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Frontal-Interview:
„Verbindung Saas Fee-Zermatt wird eines Tages verwirklicht“


Hubert Bumann
 
Saas-Fee / Er hat wie kein anderer über ein halbes Jahrhundert die touristische Entwicklung von Saas Fee geprägt. Für seine Verdienste wurde er diese Woche zum Ehrenpräsidenten der Bergbahnen Saas Fee AG ernannt. Im grossen RZ-Interview schaut er nochmals zurück und wagt einen Blick in die Bergbahnzukunft.

Von German Escher und Ruth Seeholzer

Die Ernennung zum Ehrenpräsidenten ist ein würdiger Abschluss einer langen
Epoche. Aber der Anfang war schon
steinig?

Das ist richtig. Ich bin entsprechend zufrieden, dass wir das Ziel, welches wir uns als junge Männer gesetzt hatten, erreichen konnten. Dabei hätte sich alles – zumindest, was meine Person betrifft – anders entwickeln können. Ich hatte ursprünglich die feste Absicht auszuwandern und war schon im tropischen Institut in Basel eingeschrieben.

Und warum sind Sie geblieben?

Man hat mich 1947 zum ersten halbamtlichen Sekretär des Verkehrsvereins ernannt. Gemeinsam mit Hotelier Josef Supersaxo, Robert Zurbriggen, der 1948 zur Sieger-Patrouille an den olympischen Spielen in St. Moritz gehörte, und Adrian Andenmatten, der in Villars bereits als Skilehrer gearbeitet und in Saas Fee als erster im Winter sein Hotel geöffnet hatte, haben wir erste Pläne für einen Skilift entwickelt. Bereits im Winter 1948/49 hatten wir in Saas Fee den ersten deplatzierbaren Skilift, den wir dreimal in der Saison dem Sonnenstand entsprechend verschoben haben.

Aber im Dorf hat man gelacht?

Selbst mein Vater hat den Kopf geschüttelt und meinte: Was müssen wir mit dir noch alles erleben. Leider haben uns anfänglich auch die Gäste und das Geld gefehlt. Aber unser Wille blieb ungebrochen. Erst mit der Eröffnung der Strasse 1951 gewann der Winter allmählich an Bedeutung. Wir haben gesehen, wie andernorts Seilbahnen entstehen und haben ein Gründungskomitee formiert. 1953 fand dann die Grün-
dungsversammlung statt. Viele Leute im Dorf prophezeiten, das gibt eine Katastrophe. Aber Gemeinde, Burgergemeinde und Verkehrsverein hatten das Bedürfnis erkannt.

Das Aktienkapital wurde zum grossen Teil von Auswärtigen gezeichnet?

Die Gemeinde und ein paar Einheimische haben im Rahmen ihrer Möglichkeiten mitgeholfen. Aber zwei auswärtige Unternehmer, die an den Arbeiten beteiligt waren, standen uns als Aktionäre zur Seite. Erst schrittweise kam der Erfolg und damit auch der Sinneswandel im Dorf.

Wird man eigentlich mit Pioniergeist geboren oder wie erklären Sie sich ihre visionäre Schaffenskraft?

Ich hatte arbeitsame Eltern. Der Vater war Bergführer. Aufgewachsen bin ich teilweise auf der Hohnegg. Drei Monate im Jahr verbrachten wir dort oben. Man sagt noch heute, die Hohnegger seien etwas besonderes. Vielleicht hat uns das harte Leben dort oben zusätzlich geprägt und motiviert. Letztlich ging es bei der Gründung der Bahngesellschaft ja darum, den Tourismus auch im Winter zu fördern und so Erwerbsmöglichlichkeiten für die Einheimischen zu schaffen. Meine Freunde verliessen damals im Winter jeweils das Dorf und waren an verschiedenen Ferienorten als Skilehrer tätig. Die kehrten dann mit
einem inneren Feuer zurück und ermunterten uns, den eingeschlagenen Weg zu gehen. Aber ich bin mir bewusst: Es war eine Gratwanderung.

Die Einheimischen waren ja nicht besonders risikofreudig?

Das mag sein. Aber ich hatte das Glück, einen sehr guten Präsidenten zu haben. Über verschiedene Kontakte kamen wir zu Emil Taugwalder, dem damals in Zermatt die Konzession für eine Bahn auf Schwarzsee verweigert wurde. Er zog dann nach Sitten, wo er seine Anwaltskanzlei aufgebaut hatte. Unsere Idee faszinierte ihn und so übernahm er das Präsidium.

Ein Zermatter als Gründungspräsident...

... dafür bin ich auch häufig kritisiert worden (schmunzelt).

Was war für Sie das wichtigste Projekt oder Erlebnis der letzten 50
Jahre?

Es gab auch Hochs und Tiefs und leider auch schwere Unfälle, die nicht spurlos an mir vorbei gegangen sind. Besonders gefreut hat mich der Entscheid von Bundesrat Roger Bonvin, uns die Konzession für die Erschliessung bis auf den 3888 Meter hohen Feekopf zu erteilen. Die Zermatter hatten bereits die Konzession für das Klein Matterhorn. Vor allem aus Kreisen des Schweizerischen Alpenclubs kam dann aber heftige Kritik, so dass der Gesamtbundesrat Amtskollege Bonvin zurückpfiff und uns die Erschliessung lediglich bis auf 3500 Meter, dem heutigen Schluss der Metro Alpin, in Aussicht stellte.

Eine Ihrer Visionen, die Verbindung nach Zermatt, blieb ein Traum.

Aber die Idee war durchaus ernst gemeint. Auch wenn ich es wohl kaum mehr erleben darf, bin ich überzeugt: Die Verbindung von Saas Fee mit Zermatt wird eines Tages verwirklicht. Ich war kürzlich wieder in den Dolomiten. Der Trend ist klar: Der Gast begnügt sich heute nicht mehr mit einigen wenigen Anlagen. Man will verschiedene Abfahrten erleben. Ein zwei Kilometer langer Durchstich durchs Allalin, eine Verbindung mit Zermatt bis nach Cervinia – das ist die Zukunft. Mag sein, dass jetzt einige Zermatter lachen. Aber letztlich wird man auch im Matterhorn-Dorf einsehen, dass ein möglichstes grosses Skigebiet auch im Interesse ihres eigenen Gastes ist.

Ein Meilenstein – wenn auch nicht baulich – war der Einstieg der Compagnie des Alpes (CDA) vor zwei Jahren. Was bringt diese Kooperation der Luftseilbahnen Saas Fee AG?

Ich wurde damals stark kritisiert. Wir mussten das Aktienkapital erhöhen. Ich schickte über 2400 Briefe an die Aktionäre, die Bevölkerung und Freunde von Saas Fee. Man kann mich also nicht als Verräter bezeichnen. Schliesslich kamen wir mit der Compagnie des Alpes einig. Und die bisherigen, zweijährigen Erfahrungen zeigen: Die Kooperation mit der CDA war der richtige Schritt. Nur ein Beispiel: Wir führen wöchentliche Kunden-
befragungen durch und haben Vergleiche zu den vierzehn anderen Gesellschaften, an denen die CDA beteiligt ist. Wir schneiden vor allem in Bezug auf den Pistenunterhalt sehr gut ab. Weniger gute Noten erhalten die Bergrestaurants, die in der Verantwortung der Burgergemeinde stehen.

Hat sich die Philosophie mit dem Einstieg der CDA geändert? Werden Bahnen in der Zwischensaison teilweise geschlossen?

Die Kosten-Nutzen-Analyse machen wir im Rahmen dieser Zusammenarbeit natürlich intensiver als vorher. Wir dürfen aber nicht mit den Interessen des Kurorts kollidieren. Im April sind die Frequenzen rückläufig. Deshalb muss man sich überlegen, wie lange man die Lifte im Frühling geöffnet haben will. Auch im Frühsommer haben wir den Skibetrieb auf sechs bis sieben Wochen reduziert. Im Herbst haben wir eine sehr grosse Nachfrage – und das nicht nur von den Nationalmannschaften aus den verschiedensten Ländern. Im Unterschied zu den Gletschergebieten in Österreich müssen wir uns wegen der Klimaerwärmung keine Sorgen machen.

Laut Strategiepapier kann sich der Verwaltungsrat den Betrieb aller Saaser Bergbahnen in eigener Regie vorstellen. Ist die Fusion ein Ziel?

Es geht in diese Richtung. Wir haben eine gute Kooperation – etwa mit einem gemeinsamen Abo. Auch angesichts der Investitionen, die getätigt werden müssen, wird man wohl noch näher zusammenrücken. Früher oder später wird es im Saastal nur noch eine Bahngesellschaft geben. Im Marketing hat man ja diese Zusammenarbeit bereits realisiert und jetzt auch ein Budget von zwei Millionen Franken zur Verfügung. Aber ich gehe noch einen Schritt weiter. Fürs Saastal braucht es eigentlich nur eine einzige Tourismusorganisation mit Informationsbüros in den Gemeinden.

Ist das Skigebiet Chessjien oberhalb Saas Almagell noch ein Thema?

Das Gebiet gehört allen vier Talgemeinden, die der Ansicht waren, von Zermeiggern aus eine Erschliessungsbahn zu bauen. Eine solche Bahn ist aber eine Utopie. Es gibt praktisch keine gesicherten Rückfahrtmöglichkeiten. Auch wir haben zweimal ein Konzessionsgesuch eingereicht, dieses Gebiet mit zwei Skiliften mit unseren Pisten zu verbinden. Beide Male gingen Einsprachen ein. Mit der Eröffnung des Alpin-Express und den zusätzlichen Auflagen des Bundes hat man im Tal erkannt, dass eine zweite Zubringerbahn ab dem Talgrund keinen Sinn macht. Aber wir haben noch heute die Absicht, das Chessjien-Gebiet zu erschliessen.

Andere möchten gar ein grenzüberschreitendes Projekt am Monte Moro. Was halten Sie davon?

Die Ideen gehen über 30 Jahre zurück – und zwar nicht bloss für die Skigebieterschliessung. Auch das letzte Projekt, ein Skigebiet am Monto Moro von Süden her mit einem Tunnel zu erschliessen, hätte aus Umweltschutzgründen kaum eine Chance. Allerdings müssen wir uns bewusst sein, die NEAT wird uns mehr Gäste bringen. Wir müssen uns Gedanken machen, wo wir noch Ausbauten oder Verbesserungen realisieren können, ohne die Natur negativ zu beeinflussen.

Sie erhoffen sich von der NEAT riesige Impulse?

Mit der NEAT wird der Berner in zwei Stunden und zehn Minuten auf dem Mittelallalin sein. Nehme ich den heutigen Fahrplan zur Hand, stelle ich fest: Der Berner benötigt rund zehn Minuten länger, bis er auf dem Jungfraujoch ist. Das ganze Oberwallis wird im Sommer- und Wintertourismus vom Lötschberg-Basistunnel profitieren. Aber man muss rechtzeitig beginnen, auf diese schnellere Verbindung aufmerksam zu machen.

Wie sieht die Walliser Bergbahnlandschaft der Zukunft aus?

Ein Drittel der Bahn- oder Skiliftgesellschaften wird verschwinden. Der ausgiebige Schneefall in diesem Winter hat uns zwar allen gut getan, verdeckt aber nicht die Probleme, welche die Branche einfach hat. Viele Anlagen sind 20 bis 30 Jahre alt. Hier ist eine enormer Erneuerungsbedarf. Zugleich steigen die Sicherheitsvorschriften des Bundes, so dass längst nicht mehr alle Erneuerungs- oder Ersatzanlagen gebaut werden können. Zusammenschlüsse werden notwenig sein. Solange die Gemeinden der Meinung sind, dass eine Bahn- oder Skiliftgesellschaft dem Ort noch etwas bringt, soll sie diese auch unterstützen. Aber der Kanton muss eine Selektion vornehmen. IHG-Gelder können nicht mehr nach dem Giesskannenprinzip verteilt werden. Es müssen fünf bis sechs Skiregionen im Kanton definiert werden, die auch kommerziell eine Zukunft haben und unterstützt werden sollen. Für die kleineren Orte mag das hart sein. Aber eine Flurbereinigung in der Bergbahnbranche ist unumgänglich.


 

 

      
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