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Frontal-Interview:
„Autoritätsgläubigkeit ist im Unterwallis grösser“


Marie-Therese Schwery
 
Brig-Glis / Seit einem Jahr ist sie die oberste Walliserin. Marie-Therese Schwery wurde im letzten Jahr als erste Oberwalliserin zur Grossratspräsidentin gewählt. Die gebürtige Luzernerin eröffnete vor 30 Jahren in Brig ein Anwalts- und Notariatsbüro. Im RZ-Interview redet sie über ihre Erfahrungen als ‚Landesmutter’ und spricht Klartext zur Walliser Spitalpolitik.

Von Walter Bellwald und Ruth Seeholzer

Nach einigem Hin und Her hat der Nationalrat dem 120 Millionen Zusatzkredit für die Expo.02 zugestimmt. Haben Sie die Polemik im Vorfeld der Abstimmung mitbekommen?

Ja, ich habe die Debatte mitverfolgt. Dass sich die CVP im Vorfeld der Abstimmung gegen den Zusatzkredit ausgesprochen hat, habe ich nicht verstanden. Ich finde, um sich zu profilieren, muss man sich andere Objekte aussuchen. Vor allem hätte man früher reagieren müssen.

Eine Milliarde für die Landesausstellung ist aber ein happiger Betrag?

Wenn man die früheren Landesausstellungen in Betracht zieht und die Teuerung aufrechnet, bleibt die Grössenordnung ziemlich gleich.

Wie sinnvoll ist eine Landesausstellung?

Ich finde eine Landesausstellung zum jetzigen Zeitpunkt enorm wichtig. Momentan spürt man so viele Unsicherheiten in der Schweiz. Jeder ist Individualist und geht seinen eigenen Weg. Darum ist es wichtig, einen Ort der Begegnung zu schaffen und ein Zeichen der Zusammengehörigkeit zu setzen. Dadurch können neue Impulse geschaffen werden. Einzig die Eintrittspreise finde ich überrissen (lacht). Aber vielleicht gibt sich das noch bis zum Beginn der Ausstellung.

Werden Sie die Expo.02 besuchen?

Ich werde gleich zweimal an die Landi fahren. An der Eröffnungszeremonie (14./15. Mai) und am Wallisertag (7. Sept.) werde ich anwesend sein.

Die Expo-Eröffnung fällt also noch in Ihre Amtszeit als Grossratspräsidentin?

Das ist richtig. Eine Woche nach der Eröffnung der Landesausstellung, am 21. Mai 2002, geht meine Amtszeit als Grossratspräsidentin zu Ende.

Schauen Sie mit Wehmut auf das vergangene Jahr zurück?

Es war ein sehr schönes, aber auch strenges Jahr. Ich durfte viele Menschen kennen lernen. Am Anfang war es aber nicht immer einfach für mich. Vor allem viele Unterwalliser habe ich nicht gekannt. Wenn ich einen öffentlichen Anlass besucht habe, bin ich strategisch vorgegangen und habe gleich am Eingang den erstbesten, freien Stuhl gesucht. Aber jetzt habe ich schon den Mut, mich bis zur Mitte vorzudrängen. „Das isch scho sau güet“ (lacht).

Wie haben Sie die verschiedenen Sessionen erlebt?

Für mich war es wichtig, die Geschäfte korrekt und in einer vernünftigen Zeit über die Bühne zu bringen. Ich glaube, das ist mir ganz gut geglückt. Man muss aufpassen, dass die Sessionen nicht in ein endloses Palaver ausarten. Ich musste auch verschiedene Grossräte darauf aufmerksam machen, sich an die vorgegebenen Richtlinien zu halten. Da war ich doch recht streng. Im Gegenzug habe ich dafür aber viele Komplimente eingeheimst.

Was ist Ihnen in Erinnerung geblieben?

Ich habe in dieser Zeit sehr viele nette und interessante Menschen kennen gelernt. So wurde ich beispielsweise von der Burgerschaft Sitten eingeladen, eine ganztätige Wanderung mitzumachen. Das war ein kurzweiliges und spannendes Erlebnis. Demnächst werde ich auch noch einer Einladung nach Chermignon Folge leisten.

Haben Sie auch weniger gute Erinnerungen?

Eigentlich nicht. Einzig bei der einen oder anderen Debatte war ich im Vorfeld ein bisschen skeptisch, so unter anderem bei der Debatte um das Gesundheitswesen. Aber schliesslich ging auch das gut über die Runden.

Haben es (Oberwalliser) Frauen schwerer, in der Politik oder Wirtschaft ganz oben zu stehen und Karriere zu machen?

Frauen haben es sicher schwerer als Männer, weil sie exponierter sind. Viele Frauen sind auch noch Mutter, müssen sich um den Haushalt kümmern und arbeiten auch noch in ihrem Beruf. Da ist es nun mal schwer, sich zu profilieren und alles unter einen Hut zu bringen. Auch die Freizeit kommt zu kurz. Dadurch schaffen es nur wenige Frauen, ganz vorne mitzumischen. Es macht mich immer wieder wütend, wenn ich höre, dass die Frauen es selber in der Hand hätten, sich zu ’pushen’. Sie seien ja in der Mehrheit. Dabei wird ein wesentlicher Punkt ausser Acht gelassen. Das ganze Umfeld sieht man nicht. Die Männer haben im Hintergrund eine Frau, die für die Infrastruktur sorgt, die wäscht, kocht und bügelt. Wenn die Männer dann am Abend heimkommen, ist die Arbeit gemacht und sie können den Feierabend geniessen.

Sie haben sich bei Ihrem Amtsantritt als „Walliser Landesmutter“ bezeichnet. Haben Sie diese Rolle auch gelebt?

Auf alle Fälle. Ich war beispielsweise kurz nach meiner Wahl zur Grossratspräsidentin bei der Eröffnung der Sion Expo. Da waren rund 200 bis 300 Leute anwesend. Nach meiner Ansprache machte ich einen kurzen Rundgang durch die Expo. Da kamen viele Unterwalliser Frauen spontan auf mich zu und gratulierten mir zu meiner Wahl.

Apropos Unterwallis, wie haben Sie in Ihrer Amtszeit die welsche Fraktion erlebt?

Sehr positiv. Das Renommée eines Grossratspräsidenten ist im Unterwallis grösser als im Oberwallis. Wenn ich an eine Generalversammlung oder zu einem Musikfest eingeladen war, hatte ich immer das Gefühl, dass ich willkommen bin. Im Oberwallis ist dieses Gefühl viel weniger ausgeprägt. Ich führe das auf die grössere Autoritätsgläubigkeit im Unterwallis zurück.

Wie ist das Einvernehmen zwischen der deutschsprachigen Minderheit und der welschsprachigen Mehrheit? Leidet unter dem Spardruck nicht auch das Verhältnis zwischen Ober- und Unterwallis?

Man probiert natürlich auf beiden Seiten, die Felle an Land zu ziehen. Dadurch kommt es automatisch zu kleineren oder grösseren Spannungen im Parlament. Es kommt natürlich auf die Sachgeschäfte an. Früher haben die Oberwalliser kritisiert, dass zu viele Gelder in den Strassenbau im Unterwallis fliessen. Jetzt ist es genau umgekehrt. Verschiedene Unterwalliser Voten kritisieren, dass im Oberwallis zuviel in die Strassen investiert wird. Das ist immer ein gegenseitiges Hin und Her.

Sie sind gebürtige Luzernerin. Hatten Sie nie ein Problem mit der Walliser Mentalität?

Überhaupt nicht. Ich hatte aber den grossen Vorteil, dass ich durch meinen Beruf und mein Praktikum direkt unter die Leute kam. Dadurch habe ich viele Kontakte geknüpft. Als Hausfrau hätte ich es wahrscheinlich schwerer gehabt, einen direkten Draht zur Bevölkerung herzustellen.

Sie engagieren sich seit neun Jahren als Grossrätin im Kantonsparlament. War das für Sie als „Üsserschwizeri“ eine besondere Motivation, für ein Mandat im Walliser Kantonsparlament zu kandidieren?

Nein. Das hat sich mit der Zeit so ergeben. Nachdem meine Kinder gross genug waren, hatte ich mehr Zeit für die Politik und habe mich schliesslich dazu entschieden, für die CSPO als Grossrätin zu kandidieren. Schliesslich wurde ich 1993 in den Grossrat gewählt.

Wie lange bleibt Marie-Therese Schwery der Walliser Politik noch erhalten?

Keine Ahnung. Im Moment jedenfalls will ich noch weitermachen. Vor allem die Gesundheitspolitik und Schulpolitik interessieren mich sehr.

Was für Lösungsansätze sehen Sie in diesen heiklen Bereichen?

Ich habe bis heute nicht begriffen, warum man die Disziplinen nicht auf die verschiedenen Spitäler aufgeteilt hat. Meiner Meinung nach hätte der Staatsrat hier mehr Führungsarbeit verrichten müssen. Mich dünkt, dieser Entscheid wäre vom Volk durchaus akzeptiert worden. Ich sehe weniger eine Schliessung von Spitälern, als eine sinnvolle Aufteilung der einzelnen Disziplinen und dadurch eine Kosteneinsparung.

Wie steht es mit den Standortdiskussionen der Pädagogischen Hochschule?

In erster Linie ist das nicht eine Standortfrage, sondern eine Frage des Geldes. Ich habe das Gefühl, man richtet mit grosser Kelle an und kann am Schluss nicht mehr zahlen. Wahrscheinlich wird die Pädagogische Hochschule früher oder später in Siders zentralisiert. Das hört man auch von verschiedenen Seiten. Die Frage ist: Was können wir zahlen und verkraften? Ich finde auch das jetzige Schulmodell nicht gut. Vielleicht müssten die Schulabgänger, die Lehrer werden wollen, wieder an die Universität gehen und ein Hochschulstudium absolvieren. Gute Ausbildung ist auf jeden Fall unser Kapital.

Neben Ihrer politischen Arbeit engagieren Sie sich auch stark für soziale Anliegen und sind Präsidentin des Oberwalliser Invalidenverbandes. Was umfasst Ihre Aufgabe?

Der Oberwalliser Invalidenverband ist mit 1200 Mitgliedern die grösste Selbsthilfeorganisation im Oberwallis. In erster Linie wollen wir behinderte Menschen beraten und betreuen. Wir bieten unsere Dienste unter anderem bei der Sozialversicherung oder bei der Bauberatung an.

Was sind die grössten Anliegen der Invaliden?

Der schleichende Abbau unseres Sozialstaates macht uns am meisten Sorgen. Dagegen setzen wir uns zur Wehr. Für die Zukunft erhoffen wir uns die Einführung einer Dreiviertelsrente. Das könnte für viele behinderte Menschen eine Motivation zur Wiedereingliederung sein und wäre daher sehr vernünftig und finanziell interessant. Weiter wollen wir uns auch regional vermehrt engagieren, damit auch behinderte Menschen aus den Dörfern vermehrt in den Alltag integriert werden.

Hauptberuflich sind Sie als Anwältin und Notarin tätig. Bleibt Ihnen bei Ihrem grossen Engagement überhaupt noch Zeit für Ihre Familie?

Die Kinder sind schon ausgeflogen. Mein Mann und ich halten uns, wenn möglich, das Wochenende frei. Das ist aber nicht immer ganz einfach. Momentan habe ich tatsächlich kaum Zeit und arbeite sogar am Wochenende. Aber nach meiner Amtsperiode als Grossratspräsidentin werde ich sicher mehr Zeit haben. Jetzt treffen wir uns regelmässig am frühen Nachmittag auf einen Kaffee.

Was macht die Privatfrau Marie-Therese Schwery, wenn Sie mal so richtig abschalten will?

Dann gehe ich alleine weg, vor allem in unsere Ferienwohnung nach Blatten bei Naters. Mit Lesen und Schlafen kann ich viel Kraft auftanken für die anstehende Arbeit. Hie und da fahre ich etwas weiter weg, z.B. ins Elsass.


 

 

      
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