| Sitten / Visp / Er
fühlt sich nicht als Buhmann der Nation, sondern ist überzeugt,
dass er mit seiner Arbeit immer wieder Menschen von lästigem Lärm
befreien kann. Leander Schmidt ist Lärmschutzbeauftragter des Kantons
und dafür zuständig, dass uns der Lärm von Strasse, Bahn
und Kirchenglocken nicht aus dem Häuschen bringt.
Von Ruth Seeholzer und Denise Jeitziner
Für eine Motorradfahrerin ist das Bollern einer Harley Musik
in ihren Ohren. Für die Bevölkerung entlang der Töffstrecke
ist das gleiche Geräusch eine Plage. Wie wird Lärm definiert?
Lärm ist ein Geräusch, das stört. Ein Bach, auch wenn
er fünfzig Dezibel laut ist, stört nicht, weil es etwas Natürliches
ist. Ein vorbeidonnerndes Motorrad klingt wie Musik in den Ohren eines
Töff-Freaks, für den Anwohner ist es ein Riesenkrach.
Also ist Lärm etwas Subjektives?
Ja, Lärm ist ein sehr subjektives Mass. In unserer Praxis nehmen
wir erst in zweiter Linie ein Lärmmessgerät zur Hand. Wir stellen
zuerst fest, um was für ein Geräusch es sich handelt und ob
dieses Geräusch auf uns selber störend wirkt. Erst dann beurteilen
wir den Lärm auf Grund unserer Erfahrung bei der Lärmbekämpfung.
Welches sind die hauptsächlichen Klagen, die Sie betreffend Lärm
in unserem Kanton zu Ohren bekommen?
In der Talebene ist das grösste Problem sicher die Kantonsstrasse,
dann aber auch die Eisenbahn. In Sitten selber haben wir lokal das Problem
des Flugplatzes. Einen hohen Anteil der Reklamationen in den Dörfern
machen jedoch die Klagen bezüglich Nachbarschaftslärm aus wie
zum Beispiel das Krähen eines Hahns, das laute Surren eines Heugebläses
oder der Lärm vor Restaurants und Discotheken.
Die zunehmende Mobilität macht immer mehr Lärm. Immer noch
wird jedoch lieber ein Schallschutzfenster eingebaut als den Lärm
am auslösenden Objekt zu verringern. Ein Fass ohne Boden?
Ein Schallschutzfenster ist meiner Meinung nach nichts anderes als
eine Verlegenheitslösung. Dem Bewohner bringt es nicht viel, weil
die Wirkung nur da ist bei geschlossenen Fenstern. Wir versuchen, den
Lärm an der Quelle zu bekämpfen, das ist unser oberstes Prinzip.
Beim Strassenverkehr hat man heute verschiedene Möglichkeiten, den
entstehenden Lärm einzudämmen, zum Beispiel durch Temporeduktionen,
angepasstes Fahrverhalten oder den Einbau lärmmindernder Strassenbeläge.
Wenn innerorts nur noch mit dreissig anstatt mit fünfzig Stundenkilometern
gefahren wird, kann damit der Lärm beinahe halbiert werden.
Fallbeispiel Turtmann: Dort plagte bis vor kurzem nicht nur der immense
Lärm des Militärflugplatzes die Bevölkerung, sondern noch
und immer mehr der Transitverkehr durchs Oberwallis. Trotz zwanzig Jahren
Lärmschutzverordnung ist so etwas auch heute noch möglich. Warum?
In Turtmann ist eine Lösung der Lärmprobleme nur mit dem
Bau einer Umfahrungsstrasse möglich. Bei 20000 und mehr Fahrzeugen
pro Tag, die durch dieses Dorf geschleust werden, nützt keine Lärmemissionsbekämpfung
mehr. Da muss man mit anderem Geschütz auffahren.
Also heisst Lärmsanierung auch immer, dass die Betroffenen einen
langen Schnauf brauchen?
(lacht) Das ist so. Leider muss man aber auch sagen, dass das Fahren
mit grösseren Autos, stärkeren Motoren und breiteren Pneus sowie
die Zunahme der schweren Lastwagen wiederum mehr Lärm an der Quelle
verursacht. Bemühungen zur wirkungsvollen Lärmbekämpfung
entlang der Strassen werden so zunichte gemacht. Aber da fehlt einfach
der politische und persönliche Wille. Dazu muss man allerdings auch
lobend das Schweizerische Nacht- und Sonntagsfahrverbot für Lastwagen
erwähnen. Das europaweit einzigartige System erlaubt es uns, wenigstens
während diesen Zeiten die extrem hohen Lärmemissionen von Lastwagen
zu eliminieren. Man muss bedenken, dass ein Lastwagen gleich viel Lärm
macht wie fünfzehn Autos.
Die NEAT Fluch oder Segen? Die Urner haben Opposition gemacht
und damit einen schönen Teil der Linienführung in den Berg bekommen.
Schläft das Oberwallis?
Im vorliegenden Verfahren werden die kantonalen Stellen lediglich
angehört. Die Verfügungen werden von den zuständigen Bundesämtern
erlassen. Aus der Sicht des Umweltschutzes fordern wir bei der Sanierung
der Rhonetallinie der SBB, welche hier als Bauherrin auftritt, einen optimalen
Lärmschutz. Wir haben in Sitzungen mit den verschiedenen Gemeinden
immer wieder darauf hingewiesen, dass man neben dem Verfassen von Einsprachen
auch von politischer Seite her ein Medium schaffen sollte, um in Bern
bei den verantwortlichen Departementen gemeinsam und damit auch stärker
aufzutreten. Es ist klar, dass wir das Bahnlärmproblem in der Oberwalliser
Talebene nicht mit einzelnen Einsprachen lösen, sondern nur auf breiter
Front.
Die über 150 Einsprachen, die gegen die Lärmsanierung der
Eisenbahnanlagen in Brig, Naters, Lalden und Raron eingegangen sind, erstaunen
aber doch. Wird die Bahn-Betreiberin nun ihre Pflästerlipolitik aufgeben?
Ich persönlich hoffe dies natürlich. Im Westen von Visp
ging es vor einem Jahr ja ähnlich zu und her. Bis heute wurde in
dieser Sache leider noch keine Verfügung erlassen. Dieser Entscheid
wird massgeblich für das weitere Vorgehen in Brig, Naters, Lalden
und Raron sein.
Mit wie vielen Einsprachen rechnen Sie, wenn das Lärmdossier
Durchfahrt Visp aufliegt? Oder wird da der Lärmschutz genügend
sein, weil die SBB etwas aus den heutigen Einsprachen gelernt hat?
Da wird sicher eine ähnliche Reaktion von Seiten der Bevölkerung
wie von den Gemeinden kommen. Ich hoffe, dass auch die Bahnen etwas aus
den vergangenen Einsprachen lernen werden.
Die Lärmdossiers der Bahnen sind komplex. Sind die Betroffenen
genügend informiert worden? Hat der Kanton seine Verantwortung wahrgenommen?
Derzeit besteht unsere Fachstelle aus einem Einmannbetrieb. Da wird
bald klar, dass sich unsere Arbeit auf das Wesentlichste beschränken
muss. Meine Aufgabe bestand darin, die Gemeinden, die zu mir gekommen
sind, seriös zu beraten. Diejenigen Gemeinden und Privatpersonen,
die eine Information von mir wollten, haben sie auch erhalten. Aber eine
gewisse Eigeninitiative auf der Seite der Betroffenen muss schon auch
vorausgesetzt werden.
Wie nehmen Sie als Lärmschutzbeauftragter des Kantons eigentlich
Geräusche wahr? Sind Sie besonders lärmsensibilisiert?
Ich höre sicher mehr auf Lärm als andere, das ist klar.
Ich würde es nicht gerade als Berufskrankheit bezeichnen, aber es
handelt sich doch um eine natürliche Sensibilisierung. Wenn ich einen
Raum betrete, achte ich darauf, ob darin eine angenehme Akustik herrscht
oder nicht. Ich habe auch schon ein Restaurant wieder verlassen, weil
der Lärmpegel durch die schlechte Akustik so hoch war, dass es mir
nicht mehr wohl war.
Wirkt sich diese Lärmsensibilisierung auch in anderen Bereichen
Ihres Privatlebens aus?
Ich mache weniger Krach als andere (lacht).
Ihr zweites Schwerpunktthema ist der Strahlenschutz: Wie viele Natelantennen-Anlagen
werden dieses Jahr gebaut?
Das ist schwierig zu sagen. Letztes Jahr waren es 85 Mobilfunkantennen.
Ist die Tendenz eher zunehmend, oder ist das Mobilfunknetz bald fertig
gebaut?
Im Moment ist die Tendenz ungebremst. Wenn noch die UMTS-Technologie
hinzukommen wird, werden sehr viele weitere Antennen nötig sein,
weil UMTS ein dichteres Netz benötigt als das heute bestehende GPS.
Im Mobilfunk-Bereich hat man den Eindruck: Hier herrscht Wildwuchs.
Die Sendemasten schiessen wie Pilze aus dem Boden. Ist hier keine Koordination
möglich?
Es gibt zwei grundsätzliche Strategien: Will man möglichst
wenige Antennen mit dafür sehr starker Sendestrahlung, oder will
man viele kleine Antennen mit einer kleineren Leistung? Momentan sind
wir beim Aufbau und damit bei der Strategie, möglichst wenig Antennen
aufzustellen, die dafür auf maximaler Leistung laufen.
Würden Sie selber in einem Haus wohnen wollen, auf dessen Dach
eine Natel-Antenne montiert ist? Oder anders gefragt: Wie schädlich
sind Natelfunkstrahlen nun wirklich?
Wir haben keinen Spielraum, weil die heutige Gerichtspraxis sagt,
dass das Erstellen von Natelantennen legal ist, wenn die massgeblichen
Grenzwerte eingehalten sind. Eine neueste Studie von anfangs Mai, die
an die 200 Studien zusammenfasst, bestätigt, dass es einen gewissen
Unsicherheitsfaktor gibt bezüglich Strahlenbelastung. Es gibt Leute,
die auch bei eingehaltenen Grenzwerten über Müdigkeit und Schlafstörungen
klagen. Wissenschaftlich ist die Ursache dieser Symptome jedoch noch nicht
erhärtet.
Und möchten Sie nun in einem solchen Haus wohnen?
Nein, nicht unbedingt.
|