkeiten
in Rats- und Amtsstuben von der Gemeinde bis zum Staat ablaufen, würden
Sie die Matza ergreifen und von Gletsch nach Sitten ziehen, um die Verantwortlichen
zur Rechenschaft zu ziehen. Denn das Gesetz ist für Schwarze, Gelbe,
Blaue und Rote das Gleiche. Zu politischen Schweinereien werde ich auch
in Zukunft nicht schweigen. Nur: Leider will das Volk dies oft nicht hören
und wissen. Das Volk hat vor der Macht der Politik resigniert.
Und Sie sind der Rufer in der Wüste?
A. F.: Ich habe mir meine Unabhängigkeit schwer
erkämpft und kann ruhig lospoltern. Das können im kleinen Oberwallis
nur wenige. Dazu ein Beispiel: Gehen zwei verheiratete Freunde in den
Ausgang und der eine betrügt bei dieser Gelegenheit seine Frau mit
einer tollen Braut, gibt es nur eine Art, den anderen zum
Schweigen zu bringen. Man lässt ihn mit der gleichen Frau ins Bett
hüpfen und teilt dann dieses Geheimnis. So ist es auch in der Walliser
Politik nur dass ich bei diesem Spiel nicht mitmache. Und glauben
Sie mir: Wenn ich bei meiner Polterei auch nur einen einzigen Tolggen
in meinem Reinheft hätte, wäre ich schon hundert Mal lebendig
beerdigt worden.
Wie kritikfähig sind Sie?
A. F.: Ich bin in gewissen Bereichen sehr empfindlich
und reagiere auf Vorwürfe sofort und direkt. Denn was aus dem Bauch
kommt, ist die richtige und die ehrlichste Antwort. Ich habe manchmal
zu schnell aus der Hüfte geschossen und hab oft verfehlt. Aber es
war gar nicht mein Ziel, ins Schwarze zu treffen. Ich wollte einfach nur
provozieren und auf dem Weg der Provokation erreichen, dass die Leute
zuhören. Natürlich habe ich oft Scheiben zertrümmert, deren
Scherben ich nachher wieder mühsam zusammenkehren musste. Im Gegenzug
gibt es fast niemand, dem ich im Nachhinein etwas Schlechtes wünsche.
Denn ich vergesse sehr schnell.
Fast niemand...?
A. F.: Es gibt drei oder vier lokale Grössen,
gegen die ich starke persönliche Ressentiments habe. Ich hätte
auch mit 65 Jahren Mühe, mich mit diesen Leuten zu versöhnen,
weil es nicht von Herzen käme.
Was uns zum Thema Fusionen bringt. Sie sind ein
Verfechter der Fusion der Bahnen auf der Riederalp?
A. F.: Was heisst hier Riederalp? In der Bergbahnbranche
spricht man offen davon, dass es mindestens 25 Millionen Umsatz braucht,
um in Zukunft als Bergbahn zu überleben. Das heisst, dass die Bahnen
im gesamten Aletsch inklusive Belalp, Ernen und Bellwald zu einer Gesellschaft
verschmelzen müssten. Ich verstehe in diesem Zusammenhang die Verkehrsbetriebe
Betten-Bettmeralp nicht. Als finanzstärkste Bahn im Gebiet müsste
diese aus einer Position der Stärke die Gesamtfusion anstreben. Aber
leider spielen Lokalpolitik und Dorfgrössen eine zu grosse Rolle,
als dass dies in naher Zukunft geschehen könnte.
Und die Fusion auf der Riederalp?
A. F.: Die kommt nicht vom Fleck. Grund: Alle wollen
zwar die Fusion, doch die Geldgeber, sprich die Banken, setzen Druck auf
und wollen, dass an der Spitze der Bahnen Köpfe rollen. Die Banken
wollen Profis im Bereich Finanzen, Marketing, Technik, Recht u.a.m. im
Veraltungsrat und nicht Dorfpolitiker. Solange diese Köpfe nicht
rollen, wird die Fusion nicht zustande kommen, weil die Finanzen fehlen.
Die Politik muss aus diesen Gesellschaften ausscheiden und das Aktienkapital
muss auf dem freien Markt beschafft werden.
Möchten Sie in diesen Verwaltungsrat?
A. F.: (lacht) Ich bin in keiner der obigen Anforderungen
ein Profi. Also strebe ich auch nicht dieses Amt an.
Wenn schon die Bahnen fusionieren, mäche
doch eine Gemeinde Riederalp auch Sinn?
A. F.: Auch hier: Nur Goppisberg, Greich und Ried-Mörel
zu fusionieren reicht nicht. Der gesamte Bezirk müsste eine Gemeinde
Aletsch bilden. Damit wären auch dem politischen Einfluss
auf die Bahnen und dem Kantönligeist ein Riegel vorgeschoben.
Kommt hinzu, dass dann eine Grossdestination Aletsch nicht nur auf dem
Papier, sondern auch im täglichen Geschäft funktionieren würde.
Denn der gesetzlich zementierte Einfluss der Gemeinden auf den Tourismus
über den Weg der Verkehrsvereine würde damit weitgehend unterbunden.
Dann könnte ein Mister Aletsch mit genügend Geld diese Destination
mit ihrem UNESCO-Label sehr gut vermarkten.
Zurück zum Privaten: Es scheint, dass Sie
noch viel vorhaben und eben doch nicht leiser werden. Art Furrer ist offensichtlich
top im Schuss?
A. F.: Ds Oberstubji funktioniert nu
ganz rächt! Und körperlich bin ich auch mit 65 tiptop
im Schuss. Ich hatte trotz intensivem Sport nie eine Verletzung und meine
Gelenke weisen kaum Abnützung auf was vor allem auf meinen
Skistil zurückzuführen ist, der mit einem Minimum an Kraftaufwand
auskommt. Meine späte Genugtuung: Vor 40 Jahren wurde ich wegen diesem
Stil in Schweizer Skikreisen geächtet und musste nach Amerika, um
Anerkennung zu finden. Und heute hat dieser Stil in der Form des Carvens
die Welt im Sturm erobert. Worauf ich mich aber besonders freue, ist das
Mehr an Zeit, das ich in Zukunft in meinen geliebten Bergen, ob zu Fuss
oder auf Skiern, gemeinsam mit meiner Frau Gerlinde verbringen werde.
Frei nach dem Motto: Mit 90 nochmals aufs Matterhorn und mit 101 das letzte
Buch schreiben.
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