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Hanspeter Gsponer, Schafzüchter und Gründer des Komitees Kontra Wolf
„Wir Schäfer der Alpe Pontimia fürchten uns vor dem Wolf“


 
Stalden / Zwischbergental / Die Angst vor dem Wolf ist gross, vor allem bei den Schäfern im Zwischbergental. Hanspeter Gsponer bestösst auch dieses Jahr wieder die Alpe Pontimia. Seit über hundert Jahren gehört diese Alp der Burgergemeinde Stalden. Mit viel Einsatz wurde sie in den letzten Jahren von den Schäfern restauriert und instand gestellt. Doch die Schafrisse vom vergangenen Jahr sind nicht vergessen. Wie geht der Gründer des Komitees Kontra Wolf mit dieser Bedrohung um? Wie kann er seine Schafe schützen? Und warum mag er die Umweltverbände WWF und Pro Natura nicht?

Von Ruth Seeholzer und Walter Bellwald

Sie haben soeben Schafe auf die Alpe Pontimia gebracht. Wie gross ist Ihre Angst vor dem Wolf?
Die Chancen stehen fünfzig zu fünfzig, dass er wieder kommt. Ich habe aber noch heute morgen mit der Kantonalen Jagdabteilung gesprochen. Zwei Wildhüter patrouillieren in unserem Gebiet. Bis jetzt sind keine Anzeichen eines Wolfes da. Aber das kann sich über Nacht ändern.

Die Angst kann aber doch nicht so gross sein, da Sie trotz der schlechten Erfahrungen des letzten Sommers wieder an den gleichen Ort zurückkehren?
Was sollen wir machen? Wenn wir jetzt nicht mehr gehen, dann können wir diese Alp vergessen! Wir sind seit 1994 da und haben so viel Arbeit und Geld in die Alpe investiert. Und das sollen wir alles nur wegen dem Wolf sausen lassen?

Es kamen aber nicht mehr alle Schafhalter dieses Jahr?
Nein, das ist wahr. Dafür sind ein paar Neue gekommen. Natürlich begreife ich auch diejenigen, die grosse Angst haben. Man kann von niemandem verlangen, seine Schafe dieser Gefahr auszusetzen.

Die Wölfin von der Alpe Pontimia ist bereits diesen Frühling wieder am selben Ort aufgetaucht. Welche Massnahmen haben Sie getroffen, damit sie nicht so ein leichtes Spiel mit Ihren Schafen hat?
Die Chancen sind verschwindend klein, dass wir Schafzüchter überhaupt etwas gegen Wolfsübergriffe machen können. Man weiss, dass ein männlicher Wolf über Nacht bis zu fünfzig Kilometer wandern kann. Also müsste man theoretisch die ganze Simplon-Südseite einzäunen. Und dieses Potential ist gar nicht da, obwohl WWF- und Pro Natura-Kreise das Gegenteil behaupten.

Also haben Sie keine Schutzmassnahmen getroffen?
Ein Hirt ist da. Wie übrigens letztes Jahr auch schon. Währenddem der Wolf zugeschlagen hatte. Auch ich war diese Nacht anwesend.

Dann kann auch ein Hirt die Schafe nicht schützen?
Auch ein Hirt muss einmal schlafen.

Sie haben vorhin erwähnt, welche Distanzen ein männlicher Wolf zurücklegen kann. Mit anderen Worten haben Sie sich richtiggehend bekannt gemacht mit Meister Isegrimm?
Natürlich mussten wir vom Komitee uns informieren über den Wolf und sein Verhalten. Daher finden wir es auch komisch, dass ein weiblicher Wolf den weiten Weg in die Schweiz gefunden haben soll, obwohl Wölfinnen viel weniger grosse Distanzen zurücklegen als die Männchen. Da fragt man sich schon, wie diese Wölfin ins Zwischbergental gefunden hat.

Sie spielen auf die bekannte Aussetzungs-Theorie an?
Ja. Niemand konnte uns bisher beweisen, dass diese Wölfin von alleine in die Schweiz eingewandert ist. Auch unsere italienischen Nachbarn von Antrona Piano und Bognanco haben interessanterweise weniger Angst vor einem italienischen Wolf als vor einem, der aus der Schweiz zu ihnen einwandert!

Sind Sie überhaupt bereit, irgendwelche Schutzmassnahmen zu treffen, oder sind Sie der Meinung, es sei Sache der Behörden, Ihre Schafe vor dem Wolf zu schützen?
Nach der Überweisung des Postulats Maissen im Nationalrat heisst es nun, dass man die ganze Sache schon noch mal überdenken muss. Wir können nicht mehr warten, bis 25 Schafe tot sind. Das ist keine Lösung. Man müsste quasi fliegende Schutzhun-dehalter haben, die dem Wolf mit ihren Hunden auf Schritt und Tritt folgen. Aber auch das ist eine Illusion.

Unter diesen Umständen wundert es mich aber schon, ob Sie nachts noch ruhig schlafen können zu Hause in Stalden, wohl wissend, dass Ihre Schafe einer tödlichen Gefahr ausgesetzt sind?
Wir wissen, dass wir alle auf der Simplon Südseite ein grosses Risiko eingehen. Wir Schäfer von der Alpe Pontimia haben natürlich noch etwas mehr Angst, weil wir bereits erlebt haben, wie der Wolf zuschlagen kann.

Der Kanton Wallis hat für besagte Wölfin eine Abschussbewilligung erteilt. Das BUWAL und der WWF haben dagegen rekurriert. Sie sind natürlich auch für den Abschuss in diesem konkreten Fall?
Also nach so vielen Schäden ist das doch ganz klar! Allerdings muss man auch sagen, dass gemäss Informationen der Walliser Jagdabteilung zum Beispiel in Graubünden zwei Wölfe unterwegs sind, wovon der eine sich aber noch nie an Schafe, sondern immer an Wildtiere heran gemacht hat. Wölfe, die unsere Schafe in Ruhe lassen, lassen wir auch in Ruhe. Aber einer, der einmal auf Schafe angesetzt hat, den soll man schiessen. Denn der lässt nie mehr los. Dazu kommt das angeborene Verhalten des Wolfs, dass er alles reisst, was sich bewegt. Das können und wollen wir einfach nicht tolerieren.

Der Wolf kann zehn Kilometer mit dem Wind und 250 Meter gegen den Wind Beute und Gefahr wittern. Er ist ein sehr scheues Tier. Wie stellen Sie sich vor, dass alle Wölfe, die die Schweizer Grenze überschreiten, abgeschossen werden können?
Im Ginals konnte man ihn immerhin anschiessen, auch der Reckinger Wolf wurde geschossen. Und auf dem Simplonpass ist ein Wolf sogar mit einem Schneepflug getötet worden. Also das beweist doch auch, dass der Wolf zu jagen ist, wenn man will. Natürlich mit einem riesigen Aufwand, das ist schon klar.

Letztes Jahr haben Sie zusammen mit einigen Leuten das Komitee „Kontra Wolf“ gegründet. Welche Ziele verfolgt Ihre Gruppe?
Was uns ganz klar zusammengeführt hat, ist die teilweise Falschinformation von WWF und Pro Natura. Diese Organisationen konnten jahrelang via Internet und Presse ihre Sicht der Dinge darlegen und den Wolf verharmlosen, ja verniedlichen. Wir wollen gewisse Behauptungen der Umweltverbände ins rechte Licht rücken. Pro Natura wagte tatsächlich zu behaupten, dass die Schäfer der Pontimia selber schuld seien, weil kein Hirt anwesend war. Wir waren sogar zu zweit da! Die Behauptung ist falsch, dass wir unsere Schafe wochenlang einfach ziehen lassen und nicht wissen, wo sie sind. Das ist pure Manipulation.

Welches ist denn konkret die Forderung des Komitees Kontra Wolf?
Wenn ein Wolf sich an Schafen vergreift, so wollen wir nicht mehr warten, bis er 25 Stück erledigt hat. Sondern dieser Wolf soll sofort danach bejagt werden können.

Fühlen Sie sich in Ihren Anliegen von den Walliser Behörden unterstützt?
Die Kantonale Jagdabteilung verhält sich sehr fair uns gegenüber. Wir werden ständig über den Stand der Dinge informiert. Auch die Wildhüter machen ihre Arbeit.

Wie sieht es denn mit den Politikern aus?
Unsere Politiker auf Bundes- und Kantonsebene haben mich zum Teil enttäuscht. Nationalrat Jean-Michel Cina informiert uns immerhin darüber, was gerade in Bern läuft. Aber zum Beispiel als es um die Motion Maissen ging, da hat keiner unserer Volksvertreter den Mund aufgemacht. Zwar haben sie entweder für die Motion gestimmt oder sich der Stimme enthalten, was ich aber grösstenteils auf die bevorstehenden Wahlen zurückführe. Was mich aber meisten gestört hat, ist der schwache regionalpolitische Einsatz für die Schäfer des am stärksten vom Wolf betroffenen Kantons.

Wie denken Sie ist die Meinung in der Walliser Bevölkerung bezüglich des Wolfs?
Es gibt viele, die keine Schafe halten, und die mir sagen: Lasst doch diesen Wolf leben. Aber attackiert hat mich hier im Wallis eigentlich noch niemand wegen meines Engagements gegen den Wolf. Was mir mehr Mühe bereitet, ist die Haltung von vielen Schäfern. Da heisst es quasi: So lange es mich nicht betrifft, geht mich das Problem Wolf nichts an. In Schäferkreisen wird dieses Problem zum Teil noch gar nicht richtig erkannt.

In letzter Zeit sind Schafhalter immer wieder mit Vorwürfen konfrontiert worden, ihre Tiere würden durch Überalpung ganze Flächen kaputt machen?
Vor Jahren wurde eine richtige Hetzkampagne gegen Schafhaltung in den Alpen betrieben, auch wieder lanciert von den Umweltverbänden. Bern liess daraufhin eine Studie machen um abzuklären, wie viel von diesen Behauptungen wahr sei. Es stellte sich heraus, dass gerade nur eine einzige Alpe im Berner Oberland als übernutzt erklärt wurde, während alle anderen in Ordnung waren. Aber davon hörte man nichts mehr. Denn das war ja nicht mehr interessant.

Warum lohnt es sich für den Bund und die Kantone, die Schafhaltung zu unterstützen?
Wir sind Landschaftsgärtner. Wer sonst würde denn die Weiden mähen, sie hegen und pflegen? Niemand. Wir bekommen Geld für unsere Schafhaltung, aber wir müssen wie die anderen Bauern auch unseren Teil dazu beitragen. Die Vorschriften sind heute sehr streng.

Was lieben Sie besonders an Ihren Schafen?
Die Zucht meiner Schwarznasen. Zudem ist das eine uralte Walliser Rasse, die es sonst nirgends gibt. Das ist sehr faszinierend. Wenn man einem Schwarznasen-Züchter fünftausend Franken mehr Subventionen verspricht, wenn er auf eine andere Schafrasse wechseln würde – also ich kenne keinen, der auf diesen Deal eingehen würde. Eher gibt er seine Schafe weg. Das Gegenteil mit den Mutten ist natürlich auch der Fall (lacht). Es ist etwas Wunderbares, wenn man ein paar wirklich schöne Tiere gezüchtet hat.


 

 

      
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