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Thomas Antonietti, Walliser Ethnologe und Publizist
„Beim Walliser fehlt die Neugier auf das Fremde“

 
Sitten / Brig / Der Grossvater kam als Saisonnier in die Deutschschweiz, der Vater als Ingenieur zur Lonza nach Visp. Da ist Thomas Antonietti aufgewachsen, zusammen mit vier Geschwistern. Nach seinem Ethnologiestudium arbeitete Antonietti zeitweilig als Journalist. Danach landete er bei den kantonalen Museen in Sitten. Den heute 49Jährigen interessierte immer die Ethnologie der eigenen Gesellschaft. Die Ethnologie will den Menschen in seinem Routineverhalten verstehen. Heute, nach vielfältigen Publikationen, interessiert ihn vor allem die Volkskunde, die „Kultur im Erdgeschoss“. Antonietti hat sich ausgiebig mit dem Walliser Tourismus beschäftig. Seine Hauptforderung: „Eine Tourismuspolitik soll nicht nur finanzieren, sondern auch mitgestalten.“

Von Ruth Seeholzer und Walter Bellwald

Es ist Sommer. Wo machen Sie am liebsten Ferien?
Im Sommer mache ich kaum Ferien, weil ich die heisse Zeit liebe, in der viele Büros verlassen sind und ich in aller Ruhe arbeiten kann. Dieses Jahr gehe ich im Herbst in die Ferien. Es geht Richtung Tessin und Italien.

Was erwarten Sie als Tourist in einem fremden Land?
Ich gehe vor allem in Länder, deren Sprache ich beherrsche. Ich möchte die dortigen Zeitungen lesen, um zu verstehen, was in diesen Ländern passiert. Ich will sehen, wie andere Menschen leben, wie sie miteinander umgehen, was in ihren Dörfern und Städten passiert.

Haben Sie auch schon Ferien im eigenen Kanton gemacht?
Schon häufig. Ich bin regelmässig im Goms oder überhaupt im ganzen Kanton unterwegs. Ich übernachte auch gerne in einem der leider selten gewordenen wunderschönen alten Walliser Hotels.

Sie fordern im Buch „Tourismus und kultureller Wandel, Wallis 1950 – 1990“ eine umfassende Tourismuspolitik im Kanton Wallis. Was meinen Sie damit?
Ich fordere eine ganzheitliche Betrachtung. Wir reden schon seit Jahren von einem Tourismus, der auch kultur- und umweltverträglich sein soll. Es wird aber seit Jahren nur eine Tourismusförderungspolitik betrieben, das heisst immer mehr, immer bessere Infrastruktur, immer moderner. Eine Tourismuspolitik soll nicht nur finanzieren, sondern auch mitgestalten. Man sollte sich die Frage stellen: Was wollen wir von unserem Tourismus? Und diese Wünsche und Forderungen sollte man auch politisch durchsetzen.

Warum harzt dies Ihrer Meinung nach?
Die Walliser Mentalität geht eher in Richtung Bauen und Technik. Tourismus im Sinne einer Dienstleistung ist offenbar weniger attraktiv. Ich machte kürzlich eine Untersuchung über Schneekanonen in Veysonnaz. Da fiel mir auf: Der Ausländeranteil im Gastgewerbe ist in unserem Kanton sehr hoch. Wenn es jedoch ums Technische geht wie zum Beispiel die Schneekanonen bedienen oder Pistenfahrzeuge fahren, dann sehen Sie vor allem junge, einheimische Männer an der Arbeit. Das ist interessanterweise eine Gruppe, die Sie sonst nirgends im Tourismusgewerbe antreffen.

Woher stammt diese Mentalität des Handfesten?
Unsere Walliser Gesellschaft war über Jahrhunderte vom Bäuerlichen geprägt. Da zählte vor allem die Körperkraft. Zudem waren diese Bauern betrieblich gesehen grösstenteils unabhängig und selbstbestimmt. Allerdings muss man sagen, dass es den Walliser Tourismus jetzt auch schon seit über 150 Jahren gibt. Das Eingehen auf die Gäste, sie zuvorkommend bedienen und ihnen einen schönen Aufenthalt ermöglichen, sollte inzwischen eigentlich auch langsam zu unserer Tradition gehören. Warum dem nicht so ist, kann ich auch nicht erklären.

Das Wallis lebt hauptsächlich vom Tourismus, vom Fremdenverkehr. Gleichzeitig zeigen viele Beispiele von Staats- und privater Seite, dass das Fremde hier keine grosse Akzeptanz findet. Woher stammt diese Zerrissenheit?
Ich erlebe den Walliser nicht speziell als Fremden gegenüber ablehnend. Es gibt natürlich schon Gründe, warum hier ein paar Sachen spezieller sind. Obwohl wir heute von unserem Lebensstil her nicht anders leben als Leute in Zürich oder Bern, werden Nebensächlichkeiten oft hochgespielt, damit wir uns von den anderen abgrenzen können. Indem ich den anderen herunter mache, stehe ich selber besser da. Allerdings ist das ein sehr menschlicher Zug.

Aber warum diese Gespaltenheit gegenüber dem Fremden?
Eine Gesellschaft ist nicht in sich logisch, sondern voller Widersprüche. Was wirtschaftlich dient, ist vielleicht gesellschaftlich unerwünscht.

In manchen Orten wie Zermatt, Saas Fee oder Crans-Montana gibt es den Tourismus seit über 150 Jahren. Trotzdem fehlen Zeitzeugen, vor allem in der Architektur, die die Geschichte des Walliser Tourismus demonstrieren. Warum?
Das ist wahrscheinlich ein grundsätzliches Problem der Walliser Geschichtsschreibung und Denkmalpflege. Es stimmt, die Landwirtschaft war immer sehr wichtig in der Geschichte unseres Kantons. Aber sie ist auch zu einer Art Mythos heraufstilisiert worden. Das heisst, alles, was mit der bäuerlichen Vergangenheit zu tun hat, wird sehr hoch bewertet. Seit den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts gibt es eine Politik, die die bäuerliche Bausubstanz klar erhalten will. Das ist auch gut so. Aber dabei ging die Geschichte des Tourismus etwas verloren. Der Tourismus wird eben nicht als etwas Eigenes erfahren, sondern als etwas Fremdes. Entsprechend tief fällt auch die Bewertung aus, wie erhaltenswert zum Beispiel alte Hotelbauten sind. Sogar diejenigen, die in der Hotellerie gearbeitet haben, fanden ihre eigene Geschichte nicht erhaltenswert. Genauso ergeht es der Walliser Industriegeschichte. Beide werden erst heute langsam entdeckt.

Wie wurde diese Schollenverbundenheit zementiert?
Das wurde ganz klar von der Politik und der Kirche gesteuert. Als anfangs des 20. Jahrhunderts die Industrie im Wallis aufkam, sahen die Machtträger die Gefahr, die von organisierten Arbeitergruppen ausgehen konnte. Die italienischen Arbeiter zum Beispiel, die für den Bau des Simplontunnels hergeholt wurden, waren alle gewerkschaftlich organisiert. Das wollte man mit den Walliser Arbeitern nicht so weit kommen lassen. Darum liess man die Fabrikarbeiter möglichst im Bergdorf wohnen, wo sie noch ihr eigenes Gut bewirtschaften konnten, und nicht in grösseren Arbeitersiedlungen, wie das sonst in Europa der Fall war. Man legte ihnen nahe, wie wichtig das Bauerntum und diese Schollenverbundenheit sei. Die bedeutungslos werdende Landwirtschaft wurde symbolisch aufgewertet, die existenzsichernde Fabrikarbeit schlecht gemacht. Die damaligen Machtträger wollten, dass sich wirtschaftlich im Wallis etwas bewegte, aber mentalitätsmässig sollte alles beim alten bleiben.

Man könnte Ihnen vorwerfen, Sie seien ‚bloss‘ Theoretiker. Wenn Sie die Möglichkeit hätten, als Tourismusdirektor einer grossen Oberwalliser Feriendestination Ihren Stempel aufzudrücken, was würden Sie machen – anders machen?
(lacht – und überlegt) Das Wichtigste für eine Feriendestination ist das Stammpublikum, nicht wahr? Warum geht jemand Jahr für Jahr an den selben Ort in die Ferien? Weil ihm der Ort gefällt, natürlich, aber auch, weil er den einen oder anderen Kontakt gerade auch mit Einheimischen herstellen konnte, der über Jahre aufrecht erhalten wird. Und das ist es, was ich fördern würde. Die Sehenswürdigkeiten hat man einmal gesehen, die Wanderwege sind bald mal alle abgeklappert. Ich würde das Hauptgewicht nicht auf neue Wanderwege bauen und Sehenswürdigkeiten errichten lenken, sondern auf die zwischenmenschlichen Beziehungen. Es braucht eine gewisse Bereitschaft der Einheimischen zum Austausch mit den Fremden, den Gästen. Und zwar nicht nur derjenigen Einheimischen, die direkt im Tourismus arbeiten. Auch alle anderen sind gefragt. Warum nicht einen gemütlichen Schwatz halten mit einem älteren deutschen Ehepaar, das gerade an meinem Garten vorbeispaziert? Nur muss man sich dann auch fragen, wo sind die Grenzen? Weil man Tourismus dann plötzlich überall hat.

Tourismus ist also auch ein Abgrenzungsproblem?
Natürlich. Allerdings wird hier bei uns eindeutig zu stark abgegrenzt. Für mich fehlt beim Walliser die Neugier auf das Fremde, den Fremden, was der denn zu erzählen hat. Das ist schade. Allerdings glaube ich nicht, um auf Ihre Frage zurückzukommen, dass das am Tourismusdirektor liegt. Die Ursachen sind tiefer. Es bräuchte einen Mentalitätswandel. Die Lust am Tourismus ist gefragt. Denn der Tourismus ist nicht bloss ein Wirtschaftszweig, mit dem man Geld verdienen kann. Der Tourismus bringt halt auch Menschen.



 

 

      
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