| Visp / Anton Williner
ist Viehhändler, genau wie sein Vater. Der 44jährige Bauer und
begeisterte Eringerzüchter erzählt im grossen RZ-Interview über
seine Gefühle während einem Stechfest, über seine Leidenschaft
mit den schwarzen Welschen und wie er es zu so guten Tieren
wie der Vicky, der Reine des Reines des Jahres 2002, gebracht hat. Er spricht
über die langen Arbeitstage, die das Bauern einfach mit sich bringt.
Und dass er gerne sein eigener Herr und Meister sei. Aber der Vollzeitbauer
sagt auch ganz klar: Ohne meine Frau Imelda wäre das ganze Unternehmen
nicht machbar.
Von Ruth Seeholzer und Walter Bellwald
Sie kommen soeben aus dem Stall. Wann sind Sie heute morgen aufgestanden?
Um halb sechs Uhr.
Ich nehme an, das ist jeden Tag so?
Ja, sieben Tage die Woche, 365 Tage im Jahr.
Durch das Bauern ist man doch sehr an den Betrieb gebunden. Verleidet
einem das nicht, dass man nie weggehen kann?
Verleiden tut es einem nur dann nicht, wenn man so voll angefressen ist
vom Bauern wie ich und meine Familie. Wir machen diese Arbeit mit viel
Liebe. Ansonsten könnte es einem schon verleiden. Gerade bei einem
so grossen Betrieb wie dem unseren mit momentan 65 Tieren sind die Arbeitstage
vor allem im Winter lang. 16 bis 17 Stunden sind an der Tagesordnung.
Aber das ist halt so, wenn man mit Tieren zu tun hat. Die wollen morgens
und abends etwas zu fressen haben und auch sonst umsorgt sein. Aber ich
bin mit Vieh aufgewachsen. Obwohl ich andere Gelegenheiten auch gehabt
hätte, wollte ich Bauer werden. Mein Vater sagte zwar immer: Such
dir einen Beruf, den du mit der Krawatte erledigen kannst! (lacht) Dann
habe ich aber eine flotte Frau gefunden, die nicht nur ein bisschen, sondern
beinahe mehr als ich angefressen ist vom Bauern und vom Vieh. Und darum
geht das heute auch sehr gut so, wie es ist.
Waren Sie schon mal für ein paar Wochen mit der Familie in den
Ferien?
Letztes Jahr war das erste Mal, dass die Familie eine einzige Nacht auswärts
verbracht hat. Aber ich hatte damit schon beinahe genug (schmunzelt).
Diese beiden Tage war es mir richtig langweilig. Man sagt ja immer, dass
sich jeder ans Nichtstun gewöhnen könnte. Aber bei mir würde
das auf alle Fälle ziemlich eine Weile gehen (lacht wieder).
Was gibt Ihnen das Bauern?
Ich bin damit aufgewachsen, und ich könnte mir nicht mehr vorstellen,
etwas anderes zu machen. Das Bauern war immer mein Traum, und das, obwohl
es eigentlich ein strenger Job ist. Wenn ich frühmorgens in den Stall
komme und sehe, dass es unserem Vieh gut geht, dann bin ich zufrieden.
Ich kenne jedes Tier, und sie alle kennen mich. Sie folgen mir aufs Wort.
Und das ist einfach diese spezielle Verbundenheit mit den Tieren, die
einem grosse Zufriedenheit gibt. Ich wollte auch immer frei sein. Und
diese Freiheit habe ich ganz klar als selbständiger Bauer.
Wird eines Ihrer Kinder den Betrieb eines Tages übernehmen?
Ich habe drei Töchter. Die Älteste hat letztes Jahr ein Bauernlehrjahr
auf meinem Betrieb gemacht. Sie hat schon Interesse. Aber ob sie den Betrieb
übernehmen will... Sowieso werden meine Frau und ich noch sicher
zwanzig Jahre auf diesem Betrieb bleiben, wenn alles gut geht. Und bis
dahin wird sich wieder manches geändert haben, bei uns und in der
Schweizerischen Landwirtschaft.
Am Sonntag fängt auch im Oberwallis die Stechfest-Saison an.
Werden einige Ihrer Tiere am Wettkampf teilnehmen?
Ja, am 6. April bin ich in Raron mit fünf Tieren vertreten am Stechfest:
Zwei Rinder, eine Erstmelke und zwei Kühe.
Wann fängt die Nervosität vor einem Match an. Schon einige
Tage oder erst Stunden vorher?
Ja, wissen Sie, das mit der Nervosität hat sich im Laufe der Jahre
schon etwas gelegt. Am Anfang war das völlig schlimm. Da zitterte
ich jeweils am ganzen Körper vor einem Match. Aber heute ist das
nicht mehr so extrem. Höchstens beim letzten Schwung kommt die Nervosität
nochmals etwas auf, wenn es um den ersten und zweiten Platz geht
Wenn man mit Anton Williner spricht, dann kommt man nicht darum herum,
über Vicky zu sprechen, die Reine des Reines vom Jahr 2002. Ist es
nur Glück, wenn man als Züchter einen solchen Erfolg mit einem
Tier hat?
Die Hauptsache ist nicht nur das Glück. Zuerst einmal muss man solch
ein Prachtstier züchten können. Mit Vicky stimmt einfach alles:
die Grösse, das Gewicht, der Charakter. Das ist überhaupt wichtig.
Diese Kuh flippt nicht einfach aus, wenn sie andere Kühe sieht. Sie
steht in der Mitte, beobachtet und wartet ruhig ab, manchmal sogar, bis
die anderen ihren Teil gestochen haben (schmunzelt). Dann hat halt jeder
Züchter so seine Methoden, die er für die besten hält.
Vicky zum Beispiel war nie auf einer grossen Alp, sondern immer nur auf
kleinen. Da war es so, dass sie immer gewinnen konnte. Und vielleicht
gerade wegen dem ist sie so weit gekommen, wer weiss. Aber natürlich
gehört auch immer eine grosse Portion Glück dazu.
Die Kälber von Vicky, auch die Stiere, sind in Eringer-Züchter-Kreisen
heiss begehrt?
Ja, das stimmt. Ich habe da aber auch überhaupt keine Probleme,
wenn dann andere mit diesen Kälbern ihre Erfolge haben. Und ich gehe
ganz demokratisch vor: Der erste, der mich nach einem Stierkalb von Vicky
fragt, bekommt es auch. Den Stier von diesem Jahr zum Beispiel hätten
die Franzens von der Bettmeralp bekommen. Nun hat Vicky aber ein Kuhkalb
geworfen, das ich selber behalte. So haben sie einfach ihr Anrecht auf
nächstes Jahr verschoben.
Sie waren aber auch vor Vicky immer wieder erfolgreich mit der einen
oder anderen Eringerkuh?
Ich hatte sehr schöne Erfolge, das stimmt. Was mir Freude bereitet
und uns auch stolz macht, ist, dass es immer Tiere aus der eigenen Zucht
waren. Aber ich gönne auch den anderen etwas. Zum Beispiel den Stier
von Vicky, mit dem lasse ich auch jeden anderen Züchter führen.
Da habe ich dann wirklich keine Probleme damit, dass andere mit ihren
Tieren, die aus einer solchen Kombination herausführen, auch Erfolge
feiern dürfen. Von diesem Stier gab es zum Beispiel letztes Jahr
ein Kantonales Rind. Insgesamt sechs Tiere von ihm waren auf dem Match.
Fünf davon haben Preise gemacht. Ein weiteres Tier habe ich ins Welsche
verkauft. Das war letzten Sommer Alpenkönigin, hatte das Comptoir
gewonnen und wurde da noch als schönstes Rind ausgezeichnet. Die
Preise, die ich selber gemacht habe, habe ich nie gezählt. Es werden
so um die 50 gewesen sein bis heute. Ich nehme einen Preis gerne entgegen,
wenn ich ihn verdiene, aber wenn nicht, dann habe ich keine Freude daran.
So lasse ich zum Beispiel auch nie ein Tier im Ring, das nicht mehr stechen
will. Die nehme ich immer vorher heraus, bevor mich die Jury abruft. Mir
geht es wirklich nicht als Erstes um die Preise, sondern um das Tier.
Woher kommt Ihre Liebe zu den Eringern?
Mein Vater ging mit seinem Vieh immer auf den Simplon zur Alp. Das war
vor allem Fleckvieh, und dazu hatte er aber immer eine oder zwei Eringerkühe.
Und was diese beiden jeweils in der Truppe bewerkstelligten, das war unglaublich:
Die führten die gesamte Herde von 70 bis 75 Tieren an! Als Hirt hatten
wir beinahe nichts mehr zu tun damit. Das hatte mich als Botsch natürlich
immer sehr beeindruckt! Die Welschen sind einfach sehr intelligent.
Als Viehhändler muss man ab und zu mit einem Tier an die Stechfeste
gehen, um den Leuten zu zeigen, was für gute Kämpferinnen man
hat?
Das ist nicht einmal unbedingt so. Ich gehe am liebsten mit meinen selbstgezüchteten
Tieren an den Match. Auch mit den selber gezüchteten Tschäggen
gehe ich gerne an eine Ausstellung. Aber diese Händler, die mit dem
zugekauften Vieh an den Match gehen, die kann ich nicht ganz begreifen.
Mit Geld kann man zwar viel machen, aber selber züchten braucht einfach
schon noch etwas mehr.
Wie muss man sich den Beruf eines Viehhändlers vorstellen? Züchten
Sie vor allem, oder kaufen Sie ein und verkaufen dann wieder?
Ich kaufe und verkaufe, vor allem beim Fleckvieh. Bei den Welschen wollte
ich mir zuerst einen guten Stamm erarbeiten. Der ist nun da, und jetzt
werde ich dann davon auch die eine oder andere verkaufen.
Und das Handeln selber? Passiert das heute noch mit Handschlag?
Es sollte so sein, aber es ist leider überhaupt nicht mehr so. Ich
mache manchen Handschlag, der dann plötzlich nichts mehr zählt.
Das ist eigentlich ziemlich traurig, nicht?
Ja, das ist wahr. Gerade in letzter Zeit ist das wieder ziemlich häufig
vorgekommen. Ich mache aber trotzdem weiterhin nichts Schriftliches. Wenn
halt der eine das Tier nicht nimmt, obwohl das Geschäft per Handschlag
beschlossen war, dann kommt wieder ein anderer, dem ich es verkaufen kann.
Aber es ist nicht ideal, wenn man sich auf einige Leute nicht mehr verlassen
kann.
Wie sehen Sie die Zukunft als Bauer und Viehhändler?
Diese Zukunft sehe ich nicht sehr rosig. Wenn es so weiter geht wie bis
jetzt, dann kommt das nicht gut. Für mich ist klar, dass sich etwas
ändern muss. Wir hatten jetzt die letzten 30 bis 40 Jahre nur Hochkonjunktur,
es ging immer nur aufwärts, auch mit uns Bauern. Die Welt ist eine
Kugel, und es geht alles in dRundi. Einmal geht es hinauf,
und dann halt auch wieder hinunter. Aber uns bleibt nichts anderes übrig,
als es zu nehmen, wie es kommt.
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