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Frontal-Interview:
„An jenem Samstagmorgen wusste ich, dass es schlimm werden würde“


Charly Wuilloud
 
Sitten / Der zuhinterst im Bagnes-Tal aufgewachsene Wuilloud spricht perfekt Walliserdeutsch, das er schon als Kind in Saas Tamatten gelernt hat. Seit fünfzehn Jahren ist der gelernte Forstingenieur Chef der damals neugeschaffenen Sektion Naturgefahren. Wuilloud hat schon einige Naturkatastrophen miterlebt. Er sagt: „Die Natur ist weder gut noch böse.“

Von Ruth Seeholzer und Walter Bellwald

In diesem Winter hatten wir noch nicht viel Schnee. Ist das für den Chef der Sektion Naturgefahren eine Erleichterung?

Nicht unbedingt. Nicht viel Schnee haben heisst nicht, dass es keine Lawinen gibt. Lawinen sind vor allem abhängig von der Schichtung der Schneemassen.

Kann auch der Schneemangel zu Problemen führen?

Wenn es nicht viel Schnee gibt, dann gibt es viel Wasser, so wie diesen Winter, als es bis auf 2800 Meter über Meer regnete. Dadurch wird der Boden stark mit Wasser gesättigt und entsprechend unstabiler. Und bevor die Kälte kam vor drei Wochen, war die Lage etwas heikel. Ein nasser Boden löst andere Gefahren aus wie zum Beispiel Erdrutsche und Steinschlag.

Im Lawinenwinter 1999 gings erst im Februar so richtig los. Müssen wir Angst haben, dass so ein Ereignis wieder auf uns zukommt?

Ich bin kein Prophet. Und zudem muss ich Ihnen etwas Grundsätzliches sagen: Meiner Meinung nach ist es für den Menschen sehr gut, dass er hie und da solche Naturgefahren hautnah erleben darf. Es sind schwere Momente, das ist klar. Aber ich denke, dass dieser Winter sehr viele positive Aspekte mit sich brachte. Viele Leute fingen wieder an, miteinander zu reden. Zudem bringen solche Ereignisse auch eine gewisse Ruhe ins Land. Alles geht plötzlich viel einfacher; der Mensch besinnt sich auf das Notwendige und verlässt während einer kurzen, zu kurzen Zeit diesen ewigen gedankenlosen Stress. Verstehen Sie mich recht: Es ist eine sehr traurige Sache, wenn Menschenleben zu beklagen sind wie zum Beispiel in Evolène. Aber rein das Naturereignis ist etwas Fantastisches.

Was zählt man eigentlich alles zu den Naturgefahren?

Wir beschäftigen uns vor allem mit Lawinen. Je länger je mehr kommen jetzt natürlich auch Steinschlag, Felsabbrüche und Murgänge dazu. Unser Tätigkeitsfeld wird zudem dieses Jahr endlich eben-
falls die Permafrostthematik einbeziehen.

Nehmen die Naturgefahren für uns Alpenbewohner eigentlich zu?

Das kann ich nicht sagen. Es gab immer schon viele Gefahren. Denken Sie an den Winter 50/51. Damals gab es 98 Opfer zu beklagen in der Schweiz. Wir haben nicht mehr Naturgefahren heute, sondern viel mehr Menschenaktivität im Alpenraum. Der Kanton Wallis hat circa 280‘000 Einwohner. Dazu kommen vier Millionen Übernachtungen von Touristen. Und wenn das Wetter gut ist, spazieren an einem Wochenende 300‘000 bis 400‘000 Tagestouristen in unseren Kanton. Das ist eine riesige Menschenbewegung! Diese vielen Menschen müssen geschützt werden. Und diese Leute gehen heute eben überall hin. Zudem stellen die Leute heute viel höhere Forderungen an die Sicherheit als früher. Ich bin in Fionnay aufgewachsen. Es gab Zeiten, wo wir nicht zur Schule durften, weil es zu viel Schnee hatte. Aber da kam es doch keinem Menschen in den Sinn, zu reklamieren. Wenn wir in Montana eine Strasse schliessen, dann kommt schon der erste Zahnarzt und beschwert sich, dass er nicht in seine Praxis nach Genf gehen könne und dass er uns deshalb einklagen werde.

Das heisst quasi, dass man bald einmal eher die Natur vor den Gefahren der Menschheit beschützen sollte als umgekehrt?

Ja, ganz genau. Wobei ja auch schon positiv wäre, wenn wieder etwas mehr Ruhe in unsere Gesellschaft einkehren würde. Spielt es wirklich so eine grosse Rolle, wenn man einmal für einen Tag nicht so mobil ist wie sonst?

Sie sagen, die Naturgefahren haben nicht zugenommen, jedoch Ihre Aufgaben. Wurde deswegen Personal aufgestockt?

Ich bin hier in der Dienststelle des Kantons alleine. Aber ich muss auch sagen, dass ich eine fantastische Zusammenarbeit mit den Kreisforstinspektoren und privaten Büros habe. Ich mache ein Telefon in eines dieser Büros, weil ich ein bestimmtes Dossier brauche. Am nächsten Tag ist das vollständige Dossier bei mir auf dem Bürotisch. Also zähle ich auf einem Mitarbeiterstab im dritten Rang, der sehr kompetent und gut ist.

Warum denken Sie ist diese Zusammenarbeit so gut?

Weil wir ein sehr spezielles Thema behandeln. Die Naturgefahren kann man nicht ‚bschissu’. Da gibt es keine Halbheiten, kein „mal schauen“. Wir leben mit und in der Natur, bei der jeder am selben Strick zieht. Die Leute, die in unserem Team arbeiten, sind stolz. Wir treffen immer wieder wichtige Entscheidungen, für die wir auch gerade stehen müssen.

Subjektiv kommt einem vor, als ob auch die Steinschläge und Murgänge zunehmen würden. Ist das so?

Das ist schon so. Allerdings dürfen wir nicht vergessen, dass sämtliche Schuttkegel, die im Rhonetal zum Teil schon seit Jahrhunderten überwachsen und bewohnt sind, früher einmal auch als zum Teil riesige Rutsche niedergingen, zum Beispiel in Chamoson oder Susten.

Es gibt sehr viele Lawinenverbauungen im Wallis. Sollte man aber nicht auch noch mehr gegen Murgänge und Steinschlag vorsorgen?

Das wird jetzt in Angriff genommen. Lawinenverbauungen werden etwas abnehmen. Diejenigen, die da sind, erfüllen ihren Zweck. Jetzt kommen die anderen Gefahren dran.

Wenn wir zurückdenken an den schlimmen Oktober 2000: Wie funktioniert ein Chef Naturgefahren bei diesen nicht enden wollenden Katastrophenmeldungen?

Wir waren nicht ganz unvorbereitet. An jenem Samstagmorgen wusste ich, dass es schlimm werden würde. Wie schlimm allerdings nicht. Ich war angespannt. Zudem musste ich als Mitglied der Katastrophenzelle koordinieren und Meldungen weiterleiten. Es war schwierig, überall gleichzeitig zu sein. Ich war in Gondo, in Mörel, in Fully an diesem Samstag. Per Funk gab ich Anweisungen durch, wie es aussieht und was zu tun ist. Vom Dienstagabend weg war ich in Gondo, um die Aufsicht der Rettung zu übernehmen. Die Rettungsleute, die zuerst vor Ort waren, hatten mehrere Nächte kaum geschlafen und mussten ausgewechselt werden. In Gondo ging es aber nicht nur darum, die Verschütteten zu finden. Zugleich mussten der Rutschhang und der Stockalperturm überwacht werden, um festzustellen, ob Einsturzgefahr herrscht. Die Abfuhr des Gerölls und der zerstörten Gebäude musste organisiert werden. Ebenso welche lokalen Rettungsleute, Zivilschutzpersonen und Militärkräfte wann welchen Einsatz hatten. Es war eine ziemlich globale Aufgabe. Dies ging für mich fünf Tage und Nächte so.

Gab es Momente der Verzweiflung?

Es gab einen Moment. Zuerst einmal, weil wir die beiden Brüder Squaratti nicht finden konnten. Danach suchten wir ein weiteres Opfer neben dem Turm. Und wir fanden auch dieses nicht. Ich sass auf einem grossen Stein mitten im Geröllhaufen und betete, dass wir diese Person finden. Danach ging ich für einen Moment weg. Als ich zurückkam, spürte ich schon die andere Stimmung, die plötzlich bei der Suchmannschaft herrschte. In diesem Moment hatten sie das Opfer gefunden. Für mich war das eine riesige Erlösung. Es ist schrecklich, zu sagen, jetzt haben wir einen Toten geborgen und ich bin erlöst. Dann musste ich weinen. Das hat mir gut getan. Der Arzt, der dabei war, sagte, ich soll doch für einen Moment ausruhen. Ich wusste, dass ich das schon durchstehen würde. Aber nur schon, dass der Arzt mir gegenüber dieses Verständnis zeigte, war für mich wie eine Woche Ferien. In solchen Momenten ist man unglaublich feinfühlig. Zum Verkraften brauchte ich keinen Psychologen. Ich bin jedoch ein sehr gläubiger Mensch.

Haben Sie auch schon Angst verspürt?

Nein. Ich habe keine Angst. Ich wünsche mir, dass Gott mir die Gnade gibt, wenn ich sterbe, dass ich dann direkt in den Himmel komme. Aber ich habe keine Angst.

Was muss man für ein Mensch sein, um Chef der Naturgefahren zu werden?

Ein komischer Typ! (lacht) Ich glaube, ich hatte wie ein Bundesrat einfach Glück: Ich war zur rechten Zeit am rechten Ort. Zudem waren Naturgefahren schon immer so etwas wie ein Hobby von mir. Ich bin einfach auch gerne draussen auf dem Gelände.

Hat die Natur nur Gefahren oder auch Schönes zu bieten für Sie?

Ich will von der Natur lernen. Denn ich bin überzeugt, dass sich der Mensch an alles anpassen kann. Wir machen ein viel zu grosses Theater um all die Ereignisse. Die Natur ist weder böse noch gut. Wir müssen einfach wieder lernen, mit ihr umzugehen.


 

 

      
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