| Visp / Sitten / Thomas
Burgener ist seit heute 1. Mai nicht mehr Staatsratspräsident. Nichtsdestotrotz
setzt er sich als Energie-, Gesundheits- und Sozialminister
für die Arbeiter, die Gewerkschaften, die Gesundheitsinitiative der
SP und die Initiative Strom ohne Atom ein. Er meint: Der
Atomausstieg wird in einem Randgebiet wie dem Wallis Arbeitsplätze
schaffen.
Von German Escher / Ruth Seeholzer und Walter Bellwald
Der 1. Mai ist der Tag der Arbeit. Feiert der SP-Staatsrat gemeinsam
mit den Arbeitern?
Ja, ich werde an vier Anlässen teilnehmen. Am Morgen bin ich in
Brig an einer Pressekonferenz zur Gesundheitsinitiative, am frühen
Nachmittag am Fest der roten Gewerkschaften in Siders, am späteren
Nachmittag an der offiziellen 1. Mai-Feier in Sitten und am Abend an der
Oberwalliserfeier in Brig. So gesehen ist der 1. Mai ist für mich
effektiv ein Tag der Arbeit...
Haben die Arbeiter Grund zum Feiern?
Im Moment eigentlich nicht, wenn man sieht, was in Wirtschaft und Politik
abläuft. Ich denke jedoch, dass es wichtig ist, diesen Tag zu feiern.
In letzter Zeit haben ja vor allem die Manager auf sich aufmerksam gemacht
mit ihren Abzockereien. Die Gewerkschaften haben in den letzten Jahren
wieder einen schönen Aufschwung erfahren und wichtige Ausmarchungen
gewonnen. Mit diesem Tag der Arbeit zeigen wir auch, wie notwendig die
Gewerkschaften sind.
Die Zeiten werden auch für die Unternehmer härter
und jetzt will die Gesundheitsinitiative noch die Mehrwertsteuer erhöhen?
Man muss sehen, wem die Gesundheitsinitiative etwas bringt: Die Initiative
entlastet bei uns im Wallis vorab die mittleren Einkommen. Die tieferen
Einkommen werden via Subventionen heute stark entlastet. Unter dem Strich
wird sich mit der Initiative für sie wenig ändern. Die Initiative
bringt eine Erhöhung der Mehrwertsteuer von gerade 1.5 Punkten. Das
ist im Vergleich zur Prämien-Entlastung durchaus vertretbar und für
die Allermeisten vorteilhaft.
Welche weiteren Argumente sprechen für die Gesundheitsinitiative?
Ein grundsätzlicher Systemwechsel drängt sich auf. Es ist doch
nicht normal, dass ich als Staatsrat dieselbe Prämienrechnung erhalte
wie eine Verkäuferin, die in einem grossen Warenhaus vier Stöcke
unter meinem Büro in Sitten arbeitet. Das ist ein stossender Zustand.
Ein Grundsatz der Sozialpolitik sagt, dass im Bereich der Sozialversicherungen
jeder im Verhältnis seiner wirtschaftlichen Möglichkeiten Beiträge
zahlen soll. Die unsozialen Kopfprämien gehören abgeschafft.
Höhere Mehrwertsteuer schadet doch dem Tourismus und ist unsozial?
Falsch! Die Menschen mit kleinerem Einkommen geben ihr Geld vor allem
für die Bedürfnisse des täglichen Lebens aus. Und bei diesen
Gütern besteht ein tieferer Mehrwertsteuer-Satz als bei den Luxusgütern.
Zum Tourismus: Man muss sehen, dass der Tourismus von den Touristen lebt.
Wenn Familien mit mittleren Einkommen wegen der Gesundheitsinitiative
Ende Jahr 4000 bis 5000 Franken mehr im Geldsack haben, haben sie auch
das Geld, um bei uns Ferien zu machen.
Also ist es doch eher eine versteckte Reichtumssteuer?
Es ist effektiv so, dass Leute mit hohem Einkommen und mit grossem Vermögen
mehr zahlen. So gesehen kommen effektiv die Reichen an die Kasse. Aber
ich als SP-Politiker finde das mehr als recht, dass Leute wie auch ich,
die mehr verdienen als die allermeisten in diesem Kanton, entsprechend
mehr bezahlen.
Wie viel wird es bei Ihnen ausmachen?
Ich werde bei Annahme der Gesundheitsinitiative in etwa das Doppelte
zahlen wie heute.
Das Wort Reichtumssteuer schreckt Sie also nicht ab?
Nein, da habe ich keine Berührungsängste. In der Regel war
es bis anhin allerdings so, dass in der Schweiz Initiativen betreffend
Reichtumssteuern immer abgelehnt wurden. Wahrscheinlich weil alle meinen,
dass auch sie irgendwann einmal eine Million im Lotto gewinnen und dann
auch zur Kasse gebeten würden. Doch dieses Mal wird jeder für
sich ausrechnen, wie viel er konkret einspart. Und dann ein Ja in die
Urne legen.
Lenkt die Initiative nicht vom Problem ab nämlich von
den Kosten, welche die Politik nicht in den Griff bekommt?
Nein, überhaupt nicht. Ein Teil der Initiative betrifft die Finanzierung,
der zweite Teil gibt dem Bund neue Kompetenzen. So kann der Bund künftig
interkantonal die Spital- und Gesundheitsplanungen koordinieren. Das ist
ein starkes Instrument, welches heute nicht vorhanden ist. Weiter kann
der Bund bei Preisen und Leistungen kostensenkend eingreifen.
Mit der Annahme der Gesundheitsinitiative wird die Spitalplanung dem
Bund übertragen und Sie sind damit ein lästiges Dossier los?
Dem ist überhaupt nicht so. Die Spitalplanung bleibt eine kantonale
Angelegenheit. Die Initiative sieht jedoch vor, dass man die verschiedenen
kantonalen Spitalplanungen aufeinander abstimmen muss. Für das Wallis
stellt sich dieses Problem weniger, denn mit den angrenzenden Kantonen
Bern, Uri und Tessin brauchen wir uns, schon geografisch gesehen, nicht
gross abzustimmen. Mit dem Kanton Waadt besteht umgekehrt im Chablais
eine gemeinsame Spitalplanung.
Die Angst der Verstaatlichung geht schon jetzt um auch mit
dem neuen Spitaldekret?
Das neue Spitaldekret bringt keine Verstaatlichung: Die Kompetenzen der
Gemeinden, welche ja auch öffentliche Körperschaften sind, werden
zum Gesundheitsnetz verschoben. Dieses ist ebenfalls eine öffentlich-rechtliche
Institution. Die Gemeinden zahlen an die Spitäler nichts mehr und
werden damit real entlastet. Umgekehrt haben sie künftig nicht mehr
die Möglichkeit, kantonale Planungsentscheide an die Beschwerdeinstanz
(Bundesrat) zu ziehen. Heute ist das möglich. Und wir haben bereits
gesehen, dass solche Verfahren bis zu drei Jahre dauern können. Das
ist sehr mühsam. Darum wird der Grundsatz gelten: Wer zahlt, befiehlt.
Wenn der Staat schon jährlich 29 Millionen Franken zusätzlich
auf sich nimmt und im selben Betrag die Walliser Gemeinden entlastet,
will er getroffene Entscheide auch innert nützlicher Frist im Terrain
umsetzen können.
Eigenverantwortung und Kostenverantwortung sowohl bei Spitälern
wie beim Prämienzahler wären nicht mehr gefragt?
Ich habe ein Grundvertrauen in die Menschen in diesem Land. Es kann möglich
sein, dass in Einzelfällen jemand mal zum Doktor rennt, wenn es nicht
unbedingt notwendig wäre. Vielleicht tut er das heute auch deshalb,
weil er für seine hohen Prämien etwas haben will. Das Problem
im ambulanten Bereich ist aber eher, dass nicht die Nachfrage das Angebot,
sondern das Angebot die Nachfrage bestimmt. Eine höhere Ärztedichte
bringt höhere Gesundheitskosten. In Genf zum Beispiel, wo es sehr
viele Ärztinnen und Ärzte gibt, sind diese Kosten enorm viel
höher als in Ernen, wo man zuerst ins Auto oder Postauto sitzen und
eine Weile fahren muss, bis man zu einem Doktor kommt.
Was geschieht bei der Annahme der Gesundheitsinitiative mit den Ortskrankenkassen?
Diese Frage ist auf Gesetzesebene zu regeln. Die Ortskrankenkassen werden
nach wie vor ihre Berechtigung haben. Was die Menschen aber interessiert,
ist vorab die Prämie, die sie zahlen müssen, und weniger die
Frage, welche Kasse zwischen ihnen und den Leistungserbringern die Arbeit
macht.
Kostenbewusste Oberwalliser würden dann doch die High-Tech-Medizin
in der Deutschschweiz subventionieren?
Man wird bei der Ausgestaltung der Gesetzgebung darauf achten müssen,
dass nicht Kantone, die ihr Gesundheitswesen schon bis anhin besser gemanagt
haben, zu Quersubventionierungen herangezogen werden. Das lässt sich
auf Gesetzesstufe regeln. Die Walliser Krankenkassenprämien liegen
nämlich schweizweit 27 Prozent unter dem Schnitt, und im Vergleich
mit einzelnen Westschweizer Kantonen sind unsere Prämien nur halb
so hoch. Es wird nicht angehen, dass wir mit unseren Prämien jene
Kantone subventionieren, die die Kosten weniger gut im Griff haben.
Themenwechsel: Sie sind auch der Energieminister des Kantons. Befürworten
Sie den Atom-Ausstieg?
Ja. Da vertrete ich dieselbe Position wie CSPO-Nationalrat Odilo Schmid.
Strom aus Atom ist und bleibt gefährlich. Seit ich in der Politik
bin, befürworte ich den Ausstieg aus der Nuklear-Energie. Ich sehe
keinen Grund, meine Meinung zu ändern, nur weil ich jetzt Energieminister
bin. Natürlich würde die Annahme der Initiative Strom
ohne Atom einen recht einschneidenden Eingriff in das jetzige System
bedeuten. Das bedingt, dass man im Bereich der erneuerbaren Energien wie
Solar- und Holzenergie, aber auch bezüglich Wärme-Kraft-Koppelungsanlagen
unbedingt mehr machen muss. Auch die Energieeffizienz kann und muss gesteigert
werden. Der Atomausstieg wird in einem Randgebiet wie dem Wallis Arbeitsplätze
schaffen. Gerade Minergie-Bauten würden weiter einen starken Auftrieb
erhalten. Betriebe, die solche Bauten ausrüsten, haben hier bei uns
Arbeit. Für ein Atomkraftwerk jedoch werden solche Betriebe nie einen
Nagel einschlagen. Dazu muss man sehen, dass die Schweiz einen Überschuss
an Energieproduktion hat, der fast denjenigen Teil ausmacht, den die Atomkraftwerke
heute liefern. Es gäbe allerdings eine Lücke während den
Wintermonaten, wo der Verbrauch steigt. Aber durch die schweizweite Förderung
von neuen erneuerbaren Energien und Massnahmen bei der Energieeffizienz
kann diese fehlende Energie ohne weiteres wieder hereingeholt werden.
Konkret: Was würde sich mit dem Atom-Ausstieg fürs Wallis
ändern?
Zu meinem Erschrecken hat das nationale Parlament das Mitspracherecht
der Kantone bei der Standortwahl von nuklearen Endlagern total eliminiert.
Die Moratoriums-Initiative bringt genau wieder das Mitspracherecht der
Kantone. Die Bevölkerung soll und muss selber entscheiden dürfen,
ob sie neben sich ein Atommüll-Endlager haben will oder nicht. Und
das kann auch uns im Wallis konkret betreffen.
Das Wallis als Wasserschlosskanton müsste doch den Ausstieg befürworten.
Trotzdem befürchten Gegner eine Senkung der Wasserzinsen und damit
Mindereinnahmen für Gemeinden?
Diese Befürchtung ist unbegründet. Wenn die Atomenergie in
die Defensive gerät, ist das ganz klar ein Vorteil für die Stromerzeugung
aus Wasserkraft. Und wenn die Wasserkraft an Wert gewinnt, so sehe ich
nicht, weshalb der Druck auf die Wasserzinsen steigen sollte. Im Gegenteil,
der Wert des Rohstoffes Wasserkraft wird dann ansteigen.
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