| Lax / Stans / Hubert
Bittel ist seit 1995 Berufsoffizier der Schweizer Armee und stellvertretender
Schulkommandant der Gebirgs-infanterie-RS in Stans. Im grossen RZ-Interview
erzählt der 36jährige Militarist über seine Aufgabe, das
umstrittene Aushebungsverfahren, die Armee XXI und sagt: Die heutigen
Rekruten sind weniger resistent als noch vor zwanzig Jahren.
Von Walter Bellwald und Denise Jeitziner
Am kommenden Montag beginnt die Sommer-Rekrutenschule. Was für
Vorarbeiten stehen noch an?
Die Vorarbeiten für die Sommer-RS sind soweit abgeschlossen.
In dieser Woche wird das Kader auf die ersten drei Ausbildungswochen vorbereitet.
Unser Ziel ist es, dass sich jeder Zugführer an die Vorgaben hält
und die Abläufe genau kennen lernt.
Wie viele Rekruten rücken nach Stans ein?
Diesen Sommer erwarten wir rund 550 Rekruten, die auf drei Kompanien
aufgeteilt werden.
Sind die Zahlen stabil oder rückläufig?
In den letzten zwei Jahren konnten wir einen leichten Anstieg feststellen.
Wir führen zwei Kompanien im Winter und drei Kompanien im Sommer.
Wie hoch ist der Frauenanteil?
Null. Wir haben keine Frauen in unseren Schulen.
Ist die Gebirgsinfanterie demnach eine Männerdomäne?
Ganz klar. Das ganze Füsilierhandwerk ist bei den Frauen nicht
gefragt. Die meisten weiblichen Soldaten sind in den technischen Bereichen
tätig oder bei den Trainschulen.
Die jungen Frauen und Männer werden für 15 Wochen aus dem
Zivilleben gerissen und müssen sich den militärischen Gegebenheiten
unterordnen. Keine leichte Aufgabe...
Da findet sicher eine Zäsur statt. Das bedingt, dass sich jemand
anpassen und in ein soziales Gefüge einbringen kann. Wir leben heute
in einer Gesellschaft, die vom Individualismus geprägt ist. Plötzlich
muss sich ein junger Mensch in eine Gruppe einfügen und hat als einzelnes
Individuum keine grosse Wichtigkeit mehr. Das ist ein Problem. Trotzdem
bin ich der Meinung, dass die Rekrutenschule eine gute Lebensschule ist
und jede/r davon profitieren kann.
Was für Tipps geben Sie den angehenden Rekruten?
Wichtig ist, dass jede/r Einzelne ohne Vorbehalte und Vorurteile in
die RS einrückt und versucht, den Sinn des Ganzen zu erfassen. Das
erleichtert vieles. Auch eine gewisse Nachsichtigkeit gegenüber dem
Kader ist unabdingbar. Viele Kaderleute sind selber noch sehr jung und
führen erstmals einen Zug oder eine Gruppe. Schliesslich ist es wichtig,
sich gut zu integrieren. Eine gute Kameradschaft ist viel wert und verstärkt
das Zusammengehörigkeitsgefühl untereinander.
Ein Grossteil der Rekruten bringt die RS nicht zu Ende und wird vorzeitig
nach Hause entlassen. Sind die Rekis von heute verweichlicht?
(überlegt lange) Das ist schwer zu sagen. Ich glaube, ein Stück
weit ist das sicher so. Die Resistenz eines Rekruten sieht heute anders
aus als noch vor zwanzig Jahren. Heute gibt es vor allem die sogenannte
Einzelkindfamilie. Demnach ist es für den Einzelnen sicher bedeutend
schwerer, sich in ein soziales Gefüge einzubringen. Das kann unter
Umständen zu psychischen Problemen führen. Auch die körperliche
Tätigkeit ist gegenüber früher zurückgegangen. Von
da her ist auch der eine oder andere heute körperlich überfordert.
Daneben hat sich das politische Bild verändert. Während früher
das staatspolitische Denken unterstützt wurde, stösst man heute
eher auf eine gewisse Zurückhaltung und Rebellion. Das alles sind
gesellschaftspolitische Probleme, denen man sich stellen muss.
Wie kann man dagegen angehen?
Die Armee hat das Problem erkannt und verschiedene Institutionen eingerichtet,
um der neuen Situation zu begegnen. So haben wir unter anderem einen psychologisch-pädagogischen
Dienst, der sich in diesem Bereich stark engagiert. Auch die Waffenplatzärzte
sind entsprechend geschult. Wer irgendwelche Probleme hat, kann auf verschiedene
Anlaufstellen zurückgreifen, um sich zu informieren und helfen zu
lassen.
Ein weitverbreitetes und gesellschaftliches Problem sind Drogen. Wie
stark ist der Drogenkonsum in der RS verbreitet?
Die Verbreitung von Drogen ist nicht häufiger anzutreffen als
anderswo. Wir haben bei uns verschiedene Vorbeugemassnahmen eingerichtet,
um den Rekruten die Gefahren aufzuzeigen. So werden die jungen Männer
von einem Drogenteam
aufgeklärt und auch eine Gruppe von anonymen Alkoholikern weist auf
die Gefahren des übermässigen Alkoholkonsums hin. Schliesslich
bleibt uns noch als letzte Möglichkeit, bei Verdacht auf illegalen
Drogenkonsum den Untersuchungsrichter zu informieren und eine Drogenrazzia
anzuordnen.
Viele Dienstpflichtige finden die Armee überflüssig und
stellen sich quer. Hat die Schweizer Armee ein Imageproblem?
Nein. Das glaube ich nicht. Natürlich ist alles, was vom Staat
aufgezwungen wird, wenig beliebt. Obwohl wir nicht auf eine politische
Lobby zurückgreifen können, bilden wir ein Sicherheitsinstrument
der staatlichen Sicherheitspolitik, das einen Auftrag zu erfüllen
hat. Ich habe nicht das Gefühl, das wir uns ein Image zulegen müssen.
Die Armee ist ein Instrument, das vom Staat konsolidiert wird. Vor diesem
Hintergrund haben wir unsere Arbeit zu leisten, genauso wie man das von
der Polizei oder der Feuerwehr erwartet. Mich nervt es, wenn man überall
ein Image herauskristallisieren will. Wir haben einen Auftrag, den wir
erfüllen müssen. Nicht mehr und nicht weniger.
Trotzdem steht die Armee unter Beschuss: Das neue Aushebungsverfahren
wird vielerorts angeprangert?
Ich finde das neue System sinnvoll. Es ist sicher wichtig, das bisherige
Aushebungsverfahren auszuweiten und genauere Abklärungen und Eignungstests
durchzuführen, damit die Fähigkeiten des Einzelnen besser erkannt
werden. Das gibt uns die Möglichkeit, den richtigen Mann am richtigen
Ort einzusetzen und auf seine Bedürfnisse und beruflichen Fähigkeiten
und Kenntnisse einzugehen. Das kommt jedem Einzelnen zugute und hilft
dem Militär, unnötige Ausgaben zu sparen.
Aber finden Sie diese Art der psychologischen Kriegsführung
richtig, junge Leute mit intimen Fragen zu bombardieren?
Ich kenne die einzelnen Fragen nicht. Es gibt aber verschiedene Sachen,
wo man nachfragen muss, um sich ein genaues Bild zu machen. Sehen Sie,
wenn man heute ein Bewerbungsgespräch in der Privatwirtschaft genauer
unter die Lupe nimmt, gibt es keinen grossen Unterschied zum Aushebungsverfahren.
Aber es kommt halt immer drauf an, wer es macht.
Mit der Armee XXI wird die Dauer der Rekrutenschule neu auf 18 respektive
21 Wochen erhöht, nachdem sie zwischenzeitlich auf 15 Wochen reduziert
worden ist. Wie sinnvoll ist die Verlängerung der militärischen
Ausbildungszeit?
Das ist notwendig. Ich persönlich bin sogar der Meinung, dass
in Teilbereichen 21 Wochen sehr knapp sind. Mit der Reduzierung der RS
von 17 auf 15 Wochen und dem zusätzlichen freien Samstagvormittag
fehlten insgesamt fast vier Wochen für die Ausbildung. Die zukünftige
Verbandsausbildung mit der integrierten Logistik und den Führungsinfrastrukturen
wird sehr anforderungsreich und höchst komplex. Die Miliz möchte
mit der Armee XXI wieder vermehrt Führungsaufgaben wahrnehmen und
nicht nur ausbilden. Wenn die Führungsaufgaben gut trainiert werden
sollen, muss auch eine gewisse Fehlerkultur wieder ihren Platz haben.
Das hat zur Folge, dass die verschiedenen Lektionen mehrmals geübt
werden müssen. Dazu fehlt momentan aber die Zeit, das ist das Hauptproblem.
Der Bestand der Armee XXI wird um fast einen Drittel auf rund 140000
Aktivisten reduziert. Wie finden Sie die Schrumpfung der Schweizer Armee?
Es ist eine gute Sache, weil uns die nötigen Gelder und personellen
Ressourcen fehlen, um eine grössere Armee zu alimentieren. Dazu ist
es ein Stück weit ein Zugeständnis an die Privatwirtschaft,
damit die Arbeitskräfte nicht mehr solange im Betrieb fehlen. Wenn
jemand seine Dienste ordnungsgemäss absolviert, hat er mit 26 Jahren
seine Diensttage erfüllt. Das ist aus meiner Sicht ein grosses Plus.
Ich bin aber auch der Meinung, dass die Privatwirtschaft erkennen muss,
dass der Bürger seiner Wehrpflicht nachkommen und seinen Dienst absolvieren
muss. Ich habe in den letzten Jahren als Bataillonskommandant diesbezüglich
nicht sehr gute Erfahrungen gemacht.
Das Milizprinzip wird auch im neuen Armeeleitbild aufrechterhalten.
Wäre eine Berufsarmee nicht die bessere Lösung für die
Schweiz?
(grinst) Tja, das ist eine schwierige Frage. Ich bin überzeugt,
dass ein Berufsheer, das noch dreimal kleiner wäre als der Bestand
Armee XXI, mindestens soviel kosten würde wie die jetzige Armee.
Das kann sich die Schweiz nicht leisten. Aufgrund der politischen und
gesellschaftlichen Struktur ist es für unser Land sicher sinnvoller,
am Milizprinzip festzuhalten.
Sie sind seit 1995 Berufsoffizier der Schweizer Armee. Warum haben
Sie sich für eine militärische Laufbahn entschieden?
Ich habe 1987 das Lehrerseminar abgeschlossen und damals gab es 70
Primarlehrer, die keinen Job hatten. Ich musste notgedrungen etwas anderes
machen. Daraufhin habe ich zwei Jahre auf einer Bank gearbeitet, anschliessend
die Flugverkehrsleiterausbildung angefangen und bin parallel dazu im Militär
aufgestiegen. Irgendwann wurde ich dann angefragt, ob ich nicht Lust hätte,
den Weg eines Berufsmilitärs einzuschlagen. Ich habe daraufhin spontan
zugesagt und mich beworben, weil ich mit dem Gedanken spielte, einen neuen
Job zu suchen.
Würden Sie sich nochmals für diesen Berufsweg entscheiden?
Absolut. Mir gefällt meine Arbeit sehr gut. Einerseits kann ich
meinen pädagogischen Hintergrund in meinen jetzigen Beruf mit einbringen
und anderseits habe ich viel Führungsverantwortung. Auch das berufliche
Spektrum ist sehr vielfältig.
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