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Norbert Burgener, Mount Everest Expeditionsteilnehmer
„Jeder Schritt auf dieser Höhe ist ein Riesenkrampf“

 
Brig-Glis / 50 Jahre nach der Erstbesteigung machte sich eine Bergsteigergruppe aus der Schweiz mit einer Filmcrew von SF DRS auf, den Mount Everest über den Nordgrat zu besteigen; unter ihnen auch der Oberwalliser Norbert Burgener (46). Im RZ-Frontalinterview erzählt Burgener über seine Erfahrungen auf der Expedition, die spektakuläre Bergwelt im Himalaya und die Gefahren, die auf Schritt und Tritt lauern.

Von Walter Bellwald und Denise Jeitziner

Sie sind nach knapp zwei Monaten von der Mount Everest Expedition zurückgekehrt. Wie geht es Ihnen?
Ich fühle mich sehr gut und freue mich, wieder daheim zu sein.

Haben Sie sich mittlerweile wieder akklimatisiert?
Wenn man bei so extremen klimatischen Bedingungen unterwegs ist, empfindet man das Klima hier als sehr angenehm. Anderseits muss ich mich zuerst wieder an die Zeitverschiebung gewöhnen.

Die Expedition auf den Mount Everest musste abgebrochen werden, bevor Sie den Gipfel erreicht haben. Hat Sie das frustriert?
In dem Moment, als wir umkehren mussten, war ich schon ein bisschen frustriert. Da kommen viele Emotionen hoch. Ich bin nach Nepal gefahren, um den Gipfel des Mount Everest zu erklimmen. Darum ist es nicht einfach, wenn man unverrichteter Dinge umkehren muss.

Was war der Grund für den Abbruch der Expedition?
Ich habe mich für einen Rückzug entschieden, weil mir die nötige Sicherheit fehlte. Der Wind am Berg war extrem stark und es war sehr kalt. Vor mir waren 52 und hinter mir 88 Bergsteiger am Seil. Man muss bedenken, wir alle waren mit einem Seil verbunden, das einen Durchmesser von fünf Millimetern hatte. Alle 100 Meter war das Seil durch einen Anker gesichert. In dieser Spannweite waren 30 bis 40 Leute am Seil und hielten sich daran fest. Dazu kommt, dass viele Alpinisten am Berg völlig unerfahren waren und sich entsprechend verhielten. Das hat mir zu denken gegeben.

Wie sind Sie dazu gekommen, an der Mount Everest Expedition von Kari Kobler mitzumachen?
Ich war schon immer an der Geologie des Himalaya-Gebirges interessiert. Darum bin ich mit meiner Frau dahin geflogen, um die Gesteinsarten und die Erosionen zu begutachten. Dabei hat mich die Faszination zum Mount Everest erfasst. Im letzten Jahr habe ich erstmals den Aufstieg zum höchsten Berg der Welt in Angriff genommen. Leider musste ich schon damals vorzeitig umkehren, weil mir eine Vene in der Nase platzte und ich dadurch viel Blut verlor. In diesem Jahr beschloss ich, noch einmal eine Expedition zu wagen. Ich setzte mich mit Kari Kobler, meinem früheren Expeditionsleiter, in Verbindung. Drei Monate später rief er mich an und teilte mir mit, dass auch das Schweizer Fernsehen bei der Expedition dabei sein möchte.

Wie haben Sie sich auf diese Herausforderung vorbereitet?
Ich habe mich sehr intensiv auf die Expedition vorbereitet. Ich bin viermal wöchentlich ins Fitness-Studio gegangen. Dazu habe ich jeweils am Sonntag eine Bergtour gemacht und auch ein paar 4000er bestiegen.

Wie teuer kommt eine solche Expedition zu stehen?
Eine Expedition in den Himalaya kostet rund 40’000 Franken. Darin enthalten sind die Verpflegungs- und Reisekosten. Die Ausrüstung kostet weitere 10’000 Franken. Das ganze Abenteuer ist eine sehr kostspielige Angelegenheit.

Sie wurden auf der Expedition von einem Fernsehteam begleitet. War das eine Belastung für Sie?
Nein, eigentlich nicht. Natürlich sind die Voraussetzungen anders, wenn man ständig von Kameras verfolgt wird. Man muss viel von seiner Privatsphäre preisgeben und wird der Öffentlichkeit mit allen Stärken und Schwächen frei Haus präsentiert. „Ich hä mich mängs mal gfühlt wiä äs chleis Hüärli“ (lacht).

Nach der Anreise über Kathmandu und Lhasa erreichten Sie das Basislager...
Die ersten zwei Wochen hatten wir für die Anreise gebraucht. In Lhasa, auf einer Höhe von 3600 Metern, merkt man den Höhenunterschied schon sehr deutlich. Auf der Anreise hatten wir die Möglichkeit, einen Einblick in die fremdländische Kultur zu bekommen. Die Menschen in ihren einfachen Behausungen und die primitiven Gerätschaften erinnerten mich stark an das Wallis vor vierzig Jahren. Dabei musste ich unwillkürlich an meine Jugendzeit als Geisshirt im Goms zurückdenken. Es ist wirklich verblüffend, wie sich die Kulturen ähneln.

Wie ist es weitergegangen?
Nach der Anreise bezogen wir unser Basislager auf 5200 Metern. Hier fing das lange Warten an. Wir waren alle in einem Einzelzelt untergebracht, hatten eine Dusche und Zugriff ins Internet sowie die Möglichkeit, über Satellit zu telefonieren. Das war absoluter Luxus. Trotzdem merkte man die enorme Höhe. Nach fünf Uhr abends, wenn die Sonne unterging, sanken die Temperaturen auf bis zu 20 Grad minus. Während der Nacht kam es nicht selten vor, dass es sogar schneite. Tagsüber schmolz der Schnee dann wieder, weil es sehr heiss wurde.

Später sind Sie ins Advanced Basecamp (ABC) auf 6400 Meter weitergezogen. Wie waren die äusseren klimatischen Bedingungen auf dieser Höhe?
Wir waren im Basecamp zwei Wochen lang blockiert. Während dieser Zeit stürmte und schneite es. Es wurden Windgeschwindigkeiten von bis zu 150 km/h gemessen. Man konnte nichts tun ausser warten. Es war die Hölle. Der Sturm wirbelte Zelte von anderen Expeditionsteilnehmern durch die Luft und ein Postgebäude, das die Chinesen erbaut hatten, kippte einfach um. Auch während der Nacht wütete der Sturm unaufhaltsam. Wenn ich nicht schlafen konnte, setzte ich meinen Walkman auf und hörte Musik von Tina Turner und Peter Maffay. Das half mir, die langen und einsamen Nächte gut zu überstehen.

Hatten Sie Angst?
Angst ist ein schlechter Begleiter. Aber ein gewisser Respekt war sicher da. Es kam auch immer wieder zu kritischen Situationen. Auf einem Spaziergang beispielsweise hörte ich plötzlich ein ungewöhnliches Geräusch. Als ich mich umsah, kam ein zwei Meter langes Teilstück eines Sonnenkollektors wie ein Blatt Papier durch die Luft auf mich zugeflogen. Ich hatte Glück, das Ding verfehlte mich nur knapp. Wenn dich so ein Teil trifft, hast du Pech gehabt. Solche Sachen passieren immer wieder.

Wie verlief der Aufstieg zu den Hochlagern?
Der Aufstieg zu den höheren Lagern erfolgte individuell. Wenn man sich körperlich und geistig wohl fühlte, machte man vom Basecamp aus eine kleine Tour, um sich besser an die Höhe zu gewöhnen. Dabei bewältigte man einen Höhenunterschied zwischen 400 und 500 Metern. Für diese Strecke brauchte man ungefähr sechs bis sieben Stunden. Am nächsten Tag machte man wieder eine ähnliche Route und so weiter.

Wie schwer ist es, sich auf dieser Höhe fort zu bewegen?
Jeder Schritt auf dieser Höhe ist ein riesen Krampf. Das ist in etwa vergleichbar, wie wenn man sich die Nase zuhält und vier, fünf Filter auf den Mund presst, die mit Dreck gefüllt sind. Die Folge ist, dass die Sauerstoffzufuhr unterbrochen wird und dadurch die Leistungsfähigkeit stark nachlässt. Darum ist es wichtig, dass man sich mit diesen Tagestouren vom Basecamp aus langsam an die sehr dünne Höhenluft gewöhnt und die Produktion der roten Blutkörperchen fördert.

Mussten Sie auch auf Sauerstoffflaschen zurückgreifen?
Ja, man braucht vier Flaschen Sauerstoff für die Route. Eine Flasche ist als Reserve gedacht, eine weitere Flasche wird für den Rückweg deponiert und zwei Flaschen braucht man für den Aufstieg. Jede Flasche wiegt fast vier Kilogramm. Das ist ein zusätzliches Erschwernis auf dieser Höhe. Hinzu kommt, dass durch das Inhalieren von Sauerstoff die Leistungsfähigkeit stark vermindert wird.

Kann man sich da noch auf den Weg konzentrieren?
Es ist nicht einfach, unter diesen Umständen den richtigen Weg zu finden und voranzukommen. Als ich beispielsweise eines Morgens auf einer Flanke abstieg, war die ganze Route schneebedeckt. Ich musste das Seil suchen und den Weg zuerst mit dem Pickel sondieren. Auch Spalten sind vorhanden. Da muss man extrem vorsichtig sein und kann sich nur langsam fortbewegen, damit man nicht abstürzt.

Haben Sie den Entscheid jemals bereut, sich auf eine solche Expedition eingelassen zu haben?
Nein, absolut nicht. Ich hatte die Situation im Griff, hatte keine gesundheitlichen Probleme und war mit mir selbst glücklich und zufrieden.

Was für Eindrücke nehmen Sie mit in den Alltag?
Die gewaltige Natur und die Armut und Bescheidenheit der Menschen in dieser Gegend haben einen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen. Das hilft mir, die kleinen Probleme des Alltags besser zu meistern und mich auf wesentlichere Dinge zu konzentrieren.

Werden Sie die Besteigung des Mount Everest nochmals in Angriff nehmen?Auf alle Fälle. Wenn sich die Gelegenheit dazu bietet, werde ich nochmals ins Himalaya-Gebirge reisen und versuchen, den höchsten Berg der Welt zu besteigen.


 

 

      
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