| Luzern / Odilo Noti
ist promovierter katholischer Theologe. Der heute 50jährige ist in
Brig aufgewachsen. Seit 1989 ist er bei der Caritas Schweiz engagiert. Dort
sitzt er in der Geschäftsleitung. Vielen Zuschauern ist er bekannt
als Fernsehpfarrer, der das Wort zum Sonntag spricht. Odilo
Noti ist strikt gegen den Irak-Krieg. Er nimmt im grossen RZ-Interview Stellung
zu Fragen über den Einsatz von Caritas im Irak und wie er Land und
Leute erlebte.
Von Ruth Seeholzer und Walter Bellwald
Was fühlten Sie in dem Moment, als der Krieg im Irak Tatsache
geworden ist?
Es war keine Überraschung, der Krieg wurde ja seit langem geplant.
Er wird jedoch keine Probleme lösen, sondern neue schaffen.
Hat die UNO versagt?
Ich glaube nicht, dass man sagen kann, die UNO habe versagt. Es gab sehr
intensive Diskussionen. Das zentrale Problem ist, dass sich die Amerikaner
nicht dem Völkerrecht beugen wollen. Aber die Geschichte hat ja nicht
erst gestern begonnen. Saddam Hussein hatte sich 1978 an die Macht geputscht.
Damals funkte der regionale Verantwortliche des CIA an die Hauptzentrale
in den USA: Saddam ist zwar ein Hurensohn. Aber er ist unser Hurensohn.
Der Westen und im speziellen Amerika hat Saddam an die Macht
geführt. Später war er der Kronfeldherr im Krieg gegen den Iran.
Das war auch das Werk Amerikas. Von da her gesehen wirkt heute eigentlich
nichts mehr, was die USA vorbringen, überzeugend.
Jetzt sind wohl oder übel wieder einmal die Hilfswerke gefragt.
Geht Ihnen diese Pflästerlipolitik nicht manchmal auf die Nerven?
Die Caritas ist seit dreizehn Jahren im Irak engagiert, zuerst vor allem
im Norden. Wir halfen damals schon nach dem zweiten Golfkrieg, im kurdischen
Gebiet. Während der Sanktionen, unter denen ja vor allem die einfache
Bevölkerung zu leiden hatte, kümmerten wir uns um unterernährte
Kinder, die medizinische Versorgung der Bevölkerung und die Trinkwasserversorgung.
Seit 1991 haben wir für ungefähr 46 Millionen Franken humanitäre
Hilfe geleistet. Dieser Krieg ist für mich eine Katastrophe. Nur
wird er bereits, wie es die negativen Auswirkungen der Sanktionen zeigen,
seit Jahren geführt. Aber um es ganz deutlich zu sagen: Die Caritas
ist kein humanitärer Reparaturbetrieb, der Katastrophen lindert,
weil die Politik versagt hat. Als Hilfswerk wollen wir einen Beitrag zu
Frieden und Entwicklung leisten. Aber da der Krieg nun geführt wird,
haben wir keine Alternative. Menschen in Not haben ein Recht darauf, dass
ihnen geholfen wird.
Werden die Hilfswerke von der Weltpolitik missbraucht?
Diese Frage ist berechtigt. Für mich gibt es nur eines: Man muss
unser Engagement daran messen, ob und wie wir politisch intervenieren,
und dass wir als Privat-Organisation die Perspektive der Opfer, der Bevölkerung,
in den Vordergrund rücken. Dies gerade angesichts der Propaganda,
es werde ein klinisch sauberer Krieg geführt.
Was ist der Grundgedanke von Caritas?
Ganz einfach gesagt: Hilfe für Menschen in Not. Und zwar geht es
uns darum, dass wir nicht nur Leiden lindern, sondern auch deren Ursachen
bekämpfen. Jeder Mensch in Not hat ein Recht darauf, dass ihm geholfen
wird, unabhängig von jeder Weltanschauung und jeder Religion. Das
ist ein ganz zentraler Punkt in unserem Leitbild. Hilfe ohne jede Einschränkung.
Wobei Hilfe nie politisch neutral ist.
Sie sind seit bald 14 Jahren bei der Caritas. Sind Sie ein Helfertyp?
Was ist ein Helfertyp?
Ich denke zum Beispiel an das Helfer-syndrom. Dass ein Mensch mit
diesem Syndrom gar nicht anders kann.
Ein Gutmensch meinen Sie?
Zum Beispiel. Sind Sie das?
Es ist vielleicht irritierend, wenn ich sage: Hoffentlich nicht. Sagen
wir es so: Mir ist ein soziales und politisches Engagement wichtig. Das
gehört zu meinem Leben. Ich hoffe aber nicht, dass ich das auf einfältige
und naive Art praktiziere. Ich habe an mich selber den Anspruch, dass
ich vieles analysiere und beobachte. Auch bei mir selber. Ich bin zum
Beispiel der Meinung, dass Gut gemeint das Gegenteil ist von
Gut. Es ist wichtig, dass man weiss, was man macht.
Ist Ihnen das Helfen noch nie verleidet?
Ich bin von Haus aus Theologe. In der Bibel werden die Armen ins Zentrum
gerückt. Aber nicht, weil sie moralisch besser wären als die
Reichen, sondern weil sie bedürftig sind. Man darf keine romantische
Vorstellung von der Armut haben. Dann finde ich, ist das Helfen kein Problem.
Ich denke, ich bin so differenziert, dass auch Zweifel Platz haben dürfen.
Menschen ohne Zweifel sind mir nicht sehr sympathisch. Der Zweifel bewahrt
einen vor Scheinsicherheit.
Sie waren selber schon im Irak. Welche Aufgaben hatten Sie da?
Ich war vor zwei Jahren mit einer internationalen Caritas-Delegation
vor Ort. Wir hatten die Aufgabe zu beobachten, wie sich die UNO-Sanktionen
gegen den Irak auf die Bevölkerung auswirkten. Es gab noch nie in
der Geschichte solch massive und in ihrer Dauer ausgedehnte Sanktionen
gegen einen Staat wie die UNO-Sanktionen gegen den Irak. Und profitiert
davon hatte eigentlich nur Saddam. Dabei wollte man ihn damit in die Knie
zwingen. Das ist misslungen. In diesen zehn Tagen reiste ich quer durch
den Irak, von Basra über Bagdad bis nach Mossul. Unser Bericht, den
wir unter anderem auch dem Europäischen Parlament und dem Europarat
ablieferten, ging ganz klar dahin, dass man die Sanktionen gegen den Irak
bedingungslos und unverzüglich aufheben sollte. Das war vor zwei
Jahren. Und heute redet kein Mensch mehr von diesen Sanktionen, sondern
nur noch vom Krieg.
Was für einen Eindruck haben Sie von diesem Land und seinen Leuten
erhalten?
Die Bevölkerung kämpft um ihr Überleben. Nach 1991 ist
die Kindersterblichkeit massiv angestiegen. Man geht von einer Zahl von
über 500000 toten Kindern aus. Durch die Kriege sind sowohl
das Wasser- als auch das Stromsystem arg in Mitleidenschaft gezogen worden.
Unter dem Embargo konnte man diese Systeme nicht reparieren, da der Irak
nicht frei Güter importieren durfte. Die medizinische Versorgung
ist mittlerweile eine Katastrophe, obwohl der Irak einst eines der führenden
Länder im Mittleren Osten war. Aber auch sonst war mein Irakbesuch
sehr aufschlussreich für mich. Zum Beispiel die Stadt Ninivé
in der Nähe von Mossul: Sie ist dreieinhalbtausend Jahre vor Christus
entstanden. Hier zwischen Euphrat und Tigris ist die Wiege des
alten Europas. Vor Stadtmauern zu stehen, die fünfeinhalbtausend
Jahre alt sind, das war wirklich sehr bewegend. Auch mit den Leuten zu
reden war sehr wichtig. Sie waren ihrerseits sehr neugierig nach
den vielen Jahren der wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Isolierung
des Landes.
Werden Sie nach dem Krieg wieder in den Irak gehen?
Ich war wegen der internationalen Delegation im Irak. Es kommt auch sonst
vor, dass ich vor Ort in der Zweiten oder Dritten Welt bin. Aber mein
Arbeitsort ist hauptsächlich in Luzern.
Können Sie als Theologe uns erklären, warum es Krieg und
soziale Ungerechtigkeit gibt? Warum die Menschen nicht in Frieden miteinander
leben können?
(überlegt lange) Ich halte nach wie vor das Wohlstandsgefälle
für den entscheidenden Angelpunkt für Kriege. Natürlich
gibt es noch Überlagerungen mit ethnischen Faktoren, mit Nationalismus
usw. Das Wohlstandsgefälle ist weder gottgewollt noch von Natur aus
da. Es ist historisch entstanden. Dieses Gefälle müssen wir
beseitigen. Dazu kommt die Frage der Demokratie. Es darf einerseits keine
Armut mehr geben und gleichzeitig müssen alle Menschen bei der Gestaltung
ihres politischen Umfeldes mitreden dürfen. Ihre Frage ist in erster
Linie nicht unbedingt theologisch zu beantworten, sondern sozial und politisch.
Hat es nicht in dem Sinn mit Religion zu tun, als schliesslich jeder
Mensch dafür verantwortlich ist, zu schauen, dass es nicht nur ihm,
sondern auch seinem Nachbarn gut geht?
In der Bibel gibt es einen Grundsatz: Dass Armut und Elend nicht gottgewollt
sind. Solange es Armut und Unterdrückung auf der Welt gibt, macht
es Sinn, diese biblischen Texte zu lesen und weiterzugeben. Ich stelle
mich in die Tradition jener Religion, die seit jeher Kriege und soziale
Ungerechtigkeiten bekämpft hat.
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