| Münster / Im Goms steht eine weitere
Fusion bevor. Die vier Gemeinden Gluringen, Reckingen, Münster und
Geschinen sind daran, sich zusammen zu tun. Hans Keller, Gemeindepräsident
von Münster, ist wie seine drei anderen Amtskollegen der Meinung, dass
sie nur zusammen eine Chance haben werden. Er sagt: Wir vier Gemeinden
können nach aussen stärker auftreten, wenn wir zusammen stehen.
Von Ruth Seeholzer und Walter Bellwald
Sie sind ein Üsserschwizer. Was hat Sie ins Goms verschlagen?
Die Liebe! Meine Frau und ich haben uns in einem Langlauf-Leiterkurs
in Magglingen kennen gelernt. Nun sind es schon dreissig Jahre, dass ich
hier in Münster bin. Eigentlich wollte ich ursprünglich für
ein Jahr nach Finnland gehen, wegen der Architektur und auch wegen dem
Langlauf. Es kam anders. Aber diese Frau war und ist es noch heute wert,
dass ich geblieben bin.
Es gab keine Diskussion, wo der künftige gemeinsame Wohnort sein
wird?
Meine Frau ist eine Heimwehgommerin. Für mich hatte es keine
Rolle gespielt, und für meine Frau war es wichtig, hier zu wohnen.
So kam es, wie es kam.
Wie sind Sie aufgenommen worden im Goms?
Ich kann mich überhaupt nicht beklagen. Eher im Gegenteil. Ich
empfinde die Gommer als offen, gerade auch Fremden gegenüber.
Und Ihre Kinder sind richtige Gommini?
(schmunzelt) Das sind eindeutig richtige Gommini, ganz klar.
Sie arbeiten in einer Branche, von der man nicht behaupten kann, dass
sie wirklich im Wachstum ist. Was hält Sie beruflich im Goms fest?
Sehen Sie, das ist nicht so einfach. Ich habe inzwischen ein Alter
erreicht, in dem man nicht mehr so locker den Job wechselt ganz
abgesehen davon, dass einen niemand mehr will, wenn man fünfzig gewesen
ist (lacht). Zudem bin ich in Münster inzwischen verwurzelt und möchte
gar nicht mehr fort von hier. Aber die Frage ist natürlich berechtigt.
Wir kämpfen und versuchen, uns irgendwie über Wasser zu halten
und hoffen einfach wieder auf bessere Zeiten.
Sind Sie gerne Gemeindepräsident?
Ja, ganz klar. Aber nicht, weil ich ein Vollblutpolitiker wäre.
Ich habe auch keinen Bundesratssessel im Auge. Wir sind eine kleine Gemeinde.
Ich bin der Meinung, dass jeder das zur Gemeinschaft beitragen soll, was
er kann, sonst funktioniert das Ganze gar nicht. In dem Rahmen, der mir
vorgegeben ist, habe ich doch einige Möglichkeiten als Gemeindepräsident,
ein paar Sachen zu verwirklichen. Wir sind ein gutes Team im Gemeinderat.
Wir machen Sach- und keine Farbpolitik. Und das funktioniert sehr gut.
Wie viele Stunden pro Woche sind Sie für das Amt da?
Das werden zwischen fünfzehn bis zwanzig Stunden sein. Im ersten
Präsidialjahr waren es ziemlich genau tausend Stunden.
Warum stellt sich jemand heutzutage noch für ein öffentliches
Amt zur Verfügung? Ist es die Reputation?
Als Gemeindepräsident ist man heute keine Machtfigur mehr, eher
eine Klagemauer. Also aus Reputationsgründen mache ich diesen Job
sicher nicht.
Können Sie als Gemeindepräsident ein wenig wie ein Hirt
zu seiner Herde schauen? Kommen die Leute zu Ihnen mit Ihren Problemen?
Ja, sie kommen mit ihren Problemen. Die einen mehr, die anderen weniger.
Den Hirten möchte ich aber eher dem Pfarrer überlassen.
Münster ist das grösste Dorf im oberen Goms. Und doch reicht
auch dies nicht. Ihre Gemeinde überlegt inzwischen laut, zusammen
mit den Gemeinden Reckingen, Gluringen und Geschinen zu fusionieren. Warum?
Der Gemeinde Münster ist es finanziell lange sehr gut gegangen.
Münster ist nicht richtig gross, sondern die am wenigsten kleinste
Gemeinde im oberen Goms. Und wir kommen zum Teil einfach nicht mehr alleine
zu Gang! Die Schule haben wir bereits in drei von den vier Gemeinden zusammengelegt.
Wir sind zwar vier Pfarrgemeinden, haben aber zusammen nur einen Pfarrer.
Auch die Feuerwehren arbeiten zusammen. Zudem wird es immer schwieriger,
Leute für die Gemeinschaftsaufgaben wie Gemeinderat etc. zu rekrutieren.
Und irgendwann haben wir vier Gemeinden zusammen erkannt, dass eigentlich
nicht wir miteinander Probleme haben, sondern dass wir nach aussen stärker
und besser auftreten können, wenn wir zusammen stehen.
Welche öffentlichen Ausgaben hofft man eindämmen zu können
bei einer Fusion dieser vier Gemeinden?
Das ist schwierig zu sagen. Eine gewisse Koordination von Aufgaben
unter den vier Gemeinden ist sicher möglich. Aber dem sind enge Grenzen
gesetzt. Ich hoffe eigentlich eher, dass wir mit der Fusion die Aufgaben,
die wir vom Kanton immer wieder zusätzlich aufgebrummt
bekommen und die eigentlich zu gross für uns Kleingemeinden sind,
besser bewältigen können. Geradeheraus gesagt hoffe ich, dass
weniger Arbeit von Gemeinderäten und Kommissionen, bescheiden entschädigt,
getätigt werden muss was heute halt schon sehr selten der
Fall ist sondern in die Verwaltung verlagert werden kann. Das wäre
schon eine grosse Entlastung. Aber direkt Geld sparen, das sehe ich eigentlich
weniger, wenn man von Einsparungen bei Gemeinderatsentschädigungen
oder Doppelspurigkeiten bei Software absieht.
Eine Fusionsabstimmung ist für den Dezember dieses Jahres geplant.
Vorerst wollen die vier Gemeindebehörden jedoch eine breite Diskussion
in der Bevölkerung auslösen. Haben Sie Angst, dass es sonst
zu einem ähnlichen Eklat kommen könnte wie bei der zweiten Gommer
Fusion, die immer noch keine ist?
Wir probieren sicher, auch auf Grund der schlechten Erfahrung, die
andere gemacht haben, die Vorbereitung auf die Fusionsabstimmung zu optimieren.
Die Leute wollen wissen, was auf sie zukommt. Wir müssen ehrlich
sein zu uns selber: Wenn man von der Geschichte her kommt, dann wird diese
Fusion sicher kein einfacher Spaziergang. Gerade die historischen Rivalitäten
zwischen Münster und Reckingen! Aber wir hoffen, dass wir mit vielen
Diskussionen und Informationen den Gedanken an eine Fusion den Leuten
näher bringen können.
Nehmen wir an, die Fusion kommt zu Stande. Die neue Gemeinde, nennen
wir sie probehalber Reckingen, steht. Wo wird Ihr Platz sein?
Einspruch! Wir sollten uns hier noch auf gar keinen Namen festlegen!
Das ist ein heisses Eisen, welches wir momentan noch nicht anpacken müssen
und wollen.
Okay. Aber wo wird Ihr Platz sein?
Mein Platz? Das weiss ich nicht. Das wird die Zeit zeigen.
Aber eigentlich bringen Sie und die anderen drei Gemeindepräsidenten
mit einer Fusionsabstimmung Ihre Sessel ins Wanken?
Also das bereitet mir bestimmt keine schlaflosen Nächte! (lacht)
Schon in den ersten Gesprächen hat uns unser damaliger Berater darauf
hingewiesen, dass es von uns Vieren nur noch einen brauchen wird. Wir
diskutierten das kurz und kamen zum Schluss, dass dies für alle vier
kein Problem sei.
Auch ein fusioniertes Münster, Reckingen, Gluringen, Geschinen
wird im Vergleich eine munzige Gemeinde bleiben. Wäre
es nicht besser, aus dem Goms nur noch drei Gemeinden zu machen, nämlich
Ober-, Mittel- und Untergoms?
Wenn schon, dann Ober- und Untergoms. Mittelgoms ist nur so ein Konstrukt.
Das Obergoms fängt für mich bei Niederwald an. Aber zurück
zu Ihrer Frage: Das wäre sicher eine vernünftige Einheit.
Aber?
Die Zeit ist noch nicht reif dafür. Es wird noch mehr Druck von
aussen kommen müssen. Denn es geht uns ja immer noch vernünftig.
Vielleicht wird es mit dem neuen Gemeindegesetz einen verstärkten
Druck geben, vielleicht aber auch nicht.
Sie sagen, den Gommern geht es vernünftig. Von aussen her gesehen
bekommt man aber das Gefühl, dass das Goms in einer regelrechten
Depression steckt.
Uns geht es nicht so gut, das stimmt. Aber es ging uns halt jahrzehntelang
sehr gut. Der Boom der Siebziger Jahre war sehr stark. Es gab Zeiten in
der Gemeinde Münster, da überlegte man ernsthaft, den Bau von
Zweitwohnungen einzudämmen. Das war noch in den Neunziger Jahren.
Die Rezession, die in den Achtzigern in der Deutschschweiz herrschte,
bemerkte man kaum hier bei uns. Erst Mitte der Neunziger Jahre ging es
auch bei uns los. Da kam der grosse Schnitt. Es ist völlig klar,
dass die Gommer heute etwas deprimiert sind. Solche Zeiten sind wir uns
seit über dreissig Jahren nicht mehr gewohnt.
Ideal wäre, wenn weitere Deutschschweizer Familien ins Goms ziehen
würden. Sind neben der Fusion auch solche Aktionen geplant, um die
Bevölkerung wieder zum Wachsen zu bringen?
Nein, so etwas wie zum Beispiel Ausserbinn oder Binn gemacht haben,
haben wir nicht geplant.
Oder halten Sie es wie Bundesrat Pascal Couchepain, unser Lust-Minister,
wie ihn der Blick nannte, der der Bevölkerung rät,
wieder mehr Kinder zu produzieren?
Das tue ich schon lange, aber auf mich hört ja niemand! (lacht
herzhaft)
|