D i e   a u f l a g e s t ä r k s t e   Z e i t u n g   d e s   O b e r w a l l i s

      
Frontal-Interview:
„Noch heute kann ich mit Schauspielern nicht viel anfangen“


Beat Albrecht
 
Bister / Er ist Schauspieler und sagt von sich, dass er da eigentlich gar nicht hineinpasst. Er steht auf der Bühne und sagt, dass er diese eigentlich nicht mehr braucht. Der Oberwalliser Schauspieler Beat Albrecht hat viele Facetten. Im RZ-Interview lässt er einen Einblick in seine Welt des Schauspiels zu.

Von Waldemar Schön

Wie kam man als Oberwalliser Junge aus Mörel in den 60er Jahren dazu, „nur“ Schauspieler zu werden, einen verrufenen Beruf zu ergreifen?

Beat Albrecht: Gemeinsam mit Kollegen haben wir als Kinder im Sommer auf der Tunetschalpe immer Theater gespielt. Zum Beispiel am 1. August den von uns neu geschriebenen Wilhelm Tell. Wir bauten eine Burg aus Papier, die am Ende in Flammen aufging. Die Geissen mussten als Pferde herhalten, die den Pflug zogen und selbst den Apfelschuss haben wir mit einem Trick nachgestellt. Es steckten ungeheure Phantasie und Realität in diesen Aufführungen. Zudem spielten wir jeden Sonntagabend Szenen aus dem Wirtshaus auf Tunetsch nach, wo sich unsere Väter als Absinth trinkende Wirtsleute in Szenen wieder fanden. Ohne es zu wissen, hielten wir als Kinder unseren Eltern den Spiegel vor.

Und dann der Schritt ins „echte“ Theater?

B. A.: Was ich als Kind im Schauspiel gelebt habe, wollte ich später umsetzen. Nach Schultheatern in Mörel und Brig wagte ich den Schritt an die Schauspielschule in Zürich. (lacht) Als ich mich dort vorstellen wollte, warteten vor dem Büro des Schuldirektors auf einer langen Treppe lauter Schauspielerinnen und Schauspieler. Diese „Ansammlung“ ertrug ich nicht. Ich machte kehrt und verliess fluchtartig diesen Raum. Ich habe dann bei Elisabeth Barth in Zürich die Schauspielschule gemacht und in Stuttgart abgeschlossen. Noch heute kann ich mit Schauspielern nicht viel anfangen. Ich bin zwar ein guter Schauspieler. Aber eigentlich bin ich als Beat Albrecht in dieser Theaterwelt fehl am Platz.

Wie bitte?

B. A.: (nachdenklich) Es gibt nur wenige Berufskollegen, mit denen ich engen Kontakt habe. Wahrscheinlich finde ich an anderen Schauspielern Charakterzüge, die ich nicht leben will. Deshalb gehe ich diesem „Spiegelbild“ aus dem Weg. Die Umwelt ist projiziertes Innenleben.

Angst vor der eigenen Selbstdarstellung?

A. B.: Ich kann mit der zur Schau gestellten Selbstdarstellung vieler Schauspieler nicht viel anfangen. Denn Theater hatte für mich nicht die Funktion, mich selbst zu produzieren und in den Vordergrund zu stellen. Für mich ist Theater Therapie, wobei ich sehr viel über mich selbst erfahren kann. Wo ich „Verbotenes“ leben kann, wie in den Träumen. Ich kann töten, lügen... alles. Wenn sich der Einzelne verändert, verändert er auch die Welt.

Zum Beispiel?

B. A.: Ich galt in Theaterkreisen als der „Nette“ und erhielt auch entsprechende Theaterrollen wie Liebhaber und Ähnliches. Am Anfang wollte ich daran nichts ändern, denn es ging ja flott vorwärts. Mit der Zeit ging mir aber dieses Image des Netten so richtig auf die Nerven und ich sprach einen Theaterdirektor darauf an. Er „begnadete“ mich und liess mich in den „Räubern“ von Schiller den Franz Moor, eine abgrundtief böse Figur und Vatermörder, spielen. Und sofort fand ich mich in der Rolle wieder und hatte kein Problem, böse zu sein. Die Folge war, dass ich während der Proben in eine tiefe Depression fiel. Denn durch die Leichtigkeit, mit der ich das Böse spielen konnte, wurde mir schlagartig bewusst, dass auch in mir Mephisto schlummert. Die Erkenntnis: Es gibt nicht gute und böse Menschen – in jedem Menschen steckt beides drin. In der entsprechenden Situation ist jeder Mensch bereit zu töten. Was in den Massakern in Jugoslawien passierte, wäre durchaus auch bei uns möglich. Das meine ich mit der therapeutischen Bedeutung des Theaters.

Du hast die Schauspielerei von der Pike auf gelernt. Was geht in Dir vor, wenn Du heute die Soap-Stars im Fernsehen siehst, die ohne Erfahrung direkt von der Gasse vor die Kameras kommen?

B. A.: In der Schweiz ist man in den Augen der Massen als Theater-Schauspieler „dr letscht Zipfl“. Nur wer Fernsehen macht, gilt etwas. Wer zwei bis drei Mal aus dem Fernseher furzt, ist ein „Star“. Mit diesem Begriff müssten wir achtsamer umgehen. Mozart ist ein Star, Picasso, Gandhi, Jesus...

Wenn Du also ein top Angebot aus der TV-Szene erhalten würdest, würdest Du ablehnen?

B. A.: Wenn es ein guter Fernseh-Film wäre, nein. Aber das meiste ist doch billiger Scheiss. (lacht) Trotzdem, da ich meiner Charakterstärke nicht so recht traue, bete ich jeden Tag, „Vater, führe mich nicht in diese Versuchung.“

Du bist bald 60 Jahre alt. Wie wichtig ist Dir heute das Auftreten vor Publikum?

B. A.: Natürlich gab es eine Phase, in der ich Spass daran fand, vor dem Publikum zu stehen und mich zu zeigen. Ich spiele zwar nach wie vor gerne Theater. Aber ich brauche die Bühne nicht mehr. Als kleiner Junge durfte ich in Bister Samenkörner in die Erde legen und das Wunder schauen. Ich durfte melken, heuen, wässern, Brot backen. Dann bin ich in die grosse Welt gegangen und stellte fest, dass das Kleine (Bister) alles enthält. Auch hier geht die Sonne auf und unter, dem Tag folgt die Nacht. Auch hier gibt es Liebe und Hass, Reichtum und Armut, Demut und Arroganz, Grosszügigkeit und Neid, Fröhlichkeit, Zärtlichkeit, Geburt und Tod - hier aber homöopatisch dosiert und daher besser verständlich. Nicht wie Kinder mit zuviel Spielzeug. Dies sind wesentliche Dinge und ich möchte sie auch meinen Kindern weitergeben. Diese Erfahrung vergisst man nicht, und sie beeinflusst das Leben. Denn der Ruhm allein verblasst.

Hast Du als Schauspieler Angst vor dem Alter?

B. A.: (energisch) Nein, auf keinen Fall! Denn auch in meinem Alter gibt es herrliche Rollen, die es sich zu spielen lohnt. Den Faust zu spielen, wäre eine grosse Herausforderung für mich. Den jungen Mephisto hab ich in Innsbruck schon gespielt.

Wie gehst Du mit Kritik um?

B. A.: Ich habe lieber gute Kritiken (lacht). Ich weiss aber auch, dass gute Kritiken, die nicht stimmen, mehr schaden als nutzen. Eine schlechte Kritik kann ich annehmen, wenn Sie fundiert ist. Von einem Theaterkritiker erwarte ich fundiertes Wissen. Ansonsten kann ich seine Aussagen nicht ernst nehmen. Aber ehrlich gesagt: Wenn ich jeden Furz, der über mich geschrieben wird, positiv und negativ, ernst nehmen würde, tja... Viel wichtiger sind für mich drei, vier Leute in meinem engeren Umfeld, auf deren Rat ich höre und die mir deutlich mitteilen, wenn ich in meinem Beruf neben den Schuhen stehe.

Du sagst von Dir, Du seist ein guter Schauspieler. Plagen Dich auch manchmal Selbstzweifel?

B. A.: Natürlich. Selbstzweifel sind eine ungeheure Antriebsfeder. Ohne diese würde man sich ja nicht weiterentwickeln. Vor einer Aufführung sind allerdings Selbstzweifel wenig förderlich. – Mit Selbstzweifel im Bauch darf man nicht auf die Bühne.

Du bist auf den Bühnen in der Deutschschweiz und in Deutschland tätig. Wie schätzt Du die Theaterszene im Oberwallis ein?

B. A.: Ich kenne nicht die ganze Szene, habe aber grossen Spass an den kleinen Dorftheatern. Denn sie erfüllen eine wichtige Funktion. Die Zuschauer kommen ins Dorftheater, um sich unterhalten zu lassen und haben Spass. Da spielt der künstlerische Anspruch keine grosse Rolle. Diese Rolle übernehmen überregionale Bühnen wie zum Beispiel die Laienbühne Mörel und „Das freie Theater Oberwallis“ von Hermann Anthamatten. Beide haben einen eigenen Stil entwickelt.

Und wie sieht es mit professionellem Theater im Oberwallis aus?

B. A.: Ich habe schon das Gefühl, dass man auch im Oberwallis ein Ensemble mit bescheidenen Mitteln zusammenbringen könnte. Vom Goms bis Siders und vom Lötschental bis ins Saastal wären doch genügend Auftrittsmöglichkeiten über das Jahr verteilt vorhanden. Man könnte mit einem eigenen Ensemble auch in den Schulen arbeiten: Schultheater-Aufführungen, Sprechunterricht etc.

Theater ist nur ein Bereich, in dem Du tätig bist?

B. A.: Früher habe ich Hörspiele gemacht. Vor allem Kinder-Musicals für den ORF. Jetzt moderiere ich klassische Musiksendungen und mache auch im Wallis mit RRO verschiedene Projekte. Das Neuste ist eine CD mit Walliser Sagen, die wirklich „saugüet“ geworden ist. Sprache und Ausdruck sind klar und einfach und es hat sehr viel Spass gemacht, mit Profis und Laiendarstellern aus dem ganzen Oberwallis zu arbeiten. Radio DRS und diverse Zeitungen haben sich sehr positiv geäussert. In Solothurn haben wir schon über 200 Stück verkauft. Ab und zu gebe ich meine Stimme auch für andere Produktionen wie Moderationen bei DRS, CD-Roms , Tonbildschauen etc.

Welchen Stellenwert haben denn diese Arbeiten im Vergleich zur Bühne?

B. A.: Zum Teil macht es Spass. Aber ich muss natürlich auch leben und meine Familie miternähren. Dafür braucht es einfach Geld. Trotz anderer Meinungen leben wir Kulturschaffenden nicht nur vom Applaus. Ich kann den Applaus nicht in eine Dose schütten und zuhause den Kindern auf den Tisch stellen. Denn mit dem Theater alleine verdient man nicht sehr viel Geld. Ich mache auch keine Werbung oder Arbeiten, zu denen ich nicht stehen kann. Ich bin in der glücklichen Lage, den Unterhalt der Familie mit meiner Frau teilen zu können. Damit bin ich auch nicht auf jedes Engagement angewiesen. Auf der anderen Seite heisst das auch, dass ich zu 50 Prozent für die Familie da bin und auch schon auf interessante Engagements verzichten musste.

Und was sagt die Familie zum Beruf des Vaters?

(Der jüngere Sohn Stephan ruft dazwischen): Es gefällt mir gut, was er macht. Ich kann ja Freude daran haben, dass mein Vater Schauspieler und meine Mutter Ärztin ist. Aber schliesslich kommt es darauf an, dass es ihnen gefällt und nicht mir – und das scheint der Fall zu sein.


 

 

      
Heute & morgen

/

/


RZ-Newsletter
Email-Adresse eingeben und Sie werden informiert:
Suchen


Have a look at: