| Ferden / Ein ausgeklügeltes
Stollensystem, hochmoderne Technik und 470 Mitarbeiter, die sich in der
Tiefe des Berges durch den Fels kämpfen. Das ist die NEAT-Baustelle
Ferden. Hier ist Martin Hutter Sicherheitschef. Im grossen RZ-Interview
spricht er über Gefahren, Asbest, Sicherheitsmassnahmen und die Arbeiten
unter Tag.
Von German Escher und Walter Bellwald
Wenn Sie in den Stollen einfahren, was geht Ihnen durch den Kopf?
Es ist immer etwas Besonderes. Wenn man in den Berg hinabsteigt, verabschiedet
man sich von der Aussenwelt und wendet sich der Arbeit zu. Das eine Mal
mit einem guten Gefühl und der Freude, dass die Arbeit im Berg vorankommt.
Das andere Mal vielleicht mit der Neugier oder Ungewissheit, wie sind
die Kollegen der Nachtschicht vorangekommen oder hat es Schwierigkeiten
gegeben.
Hat der Sicherheitschef auch schon mal Angst gehabt?
Angst ist der falsche Ausdruck. Aber wenn die Vortriebsmannschaft
in einen geologisch heiklen Abschnitt vorstösst, frage ich mich,
auf was muss ich mich jetzt einstellen oder was erwartet mich heute. Wenn
ein Unfall sich ereignet, denke ich mir schon: Musste das jetzt sein?
Wieso hat es jetzt diesen oder jenen Kollegen getroffen? Eines ist aber
klar: Auch unter Tag muss man dem Berg mit Respekt begegnen. Die Tunnelbaustelle
Ferden ist keine Alltagsbaustelle.
Wovor haben Sie am meisten Respekt menschlichem Versagen oder
geologischen Überraschungen wie Wassereinbrüche etc.?
Ein Brand in einem der Stollen mit einer starken Rauchentwicklung
im Tunnelsystem wäre etwas vom Schlimmsten. Am 1. Juni letzten Jahres
brannte ein Bohrjumbo an der Vortriebsfront aus. Dank des Lüftungssystems,
das die Frischluft vom Eingang her ansaugt und über die Lutte abgesogen
wird, wurde der Rauch sofort ins Freie gestossen. Unser System hat also
funktioniert. Zum Sicherheitsdispositiv gehört zudem ein elektronisches
Zutrittskontrollsystem. Jeder Tunnelarbeiter trägt einen Helm mit
einem entsprechenden Chip. Wenn der Arbeiter von einem Stollensektor in
den anderen wechselt, wird das registriert. In der Einsatzzentrale haben
wir also immer den Überblick, wie viele Arbeiter sich in welchem
Stollenabschnitt befinden. Das System kam bisher einzig hier in Ferden
zum Einsatz, wird aber allenfalls für den Innenausbau des gesamten
Basistunnels und im Gotthard-Basistunnel angewandt.
Geologische Überraschungen haben Sie bisher nicht erlebt?
Teilweise. Jedoch blieben wir, auch aufgrund der guten Voruntersuchungen,
von grösseren Ereignissen verschont. Das eine oder andere Mal hatten
wir zudem grössere Wassereinbrüche, die wir in solch grossem
Umfang nicht erwartet haben.
Sicherheitschef auf einer solchen Baustelle wie gehen Sie mit
dieser Verantwortung um?
Erstens habe ich einen guten Mitarbeiterstab. Zweitens hat jeder Arbeiter
im Tunnel eine grosse Selbstverantwortung. Und schliesslich darf man nicht
immer der Verantwortung und den möglichen Ereignissen nachstudieren,
was wäre wenn...
Welches war bisher Ihr schlimmstes Ereignis?
Beim Bau des Fensterstollens kam ein Arbeiter ums Leben. Der Arbeitsunfall
hat zwar nicht unsere Arbeitsgemeinschaft betroffen, aber ich habe den
Mitarbeiter gut gekannt. Er stand auf der Hebebühne und arbeitete
am Deckengewölbe. Plötzlich knickte die Hebebühne um. Das
geschah am 6. Dezember 1999. Seither findet am Todestag eine kleine Gedenkfeier
statt. Am Unfallort brennt noch heute immer eine Kerze. Wenn man den Ort
passiert, denkt man an den verstorbenen Kollegen.
Kommt es häufig zu Unfällen?
Meistens sind es kleine Arbeitsunfälle. Jemand fällt irgendwo
unglücklich und verrenkt sich oder klemmt sich einen Finger ein.
Teilweise kam es auch zu Augenverletzungen.
Wenn Sie die Unfallstatistik mit anderen Tunnelbaustellen vergleichen,
wie sieht die Bilanz beim NEAT-Basistunnel aus?
Erst kürzlich hat die SUVA die Unfallstatistik 2002 vorgestellt.
Da schneidet unsere Baustelle Ferden sehr positiv ab. Dieses Jahr hatten
wir während den ersten drei Monaten einen erhöhten Anstieg der
Zwischenfälle. Jetzt hat sich die Zahl wieder stabilisiert. Aber
jeder Unfall ist ein Unfall zuviel.
Die NEAT-Baustelle geriet letztes Jahr wegen Asbest und den schlechten
Arbeitsbedingungen in die Schlagzeilen. Wie ging man damit um?
Asbestvorkommen sind in den Alpen häufig. Wir wussten damals, dass
wir in diese Asbest-Zone vorstossen werden und die Oberbauleitung hat
mit der örtlichen Bauleitung und uns deshalb rechtzeitig ein Sicherheitskonzept
erstellt. So musste jeder Mitarbeiter in diesem Sektor eine Schutzmaske
tragen, wenn die entsprechende Gefahrenstufe erreicht wurde. In der Vortriebsfront
wurden sogenannte Verneblungsbögen eingerichtet. Wenn die Asbestfasern
in die Luft gekommen wären, hätte das Wasser diese gebunden.
Zudem gab es verschiedene Gefahrenstufen. In den gefährlichsten Bereichen
wurde das Ausbruchmaterial nicht weiter zerkleinert, damit keine Asbestfasern
in die Luft gelangen konnten. Das Ausbruchmaterial wurde dann abgedeckt
und auf Lastwagen wegtransportiert. Gleichzeitig wurden die Mitarbeiter
auf Info-Veranstaltungen und mit Flugblättern aufgeklärt.
Wie haben die Arbeiter reagiert?
Ein Arbeitsmediziner und ein Geologe haben anhand von Felsbrocken
genau erklärt, wie man Asbest erkennt und welche Folgen diese Partikel
in der Lunge haben. Dadurch wurden die Mitarbeiter sensibilisiert. Die
Massnahmen wurden deshalb auch gut befolgt. Das ist keine Selbstverständlichkeit.
Mit einer Schutzmaske zu arbeiten, ist eine zusätzliche Erschwernis.
Deshalb hat man den betroffenen Tunnelarbeitern eine Zulage von fünf
Franken pro Stunde bezahlt.
Die Hitze macht den Arbeitern wohl am meisten zu schaffen?
Wir haben im Stollensystem Klimaanlagen montiert. Das heisst, wir
kühlen die Tunnelluft mit kaltem Wasser aus dem Stausee Ferden ab.
So beträgt die Temperatur an den Vortriebsfronten 22 bis 25 Grad.
Die Felstemperatur liegt bei 40 bis 43 Grad. Das Kühlsystem ist also
eine klare Erleichterung. Wenn die Plattformen mit der gesamten Bauinstallation
vorgezogen werden, müssen natürlich auch die Rohrleitungen der
Klimaanlage verlängert werden. Oder wenn ein Förderband defekt
ist und Lastwagen für den Abtransport eingesetzt werden, kann die
Temperatur schon ansteigen. In solchen Momenten kann es vorkommen, dass
wir den Grenzwert von 28 Grad kurzfristig überschreiten.
Wenn Sie ihre Kollegen am Vortrieb chrampfen sehen
was geht Ihnen durch den Kopf?
Es ist nicht jedermanns Sache im Tunnel zu arbeiten. Es gibt zwar
viele technische Hilfsmittel und Geräte. Trotzdem ist auch viel Handarbeit
gefragt beispielsweise bei Reparaturen an den grossen Maschinen
oder beim Schweissen der Backen beim Brecher. Fällt dann noch die
Klimaanlage aus, kommt man rasch einmal ins Schwitzen. Oder wenn der Vortrieb
nicht wunschgemäss vorankommt, braucht es ab und zu auch Geduld und
Nerven.
Es hat relativ wenig Oberwalliser, die im Tunnel selber beschäftigt
sind. Warum?
Im Vergleich zu den anderen NEAT-Baustellen hat es auf unserer Baustelle
relativ viele Walliser. Das erklärt sich durch die Zusammensetzung
der Arbeitsgemeinschaft, zu dem unter anderem auch zwei Oberwalliser und
drei Unterwalliser Baufirmen gehören. Sie stellen zusammen in etwa
die Hälfte der Belegschaft. Der Rest ist eine Deutschschweizer Unternehmung
und eine ausländische Firma. Die Hauptsprache auf der Baustelle ist
Französisch. Grundsätzlich muss man aber wissen: Für den
Tunnelbau braucht es erfahrene Männer. Die NEAT-Baustelle Ferden
gehört heute zu den kompliziertesten und anspruchsvollsten Baustellen
in Europa. Da sind Spezialisten gefragt.
Aber Fachkenntnisse allein genügen nicht. Muss man dazu geboren
sein, so tief in der Finsternis des Berges zu arbeiten?
Das stimmt. Die klimatischen Bedingungen sind schwierig. Man muss
sich daran gewöhnen, unter Tag zu arbeiten. Im Winter beginnt die
Tagesschicht im Dunkeln. Und wenn man abends den Stollen verlässt,
ist es bereits wieder Nacht. Da kann es schon vorkommen, dass ein Arbeiter
einige Wochen die Sonne nie sieht. Zudem ist es ein Schichtbetrieb rund
um die Uhr während sieben Tagen pro Woche.
Kaum eine Berufsgruppe verehrt ihre Schutzpatronin so stark wie die
Tunnelbauer ihre Heilige Barbara. Sind Tunnelarbeiter religiöser?
Wenn ich alleine im Stollensystem unterwegs bin oder in der 18 Meter
hohen Kaverne stehe, komme ich mir schon klein vor. In solchen Momenten
wird man sich bewusst: Es gibt wohl noch etwas anderes, Wichtigeres und
Grösseres als den Menschen. Dass Tunnelarbeiter aber bessere Menschen
sind oder häufiger zur Messe gehen, wäre wohl eine falsche Schlussfolgerung
(schmunzelt).
Ist man sich als NEAT-Arbeiter eigentlich bewusst, dass man einen
Beitrag zur Erstellung eines Jahrhundertbauwerks leistet?
Dieser Gedanke geht mir gelegentlich durch den Kopf. Das Bauwerk hat
geniale Züge. Zum Beispiel unser Angriffsstollen Ferden: Wir haben
einen vier Kilometer langen Zugang mit zwölf Prozent Gefälle.
Dann haben wir fünf Vortriebe, zwei Röhren nach Süden und
drei Tunnelröhren in Richtung Bern und das teilweise noch
auf zwei Etagen. Unsere Baustelle ist ein spannendes Stollenlabyrinth,
in dem so viele verschiedene Menschen unterschiedlichster Nationalitäten
arbeiten. Und letztlich ist die NEAT eine neue Öffnung fürs
Wallis. Ich jedenfalls freue mich auf den Tag, erstmals mit dem Zug durch
den Basistunnel zu fahren. Da werden einige Erinnerungen hoch kommen...
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