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Josef Ritler, Pressefotograf und BLICK-Journalist
„Die Bauern haben mich mit Mistgabeln gejagt“


 
Ebikon / Er stand 40 Jahre lang für den Blick an der Journalisten-Front und berichtete über Land und Leute in der Innerschweiz. Der gebürtige Oberwalliser Josef Ritler (64), der in diesen Tagen pensioniert wird, hat insgesamt weit über 6000 Artikel verfasst und wurde für sein Schaffen mit dem Ringier-Journalistenpreis ausgezeichnet. Im grossen RZ-Interview blickt „Seppi“ noch einmal zurück und erzählt interessante, amüsante und spannende Geschichten.

Von Walter Bellwald

Sie haben vor kurzem den Ringier-Journalistenpreis erhalten. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?
Ich war sehr überrascht, dass ich diese Auszeichnung bekommen habe. Sie ist für mich Dank und Anerkennung für meine geleistete Arbeit bei Ringier. Der Dank gebührt aber auch meinen Kolleginnen und Kollegen hinter den Kulissen, die mich die ganzen Jahre über unterstützt und begleitet haben.

Hat der goldene Füllfederhalter einen Ehrenplatz bekommen?
Im Moment habe ich den goldenen Fülli neben dem Telefon in meinem Büro. Es ist ein ganz spezielles Geschenk und darum werde ich mit ihm nur ganz private Briefe schreiben oder spezielle Sachen unterschreiben. Einfach alles, was von Herzen kommt.

Werden Sie ein Buch über Ihre Vergangenheit schreiben?
Das ist durchaus möglich. Schon vor drei Jahren haben mich verschiedene Leute darauf aufmerksam gemacht, meine Vergangenheit niederzuschreiben. Ich habe insgesamt weit über 6000 Artikel geschrieben. Da gibt es sicher einiges zu erzählen.

Wollten Sie immer schon Journalist werden?
Ich sollte eigentlich Bauingenieur werden und habe meinem Vater viel auf der Baustelle geholfen. Wegen einer Zement-Allergie musste ich diesen Berufswunsch schon früh aufgeben. Weil ich ein Faible zum Fotografieren hatte, habe ich mich dann entschieden, eine Fotografenlehre zu machen. Es gab in der ganzen Schweiz nur eine einzige freie Lehrstelle. Darum bin ich nach Luzern gezogen. Hier habe ich die Fotografenlehre gemacht und die Kunstgewerbeschule besucht. Anschliessend habe ich ein Pressebüro aufgemacht und habe für viele Zeitungen und Zeitschriften geschrieben und fotografiert. Ich bin ein optischer Mensch und sehe alles durch die Fotolinse. Meine Frau sagt immer, du lebst nicht, du fotografierst.

Wie sind Sie zum Blick gekommen?
Ich habe auch für den Generalstabsdienst verschiedene Arbeiten gemacht. In dieser Zeit wurde für die Expo 64 in Lausanne ein Armeefilm gedreht. Das war ein Riesenskandal, weil nur ausländische Kamerateams für die Dreharbeiten zugelassen waren. Als ich eines Tages zufällig am Filmschauplatz in Biberbrugg vorbeigefahren bin, habe ich ein paar Aufnahmen gemacht. Weil es stark regnete, habe ich unter einem Militärlastwagen Schutz gesucht. Ein Rekrut, der die Szenerie beobachtet hatte, rief den Blick an, weil er meinte, ich mache verbotene Aufnahmen. Kurze Zeit später meldete sich die Blick-Redaktion bei mir und fragte, ob ich Bilder vom Filmschauplatz hätte. Daraufhin bin ich nach Zürich gefahren und habe meine Aufnahmen vorgelegt. Ich hatte auch noch einen Drehplan für die folgenden Tage dabei. Zwei Tage später hat mich der damalige Blick-Chefredaktor Werner Schollenberger angefragt, ob ich nicht Lust hätte, beim Blick einzusteigen. Im ersten Moment habe ich gedacht „zem Blick, däm Dräckblatt, was soll das?“ Auch mein Umfeld hat mir davon abgeraten, zum Blick zu gehen. Meine Frau hat mich schliesslich ermuntert, diesen Job anzunehmen.

Der Boulevardjournalismus war in den Anfängen verpönt. Hat Ihnen das Blick-Image die Arbeit erschwert?
Es war nicht immer einfach, meiner Arbeit nachzukommen. Ich musste teilweise unter Polizeischutz recherchieren und die Bauern sind mir mit Mistgabeln nachgerannt. Mir wurde das Auto zerkratzt und die Pneu aufgeschlitzt. Meine Kinder wurden in der Schule angepöbelt. Auch mein Umfeld hat sich gegen mich gewandt und sogar versucht, meine eigene Familie auseinander zu reissen und gegen mich aufzubringen. Das alles hat mich nur noch mehr angespornt, weiter zu machen.

Wie reagieren die Leute auf der Strasse, wenn Sie sich als Blick-Journalist zu erkennen geben?
Ich habe immer mit offenen Karten gespielt und inzwischen bin ich hierzulande bekannt wie ein bunter Hund. In der Innerschweiz bin ich eine Institution. Es kommt schon mal vor, dass ich morgens um drei Uhr aus dem Bett geholt werde, weil mich jemand anruft, sein Dorf stehe unter Wasser, oder dann ist sonst was passiert.

Sie haben in den letzten 40 Jahren über viele Menschen und ihre Schicksale berichtet. Wie geht man damit um, wenn man täglich mit Mord und Totschlag konfrontiert ist?
Ich habe die ganze Palette von traurigen bis hin zu schönen Geschichten erlebt. Es läuft immer nach dem gleichen Schema ab. Man reagiert und arbeitet wie ein Polizist oder Feuerwehrmann. Die Gefühle müssen bei der Arbeit hintenanstehen. Ich erinnere mich noch an einen meiner ersten Arbeitstage, als ich zu einem schweren Unfall der Seetalbahn gerufen wurde. Es war ein schreckliches Bild, das ich angetroffen habe. Der Kopf des verunglückten Mannes war vom Rumpf abgetrennt worden. Kurze Zeit später musste ich an eine Pressekonferenz zur Hochzeit von Audrey Hepburn und Mel Ferrer auf den Bürgenstock und am Abend war ich zu einem Bankett geladen. Da gerät die ganze Gefühlswelt durcheinander. Da habe ich für mich gedacht, das möchte ich nicht jeden Tag erleben.

Gab es auch eine Story, die Ihnen persönlich sehr nahe gegangen ist?
Es gibt viele Geschichten, die mich persönlich gepackt haben. In erster Linie denke ich an das schwere Mattmark-Unglück oder an Gondo. Aber auch Einzelschicksale machen mich betroffen. Wenn ich beispielsweise über eine Mutter schreibe, die ihr Kind verloren hat, geht mir das sehr nahe. Ich bin unheimlich sensibel und es kommt auch schon mal vor, dass ich zu Hause die Tränen nicht mehr zurückhalten kann. Aber die Aufgabe eines Journalisten ist es nun einmal, die Dinge aus der Sicht eines Zuschauers darzustellen.

Was war der aufregendste Einsatz in all den Jahren?
Ein aufregender Einsatz war die Expedition auf den 6000 Meter hohen Kilimandscharo. Dabei habe ich den Luzerner Otto Hofstetter als ersten Menschen mit einem Deltasegler auf den höchsten Berg Afrikas begleitet. Das war eine Riesenstory. Wir hatten grosse Probleme, um auf den Berg zu kommen. Als wir es dann endlich geschafft hatten, waren die ganze Crew und die Träger so kaputt, dass viele gleich eingeschlafen sind. Da habe ich Schnee geschmolzen und ihnen Flädlisuppe eingeflösst, damit sie wieder zu Kräften kamen. Weil wir uns lange Zeit nicht melden konnten, galten wir als vermisst. Von Nairobi aus konnte ich schliesslich die Redaktion informieren, dass wir am Leben seien. Als wir in Kloten gelandet sind, spielte eine Musikkapelle auf und eine grosse Menschenmenge mit Fahnen und Kuhglocken hat uns empfangen (lacht).

Sie waren auch als Paparazzo unterwegs?
Einmal habe ich mich an die Fersen von Lady Diana und Prinz Charles geheftet, als sie kurz nach ihrer Hochzeit zum ersten Mal in die Schweiz in die Skiferien kamen. Ich war daheim, als mich ein Pistenchef anrief und mir mitteilte, das Königspaar sei in Laax am Skifahren. Daraufhin habe ich sofort einen Helikopter gechartert und bin ins Bündnerland geflogen. Schliesslich sind wir mitten im Skigebiet gelandet und ich habe mich am entsprechenden Skilift mit der Kamera postiert. Als die Beiden dann oben angekommen sind, habe ich einen ganzen Film durchgelassen. Auf der Redaktion in Zürich warteten schon viele Journalisten und wollten meine Aufnahmen sehen. Die Bilder wurden dann auch weltweit in vielen Tageszeitungen und Illustrierten abgedruckt.

Die Akzeptanz des Boulevard-Journalismus hat sich im Laufe der Jahre gewandelt. Trotzdem wird Boulevard immer noch vielfach belächelt. Wie denken Sie darüber?
Es gibt immer wieder endlose Diskussionen über den Boulevard-Journalismus. Ich habe Boulevard immer mit einem Dorfbrunnen verglichen, wo sich die Leute treffen und diskutieren. Boulevard ist Sensation, Zirkus und Artisten, die an die Grenze gehen. Und irgendwo zwischendrin steht der Blick. Eine Zeitung darf nicht nur informieren, sondern muss auch unterhalten. Es hat auch mit der Gestaltung und der Auswahl der Geschichten zu tun. Wir leben heute in einer verrückten Medienwelt, wo man total informiert ist, aber noch nicht gelernt hat, richtig damit umzugehen.

Journalismus ist eine Gratwanderung zwischen Dichtung und Wahrheit. Was liegt Ihnen näher?
Ganz klar die Wahrheit. Während meiner Journalistenzeit war mir immer wichtig, dass die Fakten einer Geschichte stimmen. Ich kann mit Stolz sagen, dass ich in den 40 Jahren nie einen Prozess wegen Falschaussagen oder Unwahrheiten am Hals hatte. Natürlich hat es auch kleine Fehler gegeben, aber es waren keine bewussten Falschmeldungen.

Wie sehen Sie den (Boulevard-)Journalismus der Zukunft?
Es ist schwer vorauszusagen, wie sich der Journalismus entwickeln wird. Bei den heutigen technischen Möglichkeiten mit Radio und Fernsehen muss die Zeitung einen neuen, eigenen Weg suchen. Wenn eine Geschichte vom Radio und Fernsehen schon am Vortag behandelt wurde, kann am nächsten Tag in der Zeitung nicht nochmals die gleiche Story stehen. Man muss einen neuen Weg suchen, die Geschichte zu verkaufen.

Sie werden in wenigen Tagen pensioniert. Wie verbringen Sie künftig Ihre Freizeit?
Ich werde jetzt nicht auf dem Ofenbank sitzen und Daumen drehen. Es wird eher ein Unruhestand. Ich habe schon viele Ideen und Pläne, wie ich meine Zukunft gestalten werde. Aber Genaueres will und kann ich noch nicht sagen.

Haben Sie noch einen Wunsch, den Sie sich baldmöglichst erfüllen möchten?
Ich bin wunschlos glücklich. Ich habe eine tolle Familie und einen schönen Beruf. Es geht mir fast unanständig gut (lacht).


 

 

      
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