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Beat Ruppen, Projektmanager Unesco Weltnaturerbe Jungfrau-Aletsch-Bietschhorn
„Unesco-Label füllt nicht von heute auf morgen die Fremdenbetten“

 
Naters / Er hat als Leiter der Projektgruppe Destination Aletsch vor genau fünf Jahren im ersten Frontalinterview Red und Antwort gestanden. Heute ist Beat Ruppen Projektmanager des Unesco Weltnaturerbes. Was seine neue Aufgabe umfasst und was der Tourismus vom Unesco-Label zu erwarten hat, erklärt er im RZ-Interview.

Von German Escher und Ruth Seeholzer

Vor genau fünf Jahren erschien die erste RZ mit Ihnen als Frontalgast. Damals hiess der Titel: „Mit der Destination Aletsch überleben oder weiterwursteln wie bisher?“. Ihr Fazit heute?

Die Erkenntnis ist klar: Ohne Zusammenarbeit geht es nicht. Unbeantwortet blieb bis heute die Frage, wie und mit welchen Strukturen man zusammenarbeiten will. Das damals vorgeschlagene Netzwerk kann nur funktionieren, wenn jeder Partner seine Eigeninteressen zugunsten des gesamten Raumes etwas zurückstellt. Leider stellen wir einen gewissen Rückfall in ein Ortsdenken fest. Und das schadet der Destination.

Wie müsste die Destination Aletsch heute aussehen?

Wir haben damals eine zwei- bis dreijährige Aufbauphase eingeplant, der dann die Gründung einer Aktiengesellschaft zur Vermarktung folgt und in der sich die Verkehrsvereine auf die Qualität und Produktentwicklung konzentrieren. Ein Markenaufbau ohne starke Produkte, also ortsübergreifende Angebote, ist nicht möglich. Da gab es auch Vorschläge wie etwa die Mobilitätscard etc. Aber in diesem Bereich wurde zu wenig geleistet. Solche ortsübergreifenden Angebote wären auf der psychologischen Ebene wichtig, um den Destinationsgedanken stetig weiter zu entwickeln.

Wird das Unesco Weltnaturerbe zum Auffangnetz der Destination? Dieses Unesco-Label ist ja ein hervorragender Steilpass.

Das ist richtig. Aber man muss sich bewusst sein: Im Zentrum des Unesco Weltnaturerbes stehen die landschaftlichen Werte und was damit zusammenhängt. Tourismus ist zwar wichtig, aber nur ein Element dieser nachhaltigen Entwicklung, die man jetzt einleiten will. Das Weltnaturerbe ist eine Chance für den Tourismus, aus der Isoliertheit herauszufinden, gemeinsam mit der Landwirtschaft und anderen Partnern Ideen zu kreieren und eine neue Sichtweise zu entwickeln.

Heute sind Sie „Mister Unesco Weltnaturerbe“. Was machen Sie eigentlich genau?

Bereits bei der Bewerbung war klar: Es braucht für das Unesco Weltnaturerbe eine Trägerschaft mit einem Projektmanagement. Zentrale Aufgabe ist die Erarbeitung des Managementplanes. Die Finanzierung ist über Bund, Kanton und die Perimetergemeinden sichergestellt.

Was steht im Managementplan im Vordergrund – die Schafe im Aletschji oder die touristische Nutzung?

Die Herausforderung des Managementplanes besteht darin, die ökologischen Interessen, wirtschaftlichen Bedürfnisse und sozialen Aspekte auszubalancieren und im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung in ein Gesamtkonzept einzubetten. Nachhaltig heisst, dass keine dieser Bereiche nur auf Kosten der anderen übermässig an Bedeutung gewinnt und wächst. Der Managementplan ist also eine stetige Gratwanderung.

Mit ihrer Person wurde ein Tourismusexperte und kein Naturwissenschaftler oder Umweltschützer gewählt. Da sind doch die Akzente klar, oder nicht?

Die Zusammensetzung des Managementzentrums ist sehr geschickt. Die Felder Ökologie, Gesellschaft und Wirtschaft werden abgedeckt. Die Projektplanerin Ursula Schüpbach im Berner Oberland ist Kulturgeografin. Der interdisziplinäre Hintergrund wird durch Professor Urs Wiesmann an der Universität Bern abgedeckt.

Die Touristiker setzen grosse Erwartungen ins Unesco-Label – und wurden bisher enttäuscht. Warum?

Einige Touristiker hatten auch falsche und vor allem zu kurzfristige Erwartungen. Das Unesco Weltnaturerbe verfolgt langfristige Ziele. Da kann man nicht in Aktionitis verfallen. Es braucht einen konzeptionellen, klaren und breiten Aufbau. Der Erfolg hängt letztlich von den verschiedenen Akteuren in diesem Weltnaturerbe ab – sei das Tourismus, Umweltschutz, Landwirtschaft, Kultur etc., die sich bei der Erarbeitung des Managementplanes einbringen müssen.

Es ist also nicht Ihr Auftrag, das Unesco-Label zu vermarkten?

Richtig. Das Managementzentrum wird nicht die Hausaufgaben der Tourismusdirektoren machen. Zu unserer Aufgabe gehört die Inwertsetzung des Weltnaturerbes in seiner Dimension. Dabei spielt das Label und das Labeling eine zentrale Rolle. Dies wird letztendlich den Unternehmenswert der Trägerschaft darstellen. Es ist unsere Aufgabe, breite Kreise zu integrieren. So wird am 15. April die Arbeitsgruppe Tourismus im Weltnaturerbe lanciert, die dann auch die neue Entwicklung mitdefiniert.

Stimmen die Erwartungen nicht? Hat man die Öffentlichkeitsarbeit vernachlässigt?

Nein. Wir haben von Beginn an die Ziele des Unesco-Projektes klar kommuniziert Am 24. April werden wir an einer öffentlichen Veranstaltung im Zentrum Missione eingehend über den Stand der Dinge orientieren. Aber eines ist klar: Wir haben nie versprochen, dass die Bettenauslastung von 30 oder 40 auf 80 Prozent ansteigen wird. Aber das Unesco-Projekt hat eine internationale Ausstrahlung. Schweiz Tourismus hat sich sofort engagiert. Das Unesco Weltnaturerbe ist eine Profilierungsmöglichkeit, die andere Gebiete nicht haben. Das wird mittel- und langfristig auch touristisch zum Erfolg führen.

Und was geschieht kurzfristig?

Einiges. Am 9. September wird die Post eine Sondermarke Weltnaturerbe heraus-
geben. Gemeinsam mit
den SBB ist ein Weltnaturerbe-Pass für die öffentlichen Verkehrsmittel geplant. Aber man muss eines klar sehen: Das Unesco-Label füllt nicht von heute auf morgen die Fremdenbetten. Dazu braucht es eine Leistung vor Ort. Da müssen Angebote vor Ort – etwa im Bereich naturnaher Tourismus – geschaffen und das Marketing koordiniert und konzertiert werden.

Wird das Unesco-Label auf der Berner Seite – etwa durch die Jungfraubahnen – nicht besser vermarktet und das Oberwallis verpasst den Anschluss?

Eigentlich nicht. Im Berner Oberland ist man der Ansicht, dass die Unesco-Idee im Oberwallis besser verankert ist. Das Jungfraugebiet kann zu einem wichtigen Partner der Oberwalliser Stationen werden, indem man mit gemeinsamen Angeboten auf den Markt geht. Die Jungfraubahnen sind heute in Märkten aktiv, wo das Aletschgebiet nicht präsent ist. Das bedingt Produkte, die sowohl das Jungfraugebiet als auch die südliche Seite des Weltnaturerbes mit einbindet. Deshalb haben wir frühzeitig das Gespräch mit der BLS gesucht. Wer nur die Jungfrau besucht, sieht nur einen Teil des Weltnaturerbe-Gebietes.

Das Aletschbord oder das Eggishorn könnten zu einer Art Gornergrat des Weltnaturerbe-Gebietes werden?

Das Eggishorn hat eine gute Ausgangsposition. Die Eggishornbahn setzt sich auch inhaltlich mit dem Weltnaturerbe auseinander. Aber die touristische Chance lässt sich nicht nur auf Jungfrau oder Eggishorn reduzieren. Dazu gehören sicher auch das Aletschbord mit Blick aufs Gletschertor oder das Bietschhorn. Auch kleinere Orte wie etwa Mund mit dem Safran gehören zu den Stärken. Deshalb muss man den Besuch von Aussichtspunkten im Angebot verknüpfen mit anderen Einmaligkeiten innerhalb des Weltnaturerbes. Das Weltnaturerbe hat mehr zu bieten als blosse Postkarten-Ästhetik.

Um diese Vielfalt zu vermitteln, plant man das Unesco-Besuchercenter. Wie weit ist man da?

Wir haben vor einem Jahr den Strategie- und Businessplan der Gemeinde Naters übergeben. Bis Ende 2003 möchten wir die Finanzierung gesichert haben. SRG Idée Suisse ist offizieller Medienpartner und hilft uns auch bei anderen Partnern. Die Finanzsuche fürs Unesco-Center ist kein Spaziergang. Rund 3,5 Millionen wollen wir über Mitstifter finanzieren. Die Gemeinde Naters brächte den Boden ein für 1,5 Millionen – sofern wir beim vorgeschlagenen Standort bleiben. Der Rest von rund fünf Millionen muss über Fördergelder von Bund und Kanton sowie über Darlehen der Banken finanziert werden.

Sind Sie überzeugt, dass der Standort der Richtige ist?

Wenn sich ein anderer Standort als vorteilhafter zeigt, ist man sicher offen. Aber zum Zeitpunkt der Evaluation war das sogenannte Gertschen-Areal als Portal zum Weltnaturerbe aufgrund der Lage, Erreichbarkeit, Parkplatzangebotes und auch städtebaulich ein optimaler Standort. Das ist noch heute so.

Der Standort im Natischer Feld ist kein Thema?

Dieser Vorschlag wurde in Kombination mit einer Bahn auf die Belalp ins Gespräch gebracht. Nur alleine für das Dialogzentrum ist der Standort im Natischer Feld nicht ideal.

Aber eine direkte Verbindung vom Unesco-Center ins Gebiet wäre doch sinnvoll?

Natürlich ist eine möglichst direkte Verbindung ins Gebiet sinnvoll. Das Dialogzentrum will ja als Portal die Gäste auf einen Besuch des Weltnaturerbe-Gebietes vorbereiten. Aber das Unesco-Center ist ein regionales Projekt, das wir nicht alleine von einer möglichen Talstation einer Bergbahn abhängig machen wollen. Die Idee des Unesco-Centers lässt sich nicht auf diese Frage reduzieren. Für uns stehen die inhaltlichen Ziele des Besucherzentrums und nicht alleine die Erschliessungspolitik im Mittelpunkt.

Wieviele Besucher erwarten Sie?

Wir möchten das Unesco-Center mit dem integrierten Gardemuseum bis spätestens Sommer 2006 eröffnen. In den ersten Jahren rechnen wir mit 30`000 Besuchern pro Jahr. Ab rund 50`000 Besuchern ist das Unesco-Center selbsttragend. Dieses Ziel sollten wir aufgrund unserer Abklärungen nach rund drei Jahren erreichen.


 

 

      
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