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Frontal-Interview:
„Wir werden wegen des Irak-Krieges grosse Einbussen haben“


Roland Imboden
 
Zermatt / Der Weltkurort ist mit der Wintersaison zufrieden. Doch die kurzfristigen Perspektiven sind schwierig. Im RZ-Interview spricht der Tourismusdirektor über den Krieg, die Neat, das Verhältnis zum Oberwallis und sagt: „Zermatt darf nicht weiter wachsen.“

Von German Escher und Ruth Seeholzer

Sie sind soeben von einer Werbereise aus Moskau zurück. Welche Bedeutung haben die Russischen Gäste für Zermatt?

Die Russen sind für uns sehr wichtig, weil sie zu einer für uns strategisch interessanten Zeit ihre Ferien verbringen. Die Russen feiern am 7. Januar Weihnachten und kommen dann zu uns, wenn unser Weihnachtsgeschäft vorbei ist. Letzten Januar hatten wir 6`000 Logiernächte aus Russland. Die Russen leisten einen wichtigen Beitrag an die Wertschöpfung in Zermatt – zumal sie auch verschiedene Dienstleistungen, Skischule etc. beanspruchen und entsprechend Geld ausgeben. Zudem schätzen die Russen das Frühlingsskifahren; es sind auch April-Gäste.

Man hört, dass diese Gäste nicht nur den Rubel rollen lassen, sondern auch sehr laut sind und kaum zum Image des Weltkurortes passen. Stimmt das?

Das ist eine Fehleinschätzung. In Moskau waren verschiedene Zermatter Hotels selber oder über Repräsentanten vertreten. Wenn die Zermatter Hoteliers mit den Russen nicht zufrieden wären, würden sie kaum das Geld ausgeben, um in Moskau präsent zu sein. Ich höre ja solche Gerüchte auch immer wieder. Aber seitens der Hoteliers wird mir bestätigt: Die Russen unterscheiden sich im Verhalten kaum von anderen Gästegruppen.

Viele ausländische Gäste stammen aus den USA, England und Japan, also aus kriegsbefürwortenden Staaten. Welche Auswirkungen hat der Irak-Krieg auf den Tourismus in Zermatt?

In der Vergangenheit haben wir genau auf diesen Märkten enorme Zuwachsraten erzielt. Alles stimmte – von der Konjunktur bis zum Konsumverhalten. Jetzt wird es in diesen Ländern schwieriger. Die Amerikaner und Japaner reagieren sehr sensibel auf Sicherheitsfragen. Wir werden wegen des Irak-Kriegs grössere Einbussen haben. Auf dem englischen Markt wird der Krieg keine grossen Auswirkungen haben. Durch die Terrorerfahrungen in Grossbritannien selber sind die Engländer in diesem Punkt eher schon abgestumpft.

Benötigt Zermatt jetzt besondere Sicherheitsvorkehrungen?

In Planung ist meines Wissens nichts. Ich glaube auch nicht, dass Zermatt für Terroristen ein Zielpunkt sein kann.

Aber internationale Tourismusstationen sind gefährdeter.

Ausschliessen kann man solche Ereignisse nie. Aber in Zermatt sind Kantons- und Gemeindepolizei präsent, die bestens organisiert sind und beim Besuch etwa von Staatsleuten ihre Einsatzpläne kennen und über entsprechende Erfahrungen verfügen.

Gibts eigentlich auch Promis, die ihre Winterferien in Zermatt verbringen?

Wir hängen den Aufenthalt prominenter Gäste nicht an die grosse Glocke. Unsere Philosophie ist klar: Prestige durch Understatement. Zermatt ist ein renommierter Kurort, wo die Prominenz Ferien verbringen kann, ohne von Paparazzi belästigt zu werden. Und das schätzen diese Leute auch. Wenn Promis Werbung in eigener Sache brauchen, gehen sie nach St. Moritz, aber für die Erholung kommen sie nach Zermatt.

Hand aufs Herz: Wer war diesen Winter da?

Ich habe einige Namen im Kopf, aber ich darf sie nicht nennen...

Mitbewerber St. Moritz hat mehr Glamour als Zermatt und deshalb auch mehr Publicity. Das wäre doch auch eine Strategie?

St. Moritz hat nicht mehr, sondern eine andere Publicity als Zermatt. Unser Pressespiegel zeigt mir: Zermatt ist weltweit in den Medien präsent – weniger über den Glamour, sondern über die Top-Infrastruktur, unsere Bergwelt und Gastronomie. Wir setzen einfach andere Akzente. Natürlich hat man sich Gedanken gemacht, ob man den selben Weg wie St. Moritz einschlagen will. In der Diskussion über die Positionierung hat sich Zermatt entschieden, nicht auf Glamour, sondern die eigenen Stärken zu setzen. Unsere Bergwelt, diese Authentizität des Dorfes und die Autofreiheit – diese Mischung kann auf dem internationalen Markt einfach niemand sonst anbieten. Deshalb ist Zermatt in Japan oder Russland in jeder renommierten Tour Operator-Broschüre enthalten. Wir können diesen Gästen noch das bieten, was sie von der Schweiz erwarten. Deshalb will Zermatt auch künftig auf diese Werte setzen. Das heisst aber nicht, dass wir nicht innovativ sind.

Aber bei neuen Trends, etwa den Snowboardern, springt Zermatt nicht als erstes auf.

Das kann auch eine Strategie sein. Wenn wir unser Kundensegment und die erste, vielleicht etwas laute und weniger kaufkräftige Snowboarder-Generation von damals ansehen, stellt man fest, dass es auch zu Konflikten hätte kommen können. Die Zurückhaltung war anfänglich wohl richtig. Heute haben wir die Snowboarder, die sich auf unseren Pisten wohlfühlen und denen wir auch einiges bieten.

Wie war eigentlich die zu Ende gehende Wintersaison?

Von Dezember bis Ende Februar erreichten wir praktisch die Zahlen der letzten Wintersaison. Die März-Zahlen habe ich noch nicht zur Hand. Und vom April erhoffe ich mir doch noch einiges. Aber es gibt Unterschiede im Ort. Die einen sprechen von einer Top-Saison, andere wiederum klagen. Wer in der Vergangenheit Qualität und Marktbearbeitung gepflegt hat, steht heute besser da.

Es gibt auch den regionalen Markt: Im restlichen Oberwallis hat man nach den massiven Tariferhöhungen der Ski-Abos den Eindruck, man sei auf die einheimischen Tagesausflügler nicht angewiesen?

Das kann man so nicht sagen. Der Aufschlag war eine Anpassung an die Verhältnisse, wie man sie im Wallis auch kennt. Es muss natürlich berücksichtigt werden, dass unser Skigebiet Zermatt/Cervinia zu den besten im gesamten Alpenraum gehört und hierfür auch ein entsprechender Preis bezahlt werden muss.

Aber man hat den Eindruck: Zermatt ist eine eigene Welt.

Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir eine eigenständige Destination mit 1,6 Millionen Logiernächten sind. 92 Prozent aller Japaner und 63 Prozent aller Amerikaner, die ins Wallis kommen, übernachten in Zermatt. Natürlich hilft uns das Matterhorn als Wahrzeichen der Schweiz. Aber Zermatt ist das Zugpferd im Walliser Tourismus. Wir fühlen uns deshalb nicht als etwas Besseres. Die Zermatter müssen genau gleich kämpfen – vielleicht auf einem etwas anderen Niveau.

Nicht nur touristisch, sondern regionalpolitisch stellt sich die Frage: Braucht der Weltkurort das Oberwallis nicht? Zermatt hat ja eigentlich alles.

Das Ganze ist aufgrund seiner Erreichbarkeit und seiner Geschichte zu erklären. Zermatt war immer schon eine eigenständige Gemeinschaft. Schon um 1400 haben sich die Zermatter losgekauft von den damaligen Besitzern von Zermatt. Dieses Denken und diese Eigenständigkeit haben die Entwicklung lange geprägt. Heute aber wissen wir, dass wir nicht alles alleine können. Wir können beispielsweise nicht eine eigene Kehrichtverbrennungsanlage unterhalten. Heute setzt man verstärkt auf regionale Lösungen. Zermatt braucht das Oberwallis, aber das Oberwallis braucht auch Zermatt.

Zum Beispiel das Casino Zermatt: Man hat gedacht, die Oberwalliser kommen von selbst in den Zermatter Spieltempel.

Der Raum Oberwallis war von Anfang an nicht als Hauptzielgruppe fürs Casino Zermatt definiert, das schon aufgrund der Erreichbarkeit. Die Businesspläne wurden dementsprechend auch auf den Gast vor Ort ausgerichtet. Von den Zahlen habe ich keine Kenntnis. Fakt ist, dass die Eintritte dem Soll entsprechen und die Umsätze unter den Erwartungen liegen.

Sie haben die Erreichbarkeit angesprochen. Befürworten Sie eine Strasse nach Zermatt?

Hier braucht es eine Marktforschung, die uns aufzeigt, wieso manche Gäste nicht nach Zermatt kommen. Sollte die Strasse ein Hindernis sein, dann muss man das Thema nochmals aufgreifen. Wir wissen aber aufgrund der letzten Marktforschung vom Winter 2000/01: 87,9 Prozent unserer Gäste sind mit der Erreichbarkeit zufrieden. Aber blicken wir in die Zukunft. Mit der Eröffnung der NEAT wird Zermatt mit öffentlichen Verkehrsmitteln sehr schnell und gut zu erreichen sein. Der Zürcher ist in drei statt fünf, der Berner in zwei Stunden in Zermatt. Das eröffnet neue Dimensionen.

Ist Zermatt diesem Ansturm gewachsen?

Wir erwarten einiges von dieser fortschrittlichen Erschliessung. Aber die verfügbaren Betten unserer Hotels sind übers Jahr zu gut 60 Prozent ausgelastet. Es hat also noch genügend freie Kapazitäten. Auch in den Skigebieten sollte es nicht zu Engpässen kommen. Zermatt hat als Dorf eine Grösse erreicht, die wirklicht reicht. Auch Stammgäste, welche die Entwicklung miterlebt haben, sagen ganz klar: Zermatt darf nicht weiterwachsen. Ich kann mich diesem Wunsch nur anschliessen.

A Propos Erreichbarkeit: Die nationale Fluggesellschaft Swiss kämpft bereits mit Schwierigkeiten. Wie wichtig ist die nationale Airline für Zermatt?

Die Swiss ist für Zermatt extrem wichtig. Die Schweiz und auch wir brauchen optimale Flugverbindungen aus der ganzen Welt nach Zürich oder Genf. Nur so können wir der internationalen Konkurrenz die Stirn bieten. Die Marktbearbeitung der Swiss in ihren Quellmärkten ist auch für den Schweizer Tourismus enorm wichtig. Ich glaube an die Swiss. Die Kritiker müssten sich auch einmal mit anderen Gesellschaften befassen, beispielsweise der Lufthansa, die 93 Flieger stillgelegt hat. Wäre die Wirtschaftssituation nur halb so schlimm, könnte die Swiss sehr gut leben. Davon bin ich überzeugt. Swiss hat im Ausland ein dreimal besseres Image als in der Schweiz. Wir müssen hinter unserer Airline stehen.


 

 

      
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